Thurgauer Ausbildungsverbund bündelt die Kräfte
Im Kanton Thurgau kümmert sich neu ein Verbund aus 13 Spitex-Organisationen mit und ohne Leistungsauftrag um die Praxisausbildung von Pflegestudierenden. Gemeinsam wollen die Betriebe dem Fachkräftemangel entgegenwirken.
SUSANNE WENGER. Anfang 2026 startete der «Ausbildungsverbund Spitex Thurgau». Ihm gehören 13 Betriebe an, darunter neun Spitex-Organisationen mit kommunalem Leistungsauftrag – von der Spitex Aadorf über die Spitex Region Kreuzlingen bis zur Spitex Oberthurgau. Damit schloss sich die Mehrheit der 14 Spitex-Organisationen mit Leistungsauftrag im Thurgau dem Verbund an. Auch die private «eins a spitex», die Kinderspitex Schweiz, die Lungenliga Thurgau-Schaffhausen und die Krebsliga Thurgau sind dabei. Die beiden Ligen bieten spezialisierte Spitex-Leistungen für ihre Zielgruppen an.

Angela Schnelli, Leiterin der Fachstelle Spitexentwicklung beim Spitex Verband Thurgau, zeigt sich erfreut über die Gründung des Verbunds im Dezember 2025. «Das war ein Meilenstein nach langen und intensiven Vorarbeiten», sagt sie. Ziel sei es, die Ausbildung von Pflegestudierenden der Höheren Fachschulen (HF) bei der Spitex zu koordinieren und attraktiv zu gestalten. Einige der beteiligten Organisationen mit Leistungsauftrag bildeten schon zuvor angehende Pflegefachpersonen im obligatorischen Praxisteil ihrer Ausbildung aus – aktuell sind es 15 Studierende. Doch der Aufwand sei stetig gestiegen, so Angela Schnelli.
Eine zentrale Anlaufstelle
Bisher musste jede Organisation die Zusammenarbeit mit den drei regionalen Bildungsanbietern selbst regeln – bei elf möglichen Ausbildungswegen, von regulär über berufsbegleitend bis verkürzt. Auch die Rekrutierung der begehrten Studierenden wurde immer aufwendiger. Hinzu kamen verschärfte Vorgaben des Kantons Thurgau zu den Ausbildungsleistungen, ausgelöst durch die Pflegeinitiative, die das Schweizer Stimmvolk 2021 annahm. Betriebe, die diese Vorgaben nicht erfüllen, zahlen laut Angela Schnelli eine hohe Ersatzabgabe.
Lokal ergänzen sich
Organisationen mit und ohne
Leistungsauftrag oft schon
im Alltag. Bei der Ausbildung ist
die Zusammenarbeit bei
gleichen Qualitätsansprüchen
erst recht sinnvoll.
Angela Schnelli
Leiterin Fachstelle Spitexentwicklung Spitex Verband Thurgau
So entstand die Idee, die Kräfte zu bündeln. Der Ausbildungsverbund beauftragte den kantonalen Spitex-Verband per Leistungsvereinbarung mit der Umsetzung. Anfang März trat Fiona Filia ihre 60-Prozent-Stelle als Leiterin des Verbunds an. Sie übernimmt einen Teil der Rekrutierung, zudem begleitet und unterstützt sie die Studierenden, Berufsbildenden und Bildungsverantwortlichen in den Mitgliederorganisationen des Verbunds. Studierende berät sie beispielsweise bei der Wahl des Studienganges, Berufsbildenden steht sie bei pädagogischen Fragen zur Seite. Ausserdem sorgt sie dafür, dass der nationale Rahmenlehrplan und die im Verbund definierten Qualitätsansprüche eingehalten werden. Auch das Bildungsmarketing gehört zu ihren Aufgaben. Finanziert wird die Stelle durch Beiträge der beteiligten Organisationen, gestaffelt nach den geleisteten Pflegestunden gemäss Krankenversicherungsgesetz. Grössere Betriebe zahlen mehr ein, während die Lungenliga und die Krebsliga einen Pauschalbeitrag entrichten. Der Ausbildungsverbund bringt viele Vorteile, betont Angela Schnelli. Die Spitex-Organisationen sparen Verwaltungsaufwand und teilen die Ausbildungskosten. Studierende können ihre individuellen Interessen einbringen. Zudem werde die Praxisausbildung bei der Spitex attraktiver: «Gerade auch durch die Zusammenarbeit mit der Lungenliga, der Krebsliga und der Kinderspitex erhalten die Auszubildenden Einblicke in verschiedene Spitex-Bereiche.»
Gegen das Gärtchendenken
Bemerkenswert ist die Zusammenarbeit von Spitex-Organisationen mit Leistungsauftrag und privaten Anbietern im Verbund – obwohl sie am Markt und bei der Rekrutierung konkurrieren. Doch Gärtchendenken helfe der Spitex nicht, betont Angela Schnelli. «Auf lokaler Ebene ergänzen sich Organisationen mit und ohne Leistungsauftrag oft schon im Alltag. Bei der Ausbildung ergibt die Zusammenarbeit erst recht Sinn.» Voraussetzung sei, dass private Anbieter vergleichbare Qualitätsansprüche erfüllen.
Barbara Frei, Expertin für die Berufsbildung im Gesundheitswesen, begrüsst den Ansatz. Sie ist bei der Organisation der Arbeitswelt (OdA) Gesundheit und Soziales St. Gallen, Appenzell AR/IR und Fürstentum Liechtenstein unter anderem für die Höhere Berufsbildung Pflege zuständig. «Ausbildungsverbünde sind ein entscheidendes Instrument, um den Fachkräftemangel der Pflege zu bekämpfen», sagt sie. Sie verweist auf verschiedene Modelle: Während im Thurgau Spitex-Organisationen unterschiedlicher Ausrichtungen kooperieren, arbeiten in den beiden Appenzell Spitex-Betriebe, Pflegeheime und Reha-Kliniken zusammen.
Ein Ausbildungsverbund ermöglicht angehenden Pflegefachpersonen, breite Kompetenzen zu erwerben, sagt Barbara Frei: «So können sie sich auf die zunehmend vernetzte Patientenversorgung vorbereiten.» Der Aufbau eines Verbundes erfordere zwar Investitionen, doch diese lohnten sich. Ein starkes Netzwerk mit geteilter Verantwortung entstehe. Einheitliche Ausbildungskonzepte sicherten eine hochwertige Begleitung im Praxisbetrieb. Und die Betriebe könnten sich mit einer abwechslungsreichen Ausbildung als moderne Arbeitgeber positionieren, so Barbara Frei. Auch Angela Schnelli sieht darin ein zentrales Ziel im ureigenen Interesse der Spitex-Branche: «Wir müssen selbst aktiv dazu beitragen, unseren Nachwuchs zu sichern.»