«Das betriebliche Gesundheitsmanagement baut Resilienz und Innovationsfähigkeit auf»
Zufriedenere und gesündere Mitarbeitende, Verbundenheit mit der Arbeitgeberin – dies erhoffen sich viele Organisationen von einem betrieblichen Gesundheitsmanagement. Wozu dieses beitragen kann, davon berichten die Spitex Emmen (LU) und die SPITEX Kempt (ZH), ausgezeichnet mit dem Label «Friendly Work Space».
EVA ZWAHLEN. Kranke oder verunfallte Mitarbeitende. Klienten-Einsätze, die unabhängig von der personellen Situation geleistet werden müssen. Kolleginnen und Kollegen, die immer wieder einspringen und unter der Mehrbelastung leiden. Und als Folge davon: belastete Mitarbeitende, weitere Ausfälle – und Mehrkosten trotz Krankentaggeldversicherung. Das sind Umstände, die vielen Organisationen im Gesundheitswesen bekannt sein dürften. Auch bei der Spitex. Die Spitex Emmen (LU) wollte diese nicht länger hinnehmen. Sie gab deshalb aktiv Gegensteuer und investierte in den vergangenen vier Jahren konsequent ins betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM). Das Ziel: die Entlastung des Personals sowie eine gleichzeitig möglichst hohe Planungssicherheit in einem dynamischen Betrieb.

Spitex Emmen: gesunkene Krankentaggeldprämien dank BGM
Dabei ging die Spitex-Organisation systematisch vor: So analysierte sie unter anderem die Absenzdaten und erhob Kennzahlen zu krankheits- und unfallbedingten Absenzen sowie den daraus entstandenen Lohnkosten. Parallel dazu entwickelte sie ein umfassendes BGM-Konzept, analysierte gleichzeitig bestehende gesundheitsfördernde Massnahmen und definierte weitere Handlungsfelder. Heute verfügt die Spitex Emmen gemäss Pia Zimmerli, Leiterin HR und Gesundheitsmanagement, über aussagekräftige Daten und überdies über ein strukturiertes Vorgehen für die Umsetzung und Weiterentwicklung des BGM. Welche Massnahmen haben sich besonders bewährt? «Sie verstärken sich in der Summe», sagt die HR-Leiterin. «Wir haben zum Beispiel die Anstellungsbedingungen überarbeitet und dabei den Ferienanspruch und die Pausenzeiten angehoben. Zudem haben wir einen Springer-Pool eingeführt. Heute übernehmen mehrere Mitarbeitende flexibel Einsätze und entlasten so das Team bei kurzfristigen Engpässen.» Mit Erfolg: Durch die ergriffenen Massnahmen konnten die hohen Krankheitskosten von 2023 bis zum Jahr 2025 um 36 Prozent reduziert und, als Folge davon, die Krankentaggeld-Prämien gesenkt werden. «Von diesen monetären Auswirkungen profitieren die Mitarbeitenden durch einen geringeren Lohnabzug», freut sich Pia Zimmerli.
BGM entfaltet seine Wirkung im Alltag
Die HR-Leiterin weist darauf hin, dass die hohen Absenzzahlen im Austausch mit anderen Spitex-Organisationen immer wieder ein Thema seien. «Zahlreiche Betriebe versuchen, mit gezielten Massnahmen gegenzusteuern.» Jede Organisation sei einzigartig, Patentlösungen existierten nicht, betont sie. Für die Spitex Emmen habe sich rückblickend gezeigt, dass der Schritt, subjektive Wahrnehmungen in objektive Daten zu transformieren, zentral war. «Erst dann konnten wirksame Massnahmen entwickelt werden», ist Pia Zimmerli überzeugt. Weiter stecke hinter einem erfolgreichen BGM ein Teamwork: «Als Leiterin HR gebe ich Inputs. Es braucht allerdings ein Führungsteam, das mitzieht und umsetzt.» Ein BGM entfalte seine Wirkung nicht auf dem Papier, sondern im Alltag – in der Führungskultur, in der täglichen Zusammenarbeit und im Umgang miteinander. Dies zeigt unter anderem das grosse Mitarbeitendenfest, das die Spitex-Organisationen mit kommunalem Leistungsauftrag im Kanton Luzern im Mai 2027 für 2000 Mitarbeitende gemeinsam organisieren: «Im Zentrum steht die Wertschätzung. Die Verantwortlichen wollen den Mitarbeitenden etwas zurückgeben, Danke sagen und die Spitex als grossartige Arbeitgeberin sichtbar machen. Es soll ein Anlass sein, der verbindet, Freude bereitet und einfach Spass macht», schliesst Pia Zimmerli.
