«Wenn es ihnen leicht gemacht wird, verhalten sich die Mitarbeitenden gern ökologischer»

Wie gelingt es Spitex-Organisationen, Nachhaltigkeitsmassnahmen an ihren Stützpunkten zu implementieren und umzusetzen? Und wie kann eine nachhaltige Verankerung dieser Massnahmen sichergestellt werden? Das Spitex Magazin hat bei der Spitex Heitersberg (AG) und der Spitex Stadt Luzern (LU) nachgefragt.

EVA ZWAHLEN. Im Herbst 2026 heisst es für die Spitex Heitersberg (AG): Umzugskartons packen. Dann nämlich bezieht die Organisation mit ihren 130 Mitarbeitenden den neuen Standort in einem Neubau im Industriegebiet Mellingen. Das Haus wird nach Minergie-Standard gebaut und mit Solarpanels versehen. Seit vier Jahren sei die Spitex Heitersberg auf der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten gewesen, sagt Geschäftsleitungsmitglied Andreas Mahler: «Uns steht deutlich mehr Fläche für zukünftiges Wachstum zur Verfügung. Zudem war die Philosophie des Baus wichtig für uns, denn sie unterstützt unsere Zukunftspläne.» Etwa im Bereich der Mobilität: Hier sehe der Mietvertrag vor, dass die Spitex den durch das Gebäude produzierten Solarstrom beziehe, erläutert Andreas Mahler: «Wir werden unsere Fahrzeugflotte künftig auf elf bis zwölf E-Autos umstellen. Das braucht einen Standort, der das unterstützt.» Zudem prüfe die Organisation Lademöglichkeiten für die privaten Elektrofahrzeuge ihrer Mitarbeitenden. Dies zahle sich auch auf die Arbeitgeberattraktivität aus, ist Andreas Mahler überzeugt: «Wir haben einige Mitarbeitende, die gerne ein Elektroauto fahren würden, jedoch weder zu Hause noch am Arbeitsplatz einen Ladeplatz haben. Hier könnten wir eine Lösung anbieten.»

Der neue Stützpunkt der Spitex Heitersberg in Mellingen (AG) wird nach Minergie-Standard gebaut und mit Solarpanels versehen. Visualisierung: Bischof + Neuhaus AG

Spitex Heitersberg: persönliche Ansprache statt starrer Regeln
Als grosse lokale Arbeitgeberin habe die Spitex Heitersberg eine gewisse Verpflichtung, in Sachen Nachhaltigkeit mit gutem Beispiel voranzugehen, betont Andreas Mahler. «Wir werden schliesslich zu 45 Prozent von der öffentlichen Hand finanziert.» Auch bei der Infrastruktur gehe es um Wertigkeit: «Lieber kaufen wir etwas Teureres und nutzen es länger, statt alle zwei Jahre Billiges zu ersetzen.» Gerade bei IT-Geräten, etwa bei Tablets, lohne es sich, am Anfang etwas mehr zu investieren. 130 Mitarbeitende mit auf eine «ökologische Reise» zu nehmen, sei allerdings nicht immer nur leicht, gibt Andreas Mahler zu bedenken: «Fast alle nehmen ihre privaten Verhaltensmuster mit an den Arbeitsplatz.» Gleichzeitig ist er überzeugt davon, dass sich die Menschen grundsätzlich gern ökologischer verhalten würden, wenn es ihnen leicht gemacht werde1. Das neue Gebäude biete glücklicherweise eine gute Mischung zwischen Steuerung und Autonomie: So werde vieles zentral elektronisch gesteuert – allerdings könne man auch eingreifen und dafür sorgen, dass sich die Mitarbeitenden nicht «bevormundet» fühlten, führt Andreas Mahler weiter aus: «Das Ziel ist, dass unsere Mitarbeitenden gar nicht merken, dass sie sich ökologisch verhalten.» Zudem setzt Andreas Mahler bevorzugt auf die persönliche Ansprache, wenn ihm etwas auffällt, statt auf starre Verhaltensregeln.

Am Personalanlass mit
einem rein vegetarischen Apéro gab es keine einzige negative Stimme, welche das Fleisch vermisste.

Theres Hirsiger

Spitex Stadt Luzern

Spitex Stadt Luzern: grundsätzlich auf Kurs
Aus persönlicher Motivation begann Theres Hirsiger, Geschäftsleitungsassistentin bei der Spitex Stadt Luzern, vor fünf Jahren, sich des Themas «Nachhaltigkeit» anzunehmen (vgl. Spitex Magazin 1/2023). Nun zieht sie eine erste Bilanz. Und sagt: «Wir sind immer noch auf Kurs im Sinne des Umsetzbaren.» Dabei haben die ergriffenen Massnahmen offenbar auch begeisterte Nachahmerinnen gefunden. Theres Hirsiger erzählt: «Wir eruierten seinerzeit, wie wir am Hauptsitz und bei den Aussenfilialen Balkonkästen bepflanzen können, die für Insekten interessant sind.» Die Bepflanzung mit einheimischen Blumen-Stauden konnte in einer Filiale umgesetzt werden. In der Folge bestellte eine Nachbarin offenbar ebenfalls einen Balkonkasten von Stadtgrün. «Sie hatte das Exemplar auf dem Spitex-Balkon entdeckt und erkundigte sich nach der Bezugsquelle.» 

