Wenn der Himmel die Behinderung vergessen lässt

Ein Sturz kurz vor dem Start zu einem Gleitschirmflug stellte das Leben von Pascal Repond auf den Kopf. Mit 25 Jahren wurde er zum Tetraplegiker. Erst über 20 Jahre später fand er den Weg zurück in die Lüfte. Der Klient des Sozialmedizinischen Zentrums (SMZ) des Gesundheitsnetz­werks La Gruyère (FR) erzählt, wie er seine Leidenschaft wiederentdeckte, was sie ihm heute bedeutet – und weshalb die Spitex für seinen Alltag unverzichtbar ist.

Nach einer Pause von über 20 Jahren kann Pascal Repond dank einer speziell an seine Behinderung angepassten Ausrüstung wieder Gleitschirm fliegen. Das Bild entstand am 23. Mai 2026. Bild: Pierre Aeby

FLORA GUÉRY. Wenn Pascal Repond mit dem Gleitschirm fliegt, fühlt er sich so wohl wie nirgendwo sonst. Er atmet freier, die Muskelverspannungen lösen sich und die durch seine Tetraplegie verursachten Schmerzen verschwinden. Unter seinem 30 Quadratmeter grossen Schirm erobert er ein Stück Freiheit zurück. «Während des Flugs vergesse ich manchmal sogar, dass ich im Rollstuhl sitze», erzählt der 52-Jährige mit einem Lächeln. «Wahrscheinlich liegt das an den Endorphinen, den Glückshormonen.» Einen Gleitschirm dieser Grösse zu steuern, verlangt ihm allerdings körperlich alles ab. Dass er weder seine Beine noch seine Finger einsetzen kann, muss Pascal Repond mit Kraft, Präzision und höchster Konzentra­tion ausgleichen. Ein Tablet vor ihm liefert ihm laufend Daten zu Wind, Höhe, Geschwindigkeit und Gleitleistung. Ein einziger Flug pro Tag muss genügen. «Ich bin einfach glücklich, dass ich überhaupt wieder fliegen kann», sagt er. Heute zähle vor allem eines: die Freude. «Ein Gleitschirmflug bedeutet mir heute viel mehr als früher, als ich gesund war und häufig flog.»

Heute bedeutet mir ein Gleitschirmflug viel mehr als damals, als ich gesund war und oft flog.

Pascal Repond

Gleitschirmpilot und Klient des Gesundheitsnetzwerks La Gruyère

Ein Sturz noch vor dem Abheben
In seinem selbst entworfenen Haus in Charmey (FR) spricht Pascal Repond begeistert über seine Leidenschaft. Nie weit von ihm entfernt ist Glenda, seine Assistenzhündin, die ihn seit sechs Jahren begleitet. Die Labradorhündin unterstützt ihn «sowohl körperlich als auch psychisch» im Alltag und erleichtert ihm zudem den Kontakt zu anderen Menschen. «Manche wissen nicht recht, wie sie auf mich zugehen sollen», sagt er. Insbesondere die erste Zeit im Rollstuhl sei schwierig gewesen. «Es braucht viel Zeit, bis man sich an die Blicke der Menschen gewöhnt.» Über den Unfall, der sein Leben veränderte, spricht er zurückhaltend. Damals war er 25 Jahre alt und verbrachte einen grossen Teil seiner Freizeit in der Luft. Er besass die Tandemfluglizenz, nahm regelmässig an Wettkämpfen teil und qualifizierte sich 1996 und 1997 sogar für das Finale der Gleitschirm-Schweizermeisterschaften.

Im April 1999 änderte sich in Charmey jedoch alles. Noch bevor ein Tandemflug mit ihm als Piloten begann, stürzte er während des Anlaufs. Dabei wurde sein Rückenmark zwischen dem sechsten und siebten Halswirbel schwer verletzt. Es folgten ein Koma und acht Monate Rehabilitation im Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil. «Wenn man mit 25 Jahren plötzlich gelähmt ist, glaubt man zunächst, der Körper werde sich wieder erholen und alles sei nur vorübergehend», erzählt er. Doch das war nicht der Fall, und der Bewohner von Charmey musste schweren Herzens Abschied von seinem früheren Leben nehmen. Vor dem Unfall arbeitete Pascal Repond als Personalberater und war für über 300 Mitarbeitende verantwortlich. Nach einem Besuch seines Vorgesetzten in Nottwil verlor er diese Stelle von einem Tag auf den anderen. «Es war, als hätte ich über Nacht eine zweite Lähmung erlebt», sagt er heute darüber. Pascal Repond musste seine Prioritäten neu ordnen. Er heiratete seine langjährige Partnerin Nadia, eine Dialyse-Pflegefachfrau, baute ein Haus und gründete eine Familie. «Nadia hat mich immer unterstützt – auch mit meiner Behinderung und den pflegerischen Herausforderungen», sagt er. «Unsere beiden Töchter sind inzwischen erwachsen und haben sich ebenfalls für Berufe im Gesundheitswesen entschieden. Ob der Beruf ihrer Mutter oder meine Behinderung sie geprägt hat, kann ich nicht sagen.»

