«Die Finanzierung der Kinderspitex muss schnell und gut verbessert werden»

Helene Meyer-Jenni ist Geschäftsleiterin der Kinderspitex Zentralschweiz, Vize-Präsidentin vom Verband Kinder-Spitex Schweiz und Mitglied der Fachkommission Kinderspitex von Spitex Schweiz. Sie kennt die schönen Aspekte der Arbeit bei der Kinderspitex genauso wie die Herausforderungen.

SPITEX MAGAZIN: Frau Meyer-Jenni, beginnen wir mit der Sonnenseite der Kinderspitex: Was gefällt Ihnen seit acht Jahren an Ihrer Arbeit als Geschäftsleiterin der Kinderspitex Zentralschweiz?
HELENE MEYER-JENNI: Mich begeistert, dass die Arbeit der Kinderspitex sinnerfüllend ist. Jeden Tag erleben meine Mitarbeiterinnen – und damit auch ich –, wie viel Positives sie für kranke Kinder und ihr Umfeld bewirken können. Weiter gefällt mir, dass ich all meine bisherigen beruflichen Erfahrungen und Stärken in ­meinen heutigen Beruf einbringen kann. Dazu gehört meine Pflegeausbildung, aber auch meine 25-jährige politische Erfahrung. Und schliesslich ist eine Mitarbeitendenumfrage im Herbst 2022 sehr positiv ausgefallen. Das bestärkt uns sehr und es macht Freude, mit Pflegefachfrauen zusammenzuarbeiten, die trotz der schwierigen Rahmenbedingungen eine grosse Zufriedenheit durch ihre Arbeit erfahren.

Die Komplexität der Leistungen der Kinderspitex nimmt immer
weiter zu.

Helene Meyer-Jenni

Geschäftsleiterin Kinderspitex Zentralschweiz

Gehen wir genauer auf diese Rahmenbedingungen ein. Zum Beispiel dürfte die Komplexität der Fälle der Kinderspitex laufend zunehmen?
Die Arbeit der Kinderspitex ist schon seit Längerem komplex. Pädiatrische Pflege muss daher grösstenteils zur Spezialpflege im Spitex-Angebot gezählt werden. Tatsächlich nimmt die Komplexität dieser Leistungen aber immer weiter zu. Wir pflegen heute Kinder zu Hause auf höchstem medizinisch-technisch-pflegerischem Niveau. Dies gilt auch für Kinder, die vor einigen Jahren noch keine Überlebenschance gehabt hätten. Hinzu kommt der politische Leitsatz «ambulant vor stationär»: Kranke Kinder sollen heute schnellstmöglich aus dem stationären Kontext austreten. Dies ist ein gesellschaftliches Bedürfnis und zugleich eine betriebswirtschaftliche Forderung aufgrund der finanziellen Vorteile des ambulanten beziehungsweise häuslichen Settings. Ein weiterer Grund für die steigende Komplexität unserer Arbeit ist die zunehmende Heterogenität des Umfeldes der Kinder. Zum Beispiel treffen wir immer häufiger auf Patchworkfamilien, zwei berufstätige Eltern, ein fremdsprachiges Umfeld sowie auf unterschiedlichste Kulturen. All dies ist sehr spannend und zugleich herausfordernd.

Ramona Zeier, Pflegefachfrau Pädiatrie bei der Kinderspitex Zentralschweiz, kümmert sich regelmässig um Giana (1).
Bild: Natalie Melina Fotografie

Psychische Krankheiten unter Kindern und ­Jugendlichen nehmen zu, und ihre Behandlung wird vermehrt ins ambulante Setting verlegt. Spürt dies auch die Kinderspitex Zentralschweiz?
Wir haben heute noch kein Angebot für psychiatrische Pflege. Betrachtet man den ausgewiesenen Bedarf, könnten wir damit aber sofort beginnen – und das würden wir auch gern. Wir sind dazu aber noch nicht imstande. Denn einerseits bräuchten wir dafür mehr psychiatrisch ausgebildete Pflegefachpersonen, die auch unsere pädiatrischen Anforderungen erfüllen. Andererseits ist die Finanzierung solcher Angebote oft noch nicht abschliessend geklärt. Wir möchten unbedingt schon bald ein gutes, gut finanziertes Angebot für psychisch kranke Kinder anbieten können.

