Wie die Spitex in einem Ausnahmezustand funktioniert – und hilft

Auf welche Ausnahmesituationen des Schweizer Gesundheitswesens sich der Bund vorbereitet, weiss Tenzin Lamdark, Beauftragter für den Nationalen Verbund Katastrophenmedizin KATAMED (vgl. auch Infokasten). Im Interview spricht der Chirurg und Chef Sanität des Heers darüber, wie sich die Spitex für nationale und regionale Szenarien wie Naturkatastrophen und Blackouts rüsten kann – und welche wichtige Rolle sie in der Bewältigung dieser Krisen spielt.

INTERVIEW: KATHRIN MORF

SPITEX MAGAZIN: Herr Lamdark, sie sind der Beauftragte des KATAMED und Chef Fachbereich Katastrophenmedizin im Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS). Der KATAMED rüstet das Schweizer Gesundheitswesen für nationale Ausnahmesituationen – für welche konkret?
TENZIN LAMDARK: Wir gehen in unseren Vorbereitungen von vier Szenarien aus1: von einer Naturkatastrophe wie einem grossen Erdbeben, einer Pandemie, einem bewaffneten Konflikt sowie einem grösseren Massenanfall an Verletzten (MANV), beispielsweise durch einen Anschlag oder einen Brand. Für jedes Szenario haben wir in den vergangenen Monaten in sieben Handlungsfeldern 2 analysiert, was das Schweizer Gesundheitswesen für dessen Bewältigung benötigt. Daraufhin ­haben wir gemeinsam mit Partnern aus dem Gesundheitswesen – darunter Vertretungspersonen der Pflege – 21 Massnahmen in einem Aktionsplan vorgeschlagen. Mein Ansatz lautet dabei «All Means, all Haz­ards» 3: Die Mittel, die wir realistischerweise zur Ver­fügung haben, wollen wir für die bestmögliche Bewältigung der Herausforderungen in möglichst vielen Szenarien einsetzen können. Die vier Szenarien brauchen wir exemplarisch, da sie die Fähigkeiten erfordern, mit denen wir auch die meisten anderen Szenarien bewältigen können.

Wir gehen in unseren Vorbereitungen von vier Szenarien aus: von einer Naturkatastrophe wie einem grossen Erdbeben, einer Pandemie, einem bewaffneten Konflikt sowie einem grösseren Massenanfall an Verletzten, beispielsweise durch einen Anschlag oder einen Brand.

Tenzin Lamdark

Beauftragter KATAMED, Bundesamt für Bevölkerungs­schutz

Den «Nationalen Aktionsplan KATAMED» wollen Sie laut Medienberichten bis Ende 2026 dem Bundesrat vorlegen. Ist er auf Kurs? 
Das ist er. Er hält fest, dass das Umsetzen aller 21 Massnahmen innert fünf Jahren inklusive Personalkosten 60 Millionen Franken kosten würde. Der Bund bespricht derzeit mit den Kantonen, wie die gemeinsame Finanzierung stattfinden soll. Schliesslich sind laut der Verfassung die Kantone für das Gesundheitswesen verantwortlich und der Bund kann sie nur unterstützen – ausser in wenigen Szenarien wie einer Pandemie, in denen er bestimmte gesetzliche Aufträge hat. 4 Die bereits jetzt machbaren und besonders dringlichen Massnahmen setzen wir zudem bereits mit unseren Mitteln um, basierend auf den Erfahrungen nach dem Brand in Crans-Montana [vgl. zu diesem Thema diesen Bericht] und der integrierten Übung 20255. Unter anderem überarbeiten wir das Konzept für psychologische Nothilfe und erarbeiten eine strategische Patientenverteilung, mit der man mehrere Hundert Verletzte auf Spitäler im In- und Ausland verteilen können soll.

Das sind die sieben Handlungsfelder, in denen der KATAMED die Schweiz für Ausnahmesituationen im Gesundheitswesen besser rüsten will. Visualisierung: zvg

Weil das Gesundheitswesen in der Hoheit der Kantone ist, übernehmen meist kantonale oder regionale Strukturen die Koordination in einer Ausnahmesitua­tion. Wirkt der Bund in einer nationalen Krise auch noch mit, drohen doch unklare Zuständigkeiten?
Die Schweiz hat aus der Covid-19-Pandemie gelernt, dass sie eine neue Krisenorganisation braucht. Darum trat 2025 die Verordnung über die Krisenorganisation der Bundesverwaltung (KOBV) in Kraft 6. Diese sorgt in natio­nalen Krisen für eine engere Zusammenarbeit zwischen Bund und Kantonen, kam allerdings bis jetzt nicht zur Anwendung [Stand: 29.05.2026]. Denn der Brand von Crans-Montana war ein regionales Ereignis, auch wenn der Bund die schnelle Verteilung der 116 Verletzten in die Verbrennungszentren koordiniert hat.

