8 min 3. März 2026

«Jede Wunde heilt unter anderen Voraussetzungen»

Elisabeth Kohler-von Siebenthal ist eine erfahrene Wundexpertin auf unterschiedlichsten Ebenen. Im Interview berichtet die Mitarbeiterin der SPITEX Region Interlaken AG (BE) über die Herausforderungen einer Wundbehandlung im Spitex-Setting, über Freude und Ärgernisse aus ihrem beruflichen Alltag – und über ihr neues Buch «Der wunde Punkt».

INTERVIEW: KATHRIN MORF

SPITEX MAGAZIN: Frau Kohler-von Siebenthal, Sie sind Wundexpertin bei der SPITEX Region Interlaken AG, Beraterin und Dozentin rund um das Thema sowie unter anderem Vizepräsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Wundversorgung (SAfW). Woher kommt Ihre berufliche Leidenschaft für Wunden?
ELISABETH KOHLER-VON SIEBENTHAL: Wundversorgung ist ein unglaublich spannendes Thema – vor allem in der Spitex, wo ich sehr selbständig und eigenverantwortlich arbeiten kann. Beim Thema Wundberatung gelandet bin ich der Not geschuldet: Nach einer langen Familienpause wurde ich beim Wiedereinstieg mit einer Wundsituation konfrontiert, die mich und mein Team überforderte. Weil ich diese Situation nicht aushielt, holte ich mir Hilfe – und das Thema liess mich nicht mehr los. Inzwischen habe ich alle in der Schweiz verfügbaren Ausbildungen dazu absolviert. Dass ich dadurch an der Basis, als Beraterin und in der Ausbildung zur «Wundexpert:in SAfW» tätig sein darf, macht meine Arbeit abwechslungsreich und anspruchsvoll.

Elisabeth Kohler-von Siebenthal ist eine erfahrene Wundexpertin SAfW auf regionaler und nationaler Ebene. Bilder: zvg

Der «Durchschnittsbürger» weiss, dass eine Wunde gereinigt und verbunden werden muss. Der Begriff Wundmanagement lässt aber vermuten, dass die Behandlung von Wunden viel mehr erfordert – schliesslich bedeutet «Management» unter anderem die Entwicklung einer Strategie zur Erreichung von bestimmten Zielen sowie die Koordination von Mitarbeitenden[1]. Was macht Ihre Aufgabe zu einem Management?
Es wird oft vergessen, dass an jeder Wunde ein Mensch hängt. Und dass jede Wunde unter anderen Voraussetzungen heilt. Mit der richtigen Wundauflage ist unsere Arbeit längst nicht getan. Eine chronische Wunde ist immer ein Symptom, dessen Ursache es zu behandeln gilt. Dafür brauchen wir eben – analog zur Wirtschaft – eine Strategie, um die mit den Betroffenen gemeinsam festgelegten Ziele zu erreichen. Und da die Behandlung von Wunden fast nie allein gemeistert werden kann, braucht es eine Koordination und Organisation der interdisziplinären Netzwerkstrukturen.

Was kann eine diplomierte Wundberaterin im Vergleich zur «normalen» Wundbehandlung durch Spitex-Mitarbeitende für diese Aufgabe zusätzlich bieten?
Pflegefachkräfte FH oder HF sowie FaGe haben während ihrer Ausbildung nur sehr wenig Unterricht zum Thema Wundversorgung, und im Medizinstudium ist das Thema «Versorgung von chronischen Wunden» sogar praktisch inexistent. Wundexpertinnen und Wundexperten unterstützen die beteiligten Berufsgruppen mit spezialisiertem Wundwissen und koordinieren Abklärung und Behandlung. Ein Mensch mit einer chronischen Wunde hat zudem nie nur dieses eine Problem. Es bestehen immer komplexe medizinische Zusammenhänge, begrenzte Ressourcen und ungleiche Versorgungsstrukturen – Herausforderungen, die wir Wundexpertinnen und Wundexperten bewältigen. Wichtig ist dabei auch das «Case Management», das eigentlich nichts anderes heisst als eine patientenzentrierte Versorgung: Der «Case» ist der Mensch, und für ihn muss jemand den Lead übernehmen. Im Falle von Wundbetroffenen sind wir das.  

