Mit der Kita Yara betritt die Kinderspitex Neuland
Mitte März startete in der Stadt Zürich eine spezialisierte Kita für Kinder mit besonderen medizinischen und pflegerischen Bedürfnissen, die eine Versorgungslücke füllen soll. Als Partnerin für die Pflege stellt sich die kispex Kinder-Spitex Kanton Zürich neuen Herausforderungen.
MARTINA KLEINSORG. Die Kooperation mit der Kita Yara erschliesst der kispex Kinder-Spitex Kanton Zürich ein neues Tätigkeitsfeld: Während der Öffnungszeiten ist mindestens eine diplomierte Pflegefachperson der kispex vor Ort. Die spezialisierte Kindertagesstätte ist am 16. März in der Stadt Zürich als Pilotprojekt der Stiftung Yara gestartet und richtet sich an Vorschulkinder ab sechs Monaten mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen, die auf enge Betreuung und medizinisch-pflegerische Unterstützung angewiesen sind.

«Diese Kinder haben bisher kaum Chancen auf einen Platz in der ausserfamiliären Tagesbetreuung. Diese Versorgungslücke möchten wir füllen», sagt der Kinderarzt und Stiftungsratspräsident Remo Minder. Das Konzept setzt auf ein interdisziplinäres Team, in dem Fachpersonen der Betreuung, der heilpädagogischen Früherziehung sowie Pflegefachpersonen eng zusammenarbeiten. «Damit sind wir unseres Wissens nach einzigartig in der Schweiz», sagt Remo Minder.
Bedarf der Eltern nach Entlastung
Die kispex ist ein zentraler Pfeiler des Projekts, und das Konzept stiess dort sofort auf offene Ohren: «Wir sehen bei der Klientel, die wir zu Hause betreuen, den Bedarf der Eltern nach Entlastung» erklärt CEO Patrik Bailer. «Gerne möchten wir auch Kindern mit besonderen Bedürfnissen ausserfamiliäre Erfahrungen ermöglichen.»
Gerne möchten wir auch Kindern mit besonderen Bedürfnissen ausserfamiliäre Erfahrungen ermöglichen.
Patrik Bailer
CEO kispex Kinder-Spitex Kanton Zürich
Die Versorgung mehrerer Kinder an einem Ort eröffne zudem langfristig die Perspektive, Ressourcen effizienter einzusetzen und Kosten zu sparen – etwa bei personalintensiven Langzeitüberwachungen, die sonst einzeln zu Hause stattfinden. Ein Aspekt, der sowohl volkswirtschaftlich als auch vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels relevant sei. «Aktuell stehen wir noch vor vielen offenen Fragen, denn wir betreten mit diesem Ansatz völliges Neuland», betont Patrik Bailer. Vieles – von der konkreten Auslastung bis zum pflegerischen Aufwand – werde sich erst im laufenden Betrieb abschätzen lassen.
Ausgelegt ist die Kita Yara auf acht bis zehn Ganz- und Halbtagesplätze pro Tag, gestartet wurde zunächst mit zwei Kindern, mit drei weiteren Familien befindet man sich in der Planung [Stand: 31.03.2026]. Seit Januar führen Kitaleitung und Pflegefachpersonen Kennenlerngespräche mit den Eltern – und bei Bedarf auch mit den behandelnden Kinderärzten und -ärztinnen –, um sicherzustellen, dass die Kita Yara die notwendige Versorgung gewährleisten kann. Unterschiedliche Konstellationen sind denkbar: Kinder, die bereits von der kispex betreut werden, solche ohne bisherigen Spitex-Bedarf oder Kinder, die zu Hause von anderen Organisationen versorgt werden. Entsprechend komplex gestaltet sich die Abrechnung der Pflegeleistung.
