«Wir sprachen über herzerwärmende Momente im Pflegealltag»
Das Projekt «KOPEC – HOPE» soll die tschechische Gesundheitsversorgung zu Hause nach Schweizer Vorbild fördern. Anfang Juni 2026 absolvierte eine tschechische Delegation einen Arbeitsbesuch in der Schweiz und besuchte dabei auch Spitex Schweiz.
EVA ZWAHLEN. Das tschechische Gesundheits- und Sozialwesen ist stark fragmentiert – ähnlich wie jenes in der Schweiz. Zudem basiert es ebenfalls auf unterschiedlichen Finanzierungen und gesetzlichen Grundlagen. Das Projekt «KOPEC – HOPE» (vgl. Infokasten) soll die Gesundheitsversorgung zu Hause in der Tschechischen Republik nach Schweizer Vorbild fördern. Tschechische Gesundheitsfachpersonen versprechen sich daher viel davon. «Wir haben den Eindruck, dass der grösste Nutzen des Projekts in der Stärkung der Zusammenarbeit zwischen dem Gesundheits- und dem Sozialwesen sowie in der Schaffung einer besser funktionierenden Versorgungskette liegen könnte», sagt Zdislav Doleček, Technologie-Verantwortlicher im tschechischen Nationalen Zentrum für Pflege und nichtärztliche Gesundheitsberufe (NCO NZO). «Das Projekt soll nicht zuletzt zum Austausch von Know-how und zur Vereinheitlichung methodischer Vorgehensweisen beitragen.» Das Beispiel «Spitex Schweiz» zeige, dass auch in einem dezentralisierten System eine koordinierte Versorgung auf der Grundlage eines ganzheitlichen Ansatzes aufgebaut werden könne, ergänzt Zdislav Doleček.

Wir erläuterten, wie die Finanzierung und Qualitätssicherung sichergestellt werden und was in den Administrativverträgen mit den Krankenversicherern geregelt ist.
Esther Bättig
Wissenschaftliche Mitarbeiterin Spitex Schweiz
Technologien und Menschlichkeit verbinden
Um den tschechischen Kolleginnen und Kollegen die Organisation und Struktur der ambulanten Pflege in der Schweiz näherzubringen, stand bei deren Arbeitspraktikum in der Schweiz im Juni 2026 zuerst ein Besuch bei Spitex Schweiz an. Esther Bättig und Ruth Hagen, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen des Dachverbands, vermittelten den Besuchenden Hintergrundwissen zu den unterschiedlichen Rollen der Spitex auf nationaler, kantonaler und kommunaler Ebene. Dazu Esther Bättig: «Es ging dabei insbesondere darum, wie die Finanzierung und Qualitätssicherung sichergestellt werden. Zudem erläuterten wir, was in den Administrativverträgen mit den Krankenversicherern geregelt ist.»
Die Arbeit der Spitex in der Praxis zu erleben, war Ziel des Besuchs bei der Spitex Bern. Dabei lernten die Besuchenden verschiedene Dienstleistungen, etwa die Kinderspitex und den Mobilen Palliativ-Dienst (MPD), kennen und erfuhren, wie die Spitex-Organisation die Familien ihrer Klientinnen und Klienten in ihre Arbeit einbezieht. Weiter erhielten sie einen Einblick in den Einsatz verschiedener IT-Tools. Zdislav Doleček erläutert, dass dies für die Praktikantinnen und Praktikanten eine grosse Inspiration war: «Die digitalen Tools für die Einsatzplanung, die Dokumentation, die Pflegekoordination und die Kommunikation zwischen den einzelnen Anbietern reduzieren den Verwaltungsaufwand deutlich und erleichtern die tägliche Arbeit.» Etwas «praktischer» wurde es, als die Gruppe Nina Vogel, Pflegefachfrau bei der Spitex Bern, bei einem Klienteneinsatz begleiten konnte. Welche Ähnlichkeiten im Berufsverständnis stellte Nina Vogel bei den tschechischen Vertretenden fest und wo gibt es Unterschiede? Dazu die Pflegefachfrau: «Die tschechische Kollegin erklärte mir, dass die ambulante Grundpflege und die Behandlungspflege, anders als bei uns, von zwei verschiedenen Organisationen durchgeführt werden.»
