Die Ausnahme vom Alltag: fünf Beispiele aus der Praxis 

Fünf Berichte, fünf Auseinandersetzungen mit Ausnahmezuständen: Spitex- Organisationen aus dem Wallis und dem Tessin berichten, wie sie Naturkatastrophen begegnen. In Bern und Genf reflektieren Zivilschützende und Pflegende, wie die Spitex einen Blackout bewältigen kann. Spitex Schweiz rät allen Spitex-Organisationen, für eine allfällige nächste Pandemie bereit zu sein. Und nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana (VS) waren Psychiatriepflegende der Spitex für die Bevölkerung da.

Seit den Murgängen, die 2025 das Dorf Lourtier betroffen haben, entwickelt das SMZ Martigny und Region (VS) ein Krisenmanagement-Konzept zur Sicherstellung der Versorgung. «Wir wollen die wesentlichen Leistungen gewährleisten, ohne unsere Mitarbeitenden zu gefährden», betont Fabien Lottefier, Leiter der Spitex des SMZ.

FLORA GUÉRY. Als im Juni 2025 Murgänge den Zugang zum Dorf Lourtier einschränkten, konnten die Teams des sozialmedizinischen Zentrums (SMZ) Martigny und Region den Grossteil ihrer Einsätze dennoch durchführen. Um die Klientinnen und Klienten zu erreichen, die vom übrigen Tal abgeschnitten und auf dringliche Leistungen angewiesen waren, legten einige Pflegende einen Teil des Weges mit dem Quad oder Geländewagen zurück, jeweils gefahren von einem Mitarbeiter der Feuerwehr der Kaserne von Val de Bagnes (vgl. Bild). Fabien Lottefier, Leiter der Spitex des SMZ, hebt die Solidarität der lokalen Akteure hervor: «Sehr rasch entstand eine spontane Zusammenarbeit zwischen der Gemeinde, der Feuerwehr, der örtlichen Garage und dem SMZ, damit unsere Mitarbeitenden die isolierten Klientinnen und Klienten mit dringlichem Bedarf erreichen konnten.»

Tiffany Degout, Pflegefachfrau beim CMS Martigny und Region, posiert zusammen mit Yves Michellod, Kommandant der Feuerwehr der Kaserne Val de Bagnes. Nach Murgängen 2024 und 2025 brachten Feuerwehrleute die Pflegenden mit Quads und Geländewagen zu ihren isolierten Klientinnen und Klienten. Bild: Thomas Roulin / Alpimages

Massnahmen für eine bessere Vorbereitung
Bei Naturkatastrophen im Wallis wird die Gesamtkoordination durch die kommunalen Führungsstäbe in Zusammenarbeit mit den kantonalen Behörden sichergestellt. Das SMZ Martigny und Region ist in dieses Dispositiv eingebunden. «Bei einem schwerwiegenden Ereignis wird auch ein interner Krisenstab aktiviert. Dieser setzt sich aus Mitgliedern der Geschäftsleitung, Teamverantwortlichen sowie Mitarbeitenden der Supportbereiche zusammen», erläutert Fabien Lottefier. 

In den vergangenen Jahren waren die Teams des SMZ mit mehreren schwerwiegenden Ereignissen konfrontiert: Lawinen im Val Ferret, der Einsturz des Tunnels von La Becque oder Felsstürze, die Salvan und Les Marécottes von der Aussenwelt abschnitten. Das Ziel des SMZ war danach stets dasselbe: Die notwendigen Pflegeleistungen sicherzustellen und gleichzeitig die Sicherheit der Mitarbeitenden zu gewährleisten. Derzeit arbeitet das SMZ gemeinsam mit externen Fachpersonen an einem Krisenmanagement-Konzept zur Sicherstellung der Versorgung. Bereits erstellt wurde eine Liste mit prioritären Klientinnen und Klienten, deren Pflege nicht unterbrochen werden darf. Nun arbeitet das SMZ daran, die in Ausnahmesituationen verfügbaren Partnerinnen und Partner besser zu identifizieren und die regionale Zusammenarbeit zu stärken. Gleichzeitig möchte es Naturgefahren besser voraussehen, um frühzeitig reagieren zu können – und es will seine interne und externe Kommunikation ausbauen. 

Nach den Murgängen haben
unsere Mitarbeitenden es geschafft, die Versorgung zu Hause trotz ausser­gewöhnlicher
Bedingungen sicherzustellen.