Ein weiteres brennendes Thema in der Pflege ist der Fachkräftemangel. Dieser macht sich laut ­Jahresbericht 2021 auch bei der Kinderspitex Zentralschweiz bemerkbar. Wie ist die aktuelle Lage?
Ich erachte die personelle Situation als äusserst angespannt. Das zeigt sich schweizweit: Der Bedarf an Kinderspitex-Leistungen übersteigt die vorhandenen personellen Ressourcen oft deutlich. Die Kinderspitex Zentralschweiz ist manchmal nicht in der Lage, die von der IV oder den Krankenkassen gesprochenen Stunden vollumfänglich abzudecken, obwohl unsere Pflegefachfrauen viele Überstunden leisten. Stattdessen müssen wir triagieren – eine Fähigkeit, die wir während der verstärkten Personalknappheit in der Covid-19-Pandemie perfektioniert haben. Dabei analysieren wir in Absprache mit den Eltern genau, ob das Kind und das Familiensystem ausreichend stabil sind, damit wir in ­grossen Engpässen einen Einsatz am Tag oder eine Nachtwache streichen können. Oder wir verhandeln mit einem Kinderspital, damit ein Kind eine Nacht dort verbringen kann. Giana aus Luzern hat zum Beispiel einen aus­gewiesenen Bedarf von rund 70 Kinderspitex-Stunden pro Woche. Davon können wir aktuell aber nur 50 bis 60 Stunden abdecken [vgl. Giana und Aimee: dank der Kinderspitex zu Hause].

Ende 2022 erschwerte ein anderes Virus die Arbeit der pädiatrischen Pflege: Die Kinder­spitäler seien wegen des Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV) am Anschlag, schrieb zum Beispiel die «Luzerner Zeitung». Konnte die Kinderspitex in dieser Krise helfen?
Wir pflegen mit den Kinderspitälern von Luzern und Zürich einen sehr direkten, engen und guten Kontakt. RSV hat zu weiteren Absprachen geführt. Das Kinderspital Luzern hat zum Beispiel mit uns vereinbart, dass Kinder nach ihrer Spitalentlassung drei bis vier Tage weiter durch das Spitalpersonal betreut werden. Und dass wir dann übernehmen, wenn ein Kind noch länger Pflege braucht. Denn wir würden es wegen unserer personellen Lage nicht schaffen, innert kürzester Zeit mehrere komplexe RSV-Patienten kurzfristig zu pflegen. Schliesslich leben wir oft von der «personellen Hand in den Mund», der grossen Loyalität unserer Mitarbeiterinnen – und vom Optimismus, dass wir bisher für jedes Kind eine professionelle Lösung gefunden haben.

Zur Kinderspitex Zentralschweiz und zur Interviewten
Die Kinderspitex Zentralschweiz zählt rund 35 Mitarbeiterinnen und ist für die Kantone Luzern, Zug, Uri, Schwyz sowie Ob- und Nidwalden zuständig. Die Mitarbeiterinnen pflegen pro Jahr 200 bis 210 schwer kranke Säuglinge, Kinder und Jugendliche im Alter von Geburt bis 18 Jahren. Die Patientinnen und Patienten leiden unter chronischen oder akuten Krankheiten, benötigen komplexe medizinische Behandlungen oder Pflege nach Unfällen sowie chirurgischen Eingriffen. 95 Prozent der Zuweisungen erfolgen durch die Kinderspitäler Luzern und Zürich. Derzeit arbeiten keine Pflegefachmänner für die Kinderspitex Zentralschweiz. Helene Meyer-Jenni würde dies aber gern ändern, da eine gute Gender-Durchmischung bereichernd für die Kinder und das Team sei.

Helene Meyer-Jenni, 60, ist seit 2015 Geschäftsleiterin der Kinderspitex Zentralschweiz. Zudem ist sie in der Fachkommission Kinderspitex von Spitex Schweiz sowie als Vize-Präsidentin von Kinderspitex Schweiz tätig. Die Pflegefachfrau HF hat Fort- und Weiterbildungen in Individualpsychologie, Finanzmanagement, Unternehmensentwicklung und Projektmanagement absolviert. In der Vergangenheit war sie zum Beispiel Präsidentin der Spitex Kriens LU sowie 25 Jahre lang politisch tätig, 12 Jahre davon vollberuflich. Als SP-Politikerin war sie unter anderem Gemeindepräsidentin von Kriens sowie Luzerner Kantonsrätin.

