Die Spitex hilft, wenn der Alltag junge Menschen überfordert
«Mental Health U25» heisst das Angebot von Spitex Zürich für Jugendliche und junge Erwachsene mit psychischen und sozialen Problemen. Pflegefachfrau Nathalie Ledergerber berichtet, wie die Spitex den jungen Menschen hilft, ihren Alltag zu bewältigen – beispielsweise einer 20-jährigen Autistin, die sich fremd fühlt «in dieser Welt, die nicht für Menschen mit meiner Andersartigkeit ausgelegt ist».
KATHRIN MORF. «Ich denke als Autistin anders und mache vieles anders als die meisten Menschen», sagt die 20-jährige Lena*, die seit drei Jahren vom Team «Mental Health U25» (MHU25) von Spitex Zürich betreut wird. «Beispielsweise gibt es in meinem Denken nur Schwarz und Weiss und nichts dazwischen.» Auch verfüge sie über keinen Filter für Reize, weswegen diese oft alle gleichzeitig auf sie einprasseln. «Ich kann zudem nicht unterscheiden, welche meiner Äusserungen angebracht sind und welche nicht. Und ich habe Schwierigkeiten mit sozialen Interaktionen», ergänzt die Zürcherin, die in ihrer Freizeit gern Collagen gestaltet oder ihrer Leidenschaft fürs Webdesign frönt. «Trotz alledem betrachte ich meinen Autismus nicht als psychische Krankheit», stellt sie klar. «Psychisch krank geworden bin ich, weil diese Welt nicht für Menschen mit meiner Andersartigkeit ausgelegt ist.»

Lena: Mobbing, Diagnosen, Auszug aus dem Elternhaus
Dass insbesondere Kinder nicht mit dieser Andersartigkeit umgehen können, lernte Lena früh: In der Schule war sie eine Aussenseiterin und wurde zum Ziel von Mobbing. «Darum fühlte ich mich falsch – wie eine Ausserirdische, die auf einem fremden Planeten ausgesetzt worden ist. Und das machte mich zunehmend depressiv», berichtet sie. «Schwere Depression», lautete im Alter von 13 Jahren ihre erste Diagnose; mit 15 Jahren kam die Diagnose «Asperger-Syndrom» hinzu, eine hochfunktionale Form von Autismus. Auch wenn inzwischen nicht mehr zwischen einzelnen Formen der Autismus-Spektrum-Störung (ASS) unterschieden wird 1, findet sich Lena bis heute exakt in der Beschreibung des Asperger-Syndroms wieder. Eine Psychiaterin erklärte ihr damals zudem, dass die regelmässig wiederkehrenden depressiven Episoden die Folge eines «autistischen Burnouts» sein dürften. Der Stress, sich andauernd an die Welt anpassen zu müssen, mache sie demnach krank.
Die 15-Jährige war erleichtert, dass ihre Probleme nun einen Namen hatten. Ihre Eltern bekundeten hingegen Mühe damit, die Autismus-Diagnose zu akzeptieren. Als die Spannungen zu gross wurden, zog Lena aus ihrem Elternhaus aus. Zwei Jahre später wurde sie dann von einer solch schweren depressiven Episode heimgesucht, dass sie erst in eine Klinik und später in eine begleitete Wohngemeinschaft zog. Eine Betreuungsperson riet ihr damals schliesslich dazu, sich bei der Spitex zusätzliche Hilfe bei der Alltagsbewältigung zu suchen. Die 17-Jährige war über diesen Vorschlag redlich erstaunt, war sie doch der Überzeugung, dass die Spitex nur für die körperlichen Gebrechen von alten Menschen zuständig sei. «Ich habe meine Meinung aber schnell geändert», erzählt sie – und der Grund für diese Meinungsänderung war Nathalie Ledergerber, Pflegefachfrau im MHU25-Team von Spitex Zürich.
Nathalie: Jungen Menschen beistehen
«Vor rund zehn Jahren habe ich die Arbeit mit psychisch kranken Jugendlichen kennen und lieben gelernt», beginnt Nathalie Ledergerber zu erzählen, die sich in der stationären psychiatrischen Pflege bis zur Pflegefachfrau HF ausbilden liess. «Junge Menschen in herausfordernden Lebensphasen zu unterstützen, ist eine äusserst spannende und sinnhafte Aufgabe», erklärt die Stadtzürcherin, die auch zertifizierte Traumapädagogin und Traumafachberaterin ist. «Meine eigene Pubertät war sehr schwierig. Umso lieber bin ich heute die Person, die zu den Jugendlichen sagt: ‹Deine Probleme wirken derzeit riesig, aber wir bekommen sie gemeinsam in den Griff›.»
