Nationaler Spitex-Kongress: Daten, Daten, Daten
«Daten – der Kompass für die Zukunft»: So lautete das Thema des Nationalen Spitex-Kongresses von Spitex Schweiz, der am 10. September 2026 im Berner Kursaal über die Bühne ging.
KM, FG. Anhand von abwechslungsreichen Referaten, Diskussionen und Sessionen wurde den über 550 Teilnehmenden klar, dass Daten viele Chancen bieten, aber auch manches Risiko bergen. Und dass sie mehr sind als blosse Zahlen – sondern zum Beispiel auch ein zentrales Instrument, um die Spitex für eine herausfordernde Zukunft zu rüsten.
Die folgende Fotostrecke berichtet in Bild und Wort vom Inhalt aller Referate und sonstigen wichtigen Bausteinen des Kongresses im Zeichen der Daten.
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«Daten können sichtbar machen, was im Alltag manchmal unsichtbar bleibt: die Komplexität unserer Einsätze, die Qualität unserer Arbeit, den Zeitaufwand, die Wirkung und Kosten unserer Leistungen sowie die Veränderungen im Versorgungsbedarf», erklärte Thomas Heiniger, Präsident von Spitex Schweiz, zu Beginn des Nationalen Spitex-Kongresses. Besonders wichtig seien hochwertige Daten in Bezug auf die einheitliche Finanzierung der Leistungen, kurz «EFAS», welche für die Pflege ab 2032 gilt. Gute Daten allein reichten allerdings nicht aus, um die Zukunft der Spitex zu sichern: Hierfür brauche es auch die Fähigkeit, auf Basis von Daten die richtigen Entscheidungen zu treffen. (Fotos: Anja Zurbrügg Photography)
Moderator Hannes Blatter startete als Erstes eine Umfrage. Unter anderem wollte er von den Besuchenden wissen, welches Gemüse ihnen schmeckt. Solche Daten über die Vorlieben von Personen sagten manchmal mehr aus, als man es auf den ersten Blick denkt, erklärte er. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu (1930-2002) habe jedenfalls gemeint, der Geschmack hänge mit Herkunft, Beruf und Bildung zusammen. Bei den Anwesenden waren Kartoffeln besonders beliebt. Und das heisst laut Hannes Blatter gemäss der Theorie von Pierre Bourdieu, dass die Befragten «wissen, was ein richtiger Arbeitstag ist».
Pascal Grieder, CEO der Schweizerischen Post, sprach über die Post im Wandel. Die heutige hohe Relevanz der Post bleibe im umstrittenen Markt nur erhalten, «wenn wir unser Angebot kontinuierlich weiterentwickeln und an die sich verändernden Bedürfnisse anpassen», sagte er. Die Post setze für das Erreichen dieses Ziels auf die Stärkung ihres Kerngeschäfts, ein fokussiertes Wachstum sowie auf Massnahmen, die ihre Angebote einfacher und schneller werden lassen. «Daten sind dabei hochrelevant, weil sie helfen, die Bedürfnisse der Kunden zu antizipieren und die Servicequalität zu verbessern», erklärte er. Und: Um auch in Zukunft relevant zu sein, müsse die Post digital hochrelevant sein.
Zur Auflockerung zwischen den Referaten zeigte Spitex Schweiz drei «Blitzlichter»: kurze und kurzweilige Videos mit Illustrationen von Cartoonist Jonas Raeber. Diese erklärten, wie die Spitex mittels Daten ihre CO2-Bilanz verbessert kann und wie das Heye-Cockpit mithilfe von Daten die Entwicklung des Spitex-Angebots aufzeigt (vgl. Foto). Welche Vorteile der nationale Datenpool «HomeCareData» von Spitex Schweiz bietet, zeigte das dritte Blitzlicht: «HomeCareData macht Veränderungen sichtbar und schafft damit eine verlässliche Grundlage für fundierte Entscheidungen», war im Blitzlicht zu hören.
Gian-Luca Savino, Senior Researcher am Gottlieb Duttweiler Institut, sprach über die Chancen und Risiken von Daten für das Gesundheitssystem. Er zeigte auf, dass Werbekunden die Interessen jedes Internetnutzers anhand von Standorten, Käufen, Browserverlauf und sozialem Umfeld sehr genau vorhersagen können. Googelt jemand ein Krankheitssymptom, das auf Diabetes hindeutet, würden ihm innert Kürze Werbungen für Diabetiker-Produkte angezeigt. Daten könnten aber auch Leben retten: So warnen Smartwatches mit einer Treffsicherheit von 84 Prozent vor Vorhofflimmern. «Die Frage ist nicht, ob wir immer mehr Daten erheben werden, sondern ob wir dies mit der entsprechenden Qualität und Verantwortung tun können, nach denen Gesundheitsdaten verlangen», sagte er.
