Sarah Birolini will in Krisen Köpfe kennen
Sarah Birolini ist diplomierte Pflegefachfrau und Offizierin der Schweizer Armee. Die Teamleiterin bei der Spitex Knonaueramt (ZH) besucht derzeit den Zertifikatslehrgang «Disaster Nursing» am Berner Bildungszentrum (BZ) Pflege. Mit ihrem Wissen will sie während Katastrophen ihren Teil dazu beitragen, dass Menschen und Systeme handlungsfähig bleiben.
EVA ZWAHLEN. Im Falle von Pandemien, Naturkatastrophen, im Kriegsfall oder bei einem Massenanfall von Verletzten (MANV) können sie in der Pflege – auch bei der Spitex – eine tragende Rolle übernehmen: Die Rede ist von sogenannten «Disaster Nurses», von Pflegefachpersonen also, die über besondere Kernkompetenzen der Katastrophenpflege verfügen.

Vertrauensaufbau muss vor der Krise passieren
Wer sich für das Thema interessiert, kann beim Berner Bildungszentrum (BZ) Pflege den Zertifikatslehrgang «Disaster Nursing» besuchen1. Seit seiner Lancierung 2013 wurde der Lehrgang achtmal durchgeführt. Laut Fabienne Treichel, Angebotsverantwortliche Zertifikatslehrgang Disaster Nursing beim BZ Pflege (siehe auch den Beitrag im Spitex Magazin 4/20232), sei die Nachfrage danach gross. «100 Teilnehmende haben ihn seit dem Start insgesamt besucht», sagt die dipl. Expertin Anästhesiepflege NDS HF und Rettungssanitäterin. Die Klassen seien heterogen zusammengesetzt: «In jedem Lehrgang haben wir Teilnehmende, die auf Intensiv- und Notfallstationen, in Justizvollzuganstalten, Asylunterkünften, Langzeitinstitutionen, der ambulanten Psychiatrie oder Rettungsdiensten arbeiten.» Pro Kurs nähmen im Schnitt 14 Personen teil, davon seien bis zu drei Teilnehmende Spitex-Mitarbeitende. Eine davon ist Sarah Birolini, diplomierte Pflegefachfrau und Teamleiterin bei der Spitex Knonaueramt (ZH). «Mich interessiert die Frage, was es braucht, damit Menschen und Systeme in extremen Situationen handlungsfähig bleiben – wie man also strukturierte Planung in echte Handlungskompetenz übersetzt, wenn der Ernstfall eintritt», beschreibt die 42-Jährige ihr Interesse am Krisen- und Katastrophenmanagement. Leitend sei für sie dabei das Motto «in Krisen Köpfe kennen»: «Wenn eine Katastrophe eintritt, bleibt keine Zeit für Vertrauensaufbau oder das Abklären von Zuständigkeiten. All das muss vorher geschehen», betont die Pflegefachfrau.
Die Disaster Nurse bringt in der Spitex einen konkreten Mehrwert, indem sie Konzepte für ausserordentliche Lagen entwickelt und Mitarbeitende schult.
Sarah Birolini
Pflegefachfrau und Teamleiterin Spitex Knonaueramt sowie angehende Disaster Nurse
Unverzichtbarer Teil der Kantonalen und Regionalen Führungsorgane
Für ihre anspruchsvolle künftige Aufgabe bringt die angehende Disaster Nurse für die Spitex aussergewöhnliche und gleichzeitig hilfreiche Kompetenzen mit: Sarah Birolini ist Major der Schweizer Armee (Chefin Pflege) im Spitalbataillon 5 und kennt sich damit gewissermassen mit Ausnahmezuständen aus. Sie sieht einen klaren Mehrwert von Disaster Nurses für ihre eigene Spitex, in der Unterstützung anderer Spitex-Organisationen und im Rahmen von Kantonalen und Regionalen Führungsorganen (KFO respektive RFO): «Disaster Nurses entwickeln und aktualisieren in der Organisation Konzepte für ausserordentliche Lagen, etwa Hitzewellen oder Hochwasser. Auch die Betreuung und Pflege von Betroffenen in Notunterkünften als Folge davon gehört dazu.» Andere Spitex-Organisationen könnten von Schulungen, Risikoanalysen und der Abschätzung von Gefährdungslagen durch eine externe Disaster Nurse profitieren, führt die Teamleiterin weiter aus. Und schliesslich sei die Disaster Nurse in KFO und RFO sowie im Bevölkerungsschutz als Verbindungsperson unverzichtbar. «Wir erwerben im Zertifikatslehrgang methodische Werkzeuge und lernen etwa, wie ein Schadensplatz organisiert ist. Damit wird das Gebiet um ein Objekt bezeichnet, das von einem Ereignis betroffen ist. Diese Kenntnisse ermöglichen es, die Perspektive der ambulanten Pflege und die Bedürfnisse vulnerabler Menschen zu Hause in die Lagebeurteilung und Massnahmenplanung des Führungsstabes einzubringen.» Ebenso elementar seien gemeinsame Übungen mit dem KFO oder RFO, dem regionalen Spital und weiteren Akteuren, etwa dem Zivilschutz oder Kantonsärztinnen und -ärzten oder Bezirksärztinnen und Bezirksärzten. «Nur wer die anderen Akteure kennt und gemeinsam geübt hat, kann im Ernstfall rasch und koordiniert handeln», ist Sarah Birolini überzeugt.

Unter Druck Entscheidungen treffen
Mit ihrem Hintergrund als Pflegefachfrau und Major sieht Sarah Birolini ihren Platz dort, wo sowohl Führung und Koordination als auch direkte Versorgung gefragt sind: «Als Offizierin bin ich es gewohnt, unter Druck Entscheidungen zu treffen, Lagen zu beurteilen und Ressourcen gezielt einzusetzen. Ich kenne den Wert von klaren Strukturen und eindeutigen Zuständigkeiten. Als Pflegefachfrau weiss ich gleichzeitig, was es bedeutet, wenn ein Mensch zu Hause auf seine Medikamente oder seine Wundversorgung angewiesen ist.» Sie spreche die Sprache der Führungsstäbe und stelle gleichzeitig sicher, dass die Bedürfnisse der Menschen zu Hause nicht vergessen gehen. «Innerhalb der Spitex übernehme ich Verantwortung für die Führung des Teams und die Sicherstellung der Versorgungskontinuität», sagt sie abschliessend «und nach aussen bin ich die Stimme der ambulanten Pflege gegenüber RFO, Spital und Bevölkerungsschutz.»
Gesucht wird: Erfahrungsaustausch unter Gleichgesinnten
Sarah Birolini ist daran interessiert, einen Erfahrungsaustausch zum Thema «Katastrophenpflege» aller Disaster Nurses und für Krisen zuständigen Personen in der Spitex zu lancieren: sarah.birolini@spitexka.ch
- Das BZ Pflege ist laut www.medi-karriere.ch derzeit die einzige Schweizer Bildungsinstitution, die eine solche Weiterbildung anbietet. ↩︎
- www.spitexmagazin.ch/artikel/die-spitex-wuerde-auch-im-katastrophenfall-gebraucht/ ↩︎