Für Erstaunen sorgte laut Nina Vogel bei den Hospitierenden, welche Aufgaben in der Schweiz zum Spitex-Berufsalltag gehören und welche Ausbildungen dabei zum Einsatz kommen. «Bei ihrem Pflegedienst arbeiteten fast ausschliesslich diplomierte Pflegefachpersonen. Und wer noch nicht fertig ausgebildet ist, darf nicht allein in den Einsatz.» Ansonsten sei ein sehr ähnliches Verständnis von Pflege und vom Umgang mit Menschen vorhanden, betont die Spitex-Mitarbeiterin. «Wir sprachen über Alltagsschwierigkeiten und über die gleichen herzerwärmenden und interessanten Momente im Pflegealltag.» Zdislav Doleček ergänzt: «Die Verbindung moderner Technologien mit einer menschlichen Herangehensweise betrachten wir als eine der grössten Inspirationsquellen für die Entwicklung der häuslichen Pflege in der Tschechischen Republik.»
Gegenseitiges Lernen und weitere Zusammenarbeit
Ebenfalls in das Projekt «KOPEC – HOPE» involviert ist die Berner Fachhochschule (BFH). Der Fachbereich Pflege der BFH berät und unterstützt den Aufbau eines Referenznetzwerks mit Standards, digitalen Tools und Bildungsangeboten. «Meine Aufgabe ist, der tschechischen Projektgruppe Kontakte und Ressourcen in der Schweiz zu vermitteln, damit sie die nötigen Informationen für die Erfüllung ihrer Aufgabenstellung erhält», sagt die Projektleiterin Prof. Dr. Sabine Hahn. «Zudem wirke ich beratend oder gebe erste Auskünfte bei Fragen zu Personalentwicklung, Qualitätssicherung oder der Entwicklung von Pflegemodellen.»
Unsere Schweizer Kolleginnen und Kollegen haben Interesse an unseren Erfahrungen beim Einsatz von Technologien und Telemedizin gezeigt. Wir sehen darin einen wertvollen Raum für gegenseitiges Lernen.
Zdislav Doleček
Tschechisches Nationales Zentrum für Pflege und nichtärztliche Gesundheitsberufe (NCO NZO)
Für Zdislav Doleček und seine Kolleginnen und Kollegen war der Besuch in der Schweiz ein Erfolg. «Das Praktikum war für uns sowohl fachlich als auch menschlich sehr bereichernd und lieferte zahlreiche inspirierende Impulse für unsere weitere Arbeit», sagt er stellvertretend für die Gruppe. Gleichzeitig habe die Delegation festgestellt, dass das Interesse der Kolleginnen und Kollegen in der Schweiz an den gemachten Erfahrungen beim Einsatz von Technologien, Telemedizin und der häuslichen Pflege vorhanden sei. «Hier können wir im Gegenzug einige Beispiele für bewährte Praktiken aus der Tschechischen Republik weitergeben», betont er. «Darin sehen wir einen wertvollen Raum für gegenseitiges Lernen und weitere Zusammenarbeit.»
Zu KOPEC – HOPE
KOPEC – HOPE (komplexní domácí péče – holistic perspective in home care) ist ein schweizerisch-tschechisches Projekt zur Weiterentwicklung der häuslichen Pflege in der Tschechischen Republik. Es gehört zum Programm «Gesundheitsversorgung zu Hause» des Schweizerisch-Tschechischen Kooperationsprogramms 2023–2029 und damit zum zweiten Schweizer Beitrag an ausgewählte EU-Mitgliedstaaten. Bereits im Februar 2025 fand im Rahmen des Projekts ein Arbeitsbesuch von Vertretenden von Spitex Schweiz, der Berner Fachhochschule (BFH) und der Ostschweizer Fachhochschule (OST) in der Tschechischen Republik statt. Nun folgte gewissermassen der «Gegenbesuch» in der Schweiz. Organisiert hat das Praktikum das tschechische Nationale Zentrum für Pflege und nichtärztliche Gesundheitsberufe (NCO NZO), das die Umsetzung des Projekts in der Tschechischen Republik verantwortet.