Die Spitex schaut über den Tellerrand der Pflege und Betreuung hinaus
Das Zukunftsbild «Care@Home 2040» von Spitex Schweiz zeigt, dass die Versorgung zu Hause immer komplexer, digitaler und integrierter wird und dass die Spitex zunehmend in deren Zentrum rückt. Heisst dies, dass die Spitex jetzt oder in Zukunft auch Fachpersonen für die Versorgung zu Hause beschäftigen sollte, die nicht aus der Pflege stammen? Acht Spitex-Organisationen gehen auf diese Frage ein – und betonen, dass insbesondere Sozialarbeitende für die Spitex immer wichtiger werden.
KATHRIN MORF. Laut der Berner Fachhochschule (BFH) 1 werden Sozialarbeitende für die Spitex immer wichtiger. Acht befragte Spitex-Organisationen2 teilen diese Einschätzung – binden Sozialarbeitende derzeit aber unterschiedlich ein:
Interne Sozialarbeitende einer anderen Organisation
SPITEX BASEL ist eine Praxispartnerin im Pilotprojekt «Soziale Probleme ‹daheim› lösen – Sozialberatung auf dem Gesundheitspfad» 3 der Caritas beider Basel. «Im Rahmen des Projekts arbeitet eine Sozialarbeiterin der Caritas mit 40 Stellenprozenten in unserer Organisation», erklärt Geschäftsführer Stefan Schütz. «So werden unsere Pflegefachpersonen von den sozialarbeiterischen Fragestellungen entlastet und diese Fragen werden kompetenter und effizienter bearbeitet.» Auch die Spitex Stadt Luzern kooperiert mit der Caritas. «Eine Sozialarbeiterin der Caritas Luzern steht uns während weniger Stunden pro Monat für komplexe Fragestellungen zur Verfügung», erklärt Nicole Zeller, Verantwortliche Qualitätsmanagement. Ihre Organisation könne sich vorstellen, ihre interne Soziale Arbeit auszubauen – dies müsse aber immer in enger Abstimmung mit bestehenden externen Angeboten geschehen.
Kooperation mit externen Sozialarbeitenden oder Fachstellen
Die Spitex Stadt Winterthur (ZH), die Spitex von Lugano («SCuDO»; TI) sowie die Spitex Biel-Bienne Regio (BE) arbeiten allesamt bei Bedarf mit externen Sozialarbeitenden beziehungsweise mit Fachstellen zusammen. Alle drei erwarten zudem eine wachsende Bedeutung der Sozialen Arbeit für die Spitex. «Und zwar, weil die Situationen der Klientinnen und Klienten zunehmend komplexer werden und auch soziale, finanzielle und familiäre Fragestellungen umfassen», erklärt Mojgan Friedrich, Leiterin Betriebe Spitex bei der Stadt Winterthur. «In diesem Zusammenhang könnten interne sozialarbeiterische Kompetenzen dazu beitragen, Situationen von Fragilität frühzeitig zu erkennen und die Koordination des Versorgungsnetzes zu verbessern», sagt SCuDO-Ausbildungsverantwortliche Fabienne Cocchi. Für die Spitex Biel-Bienne Regio ist das Thema Soziale Arbeit sogar «ein klares Zukunftsthema bis 2040», betont Geschäftsführer Christoph Napierala. Denn in Biel sei die Zahl der Sozialhilfebeziehenden besonders hoch und die Einkommen und Renten seien besonders tief.
Angestellte Sozialarbeitende
Die Spitex Bern beschäftigt seit einigen Jahren eine Sozialarbeiterin zu 20 Stellenprozent, etwa für Fragen rund um Sozialversicherungen, Finanzen oder Erwachsenenschutzrecht. «Wir haben sie eingestellt, weil wir zunehmend mit sozial komplexen Situationen konfrontiert sind und die Fallführenden hier eine Entlastung benötigen», erklärt Geschäftsführerin Judith Liechti. In vielen Kantonen der Romandie ist die Spitex Teil von Sozialmedizinischen Zentren (SMZ), die eine Vielfalt an Berufsprofilen beschäftigen. So gehören auch Sozialarbeitende zu den 50 SMZ der Waadtländer AVASAD. «Ihre Aufgabe besteht insbesondere darin, die soziale Situation der Klientinnen und Klienten zu beurteilen, den Zugang zu finanzieller Unterstützung zu erleichtern und bei drohender Isolation einzugreifen», sagt Thierry Penseyres, Leiter der Abteilung für Pflegeentwicklung. Seiner Ansicht nach werden Trends wie die zunehmende Multimorbidität, soziale Isolation und Belastung der pflegenden Angehörigen die Bedeutung der Sozialen Arbeit für die Spitex weiter verstärken. Dieser Ansicht sei auch die Genfer Spitex IMAD, sagt Valérie Spielmann, Leiterin der Einrichtungen für betreutes Wohnen im Alter. Die IMAD beschäftige Sozialarbeitende in ihren rund 30 Einrichtungen für betreutes Wohnen. Zudem verfügt sie über eine «Mobile Einheit für soziale Notfälle», die sich um Menschen in sozialer oder psychischer Notlage kümmert und ganzheitlich arbeitet – dank Zweierteams aus Pflegefachpersonen und Sozialarbeitenden.
Weitere Berufsprofile für die Gegenwart und Zukunft
Als weitere Berufsprofile ausserhalb der Pflege, die Anwärter für einen Platz im Spitex-Team sind, nannten die Organisationen unter anderem folgende:
Fachpersonen für psychische Gesundheit
«Der Bedarf an Unterstützung von psychisch kranken Menschen nimmt im häuslichen Umfeld zu», erklärt Fabienne Cocchi von SCuDO. Darum würden Psychiaterinnen und Psychiater sowie Psychologinnen und Psychologen für die Spitex immer wichtiger.