Der langjährigste Klient
Nach 13 Operationen – die letzte fand 2024 statt – geht es dem heute 52-Jährigen nach eigenen Worten «sehr gut». Dennoch bleibt die Behinderung im Alltag eine grosse Herausforderung. «Die Pflege, die ich benötige, ist kein Vergnügen», sagt er. Aufgrund seiner Tetraplegie dauern die Einsätze der Spitex bis zu zweieinhalb Stunden. «Den eigenen Körper und die eigene Intimsphäre anderen auszuliefern, ist nicht immer einfach. Mit 25 Jahren fiel mir das noch deutlich schwerer.» Pascal Repond ist der langjährigste Klient des SMZ des Gesundheitsnetzwerks La Gruyère. Ein kleines Team von Pflegefachpersonen und Fachfrauen Gesundheit (FaGe) betreut ihn im Wechsel; einige Mitarbeitende kennen ihn seit 27 Jahren, haben seine Töchter aufwachsen sehen und ihn auch in schwierigen Lebensphasen begleitet. «Meine Bezugs-Pflegefachfrau kennt mich inzwischen so lange, dass wir manchmal fast wie ein altes Ehepaar miteinander umgehen», scherzt er.

Über die Spitex lernte er auch Sophie Degros kennen. Die FaGe arbeitet seit rund einem Jahr – nach mehreren Jahren im Spital –beim Gesundheitsnetzwerk La Gruyère. «Am Anfang war es für mich ungewohnt, in die Privatsphäre der Menschen einzudringen», erzählt die 29-Jährige. Zwischen ihr und Pascal Repond entstand rasch ein vertrauensvolles Verhältnis. Tatsächlich gab es bereits vorher eine unsichtbare Verbindung: Sophies Mutter, ebenfalls Pflegefachfrau, arbeitete früher mit der Ehefrau ihres heutigen Klienten zusammen. Als die beiden Kolleginnen waren, war Sophies Mutter mit ihr schwanger. «Eigentlich kannte ich Sophie also schon vor ihrer Geburt», sagt Pascal Repond schmunzelnd.

Sophie Degros, FaGe beim Gesundheitsnetzwerk La Gruyère, betreut Pascal Repond regelmässig zu Hause. Zwischen den beiden ist im Laufe der Jahre ein vertrauensvolles Verhältnis entstanden. Bild: Michaël Maillard

Pflege mit Musik
Sophie Degros arbeitet mit einem Pensum von 90 Prozent und betreut Pascal Repond ein- bis mehrmals pro Woche. «Ich sehe sie fast häufiger als meine Töchter», sagt er lachend. Die Pflegeeinsätze finden immer mit Musik statt. «Jeden Morgen ist Herr Repond unser DJ», erzählt die FaGe. Über sein Mobiltelefon kann er die Musik in allen Räumen des Hauses synchron steuern, und dieses Ritual lockert die Atmosphäre auf. Während der Pflege sprechen die beiden über Filme, Reisen oder das Gleitschirmfliegen. Die Behinderung selbst ist kaum je Gesprächsthema. «Darüber sprechen wir praktisch nie», bestätigt Sophie Degros, die spürt, dass sie und ihre Kolleginnen längst Teil des familiären Umfelds von Pascal Repond geworden sind: «Wir sind in die Familie integriert.» Ihr Klient misst der Beziehung zu den Mitarbeitenden des SMZ grosse Bedeutung bei. Für ihn ist entscheidend, dass die Chemie stimmt und sich alle Pflegenden im Umgang mit seiner Behinderung sicher fühlen. «Eine qualitativ hochwertige Begleitung trägt langfristig wesentlich dazu bei, gesund zu bleiben. Sie ermöglicht mir überhaupt erst, den Aktivitäten nachzugehen, die mir am Herzen liegen», sagt er.

