«Gehen wir EFAS konstruktiv an, kann die Spitex gestärkt daraus hervorgehen»

Die einheitliche Finanzierung der Leistungen, EFAS, wird die Finanzierung der Spitex ab 2032 grundlegend verändern. Thibault Castioni, Vizepräsident von Spitex Schweiz und Präsident der Steuergruppe EFAS des Dachverbands, erläutert, was Spitex Schweiz in Bezug auf die bedeutende Reform leistet. Zudem spricht er über die zentralen Herausforderungen für Spitex-Organisationen – und über die Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, damit sich die Spitex-Branche bestmöglich auf die Umsetzung von EFAS vorbereiten kann.

INTERVIEW: FLORA GUÉRY

SPITEX MAGAZIN: Herr Castioni, als Vizepräsident von Spitex Schweiz, Präsident der Steuergruppe EFAS des Dachverbands sowie stellvertretender Generaldirektor der Waadtländer Spitex AVASAD haben Sie auf verschiedenen Ebenen einen guten Überblick über die künftige neue Finanzierungslogik der Pflege. Können Sie uns einleitend erklären, weshalb diese Reform so wichtig ist?
THIBAULT CASTIONI: Die einheitliche Finanzierung der Leistungen, also EFAS1, beendet die unterschiedliche Finanzierung ambulanter und stationärer Leistungen. Das bedeutet einen vollständigen Systemwechsel in der Finanzierungslogik der Pflege, auch für die Spitex. Für Spitex-Organisationen mit Leistungsauftrag ist die Tragweite erheblich. Bislang verhandelten sie mit ihrem Kanton oder ihrer Gemeinde über die Restfinanzierung, welche ihr das Erfüllen ihres Versorgungsauftrags ermöglicht. Ab 2032 wird hingegen ein deutlich grösserer Teil der Finanzierung über Tarife laufen, die mit den Versicherern ausgehandelt werden, womit deren Rolle enorm gestärkt wird. EFAS eröffnet neue Perspektiven, birgt aber auch erhebliche finanzielle Risiken. Wenn wir diese Reform konstruktiv angehen, kann die Spitex gestärkt daraus hervorgehen. Dafür müssen wir aber bereit sein, das System zu wechseln – und uns bewusst machen, wie hoch die Hürden sind, die wir dafür überwinden müssen.

So werden die Finanzflüsse im Rahmen von EFAS aussehen – für die Pflege ab 2032. Grafik: zvg

Spitex Schweiz will sich aktiv an der Umsetzung von EFAS beteiligen, um für die Interessen der Branche einzustehen und die Mitglieder des Verbands zu vertreten – insbesondere als Tarifpartnerin bei der Erarbeitung der künftigen nationalen Tarifstruktur. Wie gestaltet sich das Engagement des Dachverbands genau?
Auf Bundesebene ist Spitex Schweiz in der Steuergruppe EFAS Pflege vertreten. Der Verband spielt dabei eine zentrale Rolle, weil er dafür sorgt, dass die Gespräche – insbesondere diejenigen mit den Versicherern – im Namen aller Verbandsmitglieder geführt werden. Die Tarifpartnerschaft bringt einen engeren Austausch zwischen Leistungserbringern, Versicherern und Kantonen mit sich, insbesondere im Rahmen der künftigen Tariforganisation. Zur Vorbereitung dieser Gespräche hat Spitex Schweiz eine interne Projektstruktur aufgebaut. Diese umfasst ein Projektteam, eine Steuergruppe sowie die Expertise der Arbeitsgruppen und Fachkommissionen. Die Steuergruppe EFAS, deren Präsident ich bin, vereint Vertreterinnen und Vertreter der Kantonalverbände und Basisorganisationen der Spitex und berücksichtigt die Vielfalt der Fachkompetenzen und Sprachregionen. Unser Ziel ist eine sehr enge Verbindung zur Praxis. Informationen müssen dabei in beide Richtungen fliessen: Einerseits gilt es, die nationalen Entwicklungen in die Regionen zu tragen; andererseits müssen die konkreten Realitäten der Spitex-Organisationen auf nationaler Ebene aufgenommen werden, damit sie in die künftigen Verhandlungen einfliessen.

Wie unterstützt Spitex Schweiz die Spitex-Organisationen in der Übergangsphase zu EFAS?
Geplant sind umfassende Massnahmen für ihre Information, Sensibilisierung und Begleitung. Der Austausch, der mit dem ersten EFAS-Webinar und EFAS-Workshops von Spitex Schweiz begonnen hat, wird weitergeführt und intensiviert, sobald die Diskussionen auf nationaler Ebene stärker ins Detail gehen. Der Verband wird in jeder Phase kommunizieren. Und das Projektteam von Spitex Schweiz steht für Auskünfte zur Verfügung und unterstützt Überlegungen in den verschiedenen Regionen.

