Auch an den Festtagen ist die Spitex überall für alle da

Während der Weihnachtstage und rund um Silvester benötigen die Klientinnen und Klienten der Spitex ebenfalls Pflege und Unterstützung. Ein Klient und eine Mitarbeiterin erzählen, wie sie Spitex-Einsätze in dieser besonderen Zeit erleben.


TEXTE: MARTINA KLEINSORG

Die «Spitex-Engel» sind die einzigen Gäste an Weihnachten

Der 97-jährige Rico Dönz kommt dank der täglichen Unterstützung der Spitex Region Landquart und den wöchentlichen Besuchen seiner Tochter Andrea gut allein im eigenen Haus zurecht. Auch an den Festtagen
geniesst er das selbstbestimmte Leben in Gesellschaft seiner Katze Amira.

Spitex-Klient Rico Dönz in seiner Küche in Maienfeld. Bild: Martina Kleinsorg

«Nicht, dass Sie denken, dass es mich traurig macht: Ich feiere Weihnachten gerne allein mit meiner Katze – mit ihr kann ich alles besprechen, allerdings antwortet sie nie», wischt Rico Dönz allfällige Zweifel vom Tisch und lächelt. «Es ist schon ein Tag, an dem man zurückblickt und reflektiert – aber im Grossen und Ganzen ist es für mich ein Tag wie jeder andere.» 

Der 97-Jährige lebt mit Amira, die aus dem Tierheim stammt, in Maienfeld (GR) am Rande der Weinberge oberhalb des historischen Städtchens. Es ist das ehemalige Elternhaus seiner acht Jahre jüngeren Frau Bettina, die 2014 verstarb. «Ich hätte nicht gedacht, sie zu überleben, aber es geht nicht alles nach Statistik», sagt er.

Geburt unter Fanfarenklängen
Geboren wurde Rico Dönz am 8. Februar 1928 in St. Moritz – unter Fanfarenklängen, wie er erzählt. «Wir wohnten im Bahnhofsgebäude. Ein Sonderzug mit Ehrengästen für die Olympiade fuhr ein, und die Kapelle spielte auf.» Nach seinem Vater wurde er Ulrich getauft, doch gefiel seiner Mutter die italienische Kurzform besser. «Bis heute nennen mich alle nur Rico, sogar das Steueramt.» 1947 begann er die Lehre zum Stationsbeamten bei der SBB in Maienfeld, wo er Bettina kennenlernte. Später wechselte er zur Berufskrankenkasse SKV, die er 27 Jahre leitete, bis er 1993 in Pension ging. Nach vier Jahrzehnten in Thalwil am Zürichsee zog das Paar nach Maienfeld zurück.

Kurz nach ihrem 70. Geburtstag erlitt Bettina Dönz einen Schlaganfall. Die folgenden sechs Jahre betreute ihr Mann sie mit Unterstützung der Spitex Region Landquart zu Hause. «Ihr fehlte die Kraft zum Kartoffelschälen, doch führte sie im Haushalt noch das Kommando», erinnert er sich schmunzelnd. Ihre letzten beiden Lebensjahre verbrachte sie im Pflegeheim, wo er sie täglich besuchte. 

Gesundheitlich hat Rico Dönz selbst einiges durchstehen müssen: neun Operationen wegen eines Blasentumors und einen bösartigen Hauttumor mit Metastasen im ganzen Körper. Nach zweijähriger Immuntherapie seien diese gänzlich verschwunden. «Das ist zehn Jahre her, und ich lebe immer noch. Dafür danke ich täglich meinem Herrgott.»

Vielleicht kommt man ein wenig ins Plaudern, und der Besuch der Spitex dauert dann etwas länger.

Rico Dönz

Klient Spitex Region Landquart

Dank an die Tochter und die «Spitex-Engel»
Sein Leben noch zu Hause verbringen zu können, sei ein Privileg. «Die Spitex Region Landquart hat daran grossen Anteil», sagt Rico Dönz. Seinen Dank hat er bereits vor zwei Jahren in einem Brief an die «Spitex-Engel» bekundet (siehe  Bericht auf www.spitexmagazin.ch vom 2. Juli 2024). Eine der Spitex-Mitarbeitenden habe ihn schon bei der Pflege seiner Frau unterstützt, doch seien alle im Team längst vertraute Gesichter. Morgens und abends kommt jemand zum An- und Ausziehen der Stützstrümpfe und cremt einmal täglich seine trockene Haut ein. Dienstags erhält er Hilfe beim Duschen und die Hauswirtschaft wechselt die Bettwäsche; das Mittagessen bringt täglich der Spitex-Mahlzeitendienst. Trotz enger Einsatzpläne bleibe stets Zeit für ein persönliches Wort. «Man fragt, ob ich gut geschlafen habe und erkundigt sich nach Amira. Und bitte ich einmal darum, den Briefkasten zu leeren, wird auch das gerne erledigt.» 