Wie wichtig ist die Spitex als potenziell betroffene Akteurin in den vier Szenarien?
Die Spitex ist eine äusserst wichtige Akteurin, denn in allen Szenarien ist nicht nur die Notfallmedizin wichtig. Insbesondere in längeren Krisen geht es auch darum, dass die Basisversorgung der Bevölkerung weiter funktioniert. Schliesslich betrifft diese mehr Menschen, mehr Leben. 

Die Spitex ist eine äusserst wichtige Akteurin, denn in allen Szenarien ist nicht nur die Notfallmedizin wichtig. Insbesondere in längeren Krisen geht es auch darum, dass die Basisversorgung der Bevölkerung weiter funktoniert.

Tenzin Lamdark

Beauftragter KATAMED, Bundesamt für Bevölkerungsschutz

Führt diese Wichtigkeit dazu, dass die Spitex als prioritäre Organisation behandelt wird, wenn zum Beispiel Treibstoff oder Schutzmaterial knapp wird?
Wir können den Kantonen in Bezug auf die Verteilung knapper Güter nichts vorschreiben. Wir können aber durchaus sagen, dass es nicht schlecht wäre, wenn jede Krisenorganisation auch die Akteure der gesundheitlichen Basisversorgung in all ihre Überlegungen miteinbeziehen würde.

Und von wem kann die Spitex Hilfe erwarten, wenn eine Ausnahmesituation zu einer Personalknappheit führt? 
Potenzial haben hier Mitglieder des Zivilschutzes – sie können das Gesundheitswesen in Katastrophen- und Notlagen vielfältig unterstützen [vgl. zu diesem Thema diesen Bericht]. Der Verbund KATAMED baut hier zudem auf bewährte Partner wie das Schweizerische Rote Kreuz und dessen Mitglieder Samariter Schweiz und Schweizerischer Militär-Sanitäts-Verband. Zudem sollte das Gesundheitswesen auf allen Ebenen daran arbeiten, dass wir ehemalige Gesundheitsfachpersonen in einer Ausnahmesituation in ihren Beruf zurückholen können. Eine Stärke der Schweiz ist zum Glück, dass wir in Krisen sehr gut darin sind, uns selbst zu helfen.

Erwarten Sie dieses «Sich-selbst-Helfen» auch von der Spitex? 
Wir alle tragen eine Mitverantwortung für die Vorbereitung auf realistische Ausnahmesituationen. Leider haben wir in der bisher sicheren Schweiz manchmal das falsche Gefühl, dass eine Krisenvorbereitung nicht nötig ist. Eine Empfehlung ist, dass das man diese Vorbereitung so gestaltet, dass man drei Tage ohne Hilfe bewältigen könnte. Die Spitex sollte also auch davon ausgehen, dass sie sich mindestens 72 Stunden selbst helfen muss. Denn die Hilfe von Bund und Kantonen muss erst anlaufen und je nach Ereignis können sie allen Betroffenen nur mit Verzögerung helfen.

Kommen wir zu konkreten Ausnahmesitua­tionen: Über die Vorbereitung auf eine nächste Pandemie berichten wir hier. Denken Sie, dass das Gesundheitswesen dafür gerüstet ist?
Darauf möchte ich generell antworten, dass ich davon abrate, von der letzten Pandemie auf die nächste zu schliessen: Dass Covid-19 die Schweiz nicht gleich hart getroffen hat wie andere Länder, heisst nicht, dass dies auch für die nächste Pandemie gilt. Denn diese kann ganz andere, noch schlimmere Herausforderungen mit sich bringen.