Über «Evidence Based Nursing» (EBN), also die evidenzbasierte Pflege, sprach Camille Despland. Die Leiterin der Abteilung für Entwicklung, Innovation und Forschung bei der Waadtländer AVASAD betonte die Wichtigkeit der Rolle der klinischen Pflegeexpertinnen und Pflegeexperten («Clinical Nurse Specialist» CNS), bei der Implementierung von wissenschaftlicher Evidenz in der Praxis. Als Beispiel erwähnte sie die Sturzprävention: Weil die Wissenschaft belegt, dass ein Verlust an Muskelmasse das Risiko für Stürze erhöht, wirken die Mitarbeitenden von AVASAD gezielt auf die Aktivität ihrer Klientinnen und Klienten ein, um einen Funktionsverlust zu verhindern. EBN sei kein Zwang, unterstrich Camille Despland, «sondern eine Chance, dass die innovativste Pflege bei denjenigen Menschen ankommt, die wir begleiten».
An der Podiumsdiskussion zum Thema «Der richtige Kompass im Datenmeer: Versorgungsrelevanz statt Datensammlung» nahm unter anderem Saskia Schenker teil, Direktorin von prio.swiss, dem Verband der Schweizer Krankenversicherer. Sie verwies darauf, dass die Pflege für den Bau der Tarifstruktur für EFAS auch Neuerhebungen von Daten brauchen wird. Nur so könnten schweizweit vergleichbare Daten garantiert werden. Denn in jedem Kanton oder sogar in jeder Gemeinde oder Institution würden derzeit die Daten über Leistungen und Kosten unterschiedlich erhoben. Wichtig an der Umsetzung von EFAS sei, «dass die Pflegenden künftig in ihrem Alltag nicht noch mit zusätzlichen Datenerhebungen belastet werden», stellte sie zudem klar.
Vera Schädler vertrat an der Podiumsdiskussion die Perspektive der Gemeinden. Sie ist Departementssekretärin im Gesundheits- und Umweltdepartement der Stadt Zürich sowie Vorstandsmitglied der Gesundheitskonferenz des Kantons Zürich (GeKoZH). Sie betonte, dass die Gemeinden von der Pflege nicht mehr Daten bräuchten, sondern verlässlichere Daten. Dies habe sich gezeigt, als ihre Gemeinde eine Kostenanalyse durchführte: Ein Grossteil der Spitex-Organisationen ohne Leistungsauftrag konnte die benötigten Daten nicht liefern. Immerhin sei die Gemeinde auf offene Türen gestossen, als sie sich mit diesem Problem an den Kanton wandte. «Es bewegt sich also etwas», bilanzierte sie.
Passend zu Vera Schädlers Ausführungen riet Podiumsteilnehmer Jean-Jacques Monachon, Präsident der Neuenburger NOMAD, dass in Bezug auf die Verbesserung der Daten auch alle Spitex-Organisationen ohne Leistungsauftrag mit ins Boot geholt werden sollten. Dies, indem man ihnen aufzeigt, wieso ebendiese Daten so wichtig sind. Weiter erklärte Jean-Jacques Monachon, dass die zunehmende Heterogenität und der zunehmende Wettbewerb in der Spitex-Branche Vorgaben für Datenqualität und Leistungsqualität nötig machen. Und er sagte, dass «bereits gute Daten erhoben werden, etwa mittels interRAI HC». Was aber fehle, sei eine bessere Auswertung dieser Daten, zum Beispiel zur Stärkung der Prävention.
Gabriele Marty (2.v.r.), Geschäftsführerin des Spitex-Verbands Baselland und Beraterin im Gesundheitsversorgungsbereich, rief den Anwesenden eine weitere Herausforderung ins Gedächtnis: Das Gesundheitswesen stütze sich meist auf veraltete Daten ab. Berücksichtige dies die neue Tarifstruktur für die Pflege nicht, hinke EFAS «schon zu Beginn hinterher». Weiter forderte Gabriele Marty unter anderem ebenfalls verbindliche Qualitätsvorgaben für alle Erbringer von Pflegeleistungen; und dass die Spitex-Organisationen durch die künftige Tarifstruktur so finanziert sein müssen, dass sie ihre Leistungen gemäss allen WZW-Kriterien erbringen können – also wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich.