Fabien Lottefier

Leiter der Spitex des SMZ Martigny und Region

Hohe Anpassungsfähigkeit der Teams
Bisher konnten die SMZ-Teams auf ihre Kompetenzen, ihre Ortskenntnisse und das lokale Netzwerk zählen, um auf Naturkatastrophen zu reagieren. Dies deckt sich mit Beobachtungen aus dem Forschungsprogramm RISK-S (Systemische und gesellschaftliche Resilienz gegenüber Naturgefahren) der Hochschule HES-SO Valais-Wallis 1, das die Bedeutung lokaler Kenntnisse und enger Beziehungen für die Bewältigung von Ausnahmesituationen hervorhebt. 

Für Fabien Lottefier zeigen die gemachten Erfahrungen die hohe Anpassungsfähigkeit seiner Teams: «Nach den Murgängen gelang es ihnen, ihre Einsatzzeiten, die verfügbaren Transportmittel und die Priorisierung hinsichtlich der Versorgung mit Pflegeprodukten trotz aussergewöhnlicher Bedingungen zu koordinieren», lobt er. Die Arbeit in kleinen, autonomen Teams habe eine hohe organisatorische Flexibilität ermöglicht und dazu beigetragen, den Kontakt zu den Klientinnen und Klienten aufrechtzuerhalten. Fabien Lottefier fasst zusammen: «Selbst in Extremsituationen setzen die Teams der Spitex alles daran, ihre Dienstleistungen sicher aufrechtzuerhalten.»

Nach den katastrophalen Unwettern von 2024 erstellte die Spitex Tre Valli (TI) einen Notfallplan. Geschäftsführerin Annalisa Brignoni berichtet von den Dringlichkeitsstufen, die allen Klientinnen und Klienten zugeteilt wurden – und davon, wie sich die Spitex gegen gesperrte Strassen im Winter rüstet.

ALBA REGUZZI FUOG. Kommt es im Einzugsgebiet der Spitex Tre Valli zu einer Ausnahmesituation, übernimmt die Kantonspolizei Tessin die übergeordnete Koordination. «Wir würden zudem Kontakt mit dem Ambulanzdienst Tre Valli Soccorso aufnehmen, der als Vermittlungsstelle zu den Gesundheitsorganisationen fungiert», erklärt Annalisa Brignoni, Geschäftsführerin der Spitex Tre Valli. Ihre Organisation sei in jüngster Zeit zwar nicht direkt von Ausnahmesituationen betroffen gewesen. «Aufgrund der Ereignisse im Maggiatal und im Misox von 2024 2 haben wir jedoch eine Risikoanalyse in unserem Einsatzgebiet durchgeführt und einen Notfallplan für ausserordentliche Ereignisse erarbeitet.»

Anhand der Tessiner Gefahrenkarte 3 identifizierten sie die Leventina als besonders exponiertes Gebiet für Naturkatastrophen. «Um die Reaktionsfähigkeit vor Ort zu verbessern und die Zugangswege zu berücksichtigen, haben wir die Leventina in verschiedene Unterzonen eingeteilt und jeder Zone dort wohnende Mitarbeitende zugeordnet», erklärt Annalisa Brignoni. Diese Mitarbeitenden können die Spitex-Versorgung in einer Notlage aufrechterhalten – und die Rettungs­organisationen unterstützen sowie Betroffene versorgen. Hierfür wurden sie mit Rucksäcken ausgestattet, die Infusionsmaterial, Verbandsmaterial und Tourniquets enthalten.

Kategorien für alle Klientinnen und Klienten
Weiter hat die Spitex Tre Valli operative Prioritäten definiert. «Das Hauptziel besteht darin, die Kontinuität der Pflege sicherzustellen – insbesondere im Falle abgeschnittener Gebiete, logistischer Schwierigkeiten und  bei Stromausfällen», erklärt Annalisa Brignoni. Dafür wurde die folgende Kategorisierung aller Klientinnen und Klienten eingeführt:

  • Rot (Kategorie 1): Personen, die auf Medizinal­technik wie Absauggeräte angewiesen sind. Für sie ist in Ausnahmesituationen eine prioritäre Evakuierung in ein Spital vorgesehen; mit Unterstützung des Zivilschutzes. 
  • Orange (2): Personen mit nicht aufschiebbaren Therapien wie intravenösen Antibiotika. Es muss gewährleistet sein, dass Fachpersonal diese Personen auch unter schwierigen Bedingungen erreicht, wenn nötig mit Unterstützung des Zivilschutzes. 
  • Gelb (3): Klientinnen und Klienten, deren Leistungen für eine begrenzte Zeit delegiert werden können – etwa einfache Verband-
    wechsel an instruierte Angehörige. 
  • Grün (4): Personen, die ausschliesslich aufschiebbare Grundpflegeleistungen beziehen. 

