Berufliche Wendepunkte: drei Quereinstiege in die Pflege zu Hause

Geplatzte Träume in der Gastronomie, ein schwerer Unfall, finanzielle Unsicherheit: Annette Gallmann, Stefan Schilling und Estelle Martin mussten ihre beruflichen Pläne neu denken. Heute arbeiten sie bei der Spitex – und berichten von Herausforderungen, Lernprozessen und neuer beruflicher Erfüllung.

KARIN MEIER. Ende 2019 kündigte Annette Gallmann ihre Stelle in einem Schaffhauser Weingut, weil ihr die langen Arbeitstage von bis zu 17 Stunden zu viel geworden waren. Alles schien gut geplant: Die damals 44-Jährige mit Abschlüssen als Service- und als Hotelfachangestellte wollte in dem alten Haus in Osterfingen, in dem sie mit ihrer Familie lebt, kulinarische Erlebnisse für kleine Gruppen anbieten. Zwei weitere Teilzeit-Stellen in der Gastronomie zur finanziellen Unterstützung waren gefunden. Dann kam Corona, und die Standbeine brachen auf einen Schlag weg. 

Ein unerwarteter Neuanfang 
Annette Gallmann machte sich auf die Suche nach einer Teilzeitstelle ausserhalb der Gastronomie. Im Juni 2020 bewarb sie sich bei der Spitex Klettgau-Randen in Neunkirch (SH) als Hauswirtschaftsangestellte. Das Bewerbungsgespräch fand ausgerechnet an ihrem Geburtstag statt. «Es passte einfach», sagt Annette Gallmann. Als der nächste Corona-Winter ihre Gastroträume endgültig begrub, fragte ihre Teamleiterin bei der Spitex, ob sie nicht in die Pflege wechseln wolle. Annette Gallmann absolvierte den Rotkreuzkurs zur Pflegehelfenden mit einem Pflegepraktikum, das sich als Schlüsselerlebnis herausstellte. «Auf dem Heimweg strahlte mein Gesicht. Ich erkannte, dass die Pflege meine Berufung ist.»

Die Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit kam für sie nicht infrage, weil sie sich nicht vorstellen konnte, gemeinsam mit deutlich jüngeren Auszubildenden zu lernen. Die dreijährige Ausbildung zur Diplomierten Pflegefachfrau Höhere Fachschule (HF) hingegen, mit einem Wechsel aus jeweils einem halben Jahr Unterricht und einem halben Jahr Praxis, sprach sie an. Die Spitex Klettgau-Randen stellte sie ein und finanzierte damit die Ausbildung. Für Annette Gallmann war das ein wichtiger Punkt: «Als Wohneigentümerin hätte ich kein Stipendium erhalten.» Bis zum Ausbildungsbeginn arbeitete sie ein Jahr lang als Pflegehelfende bei der Spitex Klettgau-Randen. 

Annette Gallmann hat früher in der Gastro­nomie Häppchen angerichtet – nach ihrem Quereinstieg in die Pflege richtet sie nun Medikamente bei der Spitex Klettgau-Randen (SH). Bilder: zvg / Michael Steck

Lernen unter Druck 
«Die HF-Ausbildung war kein Spaziergang», sagt Annette Gallmann. Umso grösser waren die Freude und der Stolz nach dem Abschluss: «Es war eine bereichernde Erfahrung, in meinem Alter einen Richtungswechsel vornehmen zu können.» Den Quereinstieg über die HF in die Pflege kann Annette Gallmann empfehlen, sofern man flexibel sei und bereit, sich auf das Abenteuer einzulassen. Sie selbst habe davon profitiert, dass sie harte Arbeit bereits aus der Gastronomie kannte. 

Heute arbeitet sie als Diplomierte Pflegefachfrau in einem 80%-Pensum bei der Spitex Klettgau-Randen. Ihr Wissensdurst ist noch nicht gestillt: Sie wird sich diesen Winter in Palliative Care weiterbilden und den Aufbau-Lehrgang B1 abschliessen. Zudem wird sie Teil des Bildungsteams und plant auf Herbst 2026 das SVEB-Zertifikat Ausbilder/in – Einzelbegleitungen (SVEB 1) zu erlangen. 

