3 min 31. März 2026

Eine Top-5-Liste gegen Über-, Unter- und Fehlversorgung

Die Akademische Fachgesellschaft (AFG) Spitex Pflege des Schweizerischen Vereins für Pflegewissenschaft (VFP) hat im Januar 2026 gemeinsam mit smarter medicine eine Top-5-Liste für die Spitex publiziert. Wie dieser Gastbeitrag umreisst, gibt die Liste konkrete Handlungsempfehlungen ab und setzt Impulse für eine bewusste Auseinandersetzung mit Über-, Unter- und Fehlversorgung.

CHRISTINE REICHART, ANNINA CADRUVI [1].«Smarter Medicine» setzt sich dafür ein, unnötige oder potenziell schädliche Behandlungen zu vermeiden (vgl. Infokasten). Mit der im Januar 2026 publizierten Top-5-Liste der Akademischen Fachgesellschaft (AFG) Spitex Pflege ist nun erstmals auch die ambulante Pflege Teil dieser Initiative. Während bei den ärztlichen Listen vor allem die Überversorgung im Fokus steht, zeigt sich im häuslichen Setting ein anders Bild. Neben möglicher Überversorgung besteht ebenso das Risiko einer schleichenden Unter- oder Fehlversorgung. Werden Ressourcen nicht ausreichend gefördert, Angehörige zu spät unterstützt oder Einsamkeit zu wenig thematisiert, können sich Situationen zuspitzen. Die Folge sind Krisen, ungeplante Hospitalisationen oder vorzeitige Heimeintritte. Eine Unterversorgung zuhause kann damit indirekt zu einer Überversorgung führen.

Die Top-5-Liste schafft hier Orientierung. Sie bringt auf den Punkt, worauf es in der Spitex aktuell besonders ankommt – fachlich, organisatorisch und gesellschaftlich. In einem zunehmend anspruchsvollen Umfeld hilft sie, klare Schwerpunkte zu setzen und das Wesentliche im Blick zu behalten. Für Geschäftsleitungen, Pflegeleitungen sowie Pflegeexpertinnen und Pflegeexperten kann sie als Grundlage für Jahresziele oder Qualitätsentwicklung dienen. Für Teams bietet sie eine strukturierte Reflexionshilfe – etwa, indem pro Teamsitzung eine Empfehlung diskutiert wird.

Die fünf Empfehlungen für die Spitex Pflege:

  1. Nutze die Stärken und Kompetenzen der Betroffenen, und übernimm Pflegeinterventionen nicht vollständig, wenn eine aktive Mitarbeit möglich ist.
  2. Erfasse das Erleben sowie den Unterstützungs- und Beratungsbedarf von Familien, und leite daraus gezielte Massnahmen ab.
  3. Nimm Hinweise auf häusliche Gewalt ernst, und handle entsprechend.
  4. Sei sensibilisiert für Anzeichen von oder Hinweise auf Einsamkeit oder soziale Isolation, und reagiere darauf.
  5. Keine stationären Aufenthalte von chronisch und mehrfach Erkrankten sowie gebrechlichen Personen, ohne das Ziel und das Vorgehen mit den Beteiligten abzusprechen.
Die 5 Empfehlungen für die Spitex illustriert. Bild: zvg

Diese Empfehlungen stehen für eine klare Haltung: Ressourcen stärken statt Abhängigkeit fördern, familienzentriert vorgehen, Risiken frühzeitig erkennen und Entscheidungen gemeinsam klären. «Smarter Medicine» bedeutet für die Spitex deshalb nicht nur, Überversorgung zu vermeiden – es bedeutet auch, bewusst Prioritäten zu setzen und Pflegequalität aktiv zu gestalten – damit Menschen sicher und selbstbestimmt zuhause leben können.

Detaillierte Informationen zur Top-5-Liste unter: www.smartermedicine.ch/de/top-5-listen/spitex-pflege-2026

Über die Gesellschaften

Die Akademische Fachgesellschaft (AFG) Spitex Pflege des Schweizerischen Vereins für Pflegewissenschaft (VFP) vereint akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen, fördert evidenzbasierte häusliche Pflege, schafft Austausch und stärkt die ambulante Versorgung.
www.vfp-apsi.ch/fachgremien/spitex-pflege

Die gemeinnützige Organisation smarter medicine setzt sich seit dem Jahr 2014 gegen eine Über- beziehungsweise Fehlbehandlung in der Schweizer Medizin ein. Um ihre Ziele zu erreichen, fördert smarter medicine die Diskussion und die Forschung zu unnötigen Behandlungen. Sie stellt Informationsmaterial zur Verfügung und gibt in sogenannten «Top-5-Listen» regelmässig Empfehlungen an das medizinische Fachpersonal sowie an Patientinnen und Patienten ab.
www.smartermedicine.ch


[1] Die beiden Pflegeexpertinnen MScN Christine Reichart von Spitex Zürich und Annina Cadruvi von Sptex Chur sind Mitglieder der AFG Spitex Pflege und Co-Projektleiterinnen der Top-5-Liste.

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