Derzeit erfolgt die Kategorisierung über Papierformulare; es wird allerdings an einer Integration in das Betriebssystem Perigon gearbeitet. «Wir halten es für entscheidend, besonders gefährdete Klientinnen und Klienten frühzeitig zu identifizieren und über ein System für eine schnelle, wirksame Triage zu verfügen», erklärt Annalisa Brignoni. «Wichtig ist zudem, dass Triage-Kriterien nicht einfach aus Standardprotokollen für Grossereignisse übernommen werden, die für die Spitex oft ungeeignet sind.»

Wir halten es für entscheidend, besonders gefährdete Klientinnen und Klienten frühzeitig zu identifizieren.

Annalisa Brignoni

Geschäftsführerin Spitex Tre Valli

Auch auf viel Schnee vorbereitet
Im Bedrettotal wird die Strasse aufgrund von Lawinengefahr zeitweise gesperrt, wodurch die Bevölkerung von der Aussenwelt abgeschnitten ist – auch darauf ist die Spitex Tre Valli vorbereitet. «Für uns ist es zentral, ­Angehörige oder andere Betreuungspersonen zu identifizieren und entsprechend zu schulen, damit sie vorübergehend Aufgaben unserer Mitarbeitenden übernehmen können. Auch versuchen wir stets, Vorräte an Medikamenten und Pflegematerial für mindestens zwei Wochen bei den von einer Sperrung gefährdeten Klientinnen und Klienten zu Hause zu haben», berichtet Annalisa Brignoni. Zudem wohne eine Mitarbeiterin der Spitex im Tal und könne im Notfall intervenieren. «Und die Spitex kann bei Bedarf auf die Unterstützung des Zivilschutzes zählen», ergänzt sie. «Zum Beispiel hat der Zivilschutz unsere Mitarbeitenden schon mit einem Schneemobil ins Tal gefahren.»

Ein grossflächiger Stromausfall könnte die Spitex empfindlich treffen. Dieser Beitrag zeigt, wie die Basisorganisationen vorsorgen – so zum Beispiel die Genfer Spitex IMAD, die ihr Krisenmanagement mit dem Kanton und dem Universitätsspital HUG abstimmt. Oder die careköniz AG (BE), deren Spitex seit 2012 mit angehenden Zivilschutzinstruktoren den Ernstfall übt. 

EVA ZWAHLEN. Die Genfer Spitex IMAD sorgt für den Strom-Ernstfall vor: Hier verantwortet seit 2023 eine besondere Koordinationsstelle die Ausarbeitung eines Notfallplans für den Fall eines Lastabwurfs – damit wird eine geplante Notfallmassnahme von Netzbetreibern bezeichnet, bei der bestimmte Regionen vom Stromnetz getrennt werden – oder eines Stromausfalls. Ein solcher würde die IMAD angesichts von täglich rund 8800 Pflegeeinsätzen im ganzen Kanton Genf vor grosse Herausforderungen stellen. Der Notfallplan soll die Versorgungssicherheit gewährleisten. Er basiert auf den Szenarien des Ostral-Plans des Bundes 4 und ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit den kantonalen Krisenmanagementstellen, dem Universitätsspital Genf (HUG) und dem Energiedienstleister SIG der Region Genf.

