«Ich wünsche allen Pflegenden Mut, Zusammenhalt und Stolz»
Katja Grossmann, 28, beendete ihre Karriere als Skirennfahrerin Ende 2024 wegen vieler Verletzungen – und arbeitet nun als Pflegefachfrau. Im Interview spricht die Berner Oberländerin über die Parallelen zwischen dem Skisport und der Pflege.
SPITEX MAGAZIN: Frau Grossmann, bis Ende 2024 arbeiteten Sie an ihrer Ski-Karriere, seit November 2025 haben Sie den Abschluss als Pflegefachfrau HF in der Tasche. Welche Parallelen und Unterschiede weisen das Skifahren und die Pflege auf?
KATJA GROSSMANN: Im Skirennsport und in der Pflege musst du mit Leidenschaft, Disziplin und Herzblut dabei sein, sonst hältst du nicht lange durch. Im Skisport stand ich täglich stundenlang im Kraftraum oder auf der Piste, in der Pflege verbringe ich viele Stunden am Bett oder hinter dem Computer. Die körperliche Belastung ist anders, aber immer noch da. Was ebenfalls ähnlich ist: Das Fachwissen, das sitzen muss – im Sport zu Material, Technik und Abläufen und in der Pflege zu Krankheitsbildern, Medikamenten und Prozessen. Fehler können in beiden Welten grosse Folgen haben. Vielleicht ist das auch ein Grund, weshalb ich mich in der Pflege sofort wohlgefühlt habe: Die Mischung aus Verantwortung und Sinnhaftigkeit mag ich sehr.

Gab oder gibt es noch einen anderen Beruf, von dem Sie träumten oder immer noch träumen?
Früher wollte ich Ärztin werden. Mich faszinierte schon als Kind, wie der Körper funktioniert und wie man Menschen gesund machen kann. Mit der Zeit hat sich mein Weg aber in eine andere Richtung entwickelt. Stelle ich mir heute einen alternativen Beruf vor, ist dies etwas im Bereich Mental Coaching oder Traumatherapie. Durch meine Verletzungen und die vielen Höhen und Tiefen im Sport habe ich erlebt, wie wichtig mentale Stärke und gute Begleitung in schwierigen Situationen sind. Es würde mich erfüllen, Menschen zu helfen, wieder Vertrauen in sich und ihren Körper zu finden.
Verraten Sie uns eine Macke und ein Talent, die in der Öffentlichkeit bisher kaum bekannt sind?
Meine Macke: Ich bin ziemlich perfektionistisch, manchmal zu sehr. Das hilft mir oft, aber manchmal macht es mir das Leben auch unnötig schwer. Ich arbeite daran, Dinge auch mal gut sein zu lassen. Mein Talent: Ich probiere beim Kochen oder Backen oft neue Dinge aus. Meistens schmeckt es sogar ziemlich lecker. Für mich ist das ein guter Ausgleich zu langen Arbeitstagen.
Im Skirennsport und in der Pflege musst du mit Leidenschaft, Disziplin und Herzblut dabei sein, sonst hältst du nicht lange durch.
Katja Grossmann
Ehemalige Ski-Rennfahrerin und heutige Pflegefachfrau
Welche bekannte Persönlichkeit würden Sie gern einmal treffen?
Seit ich klein bin, ist die amerikanische Skifahrerin Lindsey Vonn mein grosses Idol. Ihre Stärke, ihr Mut und wie sie nach Verletzungen immer wieder zurückgekommen ist, haben mich schon als junge Athletin geprägt. Könnte ich sie treffen, dann am liebsten während einer Skiliftfahrt. Ich würde ihr erzählen, wie sehr sie mich inspiriert hat, und sie fragen, wie sie es geschafft hat, trotz aller Rückschläge immer an sich zu glauben. Damit würde sich für mich ein kleiner Kindheitstraum erfüllen.
Lassen Sie uns im letzten «Spitex Magazin» von 2025 wissen, wie Sie über die Pflege denken und was Sie allen Pflegenden zum Jahreswechsel wünschen?
Nach meinen vielen Verletzungen habe ich die Pflege zuerst als Patientin erlebt. Heute stehe ich auf der anderen Seite und sehe jeden Tag, wie viel Herzblut, Kompetenz und Empathie in diesem Beruf stecken. Die Pflege ist anspruchsvoll, fordernd und manchmal emotional sehr intensiv. Aber genau das macht sie so wertvoll. Ich wünsche meinen Berufskolleginnen und -kollegen zum Jahreswechsel vor allem Mut, Zusammenhalt und Stolz: Stolz auf das, was wir leisten, gerade in Zeiten, in denen die Ressourcen knapp und die Herausforderungen gross sind. Und ich wünsche, dass wir uns selbst nicht vergessen: unsere Erfolge, unsere Gesundheit und die kleinen Momente, die uns zeigen, warum wir diesen Beruf gewählt haben.
INTERVIEW: KATHRIN MORF
Über Katja Grossmann
Katja Grossmann wurde am 30. April 1997 geboren. Als Zweijährige begann sie ihren ersten Tag in der Skischule in der untersten Stufe – und beendete ihn in der höchsten. Die Berner Oberländerin absolvierte die Sportmittelschule Engelberg und gab ihr Debüt im Europacup 2016. 2017 erreichte sie einen 2. Platz und gewann die Silbermedaille an der Junioren-WM, jeweils in der Abfahrt. Experten verglichen das Talent damals mit Weltmeister Beat Feuz. Im September 2017 brach sie sich dann aber ihr Schien- und Wadenbein und verpasste zwei Winter. 2020 wurde sie unter anderem Schweizermeisterin in der Superkombination, musste die Saison jedoch nach einem Handgelenkbruch beenden. 2021 bestritt sie zwei Weltcup-Rennen, brach sich 2022 aber erneut die Hand und 2023 erneut Schien- und Wadenbein. Ende 2024 beendete sie ihre Ski-Karriere, da sie nach über 20 Operationen kein Risiko mehr eingehen wollte. Ende Oktober 2025 schloss Katja Grossmann die 2020 begonnene Ausbildung zur Pflegefachfrau HF bei XUND und dem Spital Thun ab. Sie lebt mit ihrem Verlobten in Bönigen (BE) und bezeichnet Skifahren, Kochen, Backen und Biken als ihre Hobbys.
www.katja-grossmann.ch