Die Versorgungspflicht der Kinderspitex Zentralschweiz bedeutet also nicht, dass sie einen Fall von heute auf morgen übernehmen muss?
Viele Fälle können wir bereits am Tag nach der Anmeldung übernehmen. Zum Beispiel, indem unsere Mitarbeiterinnen lange Anfahrtswege auf sich nehmen. Bei komplexen Fällen brauchen wir aber einen Vorlauf. Denn hierfür müssen wir uns oft neu organisieren und wenn möglich auch neue Mitarbeitende für die Nachtwache gewinnen. Zudem muss die Spitalentlassung in einem komplexen Fall gut vorbereitet werden und schrittweise erfolgen, damit das gesamte System die Umstellung tragen kann. Die Kinderspitex hilft den Familien häufig, ein Netz aus weiteren Leistungserbringern zu spannen, um eine Überlastung zu vermeiden. Hierfür arbeiten wir unter anderem mit unterstützenden Organisationen wie Pro Infirmis, Entlastungsdiensten oder Pro Pallium zusammen.

Derzeit wird an der Umsetzung der Pflegeinitiative gearbeitet. Denken Sie, dass dies die personelle Lage bei der Kinderspitex verbessern wird?
Dass die Ausbildungsoffensive umgesetzt wird, ist äusserst wichtig – auch wenn sie sich erst in ein paar Jahren richtig entfalten und auf unsere Personallage auswirken dürfte. Als weiteren Schritt braucht es aber die Arbeit am Personalerhalt. Dabei müssen sich Politik und Gesellschaft bewusst sein, dass wirkungsvolle Massnahmen für den Personalerhalt etwas kosten. Zum Beispiel braucht es eine faire Besoldung, auch während Fortbildungen, sowie ansprechende Zulagen für Nacht- und Sonntagsarbeit. Es braucht aber auch Massnahmen wie Arbeitspläne, die auf jede persönliche Situation zugeschnitten sind. Und schliesslich müssen wir auf allen Ebenen daran arbeiten, deutlich mehr Wahrnehmung und Interesse für die häusliche pädiatrische Pflege zu generieren. Spitex Schweiz leistet dazu einen wesentlichen Beitrag.

Seit 1. Januar 2023 ist der Verband Kinder-Spitex Schweiz ein Mitglied von Spitex Schweiz. Was ­erhoffen Sie sich von dieser Neuerung weiter?
Die Fachkommission Kinderspitex von Spitex Schweiz, deren Mitglied ich bin, hat in den vergangenen Jahren bereits für eine enge nationale Zusammenarbeit von Kinderspitex und Erwachsenenspitex gesorgt. Zum Beispiel läuft derzeit das Pilotprojekt interRAI PEDS-HC1, das wir ohne die Unterstützung von Spitex Schweiz nicht stemmen könnten. Die Direkt-Mitgliedschaft von Kinderspitex Schweiz ist ein weiterer grosser Schritt in dieser Zusammenarbeit. Sie sorgt für eine noch klarere Positionierung der Kinderspitex. Und sie führt dazu, dass wir noch besser für die Interessen der Kinderspitex auf nationaler Ebene einstehen können. Denn je grösser man ist, desto besser kann man lobbyieren und Kraft entwickeln.

Spitex Schweiz und der Verband Kinder-Spitex Schweiz spannen auch zusammen, um eine bessere Finanzierung der Kinderspitex zu erreichen. Die Leistungen der Kinderspitex werden mehrheitlich von der Invalidenversicherung (IV) finanziert, aber auch von den Krankenkassen und Restfinanzierern, also Gemeinden und Kantonen. 2019 ­kritisierte Eva Gerber, Präsidentin von Kinderspitex Schweiz, dass insbesondere die IV oft nicht genug Kinderspitex-Stunden bezahlt (vgl. «Spitex Magazin» 2/2019). Wie ist die Lage heute?
Glücklicherweise haben sich zumindest in der Zentralschweiz die Fälle stark verringert, in denen die IV den ermittelten Bedarf an Leistungen der Kinderspitex  nicht abdecken will. Das hauptsächliche Problem ist heute, dass der Tarif pro Kinderspitex-Stunde bloss 114.96 Franken beträgt. Dieser im Tarifvertrag 2019 festgelegte Betrag ist deutlich zu tief, um die Spezialleistungen der Kinderspitex zu finanzieren, die nur durch Pflegefachpersonen mit Ausbildung auf Tertiärstufe durchgeführt werden dürfen. Darum stecken wir seit Sommer 2022 in den Verhandlungen für einen höheren IV-Tarif.