Über die Behinderung sprechen wir praktisch nie.

Sophie Degros

Fachfrau Gesundheit beim Gesundheitsnetzwerk La Gruyère

Umgeben von grossartigen Menschen
Zu diesen Aktivitäten gehört vor allem das Gleitschirmfliegen. Doch von 1999 bis 2022 hob Pascal Repond kein einziges Mal mehr ab. «Wenn ich einen Gleitschirm am Himmel sah, schaute ich bewusst weg», erinnert er sich. Erst, als er eine neue Balance im Leben gefunden hatte, fasste er den Entschluss, wieder zu fliegen. Eine auf Menschen mit Behinderung spezialisierte Gleitschirmschule in der Deutschschweiz begleitete ihn dabei; 2023 absolvierte er die erforderliche Wiederqualifikation. Pascal Repond ist kein Draufgänger. Wenn er sich körperlich nicht fit fühlt oder das Wetter nicht mitspielt, verzichtet er auf einen Flug. Seine Ausrüstung wurde speziell auf sein Flugrollstuhl-Gewicht abgestimmt; unterstützt wird er von einem Unternehmen für Orthopädietechnik und Rehabilitations-Hilfsmittel. Ausserdem kann er auf ein rund zehnköpfiges Team aus Helfenden zählen. «Für jeden Flug brauche ich Hilfe beim Umsetzen in den Flugrollstuhl, beim Vorbereiten des Schirms und vor allem jemanden, der mich beim Start anschiebt.» Besonders schätzt er in seinem Team den Gemeinschaftsgedanken: «Ich bin von grossartigen Menschen umgeben», lobt er. In Vounetz bei Charmey wurden sogar mehrere Tonnen Steine entfernt, damit er mit seinem Flugrollstuhl starten kann. Jeder Flug ist indes sorgfältig vorbereitet, und jeder Start bleibt mit einer gewissen Anspannung verbunden. Bei der Landung bleiben dann jeweils viele Passanten stehen und staunen. «Es ist nicht alltäglich, jemanden im Rollstuhl Gleitschirm fliegen zu sehen», erklärt er.

Pascal Repond erhält stets Unterstützung beim Start und bei der Landung. «Ich bin von grossartigen Menschen umgeben, die meine Leidenschaft für das Gleitschirmfliegen teilen.» Bild: Pierre Aeby

Eine neue Einstellung und neue Ziele
Heute steht für Pascal Repond nicht mehr die Leistung im Vordergrund, aber er hat sich dennoch Ziele gesetzt: Er möchte wieder länger als eine Stunde am Stück fliegen, häufiger gemeinsam mit seinem Bruder, der ebenfalls Gleitschirmpilot ist, unterwegs sein – und eines Tages den Ort überfliegen, an dem sich der Unfall ereignete, der ihn zum Tetraplegiker machte. Mit den Jahren habe er gelernt, nicht mehr ständig mit 200 km/h durchs Leben gehen zu wollen. «Heute betrachte ich vieles gelassener und philosophischer», sagt er. Zu seinem neuen Leben gehört auch das politische Engagement: Nach einer Legislatur in der Legislative gehört er heute der Exekutive von Val-de-Charmey an. «Ich bin der einzige gewählte Volksvertreter im Kanton Freiburg, der im Rollstuhl sitzt», erzählt er – und blickt optimistisch in die Zukunft: «Heute setze ich alles daran, das zu verwirklichen, was ich wirklich machen möchte.»

Weitere Artikel

Spitex-Direktorin in «Top 100» gewählt

Am 23. Oktober 2025 fand in Lausanne (VD) die 21. Ausgabe des «Forum des 100» statt. Zu dieser Gelegenheit wurden 100 Persönlichkeit...

Thurgau, Nidwalden und Luzern: Neue Geschäftsleitende

RED. Drei Spitex-Kantonalverbände haben neue operative Leitpersonen bekannt gegeben: Die 46-jährige Angela Honegger  (links) nahm ihre Tätigkeit als Geschäftsführerin des Spitex Verbandes Thurgau am 1. April 2024 auf. Dies als Nachfolgerin von Christa Lanzicher, die in Pension geht. Angela Honegger ist Pflege...

«Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem psychologischen Sicherheitsgefühl und der Prävention von Gewalt»

Für die Spitex ist ein vorausschauender Umgang mit Aggressionen und Gewalt am Arbeitsplatz eine wichtige Voraussetzung für die Siche...