Den Instruktorenanwärtern den Spitex-Alltag näherbringen
Auch im Kanton Bern wird vorgesorgt. Damit der Zivilschutz im Falle eines Stromunterbruchs rasch helfen kann, absolvierten im Frühjahr 2026 Instruktorenanwärter aus der ganzen Schweiz ein zweitägiges Praktikum bei der careköniz AG (BE), zu der die SPITEX Region Köniz gehört. Der Einblick in die ambulante Pflege5 sollte den angehenden Zivilschutzinstruktoren ermöglichen, sich vor Ort mit der Organisation auszutauschen und den Auftrag gemeinsam zu konkretisieren. Das Kurzpraktikum organisiert hat Hans Gonseth vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS). «Ich möchte den Instruktorenanwärtern den Spitex-Alltag näherbringen», sagt der eidg. dipl. Zivilschutzinstruktor und Dozent. Bereits vor über zehn Jahren kam es zu ersten Begegnungen zwischen der SPITEX Region Köniz und dem Zivilschutz. Über die Einsätze berichtete sogar «Schweiz aktuell» von SRF (21. Februar 2012). «Wir schätzen den langjährigen, regelmässigen Austausch mit dem Zivilschutz sehr», sagt Christina Gygax, Geschäftsführerin von careköniz AG. Die Frage, wie der Zivilschutz die Spitex im Ausnahmezustand unterstützen kann, werde damit konkreter und mit mehr Praxisbezug diskutierbar, betont die Geschäftsführerin.

Ich möchte den angehenden
Zivilschutzinstruktoren den
Spitex-Alltag näherbringen.

Hans Gonseth

Eidg. dipl. Zivilschutzinstruktor Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS)

Bessere Ausbildung wäre sinnvoll und notwendig
Ein Blackout würde die Spitex empfindlich treffen: Bei einem grossflächigen und länger anhaltenden Stromausfall müsste sie sicherstellen, dass sie ihre Einsätze auch weiterhin leisten kann. Wenn aufgrund des Stromausfalls in einer Wohnung kein Licht mehr vorhanden wäre, müssten die Mitarbeitenden etwa mit Stirnlampen ausgerüstet, Laptops und Tablets mit Notstrom gespeist werden. Ob der Spitex in einer Strommangellage prioritär Strom zugewiesen würde, ist für Hans Gonseth offen: «Diesen Entscheid müsste der jeweilige Regionale Führungsstab (RFO) fällen.» Er weist darauf hin, dass es an den Vertretenden des Gesundheitswesens im RFO sei, für die Anliegen der Spitex einzustehen und eine Priorisierung zu fordern. Für den 64-Jährigen ein mögliches Szenario: Die Spitex-Klientinnen und -Klienten werden im Katastrophenfall evakuiert und zentral betreut – denn dann könne der Zivilschutz den Ort der zentralen Versorgung mit Strom versorgen. 

Könnte der Zivilschutz die Spitex – wenn nicht mit Strom – zumindest personell unterstützen? Wichtig sei, dass der Zivilschutz für die besonderen Rahmenbedingungen der ambulanten Pflege sensibilisiert werde und dass Spitex und Zivilschutz miteinander klärten, wie die Unterstützung aussehen könnte und was der Auftrag umfassen würde, sagt Hans Gonseth. In der Grundausbildung zum sogenannten «Betreuer» 6 ist unter anderem vorgesehen, dass die Zivilschützer einfache Arbeiten in der Pflege übernehmen. Damit der Zivilschutz die Spitex in Krisen sinnvoll entlasten kann, müssten die Zivilschützer in der Grundausbildung besser ausgebildet werden, ist Hans Gonseth überzeugt. «Denkbar ist, den Auszubildenden einen SRK-Pflegehelfenden-Kurs anzubieten. In einigen Kantonen, etwa Luzern und Zürich, gibt es bereits entsprechende Entwicklungen», schliesst er.

Die Covid-19-Pandemie hat das Schweizer Gesundheitswesen regelrecht «überrollt». Der Bund und Spitex Schweiz appellieren darum auch an Spitex-Organisationen, sich auf eine nächste Pandemie gut vorzubereiten.

KATHRIN MORF. «Die letzte Pandemie hat das Gesundheitswesen in vielerlei Hinsicht unvorbereitet getroffen. Nun haben es die Spitex-Betriebe in der Hand, auf die nächste Pandemie besser vorbereitet zu sein», sagt Marianne Pfister, Co-Geschäftsführerin von Spitex Schweiz. Der Bund stuft die Wahrscheinlichkeit einer solchen nächsten Pandemie als hoch ein – und rüstet das Gesundheitswesen auch selber dafür.