Stefan Schilling, Pflege-Quereinsteiger, Spitex Emmen

Vom Bau ins Büro und weiter in die Pflege 
Auch der 46-jährige Stefan Schilling wurde durch äussere Umstände zu einem beruflichen Neuanfang gezwungen, der ihn in die Pflege führte. Aufgewachsen in Ostdeutschland, schloss er eine Ausbildung als
Kachelofen- und Luftheizungsbauer ab. Danach arbeitete er viele Jahre als Schweisser, Schlosser und Monteur. In die Schweiz gezogen ist er 2004, heute lebt er in Luzern. 2008 kam es zu einem lebensverändernden Ereignis: Stefan Schilling erlitt einen schweren Autounfall, der eine berufliche Umorientierung erforderte: Er tauschte die Baustelle gegen den Bürostuhl. Dafür erlangte er zuerst den Abschluss als Kaufmann EFZ, danach bildete er sich zum dipl. Wirtschaftsfachmann weiter. Den Wechsel in den kaufmännischen Bereich empfand er als harzig, da ihm die Stellen nicht alle zusagten.

Bei der Spitex Emmen passte es vom
ersten Tag an.

Stefan Schilling

Pflege-Quereinsteiger, Spitex Emmen

Wechsel zur Spitex 
2023 erfolgte der Einstieg in die Gesundheitsbranche: Stefan Schilling trat eine Stelle als Assistent der Geschäftsleitung einer privaten Spitex an und lernte Betrieb und Branche kennen und schätzen. Nebenberuflich arbeitete er als Coach bei Pro Infirmis. Dort begleitete er Menschen mit Unterstützungsbedarf bei der Suche nach einer geeigneten Wohnung und beim eigenständigen Wohnen. «Diese Arbeit gab mir viel Lebensenergie zurück», sagt er. Bis im Frühjahr 2024 reifte in ihm der Wunsch, die
Arbeit mit Menschen mit dem Gesundheitswesen zu vereinen und in die Pflege zu wechseln. Stefan Schilling kündigte seine Stelle bei der privaten Spitex und schnupperte in mehreren Betrieben. In der Spitex Emmen (LU) fand er die Organisation, bei der er bleiben wollte: «Es passte vom ersten Tag an.»

Nach Abschluss eines Vorpraktikums und mit dem SRK-Kurs für Pflegehelfende im Rucksack begann er im November 2024 bei der Spitex Emmen und im Bildungszentrum Gesundheit Zentralschweiz Xund eine Ausbildung zum diplomierten Pflegefachmann HF. Er hatte sich für diesen Bildungsgang entschieden, weil er fachlich anspruchsvoll ist. «Hier kann ich die vertieften Kompetenzen erwerben, die ich für eine interessante Pflegetätigkeit benötige», sagt Stefan Schilling. Sein Lohn in dieser Zeit setzt sich aus drei Komponenten zusammen: Von der Spitex Emmen erhält er einen Studierendenlohn sowie ein Darlehen, das an eine zweijährige Verpflichtung nach dem erfolgreichen Abschluss gebunden ist. Vom Kanton Luzern erhält er zusätzlich eine Ausbildungsvergütung. Stefan Schilling kann den Quereinstieg in die Pflege empfehlen. Unterricht und Praktikumsblöcke seien zwar anspruchsvoll. Die Arbeit sei jedoch sinnstiftend, zumal er viel Wertschätzung erfahre. Der Beziehungsaufbau zu den Klientinnen und Klienten falle ihm auch deshalb leicht, weil er dank seiner Lebenserfahrung und seines vielfältigen beruflichen Hintergrunds schnell mit ihnen ins Gespräch komme. 