Naturgefahrenkarten zeigen, wo welche Gefahr besonders wahrscheinlich ist. 7 Wie kann sich die Spitex für das Funktionieren nach Erdrutschen oder Lawinen wappnen?
Wir gehen davon aus, dass die Spitex bereits über fundiertes Know-how und Kompetenzen verfügt, um sich darauf vorzubereiten. Allgemein sollte sich die Spitex überlegen, wie die Versorgung von abgeschnittenen Klientinnen und Klienten, die auf Leistungen dringend angewiesen sind, im Ernstfall gelingen kann. Dabei spielt auch die lokale Risikobeurteilung eine Rolle. Ist eine Region länger abgeschnitten oder nimmt eine Ausnahmesituation generell riesige Ausmasse an, muss eine Gemeinschaft auf sich selbst zählen können. Spitex-Mitarbeitende haben das Wissen und die Erfahrung, um für die Gesundheitsversorgung in ihrer Gemeinschaft zu sorgen. Darum wäre es gut, wenn diesen Mitarbeitenden zusätzliche Kenntnisse im Bewältigen von Ausnahmesituationen vermittelt würden – etwa durch Disaster Nurses [vgl. zu diesem Thema diesen Bericht].

Tiffany Degout, Pflegefachfrau beim SMZ Martigny und Region, und Yves Michellod, Kommandant der Feuerwehrkaserne Val de Bagnes, illustrieren das Fokusthema «Die Spitex und der Ausnahmezustand»: Nach einem Murgang fuhr die Feuerwehr die Spitex des SMZ zu ihren Klientinnen und Klienten. Bild: Thomas Roulin / Alpimages

Nicht erwähnt haben wir bisher einen «Blackout», einen überregionalen, längeren Stromausfall. Dieser sei hierzulande nur eine Frage der Zeit, sagt ein ETH-Forscher8. Wie kann sich die Spitex darauf vorbereiten? 
Sie sollte überlegen, wie sie ihre Stromversorgung aufrechterhalten und während einer langen Krise sogar ohne Strom auskommen könnte. Sie sollte analysieren, wie sie Klientinnen und Klienten helfen würde, die auf Medizinaltechnik wie eine Beatmungsmaschine angewiesen sind. Und sie sollte alle wichtigen Köpfe kennen, die ihr im Ernstfall zum Beispiel beim Aufladen ihrer Elektrovelos helfen können. Ich rate Spitex-Organisatio­nen generell dazu, bereits jetzt mit relevanten Organisationen in der Region und mit den Behörden in der Vorbereitung zu kooperieren – und sich untereinander auszutauschen und zu organisieren: Führt eine Organisation ein Pilotprojekt zur Vorbereitung auf eine Ausnahmesituation durch, profitieren alle davon.

Auf welche Szenarien eines Krieges bereitet sich der Bund aktuell vor und was bedeuten diese für die Spitex?
Der Bund bereitet sich auf verschiedene Szenarien vor. Dazu gehören ein Angriff auf die Schweiz mit Fernwaffen, hybride Aktionen im Land sowie ein Angriff auf dem Boden in die Schweiz. Für uns im Gesundheitswesen ist indes ein anderes Szenario wahrscheinlich: ein Krieg im Osten von Europa. Und um Europa zu schwächen, dürfte dann auch die Logistik anderer Länder angegriffen werden, etwa mit Cyberangriffen – darunter unser Gesundheitswesen. Zudem ist zu erwarten, dass die Schweiz 100 bis 150 Schwerverletzte, die täglich aus dem Krieg in den rückwärtigen Raum zurückkehren, versorgen müsste, genauso wie zahlreiche Flüchtlinge. Bei unserer Vorbereitung auf dieses Szenario können auch alle Spitex-Organisationen mithelfen – zum Beispiel, indem sie sich gegen Cyberangriffe wappnen und planen, wie sie Leistungen im Ernstfall priorisieren und bei der Versorgung der zusätzlichen Patientinnen und Patienten mithelfen würden.

Ein Plan, welche Leistungen gestrichen oder reduziert werden können, gehört laut Fachpersonen in jedes Krisenmanagement-Konzept9. Zu welchen weiteren Bausteinen rät der KATAMED den Spitex-Organisationen? 
Als Beauftragter für KATAMED empfehle ich neben dem Priorisierungskonzept und einem Plan für personelle Notressourcen, dass jede Spitex-Organisation sicherstellt, dass sie in einer Krise ausreichend Schutzmaterial zur Verfügung hätte. Einen genauen Leitfaden für Vorsorgeleistungen in der ambulanten Pflege haben wir aber leider noch nicht erarbeitet, wir arbeiten derzeit an einem solchen für die Spitäler.