Ein umfassender Nationaler Pandemieplan
«Der Bund hat den Nationalen Pandemieplan gemeinsam mit den Akteuren des Gesundheitswesens überarbeitet», berichtet Franziska Adam, wissenschaftliche Mitarbeiterin von Spitex Schweiz und Mitglied des Pandemie-Teams des Dachverbands. Der umfangreiche neue Plan erläutert rechtliche Grundlagen und Zuständigkeiten – und rät allen Betrieben unter anderem dazu, einen Vorrat an Schutzausrüstung sowie Desinfektionsmitteln für einen Bedarf von 12 Wochen anzulegen. Franziska Adam betont indes, dass der nationale Plan oft auf einer übergeordneten Ebene bleibe. Spitex-Organisationen sollten sich deshalb auch am ­jeweiligen kantonalen Pandemieplan orientieren. «Und sie sollten unbedingt bereits jetzt die Zusammenarbeit mit dem zuständigen regionalen oder kantonalen Krisenstab suchen», rät sie. 

Was ein betrieblicher Pandemieplan laut dem Bund beinhaltet
Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) rät allen Gesundheitsbetrieben auch zu einem betrieblichen Pande­mieplan und empfiehlt unter anderem folgende Bausteine 7:

  • Bildung eines Pandemie-Teams und Festlegung von Schlüsselfunktionen.
  • Lagerung von Schutzmaterialien wie Hygiene­masken und Desinfektionsmitteln.
  • Klare Kommunikationsregeln und Vertretungsregelungen.
  • Festlegung einer Priorisierung von Leistungen und Führen eines Pools an Ersatzpersonal, um personelle Ausfälle von bis zu 40 Prozent zu kompensieren.
  • Enge Zusammenarbeit mit zuständigen Gemeinden  / Kantonen  / Zivilschutzorganisationen.
  • Hygienekonzept inkl. Konzept für Distanz­massnahmen und Verhaltensregeln bei Krankheitssymptomen von Mitarbeitenden. 
Sarah Birolini (Spitex Knonaueramt, links) und Liliana Agrella (SPITEX Region Lenzburg und Spital Muri AG) im Kurs für angehende Disaster Nurses. Bild: Mike Niederhauser

Franziska Adam unterstreicht die Wichtigkeit der Planung, welche Leistungen in einem Pandemiefall priorisiert werden. So sollte eine Spitex-Organisation im ­Voraus reflektieren, welche Leistungen sie im Ernstfall streichen oder reduzieren kann, wo Konsultationen ­telefonisch statt physisch möglich sind und wo Angehörige gewisse Leistungen übernehmen können. «Weiter ist es wichtig, dass der betriebliche Pandemieplan auch festhält, welche interne oder externe Hilfe die Mitarbeitenden sowie Klientinnen und Klienten erhalten, die von einer Pandemie stark psychisch belastet sind», sagt sie – und fügt an, dass nicht jede Spitex-Organisation alle genannten Bausteine selbst verantworten muss, wenn sie weiss, wo sie Unterstützung erhält: Manche Kantone kümmerten sich zum Beispiel zentral um den Pool mit Ersatzpersonal. Und Spitex Schweiz setze sich dafür ein, dass Schutzmaterial für länger andauernde Ausnahmezustände auch national gelagert wird. «Wichtig ist schliesslich, dass die Spitex ihre Pandemiepläne regelmässig überprüft und durchspielt», ergänzt Franziska Adam. «Und dass die Pläne nicht nur für Covid gelten, sondern an die unterschiedlichsten Krankheiten flexibel anpassbar sind.» 

Wichtig ist, dass die Spitex ihre Pandemiepläne regelmässig überprüft und durchspielt.

Franziska Adam

Wissenschaftliche Mitarbeiterin Spitex Schweiz

Spitex Schweiz hat eine Risiko-Matrix erstellt 
Das Krisenteam von Spitex Schweiz setzte sich in der letzten Pandemie auf nationaler Ebene für genügend Schutzmaterial für die Spitex ein, vertrat die Spitex-­Interessen in der Krisenorganisation des Bundes, filterte verfügbare Informationen für seine Mitglieder, formulierte Empfehlungen und beantwortete Hunderte Anfragen von Spitex-Organisationen. Das Büro BASS stellte den Massnahmen von Spitex Schweiz ein gutes Zeugnis aus, riet aber zu einem Krisenkonzept für die nächste Pandemie. «Wir erstellen derzeit eine Risiko-Matrix, damit wir für verschiedenste Krisen und deren Folgen sensibilisiert sind – zum Beispiel auch für Cyberangriffe sowie Internet- und Stromausfälle», berichtet Marianne Pfister. «In einer nationalen Krise müssen die Fäden der Spitex auf nationaler Ebene zusammenlaufen: Es braucht eine zentrale Koordinationsstelle, die den Austausch zwischen den Behörden, Verbänden und Organisationen sicherstellt und die gemeinsamen Anliegen der Spitex auf nationaler Ebene geeint vertritt. Auch in einer nächsten Krise wird Spitex Schweiz diese wichtige Koordinationsrolle wahrnehmen.»