Bereit, in Vorleistung zu gehen
Bereits seien intensive Gespräche mit der Invalidenversicherung (IV) in Gange. «Welche Leistungen unter welchem Titel abgerechnet werden können, prüfen wir für jedes Kind individuell», sagt Patrik Bailer. Unproblematisch seien einzelne Interventionen am Tag, die sich wie eine Leistung zu Hause abrechnen liessen, doch gebe es zahlreiche Situationen, für die keinerlei Erfahrungswerte existieren. «Wir sind bereit, in Vorleistung zu gehen und Erfahrungen zu sammeln. Das wird uns am Anfang relativ viel Geld kosten, aber wir wollen, dass das Projekt zum Fliegen kommt», betont der CEO.
Nur die Kombination aus pädagogischer Betreuung und professioneller Pflege macht ein solches Angebot realisierbar.
Remo Minder
Stiftungsratspräsident Stiftung Yara
Unter den ersten Anmeldungen ist ein Kind mit einem komplexen Herzfehler, ein anderes hat eine neurologische Erkrankung mit diversen Begleiterkrankungen. «Eine Liste von Diagnosen als Aufnahme- oder Ausschlusskriterium gibt es nicht», sagt Remo Minder. Kinder können auf künstliche Ernährung, regelmässige Medikamentengaben angewiesen sein oder im Autismus-Spektrum leben – jeder Fall werde individuell geprüft. «Unser Anspruch ist, Lösungen zu finden, vielleicht nicht immer sofort, aber nach einer gewissen Vorbereitungszeit.» Das Projekt verstehe sich ausdrücklich als lernende Organisation. «Unter den knapp 300 kispex-Klientinnen und Klienten haben keine fünf die gleichen Bedürfnisse», erklärt Patrik Bailer. Schon im bisherigen Arbeitsalltag sei diese Vielfalt eine grosse Herausforderung.
Bei aller medizinischen Komplexität soll das Kindsein in der Kita Yara im Zentrum stehen. Die Eltern werden als Expertinnen und Experten für die Erkrankung und die Bedürfnisse ihres Kindes partnerschaftlich eingebunden. Gerade weil es für manche Familien die erste ausserfamiliäre Betreuung ist, setzt die Kita Yara auf eine längere Eingewöhnungszeit und eine anfängliche elterliche Begleitung. «Dennoch braucht es einen gewissen Vertrauensvorschuss», ist sich Remo Minder bewusst.
Herzensprojekt mit Zukunftsplänen
Die modernen Räumlichkeiten im Quartier Albisrieden wurden umfassend umgebaut, um den spezifischen Anforderungen gerecht zu werden: So finden sich dort nun ein pflegegerecht ausgestattetes Badezimmer mit höhenverstellbaren Wickeltischen, angepassten Lavabos und barrierefreier Dusche, Pflegebetten für den Mittagsschlaf, Therapie- und Medikamentenräume sowie ein eigenes kispex-Büro.
Stadt und Kanton Zürich beteiligen sich massgeblich an der Anschubfinanzierung von rund 800 000 Franken. Für die Familien gelten die üblichen, einkommensabhängigen Kita-Tarife. Da sich die intensive Betreuung damit kaum kostendeckend realisieren lässt, gewährt die Stadt Zürich Zusatzbeiträge für Kinder mit besonderen Bedürfnissen. Ein finanzielles Risiko bleibt, ein mögliches Defizit wird von der Stiftung getragen.
Bewährt sich die Kita Yara während der zweijährigen Pilotphase, soll das Konzept an weiteren Standorten in anderen Kantonen umgesetzt werden, dies erfordert auch dort die enge Zusammenarbeit mit Kinderspitex-Organisationen. «Nur die Kombination aus pädagogischer Betreuung und professioneller Pflege macht ein solches Angebot realisierbar», betont Remo Minder, der gemeinsam mit Stiftungsratskollegin Claudia Wartmann die Kita-Geschäftsleitung ad interim ehrenamtlich innehat: «Es ist für uns alle ein Herzensprojekt.»