In Luzern wird die Zukunft der Psychiatriespitex angepackt

Der Spitex Kantonalverband Luzern hat eine Strategie verfasst, um die Psychiatriespitex umfassend zu stärken und weiterzuentwickeln. Die Planung für die Umsetzung von fünf Projekten – wie regionale Psychiatrieteams oder eine «Spitex-Passerelle» – hat begonnen.

Die Spitex betreut immer mehr Menschen mit psychiatrischer Erkrankung. In Luzern wird die Psychiatriespitex nun umfassend weiterentwickelt. Bild: Spitex Kriens

KATHRIN MORF. Die Versorgung von Menschen mit psychischen Krankheiten steht vielerorts unter Druck. Dies zeigte auch der Planungsbericht 1 zur psychiatrischen Versorgung im Kanton Luzern von 2021. Er wies unter anderem auf die Zunahme des Bedarfs an ambulanten Leistungen und die steigende Bedeutung der Psychiatriespitex hin. Dies bestätigte den Spitex Kantonalverband Luzern (SKL) in seiner Überzeugung, dass eine Strategie zur Stärkung der Psychiatriespitex notwendig war. Im Frühling 2022 gab der Vorstand des SKL ein Strategieprojekt in Auftrag – unter der Leitung von Sonja Forster, Leiterin Dienstleistungen sowie Mitglied der Geschäftsleitung bei Spitex Kriens. «Die Psychiatriespitex führt vielerorts ein Schattendasein. Dies wollen wir ändern», sagt die Pflegefachfrau Psychiatrie mit MBA.

Bedarfsanalyse führt zu strategischen Zielen
Sonja Forster verantwortete fortan die Arbeit eines vierköpfigen Projektteams sowie eines zweiköpfigen wissenschaftlichen Soundingboards. «Der erste Schritt war eine detaillierte Bedarfsanalyse», führt sie aus. So wurden Workshops mit den Spitex-Basisorganisationen durchgeführt. Konsens bestand dabei unter anderem darin, dass die Luzerner Psychiatriespitex-Teams mit durchschnittlich drei Mitarbeitenden zu klein für eine umfassende Weiterentwicklung seien. «Glücklicherweise zeigte sich in den Workshops, dass die Bereitschaft für Kooperationen gross ist», berichtet Sonja Forster.

Weiter wurden 14 Partner der Psychiatriespitex – von Vertreterinnen und Vertretern der Luzerner Psychiatrie AG (lups) bis hin zu Klientinnen und Klienten – mittels teilstrukturierter Interviews in die Bedarfsermittlung eingebunden. «Ich bin mir sicher, dass wir der Umsetzung der Strategie die grösstmögliche Chance einräumen, indem wir alle Spitex-Organisationen sowie Partnerinnen und Partner frühzeitig, eng und detailliert einbezogen haben», sagt die Projektleiterin.

Psychiatriespitex als ein Schwerpunktthema von Spitex Schweiz
«Wir haben die Psychiatrie ab 2024 zu einem der Schwerpunktthemen erklärt», sagt Ruth Hagen, Mitarbeiterin des Ressorts Grundlagen und Entwicklung von Spitex Schweiz. Sie stellt derzeit eine Expertengruppe aus Spitex-Psychiatriefachpersonen zusammen. In dieser Gruppe soll diskutiert werden, was besonders dringliche nationale Herausforderungen der Psychiatriespiex sind. «Zum Beispiel könnte sein, dass die Krankenpflege-Leistungsverordnung (KLV) die psychiatrischen Leistungen der Spitex besser abbilden müsste», sagt sie. Ebenfalls könnte es nötig sein, dass die Kompetenz der Psychiatriespitex stärker ins Bewusstsein der Versicherer gerückt wird. «Denn die Psychiatriespitex kämpft vielerorts mit Rückweisungen.» Weiter könnte diskutiert werden, wie mehr psychiatrische Pflegefachpersonen ausgebildet werden könnten – und wie Fachpersonen Gesundheit (FaGe) mit ­Berufsprüfung in psychiatrischer Pflege und Betreuung vermehrt für C-Leistungen eingesetzt werden könnten (vgl. Spitex Magazin 4/2023). Auch dass potenzielle Klientinnen und Klienten nicht von der Spitex betreut werden dürfen, weil sie auf eine psychiatrische Diagnose warten müssen, will Ruth Hagen mit der Expertengruppe besprechen.
Bereits seit Längerem kämpft Spitex Schweiz gegen eine Hürde für die Psychiatriespitex: 2021 gründete santésuisse eine Geschäftsstelle für die Zulassungsprüfung zur Bedarfsab­klärung in der Psychiatriepflege: BEPSY. «BEPSY lehnt immer wieder Gesuche von diplomierten Pflegefachpersonen mit zweijähriger Berufserfahrung im psychiatrischen Bereich ab, obwohl diese gemäss KLV ausreichend qualifiziert sind», kritisiert Ruth Hagen. Spitex Schweiz und Curacasa reichten darum eine Aufsichtsbeschwerde beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) ein, die aber zurückgewiesen wurde, weil das BAG nicht zuständig sei. «Dies können wir nicht nachvollziehen. Wir bleiben hier dran und setzen uns auf verschiedenen Ebenen dafür ein, dass endlich eine zufriedenstellende Lösung für die Zu­lassung zur psychiatrischen Bedarfsabklärung gefunden werden kann», berichtet Ruth Hagen [Stand: 16.03.2024].

