«Verantwortungsvolle Digitalisierung ist eine Denk- und Handlungsweise»

Wie kann die Spitex im Bereich der digitalen Nachhaltigkeit aktiv werden? Bei der Genfer Spitex IMAD ist verantwortungsvolle Digitalisierung ein strategischer Schwerpunkt. Dies zeigt sich in einem starken Engagement für das Thema, vielen konkreten Massnahmen und dem reflektierten Einsatz künstlicher Intelligenz (KI).

FLORA GUÉRY. Computer, Tablets, Smartphones, Server, Tools – bei der Spitex ist die Digitalisierung allgegenwärtig. Für die Genfer Spitex IMAD (Institution Gene­voise de Maintien à Domicile) steht die Frage nach den ökologischen Auswirkungen dieser Technologien im Mittelpunkt. Im November 2025 hat die Organisation mit der Unterzeichnung der Charta «Numérique Responsable» («Verantwortungsvolle Digitalisierung») des «Institut du Numérique Responsable (INR) 1», dessen Hauptziel unter anderem die Verringerung des ökologischen Fussabdrucks der Digitalisierung ist, einen symbolischen Meilenstein erreicht. «Dies ist ein starkes Zeichen, dass die IMAD die digitale Nachhaltigkeit auf höchster Führungsebene verankert hat», sagt Marc Besson, Direktor für digitale Dienste und Informationsdienste sowie CIO und Mitglied der Geschäftsleitung. Er präzisiert: «Verantwortungsvolle Digitalisierung ist eine Digitalisierung, die den Menschen respektiert – sowohl den Planeten, auf dem er lebt, als auch seine Bedürfnisse nach Ethik, Sicherheit und Sinn.» Im Anschluss an die Unterzeichnung ist die IMAD dem «Swiss Institute for Sustainable IT (ISIT-CH) 2» beigetreten, einem nationalen Netzwerk, das sich der nachhaltigen Digitalisierung widmet. Diese Partnerschaft ermöglicht es der Spitex-Organisation, sich einer dynamischen Gemeinschaft anzuschliessen und sich noch ehrgeizigere Ziele zu setzen. Dazu gehört die Erlangung des Labels «Numérique Responsable», das vom INR und ISIT-CH bis 2027 vergeben wird.

Sensibilisierung und Schulung des Personals
«Die Sensibilisierung unserer 2400 Mitarbeitenden für einen ethischen und nachhaltigen Umgang mit digitalen Medien steht im Mittelpunkt unserer Bemühungen», erklärt Marc Besson. Jedes Jahr beteiligt sich die IMAD an der Genfer Kampagne «D-Tox numérique», die zum internationalen «Digital Cleanup Day» gehört. Bei dieser Gelegenheit fordert sie ihre Mitarbeitenden auf, ihren digitalen Posteingang aufzuräumen und Dokumente über Links statt als Anhänge zu versenden, um den Energieverbrauch im Zusammenhang mit der Speicherung und dem Austausch von Daten zu reduzieren. Auch werden Gewohnheiten wie das vollständige Ausschalten von Computern am Ende des Arbeitstages gefördert. «Das sind einfache Gesten, aber wenn sie von Tausen-den Menschen immer wieder durchgeführt werden, ­haben sie eine echte Wirkung», betont Marc Besson. 

Die Kampagne D-Tox, an der sich IMAD jedes Jahr beteiligt, fördert einfache Massnahmen, um den ökologischen Fussabdruck von digitalen Techniken zu verringern. Themenbild: iStock

Seit Herbst 2025 ist bei der IMAD ein 30-minütiges Online-Schulungsmodul zum verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Technologien für Mitarbeitende mit administrativen Aufgaben 3 obligatorisch. «Durch dieses Modul versteht man, dass verantwortungsbewusstes digitales Handeln eine Art zu denken und zu handeln ist», erklärt der CIO.

Nachhaltige Beschaffung und Infrastruktur
Die IMAD nutzt mehrere Tausend Computer. «Unsere Beschaffungspolitik zielt auf nachhaltige und energieeffiziente Geräte und beinhaltet CSR 4-Klauseln in den Verträgen mit Lieferanten», erklärt Marc Besson. Darüber hinaus werden die Erneuerungszyklen der Geräte so weit wie möglich verlängert: Ein Computer wird nicht mehr nach drei Jahren ersetzt, sondern fünf Jahre oder länger genutzt, solange seine Leistung ausreichend ist. Diese digitale Sparsamkeit reduziert direkt den Elektronikschrott und die Herstellung neuer Geräte. «Indem wir den Austausch von Hunderten von Computern um mindestens zwei Jahre hinauszögern, vermeiden wir jedes Jahr den Ausstoss von mehreren Tonnen CO₂», sagt er. Ist eine Erneuerung dennoch nötig, werden die Geräte für weniger anspruchsvolle interne Zwecke verwendet oder an Betriebe weitergegeben, die noch Verwendung dafür haben. Kaputte Geräte werden von einem spezialisierten Unternehmen recycelt. Gleichzeitig speichert die IMAD ihre Daten nach Möglichkeit in zertifizierten – und damit energieeffizienten, mit erneuerbaren Energien betriebenen – Rechenzentren ab.

