Spirituelle und existenzielle Bedürfnisse zu Hause besser erkennen

Christine Jolimay, Pflegefachfrau im sozialmedizinischen Zentrum (SMZ) Renens Nord-Crissier, berät ihre Kolleginnen und Kollegen dabei, spirituelle oder existenzielle Anliegen von Spitex-Klientinnen und -Klienten frühzeitig zu erkennen. Bei Bedarf können diese anschliessend von einer spirituellen Bezugsperson begleitet werden. Das Angebot entspreche einem echten Bedürfnis, sagt die Pflegefachfrau.

FLORA GUÉRY. Trauer, Einsamkeit, Beziehungsprobleme oder Sorgen bei einschneidenden Veränderungen im Leben: Solche Situationen können den Wunsch nach einem offenen Ohr und manchmal gar Verzweiflung auslösen. Durch die regelmässigen Besuche im Zuhause der Klientinnen und Klienten geniessen Spitex-Mitarbeitende ein besonderes Vertrauen. Sie sind daher prädestiniert, entsprechende Bedürfnisse zu erkennen und anzusprechen. Im SMZ Renens Nord-Crissier (VD) ist Christine Jolimay eine von zwei Ansprechpersonen des Projekts «Accompa­gnement spirituel et existentiel des personnes âgées de plus de 65 ans à domicile» (kurz ASEPÂ; zu Deutsch: ­spirituelle und existenzielle Begleitung von Menschen über 65 Jahren zu Hause). «Die Beziehungsebene meines Berufs ist mir sehr wichtig. Dazu gehört für mich insbesondere, meinen Klientinnen und Klienten auch bei existenziellen oder spirituellen Frage­stellungen zuzuhören», sagt die 51-jährige Pflege­fachfrau. Sie bildet die Schnittstelle zwischen ihren Kol­leginnen und Kollegen und Valdonè Kupsienè, der spirituellen Bezugsperson des Unterstützungsangebots, das dem SMZ angegliedert ist.

Christine Jolimay, Pflegefachfrau im SMZ Renens Nord- Crissier, ist darauf sensibilisiert, Situationen spiritueller und existenzieller Not zu erkennen. Bild: AVASAD / Marc Bertolazzie

Zwei Waadtländer SMZ sind beteiligt
Eine explorative Studie im Kanton Waadt, durchgeführt von der Universität Lausanne (UNIL), kam zum Schluss, dass rund 20 Prozent der zu Hause betreuten Menschen gerne eine spirituelle oder existenzielle Begleitung in Anspruch nehmen würden 1. Diese Erkenntnis gab den Anstoss zum Pilotprojekt ASEPÂ, das Teil des kanto­nalen Programms Vieillir2030 (zu Deutsch: Älterwerden2030) ist 2. Hinter dem Projekt stehen das Institut für Sozialwissenschaften der Religionen der UNIL, die Hochschule für Gesundheit Waadt sowie die katholische und die reformierte Kirche, die vom ökumenischen Gesundheitsrat vertreten werden. Umgesetzt wird das Projekt gemeinsam mit dem SMZ Renens Nord-Crissier, dem SMZ Cully und der privaten Spitex-Organisation «Les Soins volants». 

ASEPÂ startete 2024 und soll drei Jahre dauern. Rund vierzig Mitarbeitende der drei Organisationen wurden zunächst für das Thema sensibilisiert. Anschliessend erhielten sieben Personen eine vertiefte Schulung als Ansprechperson, darunter Christine Jolimay. Äussert beispielsweise eine Klientin oder ein Klient das Bedürfnis nach einem Gespräch oder zeigen sich Einsamkeitsgefühle, so können sich Mitarbeitende an sie wenden. Mit dem Einverständnis der betroffenen Person stellt Christine Jolimay den Kontakt zu Valdonè Kupsienè her. Die spirituelle Bezugsperson klärt danach gemeinsam mit der betroffenen Person deren Bedürfnisse, Ressourcen und Erwartungen. Je nach Situation begleitet sie die Klientin oder den Klienten selbst oder vermittelt sie an andere Angebote weiter, etwa an das Rote Kreuz oder die Pro Senectute. Im SMZ Renens Nord-Crissier wurde das Angebot bisher 43 Klientinnen und Klienten vorgeschlagen. «Die Mehrheit war an einem Treffen mit Valdonè Kupsienè interessiert», sagt Christine Jolimay. Einige Begleitungen dauern noch an, andere sind abgeschlossen und wieder andere endeten aufgrund des Todes oder des Eintritts in ein Pflegeheim der Klientin oder des Klienten.

Ein Klient konnte seine Trauer zum Ausdruck bringen und sagte uns, er habe sich unterstützt und verstanden gefühlt.