Alle Anwesenden durften an einem Multiple-Choice-Quiz über die drei Premiumpartner von Spitex Schweiz teilnehmen. Rolf Bona, CEO & Product Development der SmartLife Care AG, liess die Anwesenden rätseln, wie lange ein Notrufgerät den Heimeintritt durchschnittlich verzögern kann: 3.4 Jahre war die richtige Antwort. Hans-Peter Nehmer, Chief Communication Officer (CCO) von Allianz Suisse, fragte, wie viele Spitex-Mitarbeitende bereits von Allianz-Vergünstigungen profitieren. 562 seien es, löste er schliesslich auf, und diese Zahl sei sicherlich noch ausbaufähig. Luca De Vito, Head of Marketing and Communication bei der Publicare AG, fragte nach der Zahl der Rezepte, welche Publicare monatlich für Klientinnen und Klienten der Spitex einholt: Beachtliche 2000, lautete die richtige Antwort.
In den Pausen widmeten sich die über 550 Teilnehmenden des Kongresses nicht nur der Verpflegung, sondern auch einem äusserst zentralen Punkt des nationalen «Stelldicheins der Spitex-Branche»: Sie trafen sich zum Kennenlernen, zu Diskussionen und zum Networking.
Viele Innovationen, Informationen und Möglichkeiten für Gespräche boten den Besuchenden auch die 45 ausstellenden Kongress-Partner. Diese lobten gegenüber Spitex Schweiz das Ambiente, die Besucherfrequenz und die neuen Kontakte, die sie knüpfen konnten. 80 Prozent der Ausstellenden möchten auch am Nationalen Spitex-Kongress 2027 teilnehmen.
Am Nachmittag widmete sich Session A dem Nationalen Qualitätsentwicklungsprogramm NIP-HC. Es wurde Ende 2025 im Auftrag der Eidgenössischen Qualitätskommission (EQK) lanciert, wird von Spitex Schweiz und der ASPS umgesetzt und verfolgt drei Schwerpunkte: Entwicklung von Qualitätsindikatoren, Verbesserung der Datenqualität und Aufbau eines Qualitätsentwicklungsprogramms. Laut Philipp M. Mähner, wissenschaftlicher Leiter NIP-HC der ZHAW, will man möglichst viele Spitex-Organisationen einbeziehen. Esther Bättig, wissenschaftliche Mitarbeiterin von Spitex Schweiz (vgl. Foto), erläuterte das Vorhaben, auf Basis von HCD ein dynamisches Dashboard zu entwickeln. Und Florian Liberatore, Projektleiter der ZHAW, betonte: «Die Daten stehen im Zentrum, aber wir müssen von der Praxis ausgehen und mit der Praxis gemeinsam arbeiten.»
In Session B erklärte Marc Kaiser, CEO der Heyde (Schweiz) AG, wie die Führung mit Kennzahlen gelingt. Wichtig sei, dass erst strategische Unternehmensziele definiert werden. Dann könnten die Führungspersonen schrittweise analysieren, welche Kennzahlen das jeweilige Ziel positiv oder negativ beeinflussten. «Idealerweise wird ein Ziel in der Wirkung formuliert», riet er. Beispielsweise dürfe nicht nur das Ziel sein, alle Stellenbeschreibungen zu überarbeiten – sondern auch, dass diese Beschreibungen von allen Mitarbeitenden gelebt werden, statt in der der Schublade zu verschwinden. Das zweite Referat bestritten Karin Bründler, Leitende Beraterin öffentliche Verwaltungen und Non-Profit-Organisationen bei BDO Schweiz (vgl. Foto), sowie Ruth Hagen, wissenschaftliche Mitarbeiterin von Spitex Schweiz. Gute Daten seien in Verhandlungen unverzichtbar, würden aber nicht für sich selbst sprechen, sagten sie. Die Spitex müsse dem Gegenüber die Realität hinter den Daten verständlich machen können – und sich darum stets fragen: «Verstehen wir unsere Daten? Können wir unsere Schlussfolgerungen nachvollziehbar erklären? Versteht unser Gegenüber unsere Argumentation? Haben wir die Perspektive der anderen Seite mitgedacht?»