Bereits Ende 2019 stellte die Spitex-Organisation zudem von PET-Flaschen auf Leitungswasser um. In Zusammenarbeit mit der NPO Wasser für Wasser installierte sie eine Trinkwasseranlage mit gekühltem Leitungswasser mit und ohne Kohlensäure und verteilte Glasflaschen an alle Filialen. Die Flaschen seien nach wie vor im Gebrauch. «Sie sind nicht mehr wegzudenken», sagt die GL-Assistentin. Bei betriebsinternen Anlässen setzt die Spitex Stadt Luzern mittlerweile konsequent auf lokale, soziale Catering-Partner. Und erstmals wurde im Dezember 2025 am Personalanlass mit 120 Personen ein rein vegetarischer Apéro offeriert. Theres Hirsiger schwärmt: «Es gab keine einzige negative Stimme, welche das Fleisch vermisste.» Optimieren konnte die Spitex auch den Verbrauch von Papier-Handtüchern, die am Hauptsitz durch Stoffrollen ersetzt wurden. Und neu dazugekommen ist die Sammlung von Material im Betrieb: Überschüssiges Pflegematerial wird in der Logistik gesammelt und nach Rumänien geliefert, wo ein dringender Bedarf bestehe, führt Theres Hirsiger weiter aus.

Das Ziel ist, dass unsere Mitarbeitenden gar nicht
merken, dass sie sich ökologisch verhalten.

Andres Mahler

Spitex Heitersberg

Nachhaltigkeit nachhaltig verankern
Als Theres Hirsiger begann, sich intensiver mit Nachhaltigkeitsmassnahmen auseinanderzusetzen, seien die entsprechenden Abklärungen aufwendig gewesen. In der Zwischenzeit hat sie festgestellt: «Der Aufwand unterscheidet sich je nach Massnahme.» So hätten den grössten Aufwand Produkte oder Dienstleistungen zur Folge, welche die Spitex individuell bestellen möchte. «Im Sommer wollten wir unsere Mitarbeitenden in allen zehn Filialen mit Glacé überraschen. Wir mussten also herausfinden, welcher soziale Lieferant die nachhaltig produzierten Glacé-Stängel möglichst zeitnah und emissionsfrei an die Adressen in der Stadt bringen kann.» Fündig wurde die Spitex dann bei der Stiftung Wärchbrogg – einer Organisation, die sich in Luzern für die berufliche Integration von Menschen mit Beeinträchtigungen einsetzt. 

Ähnlich wie die Spitex Heitersberg will auch die Spitex Stadt Luzern ihre Vorbildfunktion mit Blick auf die Nachhaltigkeit wahrnehmen. So bezieht die Spitex Stadt Luzern ihren Strom aus erneuerbaren Energien. Zudem führen die Mitarbeitenden die Patientendossiers elektronisch und achten so darauf, den Papierverbrauch so gering wie möglich zu halten. Wenn es, wie aktuell, kalt ist, dann würden die Mitarbeitenden mit Aufklebern darauf hingewiesen, Kippfenster zu vermeiden und Stosslüften umzusetzen, erläutert Theres Hirsiger. Und: «Um an den Stützpunkten Strom zu sparen, schalten wir die Computer, Bildschirme sowie Drucker am Abend konsequent ab. Lichtquellen löschen wir bei Nichtbenutzung.» Vonseiten anderer Spitex-Organisationen spüre sie grundsätzlich Interesse an den initiierten Massnahmen, hie und da erhalte sie entsprechende Anfragen für weiterführende Informationen. Positive Rückmeldungen erhält Nachhaltigkeitsprofi Theres Hirsiger auch von den Arbeitskolleginnen und -kollegen. «Sie unterstützen den nachhaltigen Gedanken, indem sie eigene Inputs beisteuern oder nach möglichen Verbesserungen fragen.» Auch bei lokalem Essen oder den sozialen Catering-Partnern erhalte sie wertschätzende Rückmeldungen. «Es freut und motiviert mich, wenn ich spüre, dass meine Kolleginnen und Kollegen beim Thema Nachhaltigkeit auf mich zukommen.»

  1. Fachleute sprechen dabei von sogenanntem «Nudging» (von engl. to nudge für anstupsen). Nudges wirken dann am besten, wenn das Bewusstsein oder der Vorsatz für das Verhalten bereits vorhanden ist, und können deshalb im Alltag dabei unterstützen, gute Vorsätze umzusetzen. Dabei beinhalten Nudges keinen Zwang und keine verbindlichen Verhaltensvorschriften (Quelle: Bundesamt für Gesundheit). ↩︎

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