«Die Spitex arbeitet auf vielfältige Art und Weise präventiv»

Dass Präventionsprojekte der Spitex oft mit Finanzierungsproblemen zu kämpfen haben, steht der präventiven Arbeit der Spitex nicht gänzlich im Weg: Durch die regelmässige Pflege und Unterstützung ihrer Klientinnen und Klienten trägt die Spitex zur Vor­beugung verschiedenster Krankheiten bei. Dieser Überzeugung ist Petra Weber, Leitung Kerndienste und Fachbereiche sowie Geschäftsleitungsmitglied bei der Spitex Uri.

SPITEX MAGAZIN: Prävention in der Gesundheitsversorgung ist oft mangelhaft finanziert (vgl. Artikel «Prävention stärken: eine gemeinsame Herausforderung»). Ist die Spitex Uri darum nicht präventiv tätig?
PETRA WEBER: Prävention ist nicht in der Krankenpflegeleistungsverordnung (KLV) enthalten, weswegen der Begriff für die Versicherer meist ein rotes Tuch ist. Explizite Präventionsangebote bietet die Spitex Uri darum keine an. Prävention ist aber in vielen unserer alltäglichen Leistungen enthalten: Mit unserer Pflege und Unterstützung setzen wir uns aktiv dafür ein, eine Verschlechterung des Gesundheitszustands unserer Klientinnen und Klienten zu verhindern und ihre Autonomie zu fördern. Dadurch leisten wir einen wichtigen Beitrag zur Prävention zahlreicher Krankheitsbilder und können oft den Eintritt in ein Alters- und Pflegeheim hinauszögern oder sogar ganz verhindern.

Die Wundversorgung der Spitex wirkt zum Beispiel drohenden Infektionen und Chronifizierungen entgegen und kann damit als Tertiärprävention betrachtet werden. Themenbild: Spitex Schweiz / Anja Zurbrügg Photography

Betrachten wir genauer, wie die Spitex in ihrem Alltag gemäss der Definition des Bundes 1 Primär, Sekundär- oder Tertiärprävention betreibt. Kann bereits die regelmässige Anwesenheit von Spitex-Mitarbeitenden als Sekundär­prävention betrachtet werden, weil dadurch Krankheiten früh erkannt werden? 
Auf jeden Fall. Unsere Mitarbeitenden der Pflege und Hauswirtschaft beobachten unsere 350 bis 400 Klientinnen und Klienten aus einem breiten Blickwinkel und erkennen so Krankheiten und problematische Verhaltensweisen frühzeitig – etwa Demenz, Mangelernährung, Sturzgefährdung und Suchtproblematiken. Dadurch sind frühe Interventionen möglich, wodurch Krankheiten verhindert oder zumindest stabilisiert werden können. Zum Beispiel ist unser Frischmahlzeitendienst eine gute präventive Massnahme gegen Mangelernährung. Im Weiteren haben unsere Mitarbeitenden auch Kontakt zu den Angehörigen – und können auf entlastende Angebote der Spitex Uri und anderer Organisationen hinweisen, bevor stark belastete Angehörige selbst krank werden.

Die Spitex muss das Rad nicht neu erfinden, wenn andere Organisationen in der Region bereits gute Präven­tion
betreiben.

Petra Weber

Mitglied Geschäftsleitung Spitex Uri

Ein entlastendes Angebot für Angehörige ist ­bestimmt das Tagesheim der Spitex Uri, in dem ältere Menschen mit kognitiven oder körper­lichen Einschränkungen tagsüber versorgt werden?  
Das Tagesheim hat tatsächlich eine grosse entlastende Wirkung auf Angehörige. Es ist aber auch für Klientinnen und Klienten eine Möglichkeit für soziale Kontakte und eine Tagesstruktur, was den Folgen von Vereinsamung und sozialer Isolation entgegenwirkt.

Einsamkeit erhöht das Risiko von Bluthochdruck, Depression und Demenz und verkürzt sogar die Lebenserwartung. 2 Beugt die regelmässige Präsenz der Spitex auch dem vor?
Die Spitex wird für zeiteffiziente Dienstleistungen bezahlt. Für lange Gespräche bleibt insbesondere in der Pflege kaum Zeit, ein persönliches Gespräch kann aber während der eigentlichen Pflegeleistung stattfinden. Darum kann die Präsenz der Spitex sicherlich präventiv gegen die nicht zu unterschätzenden Folgen von Einsamkeit und sozialer Isolation wirken – meistens sind aber weitere Massnahmen nötig. Hier kann die Spitex die Angebote anderer Organisationen vermitteln.