Estelle Martin, Pflege-Quereinsteigerin, SMZ Morges

Von der Fotografie in die Pflege 
Die 27-jährige Estelle Martin machte eine Ausbildung zur Fotografin EFZ am Centre d’enseignement professionnel de Vevey (CEPV). Anschliessend absolvierte sie eine HF-Ausbildung zur Designerin für visuelle Kommunikation mit Schwerpunkt Fotografie. In den insgesamt vier Jahren, in denen sie als Fotografin arbeitete, war Fotografie für sie stets eine Leidenschaft – doch als verlässliche Einkommensquelle reichte sie oft nicht aus, sodass Estelle Martin nebenher im Verkauf arbeiten musste. Die anhaltende finanzielle Unsicherheit und die oft wenig inspirierenden Aufträge machten Estelle Martin zunehmend zu schaffen. Sie entschied sich deshalb, eine Tätigkeit zu suchen, die finanzielle Stabilität bot. Dabei wollte sie nicht einfach irgendeinen Job: «Ich wünschte mir einen anspruchsvollen Beruf, der Sinn stiftet und bei dem ich Menschen in Not konkret unterstützen kann.»

Ich empfehle den Quereinstieg in die Spitex allen, die eine sinnvolle Arbeit im direkten Kontakt mit Menschen suchen und bereit sind, sich täglich neuen Herausforderungen zu stellen.

Estelle Martin

Pflege-Quereinsteigerin, SMZ Morges

Auf der Suche nach einem geeigneten Beruf kam ihr der Zufall zu Hilfe: Estelle Martin las in einem Artikel in «24 heures» von einem neuen berufsbegleitenden Kurs für Pflegehelfende. Dieser wird von den sozialmedizinischen Zentren (SMZ) des Kantons Waadt – denen die Spitex angehört – in Zusammenarbeit mit dem kantonalen Roten Kreuz finanziert. Ende 2023 absolvierte Estelle Martin ein Praktikum bei der Fondation de La Côte des SMZ von Saint-Prex. Ihr wurde gleich eine Stelle angeboten, und da ihr die Tätigkeit gefiel, sagte sie zu und absolvierte berufsbegleitend den SRK-Kurs zur Pflegehelferin, den sie Ende 2024 abschloss. Der Wechsel von der kreativen Fotografie in die Gesundheitsbranche und Pflege brachte einige Herausforderungen mit sich. Geduld, Stressbewältigung und die Liebe zum Detail – Eigenschaften, die sie in ihrem früheren Beruf entwickelt hatte – erwiesen sich in diesen Momenten als besonders wertvoll. «Wie in der Fotografie geht es auch in der Pflege darum, Menschen und ihre Bedürfnisse und Gewohnheiten genau wahrzunehmen. Meine Erfahrung in diesem Bereich in der Fotografie hat mir den Einstieg in die Pflege sehr erleichtert», sagt sie. 

Wie in der Fotografie geht es auch in der Pflege darum, Menschen und ihre Bedürfnisse und Gewohnheiten genau wahrzunehmen.

Estelle Martin

Pflege-Quereinsteigerin, SMZ Morges

Neue Perspektiven
Mittlerweile ist Estelle Martin in der Pflege angekommen, was auch mit dem guten Teamgeist im SMZ von Morges Est zu tun habe, wo sie aktuell arbeitet. «Der Teamleiter hat stets ein offenes Ohr für uns und sucht aktiv nach Lösungen, wenn es einmal herausfordernd wird», lobt sie. Zudem sehe sie konkret, wie sich ihr Einsatz positiv auf die Menschen auswirkt, die sie begleitet. «Das Gefühl, nützlich und geschätzt zu sein, gibt mir viel.» Estelle Martin empfiehlt den Quereinstieg in die Spitex allen, die eine sinnvolle Arbeit im direkten Kontakt mit Menschen suchen und bereit sind, sich täglich neuen Herausforderungen zu stellen. Für sie selbst geht der Weg weiter: Sie will sich bis zur Pflegefachfrau FH weiterbilden. 

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