Pharmazeutische Fachpersonen
«Aufgrund der zunehmenden Polypharmazie und der wachsenden Komplexität des Medikamentenmanagements zu Hause kann die künftige Anstellung oder stärkere Einbindung von pharmazeutischen Fachpersonen sinnvoll sein», erklärt Fabienne Cocchi von SCuDO.
Aufgrund der zunehmenden Polypharmazie und der wachsenden Komplexität des Medikamentenmanagements zu Hause kann die künftige Anstellung oder stärkere Einbindung von Pharmazeutischen Fachpersonen
sinnvoll sein.
Fabienne Cocchi
Ausbildungsverantwortliche SCuDO
Fachpersonen für Medizinaltechnik
«Medizinaltechniknahe Berufsprofile könnten in Zukunft wichtig für die Spitex sein, etwa hinsichtlich der zunehmenden Möglichkeiten des Telemonitorings», sagt Christoph Napierala von der Spitex Biel-Bienne Regio. «Es braucht in der immer komplexeren und stärker vernetzten Versorgung zu Hause Personen, welche die Leistungserbringer koordinieren und gleichzeitig die Möglichkeiten von Digitalisierung und neuen Technologien in die Praxis bringen können», bestätigt Mojgan Friedrich von der Spitex Stadt Winterthur.
Fachpersonen für Ernährungsberatung und Ergotherapie
In den Waadtländer CMS sind Fachpersonen für Ernährungsberatung und Ergotherapie bereits fester Bestandteil der interprofessionellen Teams, wie Thierry Penseyres erklärt. Erstere führen unter anderem Ernährungsbeurteilungen zu Hause durch, bieten eine individuelle Betreuung an und tragen dazu bei, Mangelernährung vorzubeugen. Zweitere fördern die Selbstständigkeit der Klientinnen und Klienten im Alltag sowie im sozialen Umfeld, insbesondere durch Rehabilitationsprogramme zu Hause. Auch im Angebot der Genfer IMAD nehmen die Kompetenzen von Fachpersonen für Ernährungsberatung und Ergotherapie bereits einen wichtigen Platz ein, wie Valérie Spielmann berichtet: «Denn unser Auftrag umfasst einen zentralen Präventionsaspekt, der für den Erhalt der Selbstständigkeit und der Lebensqualität zu Hause von entscheidender Bedeutung ist.»
Hausärztinnen und Hausärzte
«Die Anstellung von Ärztinnen und Ärzten bei der Spitex oder eine sehr enge organisatorische Zusammenarbeit mit ihnen würde die gemeinsame Versorgung erleichtern und den Koordinationsaufwand beider Seiten stark verringern», sagt Nicole Zeller von der Spitex Stadt Luzern. «Zudem nehmen komplexe Pflegesituationen zu, die eine enge medizinisch-pflegerische Zusammenarbeit erfordern.»
Vor der Integration von sozialarbeiterischen Leistungen oder anderer Leistungen ausserhalb der Pflege ins Angebot einer Spitex-Organisation ist die Finanzierung zu klären.
Stefan Schütz
Geschäftsführer SPITEX BASEL
Passend zum Statement der Spitex Stadt Luzern betonten viele der befragten Organisationen, dass all diese Berufsprofile nicht von der Spitex angestellt werden müssen. «Es geht darum, eine gute, kosteneffiziente interprofessionelle Zusammenarbeit zu etablieren. Das kann im Rahmen der eigenen Strukturen erfolgen oder im Rahmen von Kooperationen», erklärt zum Beispiel Stefan Schütz von SPITEX BASEL.
Keine erweiterten Spitex-Teams ohne geklärte Finanzierung
Während SMZ bereits Berufsgruppen wie Sozialarbeitende beschäftigen, sehen die befragten Deutschschweizer Organisationen die Finanzierung als grösste Hürde für die Integration solcher neuen Berufsprofile. «Vor der Integration von sozialarbeiterischen Leistungen oder anderer Leistungen ausserhalb der Pflege ins Angebot einer Spitex-Organisation ist die Finanzierung zu klären», erklärt zum Beispiel Stefan Schütz von SPITEX BASEL. Die Spitex Bern finanziert ihre Sozialarbeiterin derzeit vollständig selbst. Finanzierungsbedarf sieht sie allerdings nicht nur bei solchen Anstellungen, sondern generell bei der integrierten Versorgung: «Durch die steigende Multimorbidität unserer Klientinnen und Klienten wird die Umsetzung eines interprofessionellen, koordinierten Ansatzes im Sinne von Care@Home 2040 immer wichtiger. Um diesen zu fördern, braucht es aber eine Klärung der Finanzierung von integrierten Netzwerken», fordert Judith Liechti.
- Vgl. zur Studie: www.bfh.ch/de/forschung/forschungsprojekte/2022-610-109-449; vgl. allgemein zum Thema:
www.spitexmagazin.ch/artikel/sozialarbeit-und-spitex-ein-immer-wichtigeres-team ↩︎ - In diesem Bericht wird nach Berufsprofilen ausserhalb der Pflege gefragt, die bei den Klientinnen und Klienten der
Spitex im Einsatz sind oder sein sollten. Nicht betrachtet werden Berufsprofile aus dem Backoffice der Spitex. ↩︎ - Vgl. z.B.: www.age-stiftung.ch/foerderung/soziale-probleme-daheim-loesen-sozialberatung-auf-dem-gesundheitspfad ↩︎