Auch eine Helferin in der Krise
Abschliessend weist Franziska Adam darauf hin, dass die Spitex auch bei der Bewältigung der nächsten Pandemie eine tragende Rolle spielen dürfte – unter anderem durch das Durchführen von Tests und Impfungen, durch das Informieren zahlreicher vulnerabler Menschen über nötige Schutzmassnahmen und durch das Entlasten der Spitäler, indem sie zusätzliche – auch akut erkrankte – Menschen zu Hause pflegt und damit Spitalbetten freiräumt. «Die Spitex ist sich ihrer wichtigen Rolle auch in Krisenzeiten bewusst und wird sich zusammen mit anderen Leistungserbringern auch in ­einer nächsten Pandemie dafür einsetzten, dass die ­Bevölkerung gut versorgt ist.»

Nach der Brandtragödie von Crans-Montana richtete das Psychiatriepflege-Team des SMZ der Region Siders eine psychologische Anlaufstelle ein. Dieses Beispiel zeigt, welche Rolle die Spitex übernehmen kann, wenn eine Katastrophe einen kollektiven emotionalen Schock auslöst. 

FLORA GUÉRY. In der Nacht vom 31. Dezember 2025 auf den 1. Januar 2026 brach in einer Bar in Crans-Montana (VS) ein Brand aus. Durch die rasche Ausbreitung des Feuers kamen 41 Menschen ums Leben, mehr als 100 wurden verletzt, darunter zahlreiche Personen mit schweren Verbrennungen. Bereits am Morgen des 1. Januar stellte sich das Sozialmedizinische Zentrum (SMZ) der Region ­Siders den Gemeindebehörden bei Bedarf zur Verfügung. Am folgenden Tag wurde das SMZ angefragt, ergänzend zu den bereits aufgebauten psychologischen Notfallangeboten ein Unterstützungsangebot aufzubauen. 

Dank drei Pflegefachpersonen für psychische Gesundheit des SMZ sowie der Unterstützung von Sabrina Alberti, Psychologin und Spezialistin für Interventionen nach potenziell traumatisierenden Ereignissen, wurde rasch ein Ort für Austausch und Gespräche geschaffen. Um die grosse Zahl an Anfragen bewältigen zu können, wurde ein Pikettsystem eingerichtet: Ein Team war vor Ort präsent, während bei Bedarf eine zusätzliche Fachperson aufgeboten werden konnte. Um Doppelspurigkeiten und unklare Zuständigkeiten zu vermeiden, fand eine Abstimmung mit der zuständigen kantonalen Stelle statt. Die Zielgruppen unterschieden sich jedoch: Während die kantonalen Mitarbeitenden direkt betroffene Personen begleiteten – Angehörige der Opfer, ­Augenzeuginnen und Augenzeugen sowie Rettungs- und Einsatzkräfte –, richtete sich das Angebot des SMZ an Menschen, die indirekt betroffen waren.

Ein Ort des Zuhörens angesichts des kollektiven Schocks
Die Anlaufstelle wurde im Zentrum der Ferienregion eingerichtet, in der Nähe des SMZ, jedoch in ausreichender Distanz zum Unglücksort. «Die Idee war, spontane ­Besuche und anonyme Gespräche in einem einfach ­zugänglichen, ruhigen und beruhigenden Rahmen zu ermöglichen», erklärt Mariette Faure, Pflegefachfrau mit Spezialisierung auf Psychiatriepflege und Koordinatorin der Unterstützungsstelle.