EFAS ist eine Reform von grosser Tragweite, deren Umsetzung schrittweise voranschreitet und Zeit benötigt. Wo steht das Projekt heute konkret und was sind kurz gesagt die wichtigsten nächsten Meilensteine?
Der Zielhorizont ist 2032. Das mag noch weit entfernt erscheinen, doch der Zeitplan ist eng. Das Jahr 2026 dient dem Aufbau der verschiedenen Arbeitsstrukturen sowie der Identifikation der anstehenden Aufgaben und erforderlichen Massnahmen. Die Verhandlungen dürften 2027 beginnen. Sie versprechen langwierig und intensiv zu werden. Die Spitex-Branche verfügt über keine Erfahrung mit direkten Tarifverhandlungen mit den Versicherern. Deshalb ist es zentral, dass wir uns schon jetzt darauf vorbereiten.

Sie haben betont, dass EFAS eine neue Finanzierungslogik für die Spitex mit sich bringt und wie jede grosse Reform Chancen und Risiken birgt. Welche haben Sie identifiziert?
Eine der grossen Chancen besteht darin, die Arbeit der Spitex-Organisationen besser zur Geltung zu bringen. Die neuen Finanzierungsflüsse werden sich viel stärker an den erbrachten Leistungen orientieren. Das verpflichtet uns, noch transparenter aufzuzeigen, was wir tun – was ich als positiv empfinde. Das grösste Risiko betrifft die Finanzierung des gesamten Leistungsauftrags. Ein wesentlicher Teil unseres Auftrags als öffentliche Organisation besteht darin, eine flächendeckende Versorgung sowie eine erweiterte, vielleicht sogar umfassende Verfügbarkeit zu gewährleisten. In gewissen Regionen fahren oder gehen Spitex-Mitarbeitende bis zum abgelegensten Weiler, je nach Strassenzustand manchmal mehrere Hundert Meter zu Fuss, um ihre Einsätze im Zuhause der Klientinnen und Klienten zu leisten. Dies hat seinen Preis. Dasselbe gilt, wenn nach einem Spitalaustritt am Wochenende rasch die Versorgung durch die Spitex organisiert werden muss. Allenfalls wird es auch künftig Leistungen geben, die ausserhalb der Tarifstruktur finanziert werden müssen. Wir müssen daher in der Lage sein, unsere sämtlichen Kosten auszuweisen und für die Finanzierung unseres Leistungsauftrags in jedem einzelnen Kanton einzustehen.

Der Zielhorizont ist 2032.
Das mag noch weit entfernt erscheinen, doch der Zeitplan
ist eng.

Thibault Castioni

Vizepräsident von Spitex Schweiz und Präsident der Steuergruppe EFAS des Dachverbands

Sie haben die verschiedenen Massnahmen erwähnt, die Spitex Schweiz im Rahmen der Umsetzung von EFAS ergriffen hat. Was müssen die Kantonalverbände und Basis­organisationen unternehmen, damit die Reform gut umgesetzt werden kann?
Es gibt drei Prioritäten: Die erste ist, dass sich die Verbände und Organisationen mit dem Thema EFAS auseinandersetzen und sich in die Diskussionen einbringen. Die zweite betrifft die Kostenrechnung: Alle Organisationen müssen eine verlässliche und einheitliche Kostenrechnung einführen, insbesondere durch die vollständige Umsetzung des Finanzmanuals von Spitex Schweiz. Die dritte betrifft die Herausforderung der Qualität und Transparenz der Daten – nicht nur der ­Finanzdaten, sondern auch der Daten über unsere Pflegeprozesse. Noch einmal: Wir müssen präzise nachweisen können, was wir tun: den Zeitaufwand für unsere Leistungen, deren Qualität und deren positive Wirkungen für die Bevölkerung. Diese Daten sind von entscheidender Bedeutung und müssen auch zentral zusammengeführt werden. Denn wir brauchen sie als Grundlage für die Tarifverhandlungen.

Die Umsetzung von EFAS beruht also auf zu­verlässigen und vergleichbaren Daten. Verfügen die Spitex-Organisationen heute über die notwendigen Instrumente, um ihre Leistungen angemessen zu dokumentieren?
Die Instrumente sind vorhanden, sie werden aber noch nicht einheitlich genutzt. Seit 2026 ist die Anwendung des Finanzmanuals obligatorisch, um die Erfassung von Leistungen und Kosten zu vereinheitlichen. Allerdings verfügen noch nicht alle Organisationen über denselben Reifegrad in den Bereichen Kostenrechnung und Datenmanagement. Es sind weitere Anpassungen nötig, um mittelfristig eine vollständige Übersicht über unsere Kosten zu erhalten.

Die Umsetzung der Reform dürfte für die Spitex-Organisationen zusätzlichen Arbeitsaufwand bedeuten, insbesondere bei der Erhebung und Verarbeitung von Daten. Werden diese Aufwände anerkannt und finanziert?
Unser Ziel ist es, unnötige neue administrative Belastungen zu vermeiden. Wir wollen uns weitmöglichst auf Daten stützen, die bereits im Arbeitsalltag der Spitex erfasst werden, beispielsweise in den Pflegeplänen oder der Pflegedokumentation. Zudem setzen wir uns dafür ein, dass die für die Leistungserbringung notwendigen Aufwände – etwa Wegzeiten, Ausbildungsverpflichtungen oder bestimmte Anforderungen an die Verfügbarkeit – in die künftigen Tarife integriert werden, also als Kostenfaktoren anerkannt werden.

