6 min 20. Mai 2026

DV 2026: Drei Referate drei brandaktuelle gesundheitspolitische Themen

An der Delegiertenversammlung von Spitex Schweiz vom 19. Mai 2026 haben die Anwesenden mehr über das Zukunftsbild «Care@Home 2040» erfahren – und über drei gesundheitspolitische Themen, die derzeit viel zu tun oder zu reden geben: die einheitliche Finanzierung der Leistungen, die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» und die Anstellung pflegender Angehöriger.

KATHRIN MORF. Eine Illustration, die in die Zukunft blickt, läutete die Delegiertenversammlung (DV) von Spitex Schweiz in Bern ein: In den vergangenen Monaten hat Spitex Schweiz intensiv am Zielbild «Care@Home 2040» gearbeitet, welches aufzeigt, wie die Gesundheitsversorgung zu Hause im Jahr 2040 aussehen soll (hier finden Sie alle bisher erschienen Berichte dazu). An der Versammlung stellte Thomas Heiniger, Präsident von Spitex Schweiz, eine Illustration vor, welche das erarbeitete Zielbild in all seiner Komplexität veranschaulicht: Das Bild von Illustratorin Michèle Rousselot zeigt auf, dass Menschen in jeder Lebenslage pflegerisch, medizinisch, therapeutisch und sozial in ihren eigenen vier Wänden versorgt werden können – integriert, menschlich und digital. Und die Spitex ist die Drehscheibe dieser integrierten Versorgung zu Hause. Das «Spitex Magazin» wird in Ausgabe 3/2026, die Mitte Juni erscheint, genauer auf Zielbild und Illustration eingehen.

Nach diesem illustrativen Einstieg in die Versammlung genehmigten die Delegierten den Jahresbericht 2025 von Spitex Schweiz, der ebenfalls auf «Care@Home 2040» fokussiert (vgl. Infokasten). Und sie widmeten sich weiteren ordentlichen Geschäften der Delegiertenversammlung. Nach der Mittagspause folgten dann drei Referate über brandaktuelle gesundheitspolitische Themen.

Thema 1: Die einheitliche Finanzierung der Leistungen
Auf die einheitliche Finanzierung der Leistungen (auch: «EFAS»), der das Schweizer Stimmvolk im November 2024 zugestimmt hat, ging Thibault Castioni ein. Der Vizepräsident von Spitex Schweiz und stellvertretende Generaldirektor der Waadtländer Spitex AVASAD erläuterte, dass die Kantone künftig für mindestens 26.9 Prozent und die Versicherer für höchstens 73.1 Prozent der Kosten aller KVG-Leistungen aufkommen müssen. Diese einheitliche Finanzierung soll heutige Fehlanreize reduzieren, Kosten senken und die Pflege stärken. Für ebendiese Pflege gilt der neue Kostenteiler ab 2032, aber die Neuerung bedeute bereits jetzt viel Arbeit für die Spitex, stellte Thibault Castioni klar: «Jetzt gilt es die entscheidenden Karten auszuspielen, damit EFAS für die Pflege zur Chance wird.»

Wichtig sei, dass sich die Spitex intensiv für die Aushandlung der künftigen Tarife für die Pflege rüste. Dass Spitex Schweiz genau dies tut, erläuterte Aline Kurmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Dachverbands. Thibault Castioni betonte derweil, dass auch alle Spitex-Organisation gefordert sind: Sie müssen hochwertige Daten als Basis für die Aushandlung der Tarife liefern. «Die Finanzbuchhaltung der Spitex muss qualitativ einwandfrei sein. Und sie muss einheitlich sein, denn wir dürfen nicht Äpfel mit Birnen vergleichen», sagte er. Im «Spitex Magazin» 3/2026 wird Thibault Castioni genauer auf das Thema eingehen.

