Die Ausbildung bei der Spitex überzeugt immer mehr Menschen

Spitex-Organisationen im ganzen Land bieten professionelle und abwechslungs­reiche Ausbildungen an. Zur Einleitung in das Fokusthema dieser Ausgabe «Die unterschiedlichen Ausbildungen der Spitex» hat das «Spitex Magazin» zwei Expertinnen zu den Vorteilen und Herausforderungen der Pflegeausbildung bei der Spitex befragt.

Inhalt:
1 ) Welche unterschiedlichen Ausbildungen bietet die Spitex an?
1.1) Passt die FaGe-Lehre noch zur Praxis?
1.2 ) Was ist der Unterschied zwischen Pflegefachpersonen HF und FH
2 ) Was sind die Vorteile einer Ausbildung bei der Spitex?
2.1 ) Wieso sollen Betriebe selbst ausbilden?
2.2 ) Wieso sollen sich Auszubildende für die Spitex entscheiden?
3 ) Welche Entwicklungen prägen die Ausbildung bei der Spitex?
4 ) Haben Mitarbeitende ohne Ausbildung bei der Spitex eine Zukunft? 

Sybilla Maggio (v.l.), Christina Legler, Gianluca Tescari und Leonie Rüegg sind Auszubildende bei der Spitex Glarus Süd. Bild: Natalie Melina Fotografie

KATHRIN MORF. Im Folgenden wird zusammengefasst, was zwei Expertinnen in ihrem jeweiligen Interview zu den Vorteilen und Herausforderungen der unterschiedlichen Ausbildungen bei der Spitex berichtet haben: Franziska Adam ist Pflegefachfrau HF mit MAS in Gerontologie und bei Spitex Schweiz zuständig für den Fokus Bildung und Pflege. Tamara Renner ist studierte Wirtschaftswissenschaftlerin – ebenfalls mit MAS in Gerontologie – und seit über 19 Jahren Geschäftsleiterin der Spitex Stadt ­Luzern, seit 2023 in der Co-Leitung. 

Besonders häufig bieten Spitex-Organisationen die Lehre zur Fachfrau oder zum Fachmann Gesundheit (FaGe) mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ) an, die der Sekundarstufe II zugeordnet wird (vgl. Grafik). Immer häufiger ist auch das Studium zur diplomierten Pflegefachfrau oder zum diplomierten Pflegefachmann im Angebot – sowohl auf dem Niveau Höhere Fachschule (HF), das der Tertiärstufe B zugeordnet wird, als auch auf dem Niveau Fachhochschule (FH) auf Tertiärstufe A. In der Westschweiz sind Pflegefachpersonen HF indes selten, weil nur in St. Imier (BE) sowie Monthey (VS) eine Höhere Fachschule für Pflege existiert.

An dieser Stelle werden die FaGe-Lehre sowie die Studien zur Pflegefachperson HF und FH in den Fokus gerückt, auch wenn dies längst nicht die einzigen Aus- und Weiterbildungen sind, welche die Spitex zu bieten hat. Beispielsweise setzen manche Organisationen auch auf die Lehre zur Assistentin oder zum Assistenten ­Gesundheit und Soziales (AGS) mit eidgenössischem ­Berufsattest (EBA), zur Fachperson Hauswirtschaft EFZ sowie zur Kauffrau oder zum Kaufmann EFZ.

1.1 ) Passt die FaGe-Lehre noch zur Praxis?
Der Branchenverband OdASanté (vgl. grossen Infokasten) hat im Rahmen des Projekts «Abschlüsse in Pflege» 1 auch die 2004 eingeführte FaGe-Lehre analysiert. Dabei wurde eine «Dissonanz zwischen Ausbildungsbefähigung und Aufgabenzuteilung im Alltag» festgestellt. Das bedeutet insbesondere, dass den FaGe im Pflegealltag mehr Verantwortung zugeteilt wird, als ihre Ausbildung dies vorsieht. 

