«Ohne Spitex hätte meine Mutter nicht zu Hause sterben können»

Denise Biellmann spricht im Interview über die nach ihr benannte Pirouette. Zudem erzählt die Eiskunstläuferin, weshalb sie als Teenager bei Reisen oft eine Tube Mayonnaise auf sich trug und welches ihre Erfahrungen mit der Spitex sind.

INTERVIEW: EVA ZWAHLEN

SPITEX MAGAZIN: Frau Biellmann, mit der «Biellmann-Pirouette» haben Sie ein Stück Eiskunstlauf-Geschichte geprägt. Wie fühlt sich das an?
DENISE BIELLMANN: Es ist sehr schön, dass mich viele Menschen in der Schweiz und auch weltweit deshalb und nicht nur wegen der Dreifachsprünge kennen, die ich als erste Frau bei einem internationalen Wettkampf zeigen konnte. Ein Meilenstein in meiner Karriere, der mir ebenfalls viel bedeutet, ist die Aufnahme in die «World Figure Skating Hall of Fame». Das ist die grösste Ehre, die man als Sportlerin erhalten kann, denn dort wird man nur aufgenommen, wenn man internationale Sportgeschichte geschrieben hat.

Schrieb mit der nach ihr benannten Pirouette Geschichte: Denise Biellmann. Bild: zvg

Bis heute sind Sie die einzige Schweizer Weltmeisterin im Frauen-Einzel, die die Schweiz je hatte. Gab oder gibt es aber auch einen weiteren Beruf, von dem Sie einst träumten oder immer noch träumen?
Für mich gab es immer nur den Eiskunstlauf. Meine Mutter nahm meine Schwester und mich jeweils mit, damit sie trainieren konnte. Mit fünf Jahren bekam ich eigene Schlittschuhe, und von da an packte mich das Eislaufen vollständig. Mit ungefähr sieben Jahren merkte man, dass ich Talent hatte, und ich erhielt Unterricht bei Herrn Hügin 1. Meine Mutter trainierte aber ebenfalls weiterhin mit mir.

Seit Sie zehn Jahre alt sind, stehen Sie in der Öffentlichkeit. Vieles wurde seither über Sie berichtet – etwa, dass Sie auf jeder Reise ins Ausland eine Tube Mayonnaise im Gepäck hatten. Welche Macke oder welches Talent waren trotz Ihrer häufigen Medienpräsenz bisher kein Thema?
Bis ich ungefähr 15 Jahre alt war, half mir die Mayonnaise tatsächlich dabei, Dinge zu essen, die ich sonst nicht mochte. Deshalb hatte ich die Tube sogar bei Banketten dabei, und manchmal schaute sie aus meiner Hosentasche heraus. Privat bin ich eher zurückhaltend und schüchtern. Ich tanze ausserdem sehr gerne und gehe auch an die Street Parade. Als Macke könnte man vielleicht meine Vorliebe für viel Rahm bezeichnen: Wenn ich etwas mit Rahm bestelle, dann möchte ich am liebsten die doppelte Menge.

Gibt es eine bekannte Person, welche Sie gern einmal treffen würden?
Den Schauspieler Hugh Grant. Er wirkt sehr charmant, und ich mag seinen Humor. Ich glaube, es wäre interessant, ihn auch als Menschen kennenzulernen. Besonders spannend finde ich Personen, die ein interessantes Leben geführt haben. Wenn ich jemanden kennenlerne, dann möchte ich meistens noch mehr über diesen Menschen erfahren. Ich stelle dann viele Fragen – schliesslich kann man von anderen Menschen immer etwas lernen.

Anfang dieses Jahres ist Ihre Mutter mit 94 Jahren verstorben. Welches sind Ihre Erfahrungen mit der Spitex, die Ihre Mutter gepflegt hatte?
Meine Mutter und ich hatten eine sehr enge Beziehung und ich war täglich bei ihr. Während ihres letzten halben Lebensjahres verschlechterte sich ihr Zustand. Da ich nachmittags unterrichtete, war die Spitex für mich eine enorme Entlastung und ich bin für die Unterstützung sehr dankbar. Die Mitarbeitenden waren sehr kompetent und machten ihre Arbeit hervorragend. Ich erhielt stets Berichte, auch über die nächtlichen Einsätze. Meine Mutter wollte unbedingt zu Hause sterben; ohne die Spitex wäre das nicht möglich gewesen. Die Situation war sehr emotional, und weil ich auch selbst stark in die Pflege eingebunden war, brachten mich diese Monate an meine Grenzen. Der Verlust ist für mich sehr schwierig, weil unsere Verbindung so eng war. Ich brauche Zeit, um wieder in mein eigenes Leben zurückzufinden. 

Die Biellmann-Pirouette. Bild: zvg

Zu Denise Biellmann
Die Zürcherin Denise Biellmann (*1962) gewann mit acht Jahren in Belgien ihren ersten internationalen Wettkampf und wurde mit elf Jahren Schweizer Juniorenmeisterin. 1980 wurde sie Kürolympiasiegerin, 1981 dann Europa- und Weltmeisterin. Nach diesen Titeln wechselte Denise Biellmann von den Amateuren zu den Profis, wo sie elfmal den Profi-Weltmeistertitel erringen konnte. 1979 und 1981 wurde sie zur Schweizer Sportlerin des Jahres gewählt. Denise Biellmann war die erste Frau der Welt, die einen dreifachen Lutz springen konnte, zudem ist die weltberühmte «Biellmann-Pirouette» nach ihr benannt. Im März 2014 wurde Denise Biellmann als erste Schweizerin in die «World Figure Skating Hall of Fame» aufgenommen. Die Sportlerin betreut seit Jahren Nachwuchstalente und arbeitet unter anderem als Trainerin für den Schweizer Eislaufverband. Denise Biellmann trainiert heute noch täglich auf dem Eis und tritt in verschiedenen Eisshows auf. Mit ihrem langjährigen Lebenspartner Colin Dawson lebt sie im Kanton Zürich.

www.denisebiellmann.com

  1. Otto Hügin war ein bekannter Schweizer Eiskunstlauftrainer, der Denise Biellmann – gemeinsam mit ihrer Mutter – auf dem Weg zu ihren grössten Erfolgen trainierte. ↩︎

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