Die Sensibilisierung unserer 2400 Mitarbeitenden für einen ethischen und nachhaltigen Umgang mit digitalen Medien steht im Mittelpunkt unserer Bemühungen.

Marc Besson

CIO und Geschäftsleitungsmitglied, IMAD

Ariane: eine energieeffiziente KI
Mitte November 2025 hat die IMAD mit der Dialog-Assistentin «Ariane» die erste eigene KI-Lösung für ihre Pflege und Unterstützung eingeführt. Von Anfang an galt dabei eine einfache Regel: Der Nutzen von Ariane muss grösser sein als ihre negativen Auswirkungen. «Ariane symbolisiert unseren Willen zur Innovation, ohne dabei unsere ethischen, sicherheitsrelevanten und nachhaltigen Grundsätze aus den Augen zu verlieren.»

Konkret ermöglicht Ariane einen schnellen, zuverlässigen Zugriff auf IMAD-Richtlinien für die Pflege. Mitarbeitende können übers Smartphone oder Tablet eine Frage an das Tool richten und erhalten sofort eine Antwort samt Link zum zugehörigen internen Dokument. Ariane nutzt IT-Ressourcen nur, wenn ihr eine Frage gestellt wird. Jede Anfrage benötigt einige Sekunden Rechenzeit über eine mit erneuerbarer Energie betriebene Infrastruktur. «Damit wird viel weniger Energie verbraucht als etwa durch die Autofahrt ins Büro, wenn dort ein benötigtes Dokument vergessen wurde», sagt Marc Besson. Nach der Einführung von Ariane wurden innert drei Wochen über 1000 Fragen an sie gestellt. «Ariane leistet echte Hilfe, ohne unseren CO₂-Fussabdruck zu belasten. Sie passt daher perfekt zu unserer Vision einer verantwortungsvollen Digitalisierung.»

Botschaft an andere Spitex-Organisationen 
Marc Besson empfiehlt seinen Kolleginnen und Kollegen aus anderen Spitex-Organisationen, das Thema verantwortungsbewusste Digitalisierung in ihrer Strategie zu verankern. «Der nachhaltige digitale Wandel ist weder eine Modeerscheinung noch eine von aussen auferlegte Verpflichtung, sondern eine echte Chance, unsere Dienstleistungen zu verbessern und gleichzeitig unseren ökologischen Fussabdruck zu verringern», versichert er. Seiner Meinung nach kann jede Organisation bereits heute mit «wenig Aufwand, aber grosser Wirkung» entsprechende Massnahmen ergreifen. Neben der Wichtigkeit der Sensibilisierung aller Mitarbeitenden betont er auch die Wichtigkeit ihrer engen Einbeziehung: «Die Mitarbeitenden sind die zentralen Akteure des Wandels und haben oft praktische Ideen.» 

Weiter erinnert er daran, dass die Führungspersonen mit gutem Beispiel vorangehen müssen. Seine Botschaft an andere Spitex-Organisationen: «Scheuen Sie sich nicht, klein anzufangen, aber setzen Sie sich hohe Ziele und denken Sie daran, dass die Digitalisierung nur ein Mittel ist – sie muss im Dienste des Menschen und des Gemeinwohls stehen.» Abschliessend betont Marc Besson mit Begeisterung: «Gemeinsam, im Netzwerk, werden wir den Übergang zu einer verantwortungsvollen Digitalisierung für eine innovative und nachhaltige Spitex beschleunigen können.»

  1. Das 2019 gegründete INR ist eine Denk- und Aktionsgruppe, die sich für eine nachhaltige, inklusive und ethische Digitalisierung einsetzt; www.institutnr.org. ↩︎
  2. Das ISIT-CH umfasst in der Romandie mehr als 40 Organisationen. Es ist Teil eines grösseren Netzwerks, das in Frankreich und Belgien aufgebaut wurde: www.isit-ch.org. ↩︎
  3. Es handelt sich um das Modul «Sensibilisation Numérique
    Res­ponsable» (Sensibilisierung für verantwortungsvollen Umgang mit Digitalisierung) des INR, das auch ein umfassendes Modul von 4,5 Stunden mit Videos, Texten und interaktiven Inhalten an­bietet. Beide Module sind auf Französisch und Englisch frei zugänglich: www.academie-nr.org.
    ↩︎
  4. CSR steht für «Corporate Social Responsibility», die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen. ↩︎

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