Eine gute Beziehung sorgt dafür, dass sich die jungen Menschen fallenlassen und öffnen können, was für die gemeinsame Arbeit zwingend ist.
Nathalie Ledergerber
Pflegefachfrau im Team Mental Health U25, Spitex Zürich
Seit drei Jahren arbeitet Nathalie Ledergerber für Spitex Zürich und betreut unter anderem junge Menschen mit Depressionen, Angststörungen, Traumafolgestörungen, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen, Schulabsentismus und Autismus. Derzeit bekleidet die zweifache Mutter ein 40-Prozent-Pensum und arbeitet jeweils mit rund neun Klientinnen und Klienten gleichzeitig. «Meist melden Fachpersonen oder Eltern die jungen Menschen bei uns an, aber die Betroffenen dürfen sich auch gern selbst bei uns melden – mit Diagnose oder ohne», betont die Pflegefachfrau. Im Laufe eines ersten Treffens erfolge jeweils das Kennenlernen und die Bedarfsabklärung, danach beginne der Beziehungsaufbau; «denn eine gute Beziehung sorgt dafür, dass sich die jungen Menschen fallenlassen und öffnen können, was für die gemeinsame Arbeit zwingend ist.»
Nathalie: Erfolgsgeschichten, die berühren
«Die Spitex ist sehr nah am Alltag der jungen Menschen dran – und das ist zentral, denn dieser Alltag überfordert viele unserer Kundinnen und Kunden», fährt Nathalie Ledergerber fort. Die Massnahmen der Spitex gegen diese Überforderung sind mannigfaltig: So gleist Nathalie Ledergerber bei Bedarf ein Netz aus formellen und informellen Helferinnen für ihre Klientinnen und Klienten auf. Sie entwirft mit ihnen Notfallpläne für Krisen und legt klare Ziele sowie Strategien für die Erreichung ebendieser Ziele fest. «Wir fokussieren in der psychiatrischen Pflege auf Beeinträchtigungen im Alltag und nicht auf Krankheiten», erklärt sie. «Beispielsweise bekämpfen wir die Antriebslosigkeit, die eine Depression auslöst. Oder wir gehen gegen das tiefe Selbstwertgefühl vor, das eine Ursache von Schulabsentismus sein kann.»
Nathalie Ledergerber trifft ihre Klientinnen und Klienten häufig nicht zu Hause, sondern irgendwo in der Stadt oder Natur – und für viele ist bereits dies ein grosser Schritt. So war dies im Fall einer Jugendlichen mit Autismus und Minderintelligenz, von der Nathalie Ledergerber erzählt, wenn sie nach besonders berührenden Erlebnissen gefragt wird. «Die Jugendliche wollte ihr Zimmer nicht mehr verlassen, weinte häufig und machte lebensmüde Äusserungen», erinnert sie sich. Vier Besuche von Nathalie Ledergerber waren nötig, bis die Jugendliche beschloss, der Spitex-Mitarbeiterin eine Chance zu geben. Darauf folgten gemeinsame Spaziergänge, lange Gespräche und Erfolgserlebnisse wie das erste Einkaufen im Supermarkt. «Heute lebt die junge Frau allein, besucht einen Malkurs und es geht ihr richtig gut. Solche Fälle berühren mich sehr», sagt Nathalie Ledergerber, die ihre Klientinnen und Klienten meist zwischen drei und zwölf Monate begleitet – manchmal aber auch mehrere Jahre lang. So wie Lena.
Nathalie vermittelt mir Stolz auf das, was ich bereits erreicht habe – und Hoffnung auf das, was noch kommt.
