APN im Spannungsfeld zwischen Versorgung und Finanzierung

Zwei Beispiele aus der Deutschschweiz und der Romandie zeigen eindrücklich, wie zukunftsweisend Advanced Practice Nurses (APN) bei der Spitex eingesetzt werden können.

Bei der Genfer Spitex IMAD übernehmen APN eine immer wichtigere Rolle. Themenbild: zvg

Pasquale Deuber war bei der Spitex Mittelthurgau massgeblich am Aufbau der Advanced-Practice-Nurse-Stelle beteiligt. Im Artikel berichtet die 28-jährige Pflegeexpertin unter anderem von den Erfolgsfaktoren für eine erfolgreiche Einführung.

EVA ZWAHLEN. Seit zwei Jahren arbeitet Pasquale Deuber bei der Spitex Mittelthurgau (TG). Als Advanced Practice Nurse (APN) unterstützt sie ihre Kolleginnen und Kollegen bei der Qualitätssicherung und steht bei komplexen Situationen konsiliarisch, also beratend, zur Seite – etwa dann, wenn eine Klientin oder ein Klient wiederholt hospitalisiert wird und die Pflegefachpersonen eine fachliche Einschätzung benötigen. Gemeinsam mit den beteiligten Fachpersonen kann sie dazu beitragen, Situa­tionen zu stabilisieren und unnötige Hospitalisierungen zu verhindern.

Der Austausch anhand konkreter Klientensituationen habe massgeblich dazu beigetragen, dass ihre Rolle im Team geklärt und verstanden wurde, beschreibt die APN den Prozess rückblickend. «Es entlastet meine Kolleginnen und Kollegen, wenn ich ihnen in komplexen Situationen einen Teil ihrer Verantwortung abnehmen kann.» Anderen Spitex-Organisationen empfiehlt Pasquale Deuber daher, die APN-Rolle nahe an den Bedürfnissen der Teams und der Klientinnen und Klienten einzuführen.

Der Austausch anhand konkreter Klientensitua­tionen hat dazu beige­tragen, dass meine Rolle im Team geklärt und verstanden wurde.

Pasquale Deuber

Pflegeexpertin APN Spitex Mittelthurgau

APN als Bindeglied der Zukunft
Bevor Pasquale Deuber zur Spitex Mittelthurgau kam, arbeitete sie unter anderem im See-Spital (ZH) und im Spital Linth (SG)1, wo sie bereits als Pflegeexpertin tätig war. Diesen Sommer hat die 28-Jährige ihr Masterstudium in Pflege – mit Schwerpunkt «Nurse Practitioner» 2 – an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) abgeschlossen. Pasquale Deubers berufliche Stationen haben sie motiviert, die Rolle der APN auch in der ambulanten Versorgung zu verankern. Bei der Spitex Mittelthurgau, wo es bis zu diesem Zeitpunkt noch keine APN gab, stiess sie damit auf offene Ohren. Die Funktion umfasst sowohl verrechenbare Pflegeleistungen als auch weiterführende Fach- und Koordinationsaufgaben. Die entsprechenden Leistungen müssen heute im Rahmen der bestehenden Pflegefinanzierung erbracht werden. Mit Blick auf Care@Home3 2040 sieht Pasquale Deuber für APN eine Schlüsselrolle: «Sie verbinden bereits heute Pflege und Medizin, fördern die Kommunikation zwischen den Beteiligten und stärken die Versorgung zu Hause.» Genau dort, wo künftig mehr Menschen mit komplexen Gesundheitsproblemen betreut werden, könne diese verbindende Rolle entscheidend werden, schliesst sie.

Sylvie Laurenson, 52, arbeitet als Advanced Practice Nurse (APN) mit dem Schwerpunkt Nurse Practitioner (NP) bei der Genfer Spitex IMAD. Sie berichtet über die Zusammenarbeit mit einem Arzt sowie über den Mehrwert und die Grenzen ihrer Funktion.

FLORA GUÉRY. «Ich wollte die Klientinnen und Klienten noch umfassender begleiten und gleichzeitig möglichst nahe bei ihnen bleiben – in ihrem Zuhause.» Dieser Wunsch motivierte Sylvie Laurenson, die seit 2018 als Pflegefachfrau bei der Genfer Spitex (IMAD) arbeitet, das Studium zur Advanced Practice Nurse (APN) mit dem Schwerpunkt Nurse Practitioner (NP) 4 in Angriff zu nehmen. Im September 2025 hat sie ihre Ausbildung an der Universität Lausanne (UNIL) abgeschlossen.

