Aargauer Projekt will formelle und informelle Angebote zusammenbringen
Ein Pilotprojekt soll im Kanton Aargau Erkenntnisse über die Gesundheitsversorgung der Zukunft liefern. Martina Sigg, Projektverantwortliche und Apothekerin, führt unter anderem aus, weshalb nebst der Koordination auch die Steuerung der Dienstleistungen wichtig ist – und wie informelle Angebote die Spitex und Heime künftig entlasten könnten.
EVA ZWAHLEN. Bedarfsgerecht, integriert, digital vernetzt, qualitativ hochstehend und finanzierbar – so soll das Gesundheitswesen im Kanton Aargau in Zukunft aussehen. Über sogenannte Versorgungsregionen will der Kanton die ambulante, intermediäre (dazwischenliegende) und stationäre Pflegeversorgung der älteren Bevölkerung künftig sicherstellen. Ziel ist eine optimale Koordination und Vernetzung der entsprechenden Akteure, insbesondere von Spitex und Pflegeheimen1. Wie viele solcher Versorgungsregionen es dereinst geben soll, sei noch nicht bekannt, sagt Dr. Martina Sigg. Die Apothekerin steht der Arbeitsgruppe Gesundheitsregion Brugg vor 2. Diese hat im Dezember 2025 einen Antrag für ein Pilotprojekt beim Kanton eingereicht (siehe Kasten). Im Projektrahmen sollen grundlegende Fragen geklärt werden, erläutert Martina Sigg – etwa, wie künftig die Versorgung von Randregionen gewährleistet werden kann, ob die Versorgungs- mit den Spitex-Regionen deckungsgleich sind oder wie das Gesundheitswesen nachhaltig finanzierbar ist.

Gesundheitsversorgung mitgestalten
Martina Sigg hat in Schinznach (AG) viele Jahre eine Apotheke mit ihrem Mann geleitet, zudem sass sie während zehn Jahren im Parlament des Kantons Aargau. Als Apothekerin habe sie einiges gesehen. «Gewisse Patientinnen und Patienten waren übervorsichtig, andere übertherapiert.» Besonders beschäftigt habe sie, wenn sie etwa mitbekam, wie Angehörige an ihre Belastungsgrenzen kamen, weil sie Entlastung durch die Spitex gebraucht hätten; gleichzeitig sei die Einsicht aber nicht da gewesen. «Ich habe eine hohe Motivation, die Gesundheitsversorgung mitzugestalten», sagt Martina Sigg mit Blick auf ihre eigenen Erfahrungen. Sie sei überzeugt von der Rolle der Apotheken als niederschwellige Anlaufstellen und zentrale Akteurinnen im Versorgungsnetz. So können Apotheken die Heime und die Spitex laut der Apothekerin etwa bei der Medikamentenversorgung oder bei Medikationsplänen entlasten. «Wir haben über die Patientinnen und Patienten Kontakt zur Spitex, zu den Ärztinnen und Ärzten, zu Heimen oder Rehakliniken – und damit einen guten Überblick, welche Stellen bei welchen Patientinnen und Patienten involviert sind.»
Wir wollen die ambulanten Strukturen stärken und prüfen, wo die Spitex allenfalls entlastet werden kann.
DR. Martina Sigg
Projektverantwortliche Versorgungsregion Brugg
Nicht nur Koordination ist nötig, sondern auch Steuerung
Im Rahmen des Pilotprojekts geht es auch um die Frage, wie sogenannte informelle Angebote, etwa Freiwilligennetze oder solche von Krebsliga oder Pro Senectute, in Zukunft sinnvoll in die Angebotslandschaft eingebunden werden können. Denn, davon ist Martina Sigg überzeugt: Die professionellen Strukturen kommen zunehmend an ihre Grenzen. «In der Region Brugg wird es bis ins Jahr 2040 über 235 Prozent mehr über 85-Jährige geben. Es gibt nicht genügend Pflegebetten und zu wenig Personal in den Heimen und bei der Spitex.» Treiber dieser Veränderungen seien die Demografie, die Finanzen und das fehlende Fachpersonal, führt die Apothekerin weiter aus. Informelle Strukturen könnten nach Ansicht von Martina Sigg die Angebote von Spitex oder Heimen sinnvoll ergänzen. «Dazu müssen wir diese Strukturen zuerst identifizieren und uns dann überlegen, wie man sie koordinieren und allenfalls ausbauen kann, damit sie den formellen nützen.» Die Qualitätssicherung sei in diesem Zusammenhang ein zentraler Aspekt.
Martina Sigg sagt weiter, dass es elementar sei, die ambulanten Angebote zu stärken. Zudem sei es wichtig, zu prüfen, wo die Spitex allenfalls entlastet werden könne. Die Apothekerin identifiziert derzeit noch gewisse Doppelspurigkeiten: «Heute bieten zum Beispiel viele Organisationen Besuchs- oder Mahlzeitendienste an. Auch die Spitex.» Eine übergeordnete Koordination auch dieser vorhandenen Angebote sei notwendig. Sie reiche indes nicht, hält sie fest: «Es braucht zusätzlich zur Koordination eine aktive Steuerung dieser Angebote, wie auch die Abklärung des Bedarfs.» Dies, um einer allfälligen Über- oder Unterversorgung vorzubeugen.
Ein weiteres Anliegen der Apothekerin ist eine Art «Versorgungsatlas» mit einem Überblick über die verschiedenen Angebote im Altersbereich. Dieser könne helfen, damit sich diese Menschen im manchmal unübersichtlichen Angebot besser orientieren könnten. «Wir brauchen einen Plan für die Menschen und ihre Angehörigen, die noch keine Spitex haben. Diese dürfen nicht durch die Maschen fallen», sagt sie.
Verzahnung von formellen und informellen Angeboten im Altersbereich
Im Kanton Aargau sollen bis ins Jahr 2030 im Rahmen der gesundheitspolitischen Gesamtplanung (GGpl) 2030 sogenannte Versorgungsregionen ins Leben gerufen werden. Ziel des Kantons ist es, eine bedarfsgerechte und wohnortnahe Gesundheitsversorgung der Bevölkerung sicherzustellen – trotz demografischer Veränderungen, Fachkräftemangels, steigender Gesundheitskosten und der Zunahme bestimmter Krankheitsbilder, etwa Demenz. Das Pilotprojekt von Brugg Regio soll insgesamt drei Jahre dauern und Grundlagen, Instrumente und Erkenntnisse zur Einführung weiterer Versorgungsregionen liefern. Der Fokus liegt dabei insbesondere auf einer optimalen Verzahnung und Gestaltung von formellen und informellen Angeboten im Altersbereich. Die Projektkosten von 400 000 Franken sollen grösstenteils zulasten des Kantons gehen, einen kleinen Teil übernimmt Brugg Regio. Entscheiden wird der Regierungsrat voraussichtlich im Sommer 2026.
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