Lena
Klientin des Teams Mental Health U25, Spitex Zürich
Lena und Nathalie: die «Ausserirdische» fühlt sich weniger fremd
Die damals 17-Jährige und die Spitex-Mitarbeiterin begannen vor drei Jahren schrittweise, an der Angst zu arbeiten, die Lena bei der Konfrontation mit dem Neuen lähmte. Gemeinsam übten sie unter anderem das Führen von Telefonaten, besuchten eine neue Arztpraxis oder erkundeten ein neues Café. «Das Bestellen in einem neuen Café kann mich völlig überfordern. Mit Nathalie an meiner Seite fühle ich mich hingegen sicher – und schaffe den zweiten oder dritten Besuch allein», berichtet Lena. Bis heute trifft sie «ihre» Spitex-Mitarbeiterin einmal pro Woche und diskutiert mit ihr zum Beispiel auch nötige Schritte während depressiver Phasen oder Lösungen für aktuelle Probleme mit Freundinnen und Freunden. «Da ich auch in Freundschaften nur Schwarz und Weiss sehe, erklärt mir Nathalie deren Grautöne», sagt sie.
Die Spitex-Mitarbeiterin hat auch dafür gesorgt, dass Lena derzeit eine Schule besuchen kann, um ihre Matura nachzuholen. «An Nathalie schätze ich unter anderem ihre Offenheit. Und ihre Direktheit, denn wenn jemand seine Meinung in nette Worte zu packen versucht, verstehe ich das ja doch nicht», sagt die 20-Jährige, zu deren Betreuungsnetz verschiedene weitere Fachpersonen zählen – «und meine Eltern», ergänzt Lena lächelnd. «Sie haben Zeit gebraucht, um meine Diagnosen zu verstehen, aber heute ist ihre Unterstützung gross.»
Anderen jungen Menschen legt Lena ans Herz, der Spitex ebenfalls eine Chance zu geben. «Die Spitex hat ein breites und grosses Wissen dazu, wie das Chaos im Kopf von jungen Menschen aufgeräumt werden kann», versichert sie – und lobt abschliessend die Sicherheit und Stabilität, welche die Spitex in ihr Leben gebracht hat. «Nathalie vermittelt mir Stolz auf das, was ich bereits erreicht habe – und Hoffnung auf das, was noch kommt. Und sie sorgt Schritt für Schritt dafür, dass ich mich in dieser Welt nicht mehr wie eine Ausserirdische fühle.»
Mehr psychische Probleme von jungen Menschen und das
Angebot Mental Health U25
Der Nationale Gesundheitsbericht zur psychischen Gesundheit 2025 vom Schweizerischen Gesundheitsobservatorium (Obsan) zeigt auf, dass die psychische Belastung von Schweizer Jugendlichen und jungen Erwachsenen zunimmt. Als Grund gilt unter anderem der hohe Druck durch Schule, Ausbildung, Social Media und globale Krisen. Die steigende Anfrage sorgt laut dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) für eine psychiatrisch-psychotherapeutische Unterversorgung von jungen Menschen.
Das Angebot «Mental Health U25» (MHU25) von Spitex Zürich hilft seit rund fünf Jahren beim Verbessern dieser Ausgangslage: Es umfasst die psychosoziale Begleitung von 14- bis 25-Jährigen mit psychischen oder sozialen Problemen durch ein derzeit fünfköpfiges Team aus Pflegefachpersonen HF mit viel Praxiserfahrung und fachspezifischen Weiterbildungen.
Geeignet ist MHU25 für Menschen, denen mit maximal zwei einstündigen Besuchen unter der Woche geholfen werden kann. Anmeldungen sind durch Fachpersonen, Erziehungsberechtigte oder die Betroffenen selbst möglich – das MHU25-Team meldet sich spätestens am nächsten Werktag. Finanziert wird das Angebot durch die Krankenkassen und die Stadt
Zürich als Restfinanziererin.
www.spitex-zuerich.ch/MHu25
mentalhealth-u25@spitex-zuerich.ch
Tel. 058 404 47 00
* Name von der Redaktion geändert.
- Laut Autismus Schweiz (www.autismus.ch) gab es für Autismus – eine «angeborene, lebenslange und oft unsichtbare Entwicklungsdiversität» – lange unterschiedliche Diagnosen. Verbreitet waren vor allem der «frühkindliche Autismus», der oft von Intelligenzminderung und fehlender Sprachentwicklung begleitet
wird, und das «Asperger-Syndrom», eine hochfunktionale Form von Autismus. Von solchen Unterscheidungen sehe man aber seit einiger Zeit ab. Auch in der 2022 erschienenen internationalen Klassifikation von Krankheiten, dem ICD-11, ist nur noch die allgemeine «Autismus-Spektrum-Störung» (ASS) zu finden. ↩︎