Wie sich Spitex Schweiz rund um die Ausbildung engagiert
Ein laufendes Projekt der Bildungskommission von Spitex Schweiz ist das Überarbeiten der 17 Kompetenz- und Berufsprofile bei der Spitex, über das im «Spitex Magazin» berichtet wird, sobald Resultate vorliegen. Auch sonst engagiert sich Spitex Schweiz intensiv für das Thema Ausbildung und ist im Vorstand von OdASanté vertreten – ebenso wie in vielen Qualitäts- und Entwicklungskommissionen, sei es durch eigene Mitarbeitende oder durch Delegierte aus der Praxis. Weiter ist Spitex Schweiz Mitglied im ­Arbeitgeberverband der Tripartiten Berufsbildungskonferenz (TBBK), die als Bindeglied zwischen der operativen und der politischen Bildungsebene fungiert. In Revisionen von Bildungserlassen wie der laufenden FaGe-Revision ist der Dachverband ebenfalls involviert. Und er arbeitet eng mit Berufsbildungsverantwortlichen von Verbänden wie ARTISET, H+ und dem Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK) zusammen.

→ www.spitex.ch/Spitex/Bildung

Die Schweizerische Bildungssystematik hilft bei der Übersicht über die verschiedenen
Wege der Berufsbildung – auch in der Pflege. Grafik: OdASanté

In manchen Spitex-Organisationen wird nun die Forderung laut, dass die Kompetenzen der FaGe erweitert werden müssen: In stabilen Pflegesituationen sollen FaGe die Fallführung übernehmen dürfen. «Unsere FaGe sollten dort Verantwortung übernehmen dürfen, wo sie es können und sich auch zutrauen», bekräftigt Tamara Renner. «Im Allgemeinen und erst recht in Anbetracht des Fachkräftemangels plädiere ich dafür, dass die Pflege davon wegkommt, dass ‹nur› ein Diplom für die Übernahme von Aufgaben und Verantwortung massgebend ist. Zur Professionalität in der Pflege gehören viele ­Kompetenzen, die ein Diplom nicht garantiert – wie ­Entscheidungsfähigkeit, Flexibilität, Kreativität, Lernbereitschaft, Empathie, Kommunikationsfähigkeit, Belastbarkeit – und nicht zu vergessen: die Affinität, Leistungen in der Betreuung sicherzustellen», erklärt sie. «Im Weiteren lernt der Mensch nicht nur durch schulische Ausbildung, sondern vor allem, indem er etwas tut. Unsere FaGe sollten darum Pflegesituationen übernehmen dürfen, in denen sie sich zusätzliche Kompetenzen aneignen können – bei Bedarf in Begleitung.» Zusätzlich sollten FaGe laut Tamara Renner in Weiterbildungen Zusatzkompetenzen erwerben können. «Zum Beispiel durch einen Lehrgang zur Prozesssteuerung. In der stationären Langzeitpflege ist dies bereits möglich.»

Für eine solche Kompetenzerweiterung wäre laut Franziska Adam eine Gesetzesänderung nötig. Denn das Bundesgesetz über die Krankenversicherung (KVG) erlaubt nicht, dass FaGe A-Leistungen wie die Bedarfsabklärung und Koordination übernehmen. «Im Rahmen der laufenden FaGe-Revision müssen die Beteiligten aber gut reflektieren 2, unter welchen Bedingungen FaGe eine Fallführung übernehmen dürfen. Denn manche FaGe sind sehr jung und haben zum Beispiel nicht die Erfahrung, um rechtzeitig und richtig auf plötzlich auftretende neue Symptome zu reagieren. Es ist darum äusserst wichtig, dass die FaGe jeweils gut für neue Kompetenzen ausgebildet werden. Und dass darauf geachtet wird, dass es im Arbeitsalltag nicht zu Überforderungen kommt und die Pflegequalität darunter leidet.»