Das «Spitex Magazin» hat mehrfach darüber geschrieben, dass hauswirtschaftliche Leistungen (HWL) der Spitex mehr sind als «nur» Putzen und Aufräumen. Sind sie auch Prävention? 
Sicherlich. Denn die Spitex kann Klientinnen und Klienten befähigen, ihren Haushalt ganz oder teilweise selbst zu führen.  Für Menschen mit Demenz ist dies beispielsweise ein kognitives Training und Menschen mit psychischen Krankheiten bereiten wir dadurch auf ein selbstständiges Leben zu Hause vor. Auch Tätigkeiten wie Putzen und Aufräumen haben eine präventive Wirkung, da eine saubere Wohnung das Risiko von Infektionen oder Lungenkrankheiten erheblich verringert. Wenn unsere HWL-Mitarbeitenden zudem mit Klientinnen und Klienten einkaufen oder für sie kochen, tragen sie aktiv zur Vorbeugung von Mangelernährung bei.

Wenden wir uns den KLV-A-Leistungen zu, also der Abklärung, Beratung und Koordination. Diese dürften ebenfalls eine präventive Wirkung haben?
Das ist richtig. Unsere Bedarfsabklärung bei allen neuen Klientinnen und Klienten umfasst immer auch eine Anamnese der Sturzgefahren – und dann versuchen wir, die Gefahren bestmöglich aus dem Weg zu räumen (vgl. Bericht zur Sturzprävention).

Gehört zur Beratung auch, dass die Spitex die Gesundheitskompetenz ihrer Klientinnen und Klienten fördert? 
Diesbezüglich passiert im Alltag der Spitex tatsächlich sehr viel. Unsere Mitarbeitenden geben beratende Inputs, wenn immer sie einen Bedarf erkennen – unter anderem zu Themen wie Hygiene, Trinkverhalten und soziale Isolation. Am Ende liegt der Entscheid, was sie für ihre Gesundheit tun wollen, aber immer bei den Klientinnen und Klienten. 

Können die B-Leistungen der Spitex, also die Behandlungspflege, zum Grossteil zur Tertiärprävention gezählt werden? Schliesslich wird diese definiert als die Behandlung von erkrankten Menschen, unter anderem um Chronifizierungen und Folgeschäden zu vermeiden. 
Das sehe ich genauso. Zum Beispiel wirkt ein gutes Wundmanagement drohenden Infektionen entgegen und ein gutes Medikamentenmanagement verhindert Chronifizierungen und Folgekrankheiten. Auch unsere Psychiatriepflege wirkt präventiv – beispielsweise, wenn unsere Pflegefachpersonen Psychiatrie jemanden nach einem Klinikaustritt begleiten und damit die Gefahr eines Rückfalls mindern.

Die C-Leistungen (Grundpflege) dürfen neben Aspekten von Tertiärprävention auch solche der ­Sekundärprävention umfassen, also der Frühintervention bei einer Gefährdung für Krank­heiten? 
Hierfür könnte man tatsächlich viele Beispiele nennen: So beugt eine regelmässige Fusspflege bei Diabetikerinnen und Diabetikern zahlreichen Folgekrankheiten vor, für die sie besonders anfällig sind. Und das Waschen sowie die Mundpflege von betagten Klientinnen und Klienten wirken stark präventiv, weil die oft nachlassende Hygiene im Alter die Gefahr für Infekte steigert oder zu einem ungesunden Hautzustand führt, was verschiedene Krankheiten bis hin zu Organschäden nach sich ziehen kann.

Sie haben mehrmals «andere Organisationen» erwähnt. Heisst das, dass die Spitex die Prävention im Gesundheitswesen auch stärken kann, indem sie «bloss» andere Anbieter vermittelt?
Genau. Im Kanton Uri bieten unter anderem Pro Senectute Uri, Gesundheitsförderung Uri und SRK Uri viele präventive Angebote an – etwa Möglichkeiten der sozialen Teilhabe oder einen Notrufknopf, der Liegetraumata nach einem Sturz vorbeugt. Im Kanton Uri arbeiten die Organisationen eng zusammen. Die Spitex muss daher das Rad nicht neu erfinden, wenn andere Organisationen in der Region bereits gute Prävention betreiben. Wir können zudem mit präventiv arbeitenden Fachpersonen – wie Ernährungsberaterinnen und Ernährungsberatern oder Sozialarbeitenden – kooperieren und uns dadurch auf unsere Kerndienstleistungen konzentrieren, was vor allem in Zeiten des Fachkräftemangels wichtig ist.