Ein BGM entfaltet seine Wirkung nicht auf dem Papier, sondern im Alltag – in der Führungskultur,
in der täglichen Zusammenarbeit und im Umgang miteinander.
Pia Zimmerli
Leiterin HR und Gesundheitsmanagement Spitex Emmen
SPITEX Kempt: mit dem Label «Friendly Work Space» ausgezeichnet
2024 hat die SPITEX Kempt (ZH) das Label «Friendly Work Space» 1 von Gesundheitsförderung Schweiz (GFCH) erworben. Dabei sei es in erster Linie darum gegangen, die umfangreichen Massnahmen des BGM von Fachpersonen ausserhalb der Organisation überprüfen zu lassen, sagt Jasmin Wyss, BGM-Verantwortliche bei der SPITEX Kempt. «Wir haben schon vorher nach den Kriterien von ‹Friendly Work Space› gearbeitet, wussten aber nicht, ob und wie gut uns das gelungen ist. Dies wollten wir herausfinden.» Als Friendly-Workspace-Betrieb habe die Spitex-Organisation stark an Sichtbarkeit gewonnen, führt Jasmin Wyss weiter aus. Mit dem Label könne die Organisation nach aussen hin sichtbar machen, was sie in diesem Bereich investiere – und dies widerspiegele sich schlussendlich auch in der Rekrutierung von neuen Mitarbeitenden.
Zentrale Partizipation
Das Label von GFCH setzt ein systematisches BGM voraus. Durch diesen strukturierten Prozess hat sich laut Jasmin Wyss einiges bei der SPITEX Kempt verändert. Sie sagt, dass die Organisation bereits vor der Einführung vereinzelt Massnahmen umsetzte, so etwa bei der Rückkehr von Mitarbeitenden nach einer längeren krankheitsbedingten Abwesenheit. Allerdings habe es an der Systematik gefehlt. «Jetzt haben wir wirkungsvolle Wiedereingliederungsprozesse, die schon ab Tag 1 der Absenz starten. Die Teamleitungen haben nun Zeit dafür und Leitfäden zur Verfügung, die ihnen Unterstützung bieten. Auch den Mitarbeitenden wird klar kommuniziert, was sie selbst in dieser Phase tun können und müssen, um die Rückkehr an den Arbeitsplatz erfolgreich zu gestalten.» Jasmin Wyss sagt, sie beobachte überdies, dass sich die Teamkultur zum Positiven hin verändert habe. «Probleme werden angesprochen, die Unterstützung untereinander funktioniert.»
Wer mit dem Label «Friendly Work Space» (FWS) ausgezeichnet ist, erfüllt 14 Qualitätskriterien 2 für BGM, eine davon ist «Partizipation». Diese sei zentral, betont die BGM-Verantwortliche: «Wer seine Mitarbeitenden nicht mitreden lässt, nutzt eine vorhandene Ressource nicht. Die Mitarbeitenden wissen meist sehr genau, was sie brauchen und wo der Schuh drückt.» Veränderungen, bei denen das Personal mitreden konnte, würden besser angenommen und seien effizienter und nachhaltiger.
Wer seine Mitarbeitenden nicht mitreden lässt, nutzt eine vorhandene Ressource nicht.
Jasmin Wyss
Verantwortliche betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) SPITEX Kempt
Mitarbeitende fühlen sich wohl
Zufriedenere und gesündere Mitarbeitende, Verbundenheit mit der Arbeitgeberin – dazu soll ein systematisches BGM beitragen. Die Bilanz bei der SPITEX Kempt seit der Einführung des FWS-Labels stimmt zuversichtlich und hat zu messbaren Veränderungen geführt: So konnte die Organisation die krankheitsbedingten Absenzstunden vom Jahr 2023 bis 2024 um 20 Prozent senken. Auch 2025 seien die Kurzzeitabsenzen über das ganze Jahr gesunken, berichtet Jasmin Wyss. «Unsere jährliche Befragung zeigt, dass sich unsere Mitarbeitenden wohlfühlen.» BGM baue Resilienz und Innovationsfähigkeit auf – und diese werde die Spitex in den herausfordernden nächsten Jahren brauchen, ergänzt sie. Die Spitex-Organisation ergreift auch weitere Massnahmen, die über das formale BGM hinausgehen, um die Zufriedenheit der Mitarbeitenden zu stärken. «Wir investieren in unsere Teamkultur und legen Wert auf eine lösungsorientierte Zusammenarbeit. Dies führt zu gegenseitigem Respekt», ist Jasmin Wyss überzeugt.
- www.friendlyworkspace.ch/de. Für Betriebe mit unter 100 Mitarbeitenden empfiehlt es sich, nachzufragen, ob eine Zertifikation möglich ist. ↩︎
- www.friendlyworkspace.ch/de/das-label#KRITERIEN ↩︎