Christine Jolimay

Ansprechpartnerin für das ASEPÂ-Projekt, SMZ Renens Nord-Crissier

Raum für Belastendes
Die Anliegen der begleiteten Personen sind sehr unterschiedlich. Manche haben das Bedürfnis, über den eigenen Tod oder über den Verlust eines nahestehenden Menschen zu sprechen. Andere wünschen sich, den Kontakt zu ihrer Familie wieder aufzunehmen oder das Grab einer geliebten Person zu besuchen. Oder sie suchen nach spirituellem oder religiösem Austausch – etwa, weil sie ihre Kirche oder religiöse Gemeinschaft nicht mehr besuchen können. «Die kulturelle und sprachliche Vielfalt der begleiteten Personen kann die Gespräche manchmal erschweren. Aber wir finden immer Lösungen», sagt Christine Jolimay. Ihrer Meinung nach schafft das Angebot einen geschützten Raum für Themen, die sonst möglicherweise unausgesprochen blieben. Sie erzählt von einem Mann, der kurz zuvor seine Frau verloren hatte. Er erhielt drei Besuche, einen davon im Beisein seiner Tochter. «Er konnte seine Trauer zum Ausdruck bringen und sagte uns, er habe sich unterstützt und verstanden gefühlt», berichtet sie.

Ein anderer Klient hatte das Bedürfnis, über die schwierige Beziehung zu seiner einige Jahre zuvor verstorbenen Ehefrau zu sprechen. «Er erzählte von Ereignissen, die er noch nie jemandem anvertraut hatte.» Einmal pro Woche bespricht das Team solche Situationen. «Dieser Austausch ist sehr bereichernd. Wir können unsere unterschiedlichen professionellen Sichtweisen zusammenbringen und gemeinsam weitere Möglichkeiten der Begleitung prüfen», sagt Christine Jolimay. Das Projekt habe auch ihren eigenen Blick geschärft: Heute achte sie noch stärker auf Sorgen und Belastungen, die das Wohlbefinden von Klientinnen und Klienten beeinträchtigen könnten.

So geht es nach dem Pilotprojekt weiter
Das vom Kanton Waadt mit 350 000 Franken finanzierte Projekt läuft bis Ende 2026. Gleichzeitig führen zwei Forscherinnen der UNIL Interviews durch: Sie untersuchen, wie geeignet das Modell ist und inwiefern es sich auf andere Spitex-Organisationen übertragen lässt. Ihre Erkenntnisse halten sie in einem Schlussbericht fest. Angesichts der angespannten Finanzlage des Kantons ist offen, wie es danach weitergeht. Geprüft wird unter anderem die Einrichtung eines Unterstützungsfonds. Christine Jolimay hofft, dass sich die spirituelle und existenzielle Begleitung langfristig etablieren und ausweiten lässt. «Ich wünsche mir, dass das Projekt künftig in allen Waadtländer SMZ angeboten werden kann», sagt sie abschliessend.

Ein Pilotprojekt im Oberaargau
Im Januar 2026 ist im Oberaargau (BE) das Pilotprojekt «Seelsorgeregion» gestartet. Sechs spezialisierte Seelsorgende der reformierten und katholischen Kirche unterstützen die lokalen Spitex-Organisationen etwa bei Fallbe­sprechungen, Debriefings und mit fachlichen Inputs zu verschiedenen Themen. Die Dienst­leistung ist für die Spitex-Organisationen, deren Klientinnen und Klienten und Ange­hörigen kostenlos. Die Seelsorgenden können für Beratung, Begleitung oder Besuche, etwa am Lebensende, bei Einsamkeit oder für Triage zu verschiedenen Religionsgemeinschaften beigezogen werden und stehen den Hinterblie­benen auch nach dem Tod der betreuten Angehörigen zur Verfügung. Die Seelsorgenden sind explizit konfessionsneutral unterwegs. Das Projekt wird von der reformierten Kantonal­kirche refbeuso, der katholischen Kirche (Pastoralraum Oberaargau) und dem Spital Langenthal SRO finanziert.

www.kirchlicher-bezirk-oberaargau.ch/seelsorgeregion-oberaargau

  1. «Vieillir à domicile dans le canton de Vaud. Santé globale, spiritualité et bénévolat à l’ère du (post-)Covid». ISSR-UNIL, siehe dazu https://iris.unil.ch/entities/publication/3afb6e22-f704-4aff-af80-b72b04031767 ↩︎
  2. Die Waadtländer Kantonsstrategie «Vieillir2030», die vom Departement für Gesundheit und Soziales geleitet wird, unterstützt rund vierzig Projekte, siehe dazu www.vd.ch/vieillir-2030 ↩︎

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