«Ich habe viel von den Pflegefachfrauen in Süd-Kivu gelernt»
Véronique Oberli-Monnier, Pflegefachfrau bei der Neuenburger Spitex NOMAD, engagiert sich seit über 20 Jahren in der Demokratischen Republik Kongo. Mit ihrer NGO «Un seul but» (auf Deutsch: «Ein einziges Ziel») behandelt sie komplexe Wunden, schickt Material in die Region Süd-Kivu und lässt sich auch von bewaffneten Soldaten nicht aufhalten. Gegenüber dem Spitex Magazin berichtet sie von ihrem Engagement.
RÉMI ALT. Sie beschreibt sich selbst als «alte Pflegefachfrau». Mit ihren 36 Jahren Berufserfahrung hat Véronique Oberli-Monnier in der Tat schon so einiges erlebt. Unkompliziert und mit einem breiten Lächeln empfängt sie das «Spitex Magazin» in den Räumlichkeiten der Neuenburger Spitex NOMAD, für welche die Pflegefachfrau seit 17 Jahren arbeitet.

Ihre ersten Berufsjahre verbrachte die Neuenburgerin in den 1990er-Jahren in Nottwil (LU), wo sie mit querschnittgelähmten Menschen arbeitete. «Mein Beruf ist eine Lebensentscheidung», sagt sie – und ihr unermüdliches Engagement mit 57 Jahren zeigt, dass sie diese Entscheidung nie bereut hat. Dabei schien zunächst nur wenig darauf hinzudeuten, dass sie eine solche Laufbahn in der ambulanten Pflege einschlagen würde. «Zu Beginn hatte ich Angst, dass der Beruf nicht herausfordernd genug sein könnte. Etwa 15 Jahre später muss ich aber klarstellen: Kein Tag gleicht dem anderen. Die Tage sind manchmal hart, aber es ist eine sehr sinnstiftende Arbeit, mit der man anderen Menschen helfen kann», ergänzt die Pflegefachfrau aus Marin (NE). Dieser soziale Aspekt ihres Berufs bildet das Fundament, auf dem sie ihre langjährige Erfahrung aufgebaut hat. Und selbst in ihrer Freizeit übt sie ihren Beruf, der zugleich ihre Leidenschaft ist, weiter aus – über eine Nichtregierungsorganisation (NGO), die sie gemeinsam mit ihrer Familie gegründet hat.
Der Tod wird in Afrika mit einer gewissen Distanz wahrgenommen, er gehört zum Leben dazu.
Véronique Oberli-Monnier
Pflegefachfrau bei NOMAD und Gründerin des Vereins «Un seul but»
Ein Sonnenstrahl im Kongo
Seit über 20 Jahren engagiert sich Véronique Oberli-Monnier ehrenamtlich im humanitären Bereich. «Mein Kindheitstraum war es, als Pflegefachfrau in Afrika tätig zu sein. Dafür brauchte es allerdings eine Zusatzausbildung. Deshalb stellte ich diese Berufung vorerst zurück und widmete mich dem Familienleben», erzählt die Mutter von drei Kindern. Den Ausschlag für die NGO gab schliesslich ein Comic über die Genozide in Burundi. «Wir wurden uns bewusst, wie viel Glück wir und unsere Kinder haben und entdeckten gleichzeitig diese andere Realität, die uns bis dahin unbekannt war», berichtet sie. Nach einem Gespräch mit der Autorin des besagten Buches beschloss die Familie 2007, eine humanitäre NGO zu gründen: «Un Seul But» («Ein einziges Ziel») war geboren.
Sport wurde dabei zum Katalysator: «Er kann dabei helfen, die eigene Widerstandskraft nach den Erlebnissen während des Genozids zu stärken», erklärt sie. So brachte die Neuenburger Familie Gesundheits-, Bildungs- und Freizeitmaterial zunächst nach Burundi und später in den Kongo. Zwischen 2014 und 2025 wurden so fast 198 000 Kilogramm Material verschickt. Die Mutter – und Präsidentin der NGO – unternahm 2013 ihre erste Mission in die Demokratische Republik Kongo (DRK) und knüpfte dabei enge Beziehungen zu den Menschen vor Ort. Im Laufe der Jahre engagiert sich die Familie hauptsächlich in der Region Süd-Kivu in der DRK und in den drei Bereichen Gesundheit, Sport und Bildung.
Der ständige Schatten des Krieges
Der Krieg in der Region Süd-Kivu führte zu hohen Lieferkosten sowie zu Schwierigkeiten beim Materialtransport. Die Familie beschloss deshalb, keine Materialcontainer mehr zu verschicken. Seit einigen Jahren reist Véronique Oberli-Monnier daher allein in die DRK und konzentriert sich vor allem auf das Gesundheitswesen. «Ich verfolge einen ganzheitlichen Ansatz und beziehe auch das Umfeld der verletzten Person mit ein», erläutert die Pflegefachfrau. Gleichzeitig betont sie: «Es geht auch darum, die lokalen Sitten und Gebräuche zu respektieren: Wunden, insbesondere Verbrennungen, kommen oft vor, und es ist nach wie vor üblich, zuerst eine traditionelle Heilerin oder einen traditionellen Arzt aufzusuchen, bevor man eine medizinische Fachperson konsultiert.» Daher sei es entscheidend, am Alltag der einheimischen Bevölkerung teilzuhaben, «um zu verstehen, wie man wirksam handeln kann».