1.2 ) Was ist der Unterschied zwischen Pflegefachpersonen HF und FH
Der Weg zum sehr praxisnahen HF-Studium führt meist über eine Berufslehre – der Weg an das stärker wissenschaftlich orientierte FH-Studium hingegen über eine Maturität oder seltener über einen HF-Abschluss in Pflege. Trotz dieser unterschiedlichen Voraussetzungen und Ausrichtungen besteht laut dem Bericht «Zukünftig ­erforderte Kompetenzen in der Langzeitpflege auf ­Tertiärstufe» 3 der Bedarf, die Trennschärfe zwischen den beiden Studiengängen zu verbessern. Denn im Alltag würden kaum Unterschiede zwischen den Berufsprofilen gemacht. «Pflegefachpersonen HF sind nach der Ausbildung eher praktisch orientiert und Pflegefachpersonen FH fokussieren sich eher auf die anwendungsorientierte Theorie. Nach einer gewissen Zeit im Alltag nähern sie sich aber an und inspirieren sich gegenseitig», bestätigt Tamara Renner. 

In «Abschlüsse in Pflege» wird weiter gefordert, dass Pflegefachpersonen HF mit weniger Aufwand und Kosten als heute das FH-Studium absolvieren können. «Die heute zweijährige Weiterbildung an einer Fachhochschule könnte für Pflegefachpersonen HF einfacher zugänglich gemacht und verkürzt werden», bestätigt Franziska Adam. «Diese Entwicklung darf aber nicht so weit gehen, dass das HF-Studium dem FH-Studium gleichgestellt wird. Denn Pflegefachpersonen FH werden viel stärker für übergeordnete, wissenschaftlich orientierte Aufgaben wie die Qualitätssicherung und das Fehlermanagement befähigt.»

2.1 ) Wieso sollen Betriebe selbst ausbilden?
Franziska Adam ist vom Motto «Keiner zu klein, Ausbildungsbetrieb zu sein» überzeugt. «Kleine Spitex-Organisationen, die wenig Ressourcen für die Ausbildung ­haben, können sich mit anderen Spitex-Organisationen, Heimen oder Spitälern zu Ausbildungsverbünden zusammenschliessen», sagt sie. Der Vorteil einer eigenen Ausbildung sei für die Betriebe, dass Lernende und Studierende das Spitex-Setting genau kennenlernen und der Spitex erhalten bleiben, wenn es ihnen dort gefällt.

Luzern hat 2013 als erster Kanton eine Ausbildungsverpflichtung für Gesundheitsberufe eingeführt. Für Tamara Renner ist es allerdings auch ohne Verpflichtung selbstverständlich, dass ihre Organisation selbst Fachkräfte ausbildet. 2023 waren es 25 HF-Studierende, 26 FaGe-Lernende und eine KV-Auszubildende. «Angesichts des Fachkräftemangels ist es wichtiger denn je, dass Spitex-Organisationen selbst ausbilden», betont die Co-Geschäftsleiterin der Spitex Stadt Luzern mit rund 350 Mitarbeitenden. «Zudem lernt eine Organisation dadurch ebenfalls dazu und wird attraktiv für Mitarbeitende aller Altersstufen, weil die Auszubildenden viel aktuelles Know-how sowie ein junges Denken mit neuen Ansätzen in den Betrieb einbringen.»