Ein Mensch mit einer chronischen Wunde hat nie nur dieses eine Problem. Es bestehen immer komplexe medizinische Zusammenhänge, begrenzte Ressourcen und ungleiche Versorgungsstrukturen.

Elisabeth Kohler-von Siebenthal

Wundexpertin SAfW SPITEX Region Interlaken AG, Autorin

«Nicht heilende Wunden können eine grosse Belastung für die Betroffenen sein und beträchtliche Einschränkungen und Schmerzen verursachen», schreibt die SPITEX Region Interlaken AG auf ihrer Website. Können Sie genauer ausführen, wie Sie das Leben von Menschen verändern?
Langwierige Wunden zum Abheilen zu bringen, ist immer eine grosse Genugtuung und Freude. Die Menschen sind dankbar, wenn sie nur schon mit genügend Zeit angehört und ernst genommen werden. Dann gilt es, die Wundursache zu finden, zu beheben und den Körper in der Heilung zu unterstützen – in Zusammenarbeit mit den Betroffenen und ihrer Biologie und Psyche sowie mit verschiedenen Akteurinnen und Akteuren im Gesundheitswesen. Teil dieses Teams sein zu dürfen, erfüllt mich mit grosser Dankbarkeit und motiviert mich. Sein Leben verändern kann der Mensch allerdings nur selbst, ich sehe mich höchstens als Begleiterin und Unterstützerin.

Der Leitsatz «ambulant vor stationär» scheint unter anderem dazu zu führen, dass Menschen auch mit komplexen Wunden immer früher aus dem Spital entlassen werden; von «blutigen Entlassungen» wird in diesem Zusammenhang zeitweise gesprochen. Beobachten Sie dies auch?
Es bestehen teilweise Defizite im Entlassungsmanagement am Übergang zwischen Spital und Spitex. «Blutige Entlassungen» erlebe ich aber selten. Die Spitäler haben ihre ambulanten Dienstleistungen ausgebaut, sodass die Menschen zwar früher aus dem Spital entlassen werden, aber oft in den spitaleigenen Ambulatorien weiterbetreut werden. Dennoch ist es richtig, dass wir bei der Spitex längst auch komplexere Fälle betreuen, was meine Arbeit sehr spannend macht und mich ehrt sowie anspornt.

Eine Wunde im Spital zu behandeln, bedeutet die äusseren Einflüsse (grösstenteils) «im Griff» haben zu können. Die unterschiedlichsten Haushalte, die punktuellen Einsätze und hygienische Herausforderungen dürften die Aufgabe der Spitex umso herausfordernder machen?
Ich habe Erfahrungen mit Vor- und Nachteilen beider Settings gemacht. Und ja, in der Spitex ist das Arbeitsumfeld nicht immer ideal, aber es ist viel näher am Menschen. In «den Griff» bekommt man die Menschen im häuslichen Setting nie, denn wir sind bei ihnen zu Hause, wo sie bestimmend und eigenverantwortlich sind. Im Spitex-Setting müssen sich nicht die Betroffenen ändern, sondern wir Fachpersonen müssen unsere Haltung ihnen gegenüber ändern – und dann sind wir plötzlich ein Team auf Augenhöhe.

Sie schreiben eine monatliche Kolumne auf der Website der SAfW[2]. Diese Geschichten wurden nun im Buch «Der wunde Punkt» veröffentlicht. Was motiviert Sie, Ihre Arbeit öffentlich zu machen?
Zum Buch motiviert haben mich zahlreiche Leser und Leserinnen meiner Kolumne. Generell motiviert mich, dass ich den Pflegenden in der Spitex eine Stimme verleihen möchte. Wir sind allein unterwegs und treffen oft schwierige Situationen an, in denen wir schnell und ohne fachliche Hilfe vor Ort reagieren müssen. Die Anforderungen an uns sowie unsere Verantwortung sind dadurch sehr gross.

Generell motiviert mich, dass ich den Pflegenden der Spitex eine Stimme verleihen möchte.