Weiter lege die Familie Wert darauf, Projekte vor Ort zu entwickeln. «Wir arbeiten viel mit lokalen Partnerorganisationen im Gesundheits- und Bildungsbereich zusammen, etwa im Rahmen von Ernährungsprojekten. Wir sind eine kleine Organisation, aber wir bieten Hilfe in Echtzeit.» In den vergangenen 13 Jahren konnte die Mittfünfzigerin jeweils einen Monat pro Jahr in die DRK reisen; ihre Arbeitgeberin zeigt sich gegenüber ihrem Engagement flexibel und verständnisvoll. Trotz des Krieges, der im Laufe des Jahres 2025 wieder aufflammte, konnte sie im März 2026 erneut dorthin reisen, um ihre Arbeit fortzusetzen. Véronique Oberli-Monnier erzählt in einem ernsten Ton: «Ich stand bewaffneten Truppen gegenüber und sah den Krieg. Die Situation ist in meinen Augen eine humanitäre Verleugnung, lebensrettende Hilfslieferungen erreichen die Zivilbevölkerung in Krisengebieten oft nicht. Diese Menschen sind traumatisiert.»
Auch die lokale Gesundheitsbranche leidet unter den Folgen des Krieges. «Menschen, die in Armut leben, haben keinen Zugang zur Gesundheitsversorgung – und das betrifft die Mehrheit der Bevölkerung in Süd-Kivu», warnt die Präsidentin von «Un seul but». Hier soll ihr Engagement ansetzen: «Ich erinnere mich an den Fall eines Vaters, der auf der Strasse schwer verletzt wurde. Er musste in seiner Hütte das Bett hüten und war bewegungsunfähig, was sich unmittelbar auf seine Familie auswirkte, die nun über keinerlei Einkommen mehr verfügte.» Der Verein konnte ihn behandeln und ihm einen Rollstuhl zur Verfügung stellen. Inzwischen kann der Familienvater wieder gehen und sogar arbeiten. «Wir wollen diesen Menschen ihre Würde zurückgeben», betont die Pflegefachfrau. «Und wir fördern einen direkten und umfassenden Ansatz, damit Familien wie diese wieder Hoffnung schöpfen können.»
Von einer Welt in die andere
Nach der Rückkehr in die Schweiz folgt in der Regel die Ernüchterung. «Ich wechsle von einer Realität in eine andere, und leider verschliessen viele die Augen vor diesen Ungerechtigkeiten», sagt Véronique Oberli-Monnier. und berichtet, dass die Einwohnerinnen und Einwohner der DRK mit Krankheiten konfrontiert sind, an die man in Europa kaum noch denkt, etwa mit Tuberkulose oder Lepra. So müssen die Pflegefachfrauen in Süd-Kivu äusserst vielseitig sein und – ob sie wollen oder nicht – Verantwortung übernehmen. «Ich habe viel von diesen Frauen gelernt», sagt sie.
Nach jeder humanitären Reise kehrt die Neuenburgerin mit noch mehr Erfahrungen zurück. Durch die stetige und ständige Konfrontation mit dem Tod habe sie gelernt, diesen anders zu begreifen. «In Afrika ist der Tod ein Prozess, den man begleitet», erklärt sie. «Er wird mit einer gewissen Distanz wahrgenommen. Man akzeptiert, dass er zum Leben dazugehört.»
Diese Perspektive versuche sie auch in ihrem Berufsalltag bei der Spitex einzunehmen: «Wenn man ein würdevolles Lebensende ermöglichen kann, kann das beruhigend wirken.» Dennoch seien solche Begleitungen nicht immer einfach auszuhalten – besonders wenn sie direkt zu Hause bei der sterbenden Person stattfinden. «Wenn man zu Hause pflegt, hat man keine Berufskleidung, die einen schützt», sagt die Pflegefachfrau. Die Bindung und der Kontakt zu den pflegenden Angehörigen würden enger. «Da war dieser Mann mit Krebs im Endstadium, dessen Frau sich enorm schuldig fühlte. Zuzuhören ist dann zentral, und wir müssen diese Menschen in Not rasch an passende Hilfsangebote weiterleiten können.»
Menschen in solchen Lebensphasen zu begleiten, könne aufgrund der emotionalen Belastung sehr vereinnahmend sein. Die Arbeitsbelastung sei hoch, und die Möglichkeiten, sich mit Gesundheitspersonen auszutauschen, sich abzustimmen oder autonom zu entscheiden, seien oft limitiert. Die Spitex-Mitarbeiterin befürchtet daher, dass sich das Pflegepersonal durch solche Situationen erschöpft. «Vereinfachte Abläufe und Prozesse, die für die Pflegefachpersonen auch mit mehr Kompetenzen und Handlungsspielräumen verbunden sind, wären wichtig», hält sie fest. «Die Verantwortung liegt bei uns, junge Berufsleute zu unterstützen – sie sind es, die uns dereinst pflegen werden.»
Der Ruhestand zeichnet sich zwar langsam am Horizont ab, aber Véronique Oberli-Monnier will sich immer noch weiterbilden. In den Räumlichkeiten von Nomad wacht eine kleine Figur aus Bananenblättern, die sie von einer Reise nach Afrika mitgebracht hat, über sie. «Dieses Geschenk habe ich von einem Kunsthandwerker aus Süd-Kivu erhalten. Es bedeutet mir viel», erklärt sie. Die Figur zeigt eine Frau, welche die Wunden eines Kindes versorgt – Auge in Auge, miteinander durch ein Band verbunden. Die Gräueltaten des Krieges, die Tuberkulose- und Lepra-Epidemien in kongolesischen Gefängnissen, die plötzliche Konfrontation mit dem Tod: Diese Figur erinnert sie an die Gründe, wieso sie all dies im Rahmen ihres Engagements auf sich nimmt. «Wenn man einmal mit dieser Realität konfrontiert war, denkt man anders darüber», sagt sie.