Bekannt gemacht wurde das Angebot sowohl durch Mundpropaganda als auch durch Informationen der Gemeinde, der lokalen Medien und auf Social Media. Während neun aufeinanderfolgenden Tagen verzeichnete die Anlaufstelle insgesamt rund 90 persönliche Beratungen sowie etwa 80 telefonische Kontakte. Besonders gross war der Andrang am zweiten und dritten Tag sowie vor der Gedenkfeier für die Opfer. «Wir betreuten vor allem Einwohnerinnen und Einwohner, die das betroffene Quartier gut kennen, Mitarbeitende benachbarter Bars, Freundinnen und Freunde der Opfer und Menschen, welche die Bar vor dem Brandausbruch verlassen hatten», berichtet die Pflegefachfrau für psychische Gesundheit. Auch suchten mehrere Menschen die Anlaufstelle auf, weil sie unter der anhaltenden media­len Berichterstattung oder der täglichen Konfrontation mit dem Gedenkort für die Opfer litten. Das Team stellte eine kollektive emotionale Betroffenheit fest: «Wir beobachteten in der Bevölkerung eine grosse Traurigkeit und kollektive Fassungslosigkeit sowie eine ausgeprägte gegenseitige Unterstützung angesichts der Verzweiflung», erläutert Mariette Faure.

In den Gesprächen zeigten sich typische Reaktionen auf ein traumatisches Ereignis: Angst, Anspannung, Albträume, Flashbacks, Zittern oder Zustände der Erstarrung. Die Pflegefachpersonen unterstützten die Betroffenen dabei, ihre Gefühle zu benennen und ihre eigenen Ressourcen zu aktivieren. «Unsere Intervention ermöglichte es einigen Menschen auch, ihren Unterstützungsbedarf überhaupt erst zu erkennen», erklärt die Pflegefachfrau. Dieser Ansatz gehört zur bevölkerungsbezoge­nen Prävention: Dabei geht es darum, mögliche Reaktionen auf ein traumatisches Ereignis zu erklären, vorhandene Ressourcen einzuschätzen und bei Bedarf auf längerfristige Unterstützungsangebote zu ­verweisen. Ziel ist es, das Auftreten langfristiger Folgen wie posttraumatischer Belastungsstörungen, schwerer Angstzustände oder Schlafstörungen zu verringern.

Wir beobachteten in der Bevölkerung eine grosse Traurigkeit und kollektive Fassungslosigkeit sowie eine ausgeprägte gegenseitige Unterstützung.

Mariette Faure

Psychiatrie-Pflegefachfrau, SMZ Siders und Region

Langfristigen Belastungen vorbeugen
Einige Personen wurden von den Mitarbeitenden der Anlaufstelle zu weiteren Gesprächen eingeladen; in einzelnen Fällen vermittelten die Mitarbeitenden zudem eine spezialisierte psychologische Notfallhilfe. «Wenn unsere rasche Unterstützung dazu beigetragen hat, schlimmere psychische Schäden oder sogar Einweisungen in stationäre Einrichtungen zu verhindern, dann hat das SMZ seinen Auftrag in den Bereichen Unterstützung und Prävention erfüllt», ist Mariette Faure überzeugt.

Für die in Crans-Montana eingesetzten psychiatrischen Pflegefachpersonen bedeutete die Begleitung der Bevölkerung eine aussergewöhnliche und anspruchsvolle Aufgabe. «Niemand war wirklich auf ein Ereignis dieser Grössenordnung vorbereitet», räumt die Koordinatorin der Unterstützungsstelle ein. Debriefings und psychologische Begleitung hätten den Mitarbeitenden dabei geholfen, das Risiko einer sekundären Traumatisierung zu reduzieren und das Team dabei zu unterstützen, «wieder im Hier und Jetzt anzukommen».

Eine aussergewöhnliche Mobilisierung innerhalb von weniger als 24 Stunden
Die Erfahrungen in Crans-Montana haben innerhalb der Organisation bestimmte Überzeugungen gestärkt. «Das SMZ ist – ebenso wie die anderen Akteure – ein Teil der Versorgungskette, die auf Herausforderungen der öffentlichen Gesundheit reagieren muss», betont Stéphane Knecht, Leiter der Spitex des SMZ Siders und Region. Bereits nach den Überschwemmungen in Siders im Jahr 2024 war das Team für psychische Gesundheit zur Unterstützung der Bevölkerung im Einsatz gewesen. Laut Stéphane Knecht sollen die Erkenntnisse aus diesen beiden Ereignissen dazu beitragen, den Schulungsbedarf besser zu identifizieren und die Vorbereitung der Teams auf Krisensituationen weiter zu verbessern. Der Aufbau spezifischer Kompetenzen in psychosozialer Unterstützung und Katastrophenmanagement könne dazu beitragen, die Bevölkerung wirksamer zu begleiten und den Mitarbeitenden gleichzeitig mehr Handlungssicherheit zu geben.