2.2 ) Wieso sollen sich Auszubildende für die Spitex entscheiden?
Die neue Imagekampagne von Spitex Schweiz thematisiert verschiedene Aspekte, welche die Ausbildung bei der Spitex für Lernende und Studierende attraktiv machen – etwa eine grosse Vielseitigkeit, ein breites Fachwissen sowie die Nähe zu den Klientinnen und Klienten (www.gute-pflege-heisst.ch). «Die Ausbildung bei der Spitex stellt den Menschen und sein Umfeld ins Zentrum und lässt vielschichtige und abwechslungsreiche Momente zu», lobt Tamara Renner. «Auch lernen Auszubildende sehr viel, pflegen die Menschen mitten in ihrem Leben und dürfen dabei auch kreativ sein.» Bei der Spitex Stadt Luzern sei die Ausbildung besonders, weil sie in selbstorganisierten Teams stattfindet. «Dieses Modell spricht insbesondere Menschen an, die Lust haben, sich selbst noch mehr zu entdecken, sich zu entfalten und kreative Ansätze auszuprobieren.»

Vorteile der Ausbildung bei der Spitex sind die grosse
Selbstständigkeit, die häufige
interprofessionelle Zusammenarbeit, die Zukunftsträchtigkeit und der ganzheitliche Pflege­prozess.

Franziska Adam

Fokus Bildung und Pflege, Spitex Schweiz

Franziska Adam zählt weitere Vorteile der Ausbildung bei der Spitex auf. «Zentral sind die grosse Selbstständigkeit, die häufige interprofessionelle Zusammen­arbeit, die Zukunftsträchtigkeit und der ganzheitliche Pflegeprozess», sagt sie. Auch viele Quereinsteigende würden sich für die Ausbildung bei der Spitex entscheiden – oft auf der Suche nach mehr Sinnhaftigkeit und Menschlichkeit im Beruf.

Die folgenden Entwicklungen prägen unter anderem die Ausbildungstätigkeit der Spitex und bringen spezifische Herausforderungen mit sich:

  • Digitalisierung und Technologisierung: Im Rahmen des Projekts «Abschlüsse in Pflege» wurden Trendszenarien in der Pflegeausbildung entwickelt. Dazu gehören die «Zunahme des Informationsaustausches mit digitalen Hilfsmitteln und die Nutzung künstlicher Intelligenz bei der patientenzentrierten Pflege und Betreuung». «Um dieser Entwicklung gerecht zu werden, müssen Kompetenzen im Umgang mit ­neuen Technologien in der Ausbildung noch stärker geschult werden», sagt Franziska Adam.
  • Berufsbildung unter Zeitdruck: «Von grosser Bedeutung für eine gute Ausbildung sind die Ausbildungsverantwortlichen, die Berufsbildnerinnen und ­Berufsbildner sowie ein Team, das sich mit Freude mitengagiert», stellt Tamara Renner klar. Umso wichtiger sei, dass – trotz Personalmangel und Krankheitsausfällen – ausreichend Zeit für die wichtige Aufgabe aller Involvierten zur Verfügung steht.
  • Akademisierung: «Um die zunehmende Komplexität bewältigen zu können, muss die Spitex einen wachsenden Anteil an diplomierten Pflegefachpersonen ausbilden und einstellen», ist Franziska Adam überzeugt. Dazu gehörten neben Pflegefachpersonen HF und FH auch Pflegeexpertinnen und Pflegeexperten APN, die eine Ausbildung ab Masterstufe absolviert haben (vgl. «Spitex Magazin» 2/2024), sowie Spezialistinnen und Spezialisten wie Fachexpertinnen oder Fachexperten in Psychiatrie oder Palliative Care mit Höherer Fachprüfung (HFP). «Nötig ist keine komplette Akademisierung der Spitex, sondern der richtige Skill-and-Grade-Mix für jede Spitex-Organisation», betont sie. Tamara Renner betrachtet die Akademisierung der Pflege auch kritisch: «Die wachsenden Anforderungen an die formale Ausbildung der Pflegenden dürfen nicht dazu führen, dass wir die Pflege eines Tages nicht mehr sicherstellen können. Gerade bei den Menschen zu Hause braucht es in der Pflege einen gesunden Mix zwischen Fachwissen und einem pragmatischen, wenn auch sicheren  Ansatz», sagt sie.
  • Ausbildungsverpflichtungen: Bereits 16 Kantone kennen laut dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) eine Ausbildungsverpflichtung für die Spitex. Der Kanton Thurgau führt aktuell eine solche Verpflichtung ein. «Fair wäre, wenn alle Spitex-Betriebe, die keine Fachkräfte ausbilden, Ausgleichszahlungen leisten müssten – auch solche ohne Leistungsauftrag», sagt Franziska Adam hierzu.
  • Herausfordernde Rekrutierung: «Mir wird oft berichtet, dass die Rekrutierung von guten Lernenden zunehmend herausfordernd ist», sagt Franziska Adam. Erklärbar sei dies damit, dass der Kampf um die Auszubildenden gross ist. «Darum muss noch besser bekannt werden, wie professionell und vielseitig die Ausbildung bei der Spitex ist. Und es müssen ausreichend finanzielle Mittel vorhanden sein, damit die Ausbildungslöhne der Spitex den­jenigen der Spitäler entsprechen», fordert sie. Auch die Berufsmatur für FaGe-Lernende sollte bei der Spitex häufiger ermöglicht werden, da dies vielen jungen Menschen mit gutem Schulabschluss ­wichtig ist. Schliesslich könne die Spitex versuchen, die Rekrutierung von Männern zu verbessern: Gemäss dem Bundesamt für Statistik (BFS) befanden sich 2022 rund 13 500 Personen in der Grundbildung im Bereich Krankenpflege und Geburtshilfe – nur 15 Prozent davon waren Männer.
  • Ambulantisierung: Weil sich die Gesundheitsleistungen zunehmend von stationär nach ambulant verlagern, muss die Pflegeausbildung laut «Abschlüsse in Pflege» stärker das ambulante Setting berücksichtigen. «Bisher ist die schulische Ausbildung stark auf die pflegerisch-fachliche Perspektive des stationären Bereichs fokussiert», sagt Tamara Renner. «Gerade bei der Spitex brauchen wir aber auch Mitarbeitende, die offen sind für die Vielfältigkeit des Menschseins. Ich wünschte, dies würde stärker in die Ausbildung aufgenommen – ebenso Themen wie Potenzialentfaltung, systemisches Arbeiten, Betreuung, betriebswirtschaftliches Know-how und Alltagskoordination.»
  • Integrierte Ausbildung: In verschiedenen Berichten wie dem nationalen Versorgungsbericht 2021 4 wird klargestellt, dass die Zukunft den interprofessionellen Ausbildungsangeboten gehört. Dies, weil die integrierte Versorgung immer mehr an Bedeutung gewinnt. «Integrierte Ansätze in der Ausbildung müssten darum stärker gefördert und besser finanziert werden», sagt Tamara Renner. 
  • Träge Revisionen: «Revisionen in der Ausbildung dauern bis zu sieben Jahre und damit
    sehr lange. Aktuell gilt dies für die laufende FaGe-Revision», kritisiert Franziska Adam. Weil sich der Pflegealltag sehr schnell entwickelt, plädiert sie nicht nur für schnellere Revisionen – auch  gezielte Weiterbildungen seien zentral, damit die Spitex den schnell wechselnden Ansprüchen im Gesundheitswesen gerecht werden kann. 
  • Herausfordernde Finanzierung: Im Bericht «Umsetzung Pflegeinitiative: Bestandesaufnahme Rechtsetzung Kantone» 5 wird die teilweise mangelhafte Finanzierung der Pflegeausbildung kritisiert.
    Ein zentrales Problem sei der hohe Lohnverlust für FaGe, die eine HF-Ausbildung angehen. Eine Verbesserung der Situation verspricht die derzeit ­anlaufende 1. Etappe der Umsetzung der Pflegeinitiative 6. «Im Kanton Luzern wurden die Löhne für
    die Tertiärausbildung bereits angehoben, was eine Erleichterung ist», sagt Tamara Renner. «Die Aus­bildung kostet die Betriebe aber im Allgemeinen sehr viel, zum Beispiel in Bezug auf die Begleitung der Auszubildenden und die Sicherstellung einer hohen Ausbildungsqualität. Für diese Aufwände muss die Spitex ebenfalls angemessen entschädigt werden.»
  • Steigender Bedarf nach Ausbildung: Trends wie die Alterung der Gesellschaft und die Ambulantisierung führen zu einem steigenden Fachkräftebedarf in
    der Pflege zu Hause. Laut dem Schweizerischen Gesundheitsobservatorium (Obsan) könnte die Spitex bis ins Jahr 2030 über 12 000 zusätzliche Mitarbeitende benötigen 7. «Die Spitex hat ihre Ausbildungs­tätigkeit in den letzten Jahren stark gesteigert und aktuell sorgt die Umsetzung der Pflegeinitiative
    für eine Ausbildungsoffensive», sagt Franziska Adam. «Für die Deckung des Fachkräftebedarfs braucht
    es aber weitere Massnahmen wie eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen.»