Angesichts der zunehmend komplexen Versorgung zu Hause – und im Hinblick auf Care@Home 2040 – übernehmen APN bei IMAD eine immer wichtigere Rolle. Heute können die NP bei IMAD Leistungen zulasten der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) abrechnen, sofern es sich um Pflegeleistungen gemäss Krankenpflege-Leistungsverordnung (KLV) handelt. Der heutige gesetzliche Rahmen erlaubt es jedoch noch nicht, weiterführende Fach- und Koordinationsleistungen spezifisch abzurechnen. Ein Teil der Leistungen von APN verfügt deshalb weiterhin über keine eigene Finanzierung.

Damit NP ihre Kompetenzen vollumfänglich einsetzen können, muss die Sensibilisierungsarbeit weitergeführt und die gesetzlichen Rahmenbedingungen müssen weiter­entwickelt werden.

Sylvie Laurenson

APN IMAD

Ein Duo für die Pflege zu Hause
Sylvie Laurensons Rolle als NP befindet sich noch im Aufbau. Aktuell arbeitet sie eng mit einem Arzt des Universitätsspitals Genf (HUG) zusammen. Gemeinsam betreuen sie Menschen mit stabilen chronischen Erkrankungen. «Die Zusammenarbeit im Tandem ist sehr bereichernd», sagt Sylvie Laurenson. Dank ihres Studiums kann sie unter anderem Diagnosen stellen und Behandlungen verordnen. Ihre Autonomie wird jedoch durch die heutigen Rahmenbedingungen eingeschränkt: Für bestimmte Leistungen ist nach wie vor die Mitwirkung einer Ärztin oder eines Arztes erforderlich, und Hausbesuche können von der NP allein nicht abgerechnet werden (vgl. Infokasten).

Einen der wichtigsten Mehrwerte ihrer Funktion sieht Sylvie Laurenson in «der Fähigkeit, die Ressourcen des primären und sekundären Versorgungsnetzes rund um die Patientin oder den Patienten selbstständig zu mobilisieren und zu koordinieren». Nach einigen Monaten in ihrer neuen Funktion fällt ihre Bilanz sehr positiv aus. Die grösste Herausforderung bestehe nun darin, die Rolle der NP bei den verschiedenen Akteurinnen und Akteuren im Gesundheitswesen besser bekannt zu machen. «Damit NP ihre Kompetenzen vollumfänglich einsetzen können, muss die Sensibilisierungsarbeit weitergeführt und die gesetzlichen Rahmenbedingungen müssen weiterentwickelt werden», schliesst Sylvie Laurenson.

Die künftige Finanzierung der APN ist noch nicht geklärt
Am 20. Mai 2026 hat sich der Bundesrat für ein (Finanzierungs-)Szenario entschieden, bei dem «APN als Angestellte in Einrichtungen arbeiten, die der ambulanten Krankenpflege durch Ärzte und Ärztinnen und Pflegeexpertinnen und Pflegeexperten APN dienen». Die Umsetzung dieses Szenarios setzt die Aufnahme eines neuen Leistungserbringers in das Krankenversicherungsgesetz (KVG) voraus. Der Bundesrat hat daher das Eidgenössische Departement des Innern (EDI) beauftragt, bis Ende des ersten Halbjahres 2028 einen Gesetzesentwurf zur Vernehmlassung zur Änderung des KVG auszuarbeiten, der die Übernahme der von APN in ambulanten Einrichtungen erbrachten Leistungen durch die OKP ermöglichen soll. Spitex Schweiz begrüsst eine Regulierung der APN, fordert jedoch, dass ihre erweiterten Kompetenzen unabhängig vom Arbeitsort bedarfsgerecht eingesetzt und angemessen finanziert werden können. Eine ausschliesslich auf Arztpraxen fokussierte Lösung lehnt Spitex Schweiz ab: APN müssen auch in der Spitex ihr Potenzial für eine qualitativ hochwertige, integrierte und zunehmend komplexe Versorgung zu Hause voll ausschöpfen können.

  1. Gehört heute zu HOCH Health Ostschweiz. ↩︎
  2. APN mit diesem Schwerpunkt übernehmen selbstständig und eigenverantwortlich die Betreuung einer Patientengruppe. Sie integrieren klinische Kompetenzen aus professioneller Pflege und Medizin und begleiten chronisch und akut kranke Patientinnen und Patienten nach aktueller Evidenz (Quelle: www.zhaw.ch). ↩︎
  3. «Care@Home 2040» ist das Zielbild von Spitex Schweiz zur integrierten, digital unterstützten Versorgung von 2040. Mehr Informationen: www.spitexmagazin.ch/careathome2040 ↩︎
  4. Advanced Practice Nursing (APN) umfasst zwei unterschiedliche Rollen: Nurse Practitioner (NP) und Clinical Nurse Specialist (CNS). CNS unterstützen Teams und Führungskräfte bei klinischen Projekten, beispielsweise in den Bereichen klinische Beurteilung oder Patientenedukation, sowie bei der Betreuung komplexer Situationen. ↩︎

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