Auch wenn EFAS für die Spitex auf nationaler, kantonaler und regionaler Ebene viel Arbeit bedeutet – im Zentrum ist und bleibt die Versorgung der Menschen. Darum die Frage zum Schluss: Was wird sich für die Klientinnen und Klienten der Spitex ändern, wenn diese Reform wie geplant umgesetzt wird?
Zuerst einmal ist es wichtig, hier zu beruhigen: EFAS ist in erster Linie eine Reform der Finanzierung der Pflege. Unabhängig von der Ausgestaltung der neuen Finanzierung werden wir die Leistungen weiterhin für die Klientinnen und Klienten erbringen. Die Reform sollte eine stärker an den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtete Versorgung ermöglichen, den Verbleib zu Hause stärken – wenn dieser angemessen ist – und eine bessere Zusammenarbeit zwischen den Akteuren fördern. Längerfristig könnte EFAS auch Innovationen in Bezug auf Pflegepraktiken und Versorgungsmodelle begünstigen. Dies entspricht auch der Zukunftsvision Care@Home 2040 von Spitex Schweiz (vgl. Bericht): Menschen sollen so lange wie möglich zu Hause leben können, mit guter Lebensqualität und einer passenden ­Begleitung. Dafür engagieren sich die rund 70 000 Mitarbeitenden der Spitex-Organisationen jeden Tag in der Praxis – und dafür setzen sich auch die Teams von Spitex Schweiz ein.

Über Thibault Castioni und EFAS

Thibault Castioni wurde im Mai 2025 zum Vorstandsmitglied und Vizepräsidenten von Spitex Schweiz gewählt. Derzeit präsidiert er die Steuergruppe EFAS des Dachverbands. Er verfügt über einen Master in Politikwissenschaften und eine journalistische Ausbildung. Unter anderem war er während knapp zweier Jahre ­Generalsekretär der sozialmedizinischen Zentren (SMZ) des Kantons Waadt, bevor er vor über einem Jahr stellvertretender Generaldirektor der Waadtländer Spitex AVASAD wurde.

EFAS oder die «einheitliche Finanzierung der Leistungen», wie sie vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) bezeichnet wird, wurde am 24. November 2024 im Rahmen einer Änderung des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung (KVG) mit 53,3 Prozent Ja-Stimmen von den Schweizer Stimmberechtigten angenommen. Sie wird häufig als wichtigste Reform des Schweizer Gesundheitssystems seit dem Inkrafttreten des KVG im Jahr 1996 bezeichnet und zielt darauf ab, die Finanzierung ambulanter und stationärer Leistungen zu vereinhei­tlichen, um Fehlanreize auszumerzen und Kosten zu senken. Die Kantone müssen mindes­tens 26,9 Prozent der Kosten der KVG-Leistungen übernehmen, die Versicherer höchstens 73,1 Prozent. Der Bundesrat hat am 1. April 2026 die Vernehmlassung zu den mit EFAS verbundenen Verordnungsänderungen eröffnet. 

Derzeit betreffen die Herausforderungen die kon­kreten Umsetzungsmodalitäten: Tarifierung, Datenanforderungen und Kostenverteilung. Die laufenden Arbeiten zielen darauf ab, die Auswirkungen der Reform auf die Pflege zu analysieren und technisch fundierte Standpunkte zu formulieren. Die Umsetzung von EFAS erfolgt in zwei Etappen: Der erste Teil, welcher der einheitlichen Finanzierung ambulanter und stationärer medizinischer Leistungen gewidmet ist, tritt am 1. Januar 2028 in Kraft. Der zweite Teil, welcher die Finanzierung der Pflege im Heim und zu Hause betrifft, ist für den 1. Januar 2032 vorgesehen.

  1. EFAS steht für «Einheitliche Finanzierung ambulanter und stationärer Leistungen»; der Bund nennt die Reform aktuell «Einheitliche Finanzierung der Leistungen». Zur besseren Lesbarkeit verwenden wir die Abkürzung EFAS. ↩︎

Weitere Artikel

Die Spitex würde auch im Katastrophenfall gebraucht

Ein schweres Hochwasser oder Erdbeben oder ein längerer Stromausfall haben eines gemeinsam: Die vulnerable Bevölkerung müsste in Sc...

Die Spitex baut ihre Psychiatriepflege aus

KATHRIN MORF. Die Spitex leistet immer mehr professionelle Psychiatriepflege. Über die Freuden und Herausforderungen dieser Entwickl...

SPOTnat: Die Spitex leistet gute Arbeit

Die Studie «SPOTnat» zeigt, dass die Spitex eine gute Pflegequalität erbringt. Verbessert werden müssen zum Beispiel die Koordination und die erhaltenen Ressourcen.