Mancherorts setzt die Spitex keine Pflegehelfenden in der Grundpflege und Betreuung ein, andernorts durchaus; und in manchen Organisationen und Verbänden wird sogar die Forderung laut, dass Pflegehelfende künftig auch Medikamente abgeben und Vitalzeichen messen dürfen. «Für mich ist ganz klar, dass wir Pflegehelfende beschäftigen müssen und sollen», betont Tamara Renner. «Auch bin ich überzeugt, dass Pflegehelfende durch eine gute Schulung und Begleitung sehr gut in zusätzlichen Kompetenzen befähigt werden können. Bei Bedarf können sie zudem –nicht anders als in der statio­nären Pflege – jederzeit eine FaGe oder Pflegefachperson zu Hilfe holen. Ich traue sehr vielen Pflegehelfenden zu, dass sie abschätzen können, wann dies nötig ist.»

Ich plädiere dafür, dass die Pflege davon wegkommt, dass ‹nur› ein Diplom für die Übernahme von Aufgaben und Verantwortung
massgebend ist – erst recht in
Anbetracht des Fachkräftemangels.

Tamara Renner

Co-Geschäftsleiterin Spitex Stadt Luzern

Auch Franziska Adam ist überzeugt, dass Pflegehelfende im Spitex-Setting wichtig sind. «Zu beachten ist dabei aber, dass Pflegehelfende keine formale Ausbildung absolviert haben, sondern nur einen Kurs mit 120 Lernstunden und ein zweiwöchiges Praktikum», sagt sie. Spitex Schweiz hält eine Kompetenzerweiterung für Pflegehelfende unter folgenden Bedingungen für möglich: Die entsprechende Weiterbildung, die für die ­Erweiterung nötig ist, muss klar definiert sein. Und die Grundlagen müssen geschaffen werden, damit diese Leistungen auch abgerechnet werden dürfen. «Das bedeutet aber nicht, dass Pflegehelfende ihre Kompetenzen bis dahin nicht erweitern können. Denn möglich macht dies bereits heute die FaGe-Lehre auf dem zweiten Bildungsweg, sei es die dreijährige – oder die verkürzte zweijährige, sofern diese von den jeweiligen Bildungsanbietern angeboten wird», fügt sie an. «Die Spitex-Organisationen sollten den Einstieg in das formale Bildungssystem der Pflege fördern und ihre Pflegehelfenden darum dazu motivieren, die FaGe-Ausbildung in Angriff zu nehmen.»