Nehmen wir zum Schluss an, die Spitex Uri hätte das nötige Personal und Geld: In welchen Präventionsbereichen wäre sie dann gern aktiver?
Im Kampf gegen die zunehmende Einsamkeit und soziale Isolation wünsche ich mir eine Finanzierung von präventiv wirkenden Betreuungsleistungen  für alle Betroffenen.3 Derzeit bietet die Spitex Uri keine solche Betreuung an. Ändern könnte sich dies durch eine nachhaltige, im Alltag funktionierende neue Finanzierung, wie diejenige über die Ergänzungsleistungen (EL)4. Es wäre auch wünschenswert, dass die Spitex Uri künftig einen noch umfassenderen Blick auf die Gesundheit von – insbesondere älteren – Menschen werfen könnte. Gleichzeitig möchte ich nochmals betonen, dass die Spitex Uri und viele andere Spitex-Organisationen bereits einen grossen Beitrag zur Prävention leisten – und darauf bin ich stolz.

INTERVIEW: KATHRIN MORF

Über Petra Weber
Petra Weber, 58, ist gelernte Kinderkrankenschwester, heute lautet ihr Berufstitel Pflegefachfrau HF. Sie besitzt einen MAS in «Mana­gement im Sozial- und Gesundheitsbereich» und ist seit 25 Jahren als Führungskraft in der Gesundheitsbranche tätig, seit 6,5 Jahren als Leitung Kerndienste und Fachbereiche sowie Mitglied der Geschäftsleitung der Spitex Uri.

  1. Primärprävention setzt vor der Entwicklung von Krankheiten ein, Sekundärprävention bedeutet Früherkennung und Frühintervention und Tertiärprävention verhindert Folgeschäden oder Chronifizierungen bei ausgebrochenen Krankheiten, vgl. z.B. die Broschüre «Prävention in der Gesundheitsversorgung (PGV)» des Bundesamtes für Gesundheit (BAG, 2021) sowie den Bericht ↩︎
  2. Vgl. zum Beispiel: www.prosenectute.ch/de/ratgeber/alltag/einsamkeit.html ↩︎
  3. Die Paul Schiller Stiftung hat im November 2025 den Bericht «Die präventive Wirkung guter Betreuung im Alter» von Prof. Dr. 
    Martin Hafen publiziert. Er zeigt auf, dass gute Betreuung der Vereinsamung und dem Abbau von Kompetenzen entgegenwirkt und Angehörige entlastet:
    www.gutaltern.ch/publikationen/ studien/die-praventive-wirkung-guter-betreuung-im-alter ↩︎
  4. Der Bund will Betreuung besser finanzieren und hat im Juni 2025 das Bundesgesetz über Ergänzungsleistungen (ELG) angepasst. EL-BezügerInnen haben nun unter anderem Anspruch
    auf die Vergütung der Kosten für Begleit- und Fahrdienste. Ablauf der Referendumsfrist war der 9. Oktober 2025. Vgl. auch
    www.spitexmagazin.ch/betreutes-wohnen-staerken
    ↩︎

Weitere Artikel

Mit besseren Arbeitsbedingungen gegen den Fachkräftemangel

Die Spitex Riehen-Bettingen BS begegnet dem Fachkräftemangel proaktiv: Im Rahmen eines zweijährigen, wissenschaftlich begleiteten P...

«Die Finanzierung der Kinderspitex muss schnell und gut verbessert werden»

Helene Meyer-Jenni ist Geschäftsleiterin der Kinderspitex Zentralschweiz, Vize-Präsidentin vom Verband Kinder-Spitex Schweiz und Mit...

Effizientes Fehlermanagement erfordert Digitalisierung

Die Mitarbeitenden des SMZ Martigny und Region können bald jedes unerwünschte Ereignis über ein computergestütztes Tool melden. Dies spart Zeit und vereinfacht die Analyse der Vorfälle sowie die Nachverfolgung von deren Bearbeitung. Die Qualitätsverantwortliche Florence Meister hat an diesem Projekt mitgearbeitet....