Die Spitex würde auch im Katastrophenfall gebraucht

Ein schweres Hochwasser oder Erdbeben oder ein längerer Stromausfall haben eines gemeinsam: Die vulnerable Bevölkerung müsste in Schutzunterkünften betreut werden. Der Spitex als Profi in der ambulanten Versorgung käme dabei eine Schlüssel­rolle zu. Mitarbeitende mit Pflegeausbildung können sich mit dem Zertifikatslehrgang «Disaster Nursing» auf dieses Szenario vorbereiten.

Im Katastrophenfall braucht die Bevölkerung auch in Notunterkünften ambulante somatische und psychiatrische Pflege. Themenbild: istock

KARIN MEIER. Als im Juni 2021 das Ahrtal in Deutschland von einer Flutwelle überschwemmt wurde, gingen die Bilder der Such- und Rettungsaktionen um die Welt. Nach der Bergung der Toten und der Betreuung der Verletzten konzentrierten sich die News-Redaktionen schnell auf andere Themen. Für die betroffene Bevölkerung war jedoch noch längst keine Normalität eingekehrt. Viele Wohngebäude waren nicht mehr sicher, und es fehlte an Wasser und Strom. Zahlreiche Menschen lebten vorübergehend in Containerdörfern. Es waren Menschen, wie es sie überall gibt: Einige waren schwanger und brachten Kinder zur Welt, andere lebten mit Diabetes, benötigten Sauerstoff, hatten Alzheimer oder eine andere chronische Erkrankung, und wieder andere waren psychisch beeinträchtigt. Sie alle benötigten eine ambulante pflegerische Betreuung. 

In der Schweiz sind ähnliche Szenarien denkbar. Auch hier können zum Beispiel eine Naturkatastrophe oder ein grossflächiger Stromausfall schwerwiegende Folgen haben. In einem solchen Fall müsste nicht nur die Erstversorgung der Verletzten übernommen werden, sondern auch die bereits bestehende ambulante Grundversorgung weitergeführt werden. Im Katastrophenfall besonders auf Betreuung angewiesen ist die vulnerable Bevölkerung. Dazu zählen Menschen über 65, Menschen mit einer chronischen Erkrankung, Kinder und Schwangere. «Je nach Situation würde die Bevölkerung in mit Notstrom versorgten Turnhallen, Mehrzweckgebäuden und anderen Schutzunterkünften zusammengeführt und betreut werden. Für die Betreuung der vulnerablen Bevölkerungsgruppe am besten qualifiziert sind Spitex-Mitarbeitende. Denn erstens sind sie Expertinnen und Experten in der ambulanten Versorgung, und zweitens zählt zumindest ein Teil der vulnerablen Bevölkerung bereits zu ihren Klientinnen und Klienten. Deshalb könnten sie zum Beispiel die Sicherheit und Pflege von Menschen mit Demenz oder einer chronischen Erkrankung gewährleisten», sagt die dipl. Expertin Anästhesiepflege NDS HF und Rettungssanitäterin Fabienne Treichel. Sie arbeitet in der Weiterbildung beim Berner Bildungszentrum Pflege und ist Angebotsverantwortliche für den Zertifikatslehrgang «Disaster Nursing». 

Katastrophenvorbereitung in Theorie und Praxis 
Der Lehrgang besteht seit 2012 und wird nach der Pandemie neu lanciert. Er bereitet dipl. Pflegefachpersonen HF/FH, dipl. Expertinnen und Experten NDS HF Anästhesiepflege, Intensivpflege und Notfallpflege, Hebammen FH sowie dipl. Rettungssanitäterinnen und -sanitäter HF darauf vor, in einer grossen Krise adäquat zu reagieren. Während eines halben Jahres treffen sie sich fünfmal von Donnerstag bis Samstag zu einem dreitägigen Unterrichtsblock mit 24 Lektionen. Hinzu kommt ein angeleitetes Selbststudium von insgesamt 50 Lernstunden. 

«Die Teilnehmenden werden von Fachpersonen aus Blaulichtorganisationen und Spitälern, von denen viele bei Auslandeinsätzen an der Front mitgewirkt haben, und von Lehrpersonen des Berner Bildungszentrums Pflege unterrichtet», sagt Fabienne Treichel. Auf dem Stundenplan steht einerseits Theorie: Wie arbeiten die Blaulichtorganisationen, der Zivilschutz und die Spitäler in einem Notfall zusammen? Wie funktioniert das Patientenleitsystem (PLS), mit dem selbst eine grosse Zahl Patientinnen und Patienten eindeutig gekennzeichnet und erfasst werden kann? Nach welchen Beurteilungsprinzipien werden Schwerverletzte und Kinder betreut, und wie erfolgt die Triage der Verletzten, der chronisch Kranken, der Schwangeren und weiterer Gruppen? Wie werden die Massnahmen korrekt protokolliert? 

Die Kommunikation mit den anderen Akteuren wie auch mit der Bevölkerung ist ebenfalls Teil der Ausbildung. Damit sollen tragische Vorfälle wie jener beim Hochwasser der Ahr vermieden werden: Als die Flut kam, ertranken in einem Heim zwölf Menschen mit Behinderung, weil sie im Erdgeschoss geblieben waren. Daneben wird der Katastrophenfall auch ganz praktisch geübt: Die Teilnehmenden lernen zum Beispiel, wie ein Funkgerät benutzt wird und wie man die verschiedenen Schutzanzüge richtig an- und auszieht. 

Disaster Nurses sind darin ausgebildet, ihre Organisation für ein Grossereignis fit zu machen und zu halten.

Fabienne Treichel

Angebotsverantwortliche Lehrgang «Disaster Nursing»

Betriebsverantwortliche für ein Grossereignis 
Fabienne Treichel sieht in den tertiär ausgebildeten Mitarbeitenden der Spitex eine wichtige Zielgruppe für den Lehrgang. Für die Sicherstellung der ambulanten Grundversorgung könnten sie auch ausserhalb ihrer Region arbeiten: Ein mögliches Einsatzgebiet sei die Unterstützung anderer Spitex-Organisationen, falls sich in deren Gebiet ein Katastrophenfall ereigne. Sie erhofft sich, dass ausgebildete Disaster Nurses von ihrer Spitex-Organisation dafür freigestellt würden. Weitere Aufgaben bestehen in der Vorbereitung auf einen Katastrophenfall und interner Schulung: «Disaster Nurses sind darin ausgebildet, ihre Organisation für ein Grossereignis fit zu machen und zu halten: Sie aktualisieren die Notfallpläne samt Kontaktdaten, definieren Aufgaben und Zuständigkeiten für den Katastrophenfall und sorgen für Reserven bei Pflegematerialien und medizinischen Produkten, sei es an der Basis oder bei ihren Klientinnen und Klienten. Damit stärken sie die Resilienz ihres Betriebs wie auch ihrer Klientinnen und Klienten und deren Angehörigen», sagt Fabienne Treichel. Als Betriebsverantwortliche für ein Grossereignis seien sie überdies für die interne Weiterbildung ihrer Kolleginnen und Kollegen zuständig. Fabienne Treichel sieht hier auch den Dachverband Spitex Schweiz in der Pflicht, seine Mitglieder mit Empfehlungen und Schulungen zu unterstützen.

Der nächste Zertifikatslehrgang «Disaster Nursing» wird im Frühling 2024 durchgeführt. Die Teilnahme kostet 5200 Franken. Mehr Informationen gibt es unter www.bzpflege.ch oder direkt bei Fabienne Treichel: fabienne.treichel@bzpflege.ch, 031 630 16 48.

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