Wie OdASanté die Pflege pflegt
OdASanté, die nationale Dachorganisation der Arbeitswelt Gesundheit, ist gemeinsam mit dem Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) für die Rahmenbedingungen der Pflegeausbildung verantwortlich. Ihr Engagement in diesem Bereich beschreibt OdASanté wie folgt:
«Das Bestreben von OdASanté ist die Versorgung der Branche mit genügend Fachkräften. Das ­Engagement unseres Branchenverbandes soll der Berufsbildung im Gesundheitswesen eine Stimme geben, ihr zu mehr Sichtbarkeit verhelfen, gute Rahmenbedingungen für sie schaffen und aktuelle Ausbildungsgrundlagen bereitstellen. Zugunsten der Pflege ist dieses Engagement auf mehreren Ebenen vielfältig: Einerseits beteiligt sich OdASanté an nationalen Kampagnen und Initiativen wie der Kampagne für die Langzeitpflege mit ARTISET und Spitex Schweiz (langzeit-pflege.ch). Andererseits hebt sie durch ihre Marke ­gesundheitsberufe.ch die verschiedenen Gesundheitsberufe hervor. Diese Plattform dient als Schaufenster und erster Anlaufpunkt für Jugendliche im Berufswahlalter sowie für potenzielle Quereinsteigende. Ein weiteres Schau­fenster bietet OdASanté den Fachpersonen Gesundheit (FaGe), indem sie alle zwei Jahre Berufsmeisterschaften im Rahmen der SwissSkills organisiert. 
OdASanté spielt auch eine aktive Rolle bei der Erarbeitung und Revision von Bildungserlassen. Damit stellt sie sicher, dass die Pflegeausbildung dem Bedarf der Branche entspricht und den neuesten Erkenntnissen folgt. In diesen Prozess werden Partnerinnen und Partner aus den verschiedenen Versorgungsbereichen ­eingebunden, damit ein gemeinsames Commitment gewährleistet ist. Durch das Projekt ­«Abschlüsse in Pflege» engagiert sich OdASanté für die Weiterentwicklung der Pflegeberufe und deren Abstimmung untereinander. Nicht zuletzt gilt das Augenmerk dabei der Implementierung von neuen Berufsprüfungen und Höheren Fachprüfungen (HFP), darunter die HFP in Onkologiepflege oder Diabetesfachberatung. Diese Spezialisierungen ermöglichen es Pflegefachpersonen, den vielfältigen und spezifischen Anforderungen jederzeit gewachsen zu bleiben und in ihrem Betrieb spezialisierte Aufgaben zu übernehmen.»

→ www.odasante.ch 

  1. www.odasante.ch/projekte/#abschluesse-in-pflege ↩︎
  2. www.odasante.ch/aktuell/totalrevision-der-bildungserlasse-fage-­
    lanciert
    ↩︎
  3. Eichner, M. et al. 2022: «Zukünftig erforderte Kompetenzen in der Langzeitpflege auf Tertiärstufe». Schlussbericht zuhanden des Bundesamts für Gesundheit (BAG), verfügbar unter www.bag.admin.ch. ↩︎
  4. Merçay, C., Grünig, A. & Dolder, P. (2021). Gesundheitspersonal
    in der Schweiz – Nationaler Versorgungsbericht 2021. Bestand,
    Bedarf, Angebot und Massnahmen zur Personalsicherung.
    ↩︎
  5. Stosic, N., Sottas, B. 2022: «Umsetzung Pflegeinitiative: Bestandesaufnahme Rechtsetzung Kantone. Schlussbericht». ↩︎
  6. Die beginnende 1. Etappe der Umsetzung der Pflegeinitiative umfasst eine Ausbildungsoffensive, die durch Massnahmen wie die Gewährleistung des Lebensunterhalts von Auszubildenden HF/FH und die Steigerung der Abschlüsse auf Tertiärstufe erreicht werden soll. Im Fokus der 2. Etappe werden Themen wie Arbeitsbedingungen, berufliche Entwicklung und Abgeltung der Pflegeleistungen stehen. ↩︎
  7. www.obsan.admin.ch/de/gesundheitsthemen/gesundheitsfachkraefte/pflegepersonal ↩︎

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