Thema 2: «Keine 10-Millionen-Schweiz»
Nationalrätin Ursula Zybach, Vorstandsmitglied von Spitex Schweiz und Präsidentin des Spitex Verbands Kanton Bern, sprach über die Auswirkungen der Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz! (Nachhaltigkeitsinitiative)» auf das Gesundheitswesen. Die Schweizer Stimmberechtigten werden am 14. Juni 2026 über die Initiative abstimmen, die verlangt, dass die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz auf 10 Millionen Menschen begrenzt wird – falls nötig beispielsweise durch die Kündigung der Personenfreizügigkeit. «Die Initiative ist brandgefährlich», stellte Ursula Zybach klar. Denn: Bereits heute sei das Schweizer Gesundheitswesen massiv auf Spezialistinnen und Spezialisten aus dem Ausland angewiesen. Dies wegen des Fachkräftemangels, der sich durch Faktoren wie der steigenden Nachfrage nach Pflegeleistungen und der sinkenden Geburtenrate weiter zu akzentuieren droht. «Ein künstlicher Bevölkerungsdeckel würde dieses Problem massiv verstärken», mahnte sie.

Die Folgen für das Schweizer Gesundheitswesen wären laut Ursula Zybach unter anderem Verteilungskämpfe sowie höhere Personal- und Gesundheitskosten – und längere Wartezeiten auf Behandlungen oder sogar Versorgungslücken, die Menschenleben kosten können. Darum lehne Spitex Schweiz die Initiative entschieden ab – genauso wie der Bundesrat, die Kantone und das Parlament – und sei Mitglied des Komitees «Nein zum Versorgungs-Chaos». Zum Schluss appellierte Ursula Zybach an die Delegierten, sich für ein Nein zur Initiative einzusetzen – um zu verhindern, dass viele Schweizerinnen und Schweizer in Zukunft niemanden mehr haben, der sie mit wichtigen Gesundheitsdienstleistungen versorgt.

Drei Referentinnen und Referenten unterhalten sich in der Mittagspause der DV mit Thomas Heiniger, Präsident von Spitex Schweiz (2. von rechts): Thibault Castioni (von links), Ursula Zybach und Patrick Imhof. Bild: Kathrin Morf

Thema 3: Anstellung pflegender Angehöriger
Patrick Imhof, Leiter Politik und Geschäftsleitungsmitglied von Spitex Schweiz, informierte schliesslich über die Anstellung pflegender Angehöriger. Durch die in den letzten Jahren stark zunehmende und wenig regulierte Anstellung und kritische Medienberichte zu den entstehenden Kosten drohe die äusserst wichtige Angehörigenpflege zu einem Schimpfwort zu verkommen, sagt er. Spitex Schweiz setze sich intensiv dafür ein, dass dies nicht passiert – und fordere dabei das Folgende (siehe auch das Positionspapier des Verbands hier):

  • Eine einheitliche Definition, wer sich als pflegende Angehörige anstellen lassen darf.
  • Eine verbindliche Qualitätssicherung rund um die Leistungen, die von angestellten Angehörigen erbracht werden.
  • Massgeschneiderte faire Arbeitsbedingungen für angestellte Angehörige sowie…
  • …eine faire Finanzierung ihrer Arbeit.

Der Leiter Politik berichtete weiter, dass der Bundesrat zwar klargestellt hat, dass er hinsichtlich der Anstellung pflegender Angehöriger keinen grundsätzlichen Anpassungsbedarf auf bundesgesetzlicher Ebene sieht. Die Politik habe daraufhin aber den Druck auf den Bund verschärft, etwa durch verschiedene Motionen zum Thema, die Ähnliches fordern wie Spitex Schweiz. Darum sei es absehbar, dass der Bund die Anstellung pflegender Angehöriger doch noch auf nationaler Ebene besser regeln müsse. «Ich bin jedenfalls überzeugt, dass dieses Thema uns noch eine Weile beschäftigen wird», sagte Patrick Imhof zum Abschluss.

Der Jahresbericht 2025 von Spitex Schweiz ist online
LP. Das Jahr 2025 stand bei Spitex Schweiz ganz im Zeichen des Zukunftsbilds «Care@Home 2040», das den Menschen mit seinen medizinischen, pflegerischen, therapeutischen und sozialen Bedürfnissen ins Zentrum stellt