Zum Schluss ein Ausblick: Die Spitex behandelt immer komplexere, auch akute Fälle zu Hause. Kommt es in der Schweiz zu einem MANV, dürfte sie darum eine zunehmend wichtige Rolle in der Entlastung der Spitäler spielen?
Bei grösseren oder länger andauernden MANV kann die Spitex sicherlich dazu beitragen, freie Kapazitäten in den Spitälern zu schaffen – am besten auf Basis eines vor dem Ernstfall entwickelten Konzepts. Wie erwähnt dürfen wir uns in einer Ausnahmesituation aber nicht «nur» auf die Versorgung der Schwerverletzten konzentrieren, denn dadurch riskieren wir das Leben von zahlreichen Menschen wie chronisch Kranken und Betagten. Die robuste Basisversorgung macht den Durchhaltewillen unseres Gesundheitswesens in Krisen aus und sorgt für die Resilienz unserer Bevölkerung in ­allen Lagen. Darum müssen wir jetzt auf allen Ebenen dafür sorgen, dass Organisationen wie die Spitex gut aufgestellt sind – im Alltag genauso wie in Ausnahmesituationen.

Über den KATAMED und Tenzin Lamdark
Der Nationale Verbund Katastrophenmedizin (KATAMED) soll die Partner des Gesundheits­wesens der Schweiz gemeinsam besser auf Ausnahmesituationen vorbereiten, die mehrere Kantone oder die gesamte Schweiz betreffen und eine grosse Zahl an Patientinnen und Patienten oder generell schwerwiegende gesundheitliche Folgen verursachen. Zudem will der KATAMED die Akteure im Ernstfall koordiniert handeln lassen – immer gemäss der Vision «Gemeinsam. Stärker. Helfen.». Dem Bundesamt für Gesundheit (BABS) kommt dabei die Rolle eines Katalysators und Wegbereiters zu. Hervorgegangen ist der KATAMED 2023 aus dem Koordinierten Sanitätsdienst (KSD) der Armee.

Dr. med. Tenzin Lamdark, 48, ist seit 2023 als Beauftragter der Leiter des KATAMED und Chef Fachbereich Katastrophenmedizin im BABS. Der Facharzt FMH für Chirurgie war zuletzt als Chirurg und Oberarzt am Kantonsspital Winterthur (ZH) tätig. Er verfügt über einen Executive MBA in General Management und ein CAS für Krisenkommunikation. In der Schweizer Armee war er Kommandant einer Artillerieabteilung und ist nun Oberst im Generalstab und Chef Sanität des Heers.

  1. Vgl. auch «Katalog der Gefährdungen. Katastrophen und Notlagen Schweiz», verfügbar auf www.babs.admin.ch. ↩︎
  2. Die sieben Handlungsfelder sind laut dem «Bericht Neuausrichtung KSD – Nationaler Verbund Katastrophenmedizin KATAMED»: Bildung, Führung und Training, Ereignis- und Notfallkonzepte, Personal, Logistik, strategische Patientenverteilung sowie Infrastruktur. ↩︎
  3. Auf Deutsch in etwa «Alle Mittel, alle Gefahren». ↩︎
  4. Vgl. Bundesgesetz über die Bekämpfung übertragbarer Krankheiten des Menschen (Epidemiengesetz EpG) ↩︎
  5. Eine Übung für das Krisenmanagement von Bund, Kantonen und zahlreichen Partnern – die Integrierte Übung 2025 (IU 25) – fand am 6. und 7. November 2025 statt. ↩︎
  6. Mehr Informationen unter
    www.babs.admin.ch/de/krisenmanagement ↩︎
  7. www.bafu.admin.ch/de/naturgefahren-karten ↩︎
  8. www.watson.ch/schweiz/energie/568686954-blackout-in-der-schweiz-das-sagt-der-eth-experte ↩︎
  9. Laut der Fachliteratur gehören unter anderem folgende Bausteine in ein Krisenmanagement-Konzept im Gesundheitswesen: Prozesse und Zuständigkeiten im Krisenfall definieren, Notstrom und Vorräte an Schutzmaterial sicherstellen, Zugang zu priorisierten Ressourcen wie Benzin sichern, analoge Alternativen sicherstellen, verfügbares Personal für den Notfall kennen, Triage- und Priorisierungskonzepte festhalten, Krisenkommunikation vorbereiten, für die Einbindung in zuständige Krisenstäbe sorgen. ↩︎

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