Das Strategiepapier: zwölf Handlungsfelder
Aus den zahlreichen Inputs leitete das Projektteam zwölf strategische Handlungsfelder ab: So soll das Angebot der Psychiatriespitex künftig flächendeckend, niederschwellig und ohne lange Wartezeiten verfügbar sein. Regionale Psychiatriespitex-Teams sollen gebildet werden, die auch für die Triage der Klientinnen und Klienten zuständig sind. Weitere Ziele sind die Weiterentwicklung des Angebots, die Sicherstellung der Finanzierung sowie der Aus- und Weiterbildung – und dass die Übergänge im Behandlungspfad verbessert werden. Eine hohe Qualität sowie attraktive Arbeitsbedingungen werden ebenso angestrebt wie die Forcierung der Angehörigenarbeit und des Recovery-Ansatzes2. Schliesslich gilt es, die Fachbereichsleitung Psychiatrie des SKL zu stärken. Festgehalten wurde auch, welche «Top 5» aller möglichen Projekte zur sofortigen Umsetzung empfohlen werden:

  • Aufbau von regionalen Teams: Prioritär ist laut Sonja Forster der Aufbau von regionalen Psychiatriespitex-Teams. «In welcher Form die bestehenden Organisationen kooperieren und wie viele ­Regionalteams es geben wird, ist offen», sagt sie. Möglich wären laut Strategiepapier zum Beispiel acht Teams mit jeweils rund acht Vollzeitäquivalenten (VZÄ). «Ein achtköpfiges Team funktioniert ­besser als ein kleineres. Zum Beispiel bringen die Mitglieder so eine grosse Breite an Expertise und Erfahrung mit, was der fachlichen Reflexion dient. Auch Spezialisierungen sind besser möglich, ebenso wie Vertretungen. Und schliesslich können grössere Teams besser sofort tätig werden, wenn ihnen ein Fall zugewiesen wird.»
  • Regionaler Tarif für psychiatrische Leistungen: «Aus Gründen der vereinfachten Restkostenabrechnung bedarf es regionaler Tarife. Darum wird anhand der Vollkosten der Basisorganisationen eruiert, wie hoch die Tarife für die neuen Psychiatriespitex- Teams jeweils sein müssten», erklärt Sonja Forster. Dann werde der Spitex-Verband an den Verband Luzerner Gemeinden (VLG) herantreten – mit dem Ziel, dass die Tarife anerkannt werden.
  • Aufbau einer Spitex-Passerelle: Eine «Spitex-­Passerelle» soll wochenlange Wartefristen nach dem Austritt aus einer stationären Einrichtung verhindern. «Das ist besonders wichtig, weil in der ersten Zeit nach dem stationären Aufenthalt die Suizidprävention von hoher Bedeutung ist», gibt Sonja Forster zu bedenken. Die Spitex-Passerelle er­möglicht tägliche Konsultationen ab dem Folgetag der Entlassung. «Voraussichtlich im Juni/Juli 2024 startet die Spitex Kriens die erste Passerelle als Pilotprojekt», berichtet Sonja Forster. 
  • Verbesserung der Versorgung von Kindern und Jugendlichen: «Psychiatriespitex-Angebote für Kinder und Jugendliche fehlen in unserem Kanton mehrheitlich», erklärt sie. Interessierte Pflegefachpersonen HF oder FH der Kinderspitex – für die ­psychisch kranken Kinder – sowie der Basisorganisationen – für die Jugendlichen – werden darum eine Interessensgemeinschaft (IG) bilden und einen CAS zur Arbeit mit psychisch kranken Kindern und Jugendlichen absolvieren.
  • Evaluation der Fachbereichsleitung: Die 10-Prozent-Stelle der Fachbereichsleitung Psychiatrie des SKL wird evaluiert und neu geregelt. Auch deswegen, weil die Fachbereichsleitung durch die Strategie neue Aufgaben erhält – etwa die Sicherstellung des Austausches zwischen den Regionalteams und den Zuständigen für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Die Psychiatriespitex führt vielerorts ein Schatten­dasein. Dies
wollen wir ändern.