Unser Ziel ist ein klar höherer, für alle Kinderspitex-Organisationen ­möglichst kostendeckender IV-Tarif.

Helene Meyer-Jenni

Geschäftsleiterin Kinderspitex Zentralschweiz

Diese Neuverhandlungen basieren auf Daten, welche Kinderspitex-Organisationen 2020 und 2021 zu ihren Kosten erhoben haben. Sie sind Teil der Verhandlungsdelegation der Spitex. Was ­erhoffen Sie sich von diesem laufenden Prozess?
Wir haben sehr fundierte, aussagekräftige Daten gesammelt. Und die Spitex-Delegation, in der Eva Gerber und ich den Verband Kinder-Spitex Schweiz vertreten, steckt viel Zeit und Geld in die intensiven Verhandlungen mit dem Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV). Unser Ziel ist ein klar höherer, für alle Kinderspitex-Organisationen möglichst kostendeckender Tarif. Und wir hoffen, dass das BSV zu einer konstruktiven Verhandlung mit einem guten Resultat noch im laufenden Jahr beiträgt. 

In manchen Kantonen kann die Kinderspitex zur Deckung der Restkosten auf die Restfinanzierer zählen. Auch in der Zentralschweiz?
Die Kinderspitex Zentralschweiz hat in allen sechs Kantonen ihres Einzugsgebiets Leistungsvereinbarungen mit den jeweiligen Restfinanzierern abgeschlossen. Darin enthalten sind aktuell auch die Restfinanzierungen bei IV-Leistungen. Das Gesetz sieht dies aber nicht so vor. Darum ist zu befürchten, dass die Kantone und Gemeinden aus der IV-Restfinanzierung aussteigen, sobald wir einen höheren IV-Tarif erhalten. Wir benötigen deshalb einen ausreichend erhöhten Tarif. Wichtig ist, dass die strukturelle Unterfinanzierung durch die Politik schnell und gut verbessert wird. Denn ob dies gelingt, ist eine existenzielle Frage für viele Kinderspitex-Organisationen. Und sollte es die Kinderspitex eines Tages nicht mehr geben, hätte die Schweiz ein grosses Problem in Bezug auf die Versorgungssicherheit der schwer kranken und sterbenden Kinder.

Laut Jahresbericht 2021 ist die Kinderspitex Zentralschweiz aufgrund dieser Lage massgeblich auf Spenden angewiesen?
Die Kinderspitex Zentralschweiz muss derzeit rund 20 Prozent ihrer Finanzierung durch Spendengelder sicherstellen. Wir haben einen öffentlichen Versorgungsauftrag für kranke Kinder und müssen dennoch Geld sammeln. Das darf doch gar nicht sein.

Kommen wir zurück zur Sonnenseite der Kinderspitex, nun aber auf diejenige der Arbeit «im Feld»: Wieso soll sich jemand als Pflegefachperson bei der Kinderspitex bewerben?
Ich bin überzeugt, dass die Kinderspitex ein sehr attraktives, abwechslungsreiches und dynamisches Arbeitsfeld bietet. Unsere Mitarbeitenden können ihre volle Fachkompetenz in ihre Arbeit einbringen, die ihnen viel zurückgibt. Dabei arbeiten sie sehr eigenständig, verantwortungsvoll und selbstbestimmend. Durch immer wieder neue Herausforderungen bleiben sie agil und erleben oft sehr viel Wertschätzung. Weiter können sie sehr individuell und 1:1 auf die Kinder und ihr Umfeld eingehen. Die Kinderspitex Zentralschweiz versucht auch als Arbeitgeberin attraktiv zu sein und zum Beispiel die individuellen privaten Situationen in der Arbeitsplanung zu berücksichtigen. Zusammenfassend sage ich: Wer eine äusserst spannende, sinnerfüllende und professionelle Arbeit nahe bei Kindern und ihrem Umfeld sucht, ist bei uns genau richtig. 

INTERVIEW: KATHRIN MORF

1 – Im Rahmen des Pilotprojekts interRAI Pediatric Home Care (PEDS-HC) der Berner Fachhochschule (BFH) wird geprüft, ob das Assessment-Instrument interRAI PEDS-HC im schweizerischen Kinderspitex-Kontext anwendbar ist. 

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