Nach einem Oberschenkelbruch ist Rico Dönz auf den Rollator angewiesen und bewohnt nur noch eine Etage seines Hauses. «Meine Tochter Andrea hat mir Treppenverbot erteilt», erklärt er. Die 66-Jährige kommt jede Woche von Birsfelden (BL), um nach dem Rechten zu sehen – 200 Kilometer pro Weg. «Das ist nicht selbstverständlich. Ich finde es grossartig.» Andrea sorge dafür, dass er genug trinke und richte seine Kleider, damit die Hosenträger zu Hemd und Hose passen. Für die Stube hat sie ein Christbäumchen mit LED-Lichtern mitgebracht, in der Küche verströmt ein selbstgebasteltes Adventsgesteck vorweihnachtliche Stimmung. Die Festtage verbringe Andrea mit ihren Töchtern und deren Familien, die alle in Birsfelden wohnen; sein ältestes Urenkelkind ist drei. «Die Weihnachtsfeiern meiner Kinder sind mir zu viel Trubel», sagt Rico Dönz.

Alltagsroutine auch an Festtagen
Dass die Spitex ihre Arbeit an den Festtagen in gewohnter Weise erledigt, schätze er sehr. «Vielleicht kommt man ein wenig ins Plaudern, und der Besuch dauert dann etwas länger.» Zum Mittagessen gebe es ein feines Weihnachtsmenü, Amira bevorzuge ihr übliches Futter. «Sie mag nichts vom Tisch, lieber fängt sie ab und zu eine Maus.» Der Film «Drei Haselnüsse für Aschenbrödel» gehöre für ihn zum Festtagsprogramm. Sonst schaue er wenig TV, sondern widme sich lieber seinem täglichen «Training fürs Hirn» – mit Drehpuzzles und anderen analogen und digitalen Denksportspielen; alles Geschenke seines 62-jährigen Sohnes, der in Schlieren (ZH) lebt. Neben dem Lesen – Andrea versorgt ihn laufend mit neuer Lektüre  – zählt Rico Dönz das Schreiben zu seinen Hobbys. Gerade arbeite er am dritten Teil seiner «Erinnerungen an neunzig Jahre.» Ein Exemplar des ersten Bands mit charmant-amüsanten Anekdoten aus seinem Leben vom Lausbub bis zum schneidigen Junggesellen überreicht er der Journalistin.

Gefragt, was auf seinem Wunschzettel stehe, winkt er ab: «Für Wünsche habe ich zu wenig Fantasie.» Er hoffe, weiter gut über die Runden zu kommen und schmerzlos zu bleiben – nur die Knie schmerzten bei jeder Bewegung. «Und der Verstand soll mir nicht abhandenkommen», ergänzt er. «Aber das kann man ja nicht steuern.» Ob er 100 Jahre werde oder nicht, nehme er, wie es komme. «Ich habe ein schönes Leben gehabt. Jedes schlimme Erlebnis ist im Rückblick nur eine Episode, die ihren Schrecken verloren hat.»

«Ich finde es sehr schön, an Weihnachten zu arbeiten»

Seit 22 Jahren besucht Pflegefachfrau Nicole Schmid von der Spitex
Otelfingen und Umgebung (ZH) ihre Klientinnen und Klienten –
oft auch an den Feiertagen. Dabei erlebt sie viele schöne Momente, doch gehen ihr schwere Schicksale in dieser Zeit auch besonders nahe.  

Pflegefachfrau Nicole Schmid von der Spitex Otelfingen und Umgebung unterwegs zu ihren Klientinnen und Klienten. Bild: zvg

An den Festtagen zu arbeiten, mache ihr nichts aus, sagt Nicole Schmid. «Ich finde es sogar sehr schön.» Die 57-Jährige ist Pflegeverantwortliche mit einem 90-Prozent-Pensum bei der Spitex Otelfingen und Umgebung (ZH), ihrer Arbeitgeberin seit 22 Jahren.  «Allerdings haben wir keinen Spätdienst, sondern arbeiten in der Regel nur bis 18 Uhr.» Dies werde sich mit dem Zusammenschluss mit der Spitex Regional Bezirk Dielsdorf im Januar 2026 ändern, sagt die Pflegefachfrau HF.