SONJA FORSTER

Projektleiterin Psychiatriestrategie Luzern

Wo die Umsetzung steht
«Der Vorstand des SKL hat entschieden, dass die fünf Teilprojekte umgesetzt werden», berichtet SKL-Vorstandsmitglied Hannes Koch Anfang März 2024. Die regionalen Tarife und die Evaluation der Fachbereichsleitung würden direkt durch den SKL angepackt. «Für die restlichen drei Teilprojekte erarbeiten wir nun ein Vorprojekt mit dem Fokus eines gemeinsamen Zielbildes, dessen Detail­ierungsgrad konkreter ist als in der Strategie», umreisst Hannes Koch. Zudem habe er den Auftrag gefasst, das Gespräch mit dem Kanton zu suchen, damit dieser allenfalls einen Anteil des Strategieprojekts mitfinanziert. 

«In einem allerersten Schritt dürften sich nun die Spitex-Organisationen der verschiedenen Regionen ­zusammensetzen und aushandeln, wie sie sich künftig koordinieren», sagt Sonja Forster. Die Umsetzung der nicht prioritären Massnahmen aus der Strategie werde zu einem späteren Zeitpunkt diskutiert.

Gangbare Wege und eine zentrale Herausforderung
Laut Sonja Forster zeigt die Luzerner Strategie «gangbare Wege für andere Kantone» auf. «Ein partizipatives Vorgehen bei der Strategieentwicklung ist nebst einem professionellen Projektteam wichtig», erklärt sie. «Und unsere Strategie zeigt umsetzbare Massnahmen mit grosser Wirkung auf.»

Auch die beste Strategie nützt indes nichts, wenn nicht ausreichend Fachpersonal für ihre Umsetzung gefunden wird – und die Rekrutierung von psychiatrischem Pflegefachpersonal wird gemeinhin als schwierig eingeschätzt. «Erst einmal wollen wir durch die umsichtige Zusammenführung der bestehenden Teams wachsen. Grössere Teams ziehen dann oft weiteres Fachpersonal an: Die Psychiatriespitex der Spitex Kriens erreichen jedenfalls regelmässig Blindbewerbungen, seit sie auch die psychiatrischen Klientinnen und Klienten der Spitex Nidwalden und Horw betreut und dadurch stark gewachsen ist», sagt Sonja Forster. «Unerlässlich ist es, dass alle Spitex-Organisationen der Psychiatriespitex ­einen hohen Stellenwert einräumen und den psychiatrischen Fachpersonen ein Arbeitsumfeld mit modernen Strukturen, ausreichend grossem Handlungsspielraum und einer vielfältigen Anwendung ihres Fachwissens bieten», fügt sie an. «Und wir dürfen nicht mehr wertvolle Zeit verlieren – stattdessen müssen wir jetzt beginnen, den psychiatrischen Pflegefachpersonen aufzuzeigen, wie attraktiv das Arbeitsumfeld bei der Spitex in vielerlei Hinsicht ist.»

  1. https://www.lu.ch/-/klu/ris/cdws/document?fileid=2b24a9cae4504d738f936614fb018192 ↩︎
  2. Der Recovery-Ansatz ermöglicht es den Kundinnen und Kunden, den eigenen Genesungsweg massgeblich zu bestimmen und mitzugestalten. ↩︎

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