Elisabeth Kohler-von Siebenthal

Wundexpertin SAfW SPITEX Region Interlaken AG, Autorin

Ihre Geschichten sind sehr vielfältig (vgl. auch Infokasten). Wie suchen Sie aus, was Teil Ihrer Kolumne wird?
Die Geschichten fallen mir meistens zu. Mal sind es eben Wund(er)geschichten, dann sind es Ärgernisse, dann wiederum Geschichten aus meinem privaten Leben. Am Herzen liegen mir die Geschichten mit den Menschen, die mein Verhalten auf liebevolle Weise spiegeln und mich zum Nachdenken bringen. Und mit der Titelwahl «Der wunde Punkt» habe ich mir die Freiheit geschaffen, über wunde Punkte meiner Klientinnen und Klienten, aber auch über meine eigenen Verletzlichkeiten zu schreiben.

Ihre eigenen wunden Punkte scheinen der finanzielle und personelle Druck oder auch die teilweise mangelnde Anerkennung zu sein, mit der sich die Spitex konfrontiert sieht. Inwiefern trüben diese Aspekte Ihre Freude an Ihrer Arbeit?
Es verletzt mich, wenn die Spitex von Berufskolleginnen und Berufskollegen abgewertet wird. Oder wenn ignoriert wird, dass die Spitex über top ausgebildete Fachspezialistinnen und Fachspezialisten verfügt. Ich denke, wir sollten Setting-übergreifend besser auf Augenhöhe zusammenarbeiten, um Ressourcen gut einzusetzen und gemeinsam stark zu sein. Solche negativen Aspekte sind im Grossen und Ganzen aber kleine Eintrübungen, welche die Freude an meinem Beruf in keiner Weise beeinträchtigen. Meine Motivation sind meine Klientinnen und Klienten. Natürlich gibt es auch schwierige Momente und ich möchte meine Arbeit nicht schönfärberisch verklären, aber Schwierigkeiten treten in jedem Beruf auf. Und ich habe immer noch die Hoffnung, dass die Umsetzung der Pflegeinitiative etwas verbessert. Die SPITEX Region Interlaken AG ist übrigens heute die einzige Spitex-Organisation in der Schweiz, die ein von der SAfW anerkanntes Wundzentrum führt. Dass mich meine Arbeitgeberin darin unterstützt und mir das ermöglicht, schätze ich sehr.

Blicken Sie zum Schluss in die Zukunft: Wohin bewegt sich die Wundbehandlung durch die Spitex Ihrer Meinung nach?
Die Zahl der Wundbehandlungen durch die Spitex wird weiter zunehmen. Vor allem die Behandlung von chronischen Wunden sind nicht für ein akutes Setting geeignet, weil sie dessen Möglichkeiten sprengen. Mir persönlich macht es Freude, die Spitex-Fachpersonen zu bestärken, ihre Rolle und Verantwortung wahrzunehmen. Mit fundierten Kenntnissen und starken Argumenten können sie sich ein tragendes Netzwerk weben, das sie und ihre Klientinnen und Klienten auffängt und trägt.

Über Elisabeth Kohler-von Siebenthal und ihr Buch

Elisabeth Kohler-von Siebenthal ist seit 41 Jahren Pflegefachfrau, hat unter anderem einen «Master of Wound Care» absolviert und arbeitet seit 14 Jahren ausschliesslich als Wundexpertin bei der SPITEX Region Interlaken AG (BE). Zusätzlich ist sie als Fachdozentin rund ums Thema Wundbehandlung tätig, berät Arztpraxen und Heime und ist unter anderem Vizepräsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Wundbehandlung (SAfW).
Anfang März 2026 ist im Berner Buchverlag Lokwort das 128 Seiten umfassende Buch «Der wunde Punkt» (vgl. Bild unten) erschienen, das viele der Kolumnen von Elisabeth Kohler-von Siebenthal zusammenfasst, die monatlich auf der Website der SAfW erscheinen. Die Kolumnen drehen sich um Klientinnen und Klienten (zum Beispiel um einen Mann mit Epilepsie und altem Kater), um Geschichten aus dem Spitex-Alltag (etwa um das Aufeinandertreffen von landwirtschaftlichem Gefährt und Spitex-Auto auf einem Landweg) und vom Privatleben der Autorin (zum Beispiel vom Abschiednehmen von ihrem Vater). Mehr Informationen: www.lokwort.ch/shop/lebenswege/der-wunde-punkt


[1] https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/management-37609

[2] www.safw.ch/index.php/gesellschaft/kolumne

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