«Die Stimmung ist an den Feiertagen schon ein wenig anders als sonst – vielleicht liegt es auch an mir, weil ich Weihnachten so gern mag.» Nicole Schmid und ihre Spitex-Kolleginnen haben jedes Jahr ein wechselndes Geschenk für ihre Klientinnen und Klienten dabei – mal ist es ein kleiner Weihnachtsstern oder eine Handcreme, mal ein grosser Spitzbub beziehungsweise für Diabetiker ein feiner Tee. «Kleine Aufmerksamkeiten, die auch Verwendung finden», ist Nicole Schmid überzeugt.

Das liebste Weihnachtslied gemeinsam singen
Nicht alle Klientinnen und Klienten haben ihr Zuhause weihnachtlich dekoriert – weil sie es nicht wollen oder nicht mehr können. Gerne lässt die Pflegefachfrau bei ihrem Besuch fröhlich-besinnliche Stimmung einkehren, etwa, indem sie auf ihrem Handy ein Weihnachtslied abspielt oder die Melodie während der Pflege summt. «Ich frage, ob sie es kennen und welches denn ihr liebstes Weihnachtslied ist – und das singen wir dann gemeinsam», erzählt sie. «Die meisten geniessen es, wenn unser Einsatzplan es zulässt, an den Festtagen auch einmal fünf Minuten länger zu bleiben und einfach ein bisschen zu reden – doch stossen wir ebenso auf Verständnis, wenn es nicht möglich ist.» Bei acht bis 16 Klienten und Klientinnen am Tag bleibe wenig Spielraum; das sei an Weihnachten leider kaum anders.

Viele ältere Menschen würden an den Festtagen von ihren Familien besucht oder zur Feier abgeholt, doch einige verbrächten Weihnachten auch ganz allein. «Meist sind dies Männer, deren Frau verstorben ist oder die vielleicht nie geheiratet haben und kinderlos geblieben sind. Bei anderen wohnen die Angehörigen im Ausland oder man lebt seit Jahren im Streit», erzählt Nicole Schmid. Mit einfühlsamen Worten gelänge es ihr meist, die allenfalls niedergeschlagene Stimmung aufzuhellen.

Ich frage, welches ihr liebstes Weihnachtslied ist – und das singen wir dann gemeinsam.

Nicole Schmid

Pflegefachfrau Spitex Otelfingen und Umgebung

Das letzte Fest im vertrauten Daheim
So manche schwere Schicksale gehen der Pflegefachfrau besonders nahe. Etwa wenn sich bei älteren Eheleuten der Partner oder die Partnerin in einer Palliativsituation befinde und der dringende Wunsch der beiden sei, das letzte gemeinsame Weihnachtsfest im vertrauten Zuhause zu erleben. «Letztes Jahr durften wir eine schwer kranke, jüngere Klientin betreuen, die die Weihnachtszeit noch daheim mit ihrem Mann und den erwachsenen Kindern verbringen konnte, Anfang Jahr ist sie dann gestorben. Es war eine sehr schwierige Situation für die Familie – so etwas berührt mich natürlich auch», sagt Nicole Schmid. Zwar habe sie mit den Jahren gelernt, sich innerlich abzugrenzen und nicht alles mit nach Hause zu nehmen: «Doch manchmal gelingt das nur bedingt.»

Ob die Spitex für die Klientinnen und Klienten an den Festtagen besonders wichtig sei, vermag die Pflegeverantwortliche nicht zu sagen: «Ich denke, die Spitex ist immer wichtig für alle Menschen, die Pflege zu Hause brauchen. Aber jene, die sonst alleine sind, schätzen den Besuch an den Festtagen vielleicht umso mehr.» 

Die Familie zu Hause am grossen Tisch
Meist feiert Nicole Schmid am 1. Weihnachtstag zu Hause in Boppelsen (ZH). Dann besuchen sie ihre erwachsenen Kinder und deren Familien – sie darf sich bereits über zwei Enkelkinder freuen –, ihre Mutter sowie ihre Schwester mit Mann und Kindern. «Ich habe genug Platz und einen grossen Tisch», erklärt die begeisterte Gastgeberin.

Hat Nicole Schmid, wie in diesem Jahr, an Heiligabend frei, engagiert sie sich meist ehrenamtlich in der Kirche und kocht für Menschen aus ihrer Gemeinde, die sonst allein wären. «Ich habe auch einmal einen Klienten zu diesem Anlass eingeladen. Er hat sich zwar darüber gefreut, ist aber doch nicht erschienen», erinnert sie sich. 

«Eine friedlichere Welt und dass die Menschen einander mehr begegnen, statt auf Abstand zu gehen», nennt Nicole Schmid abschliessend ihre Wünsche fürs neue Jahr. «Gerade ältere Menschen sollten mehr einbezogen werden, statt dass man sie aufs Abstellgleis schiebt – das schafft Zusammenhalt statt Einsamkeit.»

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