Rückblickend bleibt Mariette Faure vor allem die hohe Einsatzbereitschaft der Pflegefachpersonen in Erinnerung – selbst während der Feiertage. «Diese Erfahrung hat einmal mehr gezeigt, wie sehr die Pflegefachpersonen in Krisensituationen Verantwortung übernehmen und präsent sind. Eine solche Verfügbarkeit innerhalb von weniger als 24 Stunden hat einen enormen Wert», sagt sie abschliessend.

Zwei weitere Ausnahmezustände: Hitzewellen und Cyberangriffe
Cyberangriffe:
Nicht ausführlich eingegangen wird in diesem Fokusteil auf das Thema der ­zunehmenden Cyberangriffe. Diese sind bisher gegen einzelne Organisationen des Gesundheitswesens erfolgt – auch das Risiko eines Cyber­angriffs auf die gesamte Schweiz ist laut dem Bundesrat aber vorhanden. Darum ist das Wappnen gegen Angriffe auf die IT-Systeme der Spitex essenziell. Werden diese dennoch erfolgreich angegriffen und zum Beispiel von Erpressern lahmgelegt, helfen sichere Datenkopien bei einer Wiederherstellung und der Vorfall sollte unter anderem dem Bundesamt für Cybersicherheit (BACS) gemeldet werden. Genauer wurde diese Thematik bereits in folgenden
Berichten behandelt: www.spitexmagazin.ch/artikel/wie-die-spitex-ihre-daten-schuetzt-und-sichert; www.spitexmagazin.ch/artikel/erkenntnisse-aus-einem-cyberangriff

Hitzewellen: Auch auf Massnahmen gegen die Folgen der zunehmenden Hitzewellen geht diese Ausgabe nicht genauer ein. Für die Spitex sind hier Massnahmen für die Gesundheit der Mitarbeitenden und für den Schutz der Klientinnen und Klienten zentral. Die Genfer Spitex IMAD setzt auf Prävention: Während Hitzewellen kontaktiert sie besonders gefährdete Klientinnen und Klienten, um sie an richtige Verhaltensweisen
zu erinnern und Anzeichen von Dehydrierung oder anderen Gesundheitsproblemen zu erkennen. Mehr erfahren: www.spitexmagazin.ch/die-hitze-im-griff-wie-die-spitex-mitarbeitende-und-klienten-schuetzen-kann

  1. Mehr unter www.hevs.ch. ↩︎
  2. Im Juni 2024 führten Unwetter und Starkregen im Maggiatal (TI) und im Misox (GR) zu Murgängen, Erdrutschen und Hochwassern. Neun Menschen starben und die Infrastruktur wurde teilweise schwer beschädigt. ↩︎
  3. www.map.geo.admin.ch ↩︎
  4. OSTRAL untersteht der wirtschaftlichen Landesversorgung des Bundes und wird auf deren Anweisung aktiv, wenn eine Strommangellage eintritt (www.ostral.ch). ↩︎
  5. Michael Steiner von der careköniz AG hat dazu ein Kurzvideo auf LinkedIn veröffentlicht. ↩︎
  6. www.babs.admin.ch/de/die-ausbildung-im-zivilschutz ↩︎
  7. Vgl. «Pandemieplan – Handbuch für die betriebliche Vorbereitung. Betrieb aufrechterhalten. Mitarbeitende schützen.» von 2022. ↩︎

Weitere Artikel

Zwei FaGe rüsten sichfür die SwissSkills

Die besten Fachfrauen und Fachmänner Gesundheit (FaGe) der Schweiz werden sich vom 17. bis 21. September in Bern an den SwissSkills...

Ein Betriebsmodell aus vier Teammodellen

Spitex Zürich führt im Februar 2024 ein einheitliches Betriebsmodell ein, das auf Uneinheitlichkeit setzt: Jedes Team arbeitet nach ...

Für frühere Spitalentlassungen eng kooperieren

Im Rahmen des Projekts «Patient  @  Home» des Spitalzentrums Biel sollen akutmedizinische Fälle künftig zu Hause behandelt werden. B...