In Session C sprachen Stefan Büren und Ljiljana Vukelja von Spitex Zürich (vgl. Foto) über Business Intelligence. Insbesondere erläuterten sie das GIS-Modell ihrer Organisation, das gegenüber den früheren Excel-Tabellen und Papierkarten viele Vorteile bietet (GIS steht für «Geografisches Informationssystem»): In der zugehörigen App können die Mitarbeitenden unter anderem die Adressen aller Klientinnen und Klienten sowie die zugehörigen spezifischen Leistungspflichten einsehen. Als die Rad-WM in Zürich stattfand, hatte Spitex Zürich schnell ermittelt, was dies für die Arbeit der Teams bedeutete. Zudem kann Spitex Zürich dank des GIS-Modells unter anderem auf Basis von unzähligen Geodaten ermitteln, wo künftige Standorte liegen sollten, um die Wegzeiten zu optimieren. Das zweite Referat widmete sich dem CNO-Barometer 2025 von Swiss Nurse Leaders. Hans-Peter Wyss, Co-Präsident von Swiss Nurse Leaders und CEO der Spitex Region Brugg AG, ging auf die Ergebnisse der Befragung von Chief Nurse Leaders (CNO) ein. Diese Führungspersonen der Pflege auf Stufe Geschäftsleitung gaben an, dass der Kostendruck den Fachkräftemangel als ihre Herausforderung Nummer 1 verdrängt hat, auch wenn der Personalmangel systemprägend bleibt. Und sie erklärten unter anderem, dass sie das grösste Potenzial für eine Prozessoptimierung in der Pflege bei der digitalen Unterstützung administrativer Prozesse sehen.
Das erste Referat von Session D befasste sich mit der Nutzung von Gesundheitsdaten durch das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan). Die stellvertretende Direktorin Sonia Pellegrini zeigte auf, wie diese Daten unter anderem helfen, Versorgungsmodelle besser zu verstehen, den künftigen Bedarf abzuschätzen und die Versorgungsplanung zu unterstützen. Eine wesentliche Einschränkung bestehe aber darin, dass die Daten oft zu stark aggregiert seien. Qualitativ hochwertige Daten würden zudem dazu beitragen, die Sichtbarkeit der Branche zu erhöhen: «Wer über Daten verfügt, ist sichtbar.» Das zweite Referat stellte die Top-5 Empfehlungen für die Spitex Pflege vor, welche die AFG Spitex Pflege im Januar 2026 in Zusammenarbeit mit smarter medicine veröffentlicht hat. Sie betreffen unter anderem Selbstmanagement sowie das Erkennen von Gewalt, Einsamkeit und von Veränderungen des Gesundheitszustands. Annina Cadruvi und Christine Reichart, Co-Projektleiterinnen (vgl. Foto), ermutigten die Anwesenden dazu, diese Themen in ihre Jahresziele oder den fachlichen Austausch aufzunehmen. «Es geht nicht darum, mehr oder weniger zu tun. Es geht darum, angemessen zu handeln, gemeinsam zu handeln und auf tatsächliche Bedürfnisse einzugehen», so Christine Reichart.
Barbara Studer, Neurowissenschaftlerin und Gründerin von «Hirncoach», widmete sich nach den Sessionen dem Gehirn. Sie erläuterte, dass unsere Wahrnehmung von der Körperhaltung abhängt: «Schauen wir nach oben, fühlen wir uns sofort hoffnungsvoller.» Auch führte sie aus, dass eine Veränderung vom limbischen System immer erst als Bedrohung eingestuft wird. Um diesem wieder etwas Sicherheit zu vermitteln, könne man die rechte Hand aufs Herz und die linke auf den Bauch legen und langsam ein- und ausatmen. Weiter zeigte Barbara Studer den Anwesenden, wie sich ihr Gehirn mittels Bewegung, Humor oder auch Singen und Musizieren aktivieren können, um zum Beispiel bessere Entscheidungen fällen oder grosse Datenmengen besser interpretieren zu können.
Die letzten Worte des Kongresses gehörten Marianne Pfister, Co-Geschäftsführerin von Spitex Schweiz – und es waren Worte des Dankes: Sie dankte den Besuchenden aus der ganzen Schweiz, den Referentinnen und Referenten sowie Podiumsteilnehmenden, dem Moderator – und den Mitarbeitenden der Geschäftsstelle von Spitex Schweiz, welche den gelungenen und bisher grössten Kongress in der Geschichte von Spitex Schweiz organisiert haben.
Als Abschiedsgeschenk erhielten alle Teilnehmenden ein Präsent mit auf ihren Nachhauseweg, welches das Thema des Kongresses auf genussvolle Art und Weise veranschaulichte: Der grosse Kompass-Taler aus «Schoggi» erinnerte die Besuchenden nicht nur an das, was sie über Daten als Kompass für die Zukunft der Spitex gelernt hatten: Auf der Hinterseite der Verpackung des Talers erfuhren sie auch, welches Datum sie sich für den nächsten Nationalen Spitex-Kongress merken müssen: den 2. September 2027.