Die Spitex Kriens untersucht jetzt die Schulkinder

Im luzernischen Kriens führt seit Kurzem die Spitex die schulgesundheitlichen Pflichtuntersuchungen durch. Damit entlastet sie die stark beanspruchten Arztpraxen. Spitex und Schule ziehen eine positive erste Bilanz.

SUSANNE WENGER. Wie gut sehen und hören die Kinder? Wie steht es um Gewicht, Grösse und den Bewegungsapparat? Ist der Impfstatus aktuell? Solche Fragen klären obligatorische Reihenuntersuchungen während der Volksschulzeit schweizweit. In der Oberstufe kommen Blutdruckmessungen und Fragen zur psychischen Gesundheit hinzu. Probleme, die die Entwicklung und Schulbildung hemmen, sollen dadurch früh genug erkannt werden. In Kriens, einer Stadt mit wachsenden Schülerzahlen, finden die Untersuchungen im Kindergarten sowie in der 4. und 8. Klasse statt. Bisher führte sie eine Hausarztpraxis durch – seit Oktober 2025 liegt die Aufgabe nun aber per Leistungsvertrag bei der Spitex.

Pflegefachfrau Cathrin Streich von der Spitex Kriens testet die Sehschärfe einer Schülerin. Bild: zvg

Der Grund: Haus- und Kinderarztpraxen sind durch den Ärztemangel überlastet. Schule und Spitex entwickelten gemeinsam ein neues Modell. «Wir engagieren uns, weil es zu unserer Strategie gehört, der Stadt eine verlässliche Partnerin in Gesundheitsfragen zu sein», erklärt Pia Küttel, Leiterin Qualität und Bildung der Spitex Kriens. Die Schule suchte eine Lösung, die weniger von den Ärztinnen und Ärzten abhängt, sagt Markus Buholzer, Rektor der Volksschule Kriens. Zudem sollen Eltern stärker einbezogen werden. Die Spitex bringe das nötige Fachpersonal und die Infrastruktur mit, anerkennt Markus Buholzer. Ausserdem erlebe man sie als flexibel und offen für Neues.

Wir sind für alle Generationen da, ab der Geburt bis ins hohe Alter.

Pia Küttel

Leiterin Qualität und Bildung, Spitex Kriens

In ärztlicher Delegation
Eine Pflegefachfrau der Spitex Kriens, weitergebildet zur klinischen Fachspezialistin, führt die Untersuchungen im Auftrag einer Ärztin durch. Dieses Modell entspricht den gesetzlichen Vorgaben und ist mit dem Luzerner Kantonsarzt abgestimmt. Die Untersuchungen finden in den Räumen der Spitex statt, die dafür ein 20-Prozent-Pensum einsetzt. Laut Geschäftsführer Hannes Koch vergütet die Stadt die Leistung kostendeckend: «Wir haben Planungssicherheit.»

Bereits absolvierten über 200 Schülerinnen und Schüler den 20-minütigen Gesundheitscheck bei der Spitex, die jüngeren in Begleitung der Eltern. Stellt die Fachspezialistin Auffälligkeiten fest – was überraschend oft vorkomme –, informiert sie die Eltern und trägt die Ergebnisse in die mitgebrachte ärztliche Schülerkarte auf Papier ein. «Die Eltern sind dann für die weiteren Massnahmen zuständig», betont Pia Küttel. Diagnosen stellt die Fachspezialistin nicht. Bei Bedarf steht ihr die delegierende Ärztin als Ansprechperson im Hintergrund zur Seite. Zur Vorbereitung hospitierte die Spitex-Mitarbeiterin in der Arztpraxis. Pia Küttel spricht von einem «Vertrauensverhältnis».

«Für alle Generationen da»: Pia Küttel, Leiterin Qualität, Cathrin Streich, Pflegefachfrau, und Geschäftsführer Hannes Koch (v.l.) im Raum der Spitex Kriens, in dem die Gesundheitschecks stattfinden. Bild: zvg

Ein gelungener Start
Die Pflegefachfrau betreut weiterhin ihre Spitex-Klientinnen und -Klienten. Die Schuluntersuchungen bereichern ihren Arbeitsalltag, berichtet Pia Küttel. Der Kontakt mit Kindern und Eltern mache Freude und ermögliche es, die Stärken einer Pflegefachperson einzubringen. Und die Spitex Kriens, die bereits ein breites Leistungsspektrum bietet, erweitere damit ihr Angebot: «Wir sind für alle Generationen da, ab der Geburt bis ins hohe Alter.» Das steigere auch die Attraktivität als Arbeitgeberin – ein Vorteil in Zeiten des Fachkräftemangels. Bald wird eine zweite qualifizierte Mitarbeiterin schulgesundheitliche Untersuchungen übernehmen, um die Kontinuität zu sichern.

Auch die Schule zieht eine positive Zwischenbilanz. «Der Prozess ist deutlich einfacher geworden», sagt Markus Buholzer. Die Anmeldung erfolgt nun digital, und die Kommunikation zwischen Fachperson, Eltern und Schule funktioniere gut. Die Eltern wurden über das neue Modell informiert. Sie können die Untersuchungen weiterhin bei einem Privatarzt ihrer Wahl durchführen lassen. Zahlen, wie viele diese Möglichkeit nutzen, liegen nicht vor. «Es gab keine grossen Rückmeldungen zum neuen Modell», so der Rektor.

Pflegefachpersonen in der Schulgesundheit
Pflegefachpersonen mit schulgesundheitlichen Aufgaben sind in der Schweiz noch wenig verbreitet. In Städten wie Winterthur und Freiburg arbeiten Pflegende in den schulgesundheit­lichen Diensten mit. In den Westschweizer Kantonen Genf, Waadt und Jura gibt es das Konzept der «School Health Nurse». Deren Rolle geht weit über die Reihenuntersuchungen, wie sie die Spitex Kriens ausführt, hinaus. Die School Nurse übernimmt auch Tätigkeiten in Prävention und Gesundheitsförderung und unterstützt Lehrpersonen im Umang mit chronisch kranken Schulkindern. In der Deutsch­schweiz ist im Kanton Obwalden eine School Nurse im Einsatz.

Eine Machbarkeitsstudie der Berner Fachhochschule (BFH) zeigt, dass auch im Kanton Bern Bedarf für eine School Nurse besteht. «Zunehmende gesundheitliche Herausforderungen
bei Schülerinnen und Schülern bringen Schulen an ihre Grenzen», schreibt Pflegewissenschaftlerin Margarithe Feuz-Schlunegger. Eine mobile School Nurse könne nicht nur ärztliche Grundversorger, sondern auch Lehrpersonen entlasten und Eltern unterstützen. Sie könne Versorgungslücken schliessen, besonders in ländlichen Gebieten und Agglomerationen. Aller­dings müssten Finanzierung und Zusammen­arbeit zwischen den Berufsgruppen geklärt werden.

Weitere Artikel

Vielfältige Kooperationen von Spitälern und Spitex

Die Spitex und die Spitäler arbeiten auf unterschiedlichste Art und Weise zusammen. Dies veranschaulichen sechs Beispiele, die von e...

Tag der Kranken 2025 «Hilfe zur Selbsthilfe»

RED. Der diesjährige Tag der Kranken vom 2. März 2025 widmet sich dem Thema «Hilfe zur Selbsthilfe». Dabei geht es laut der Medienmi...

Verschiedene Hürden bremsen die Nutzung des EPD

Rund 70 Spitex-Organisationen sind an das elektronische Patientendossier (EPD) angeschlossen. Die Spitex ReBeNo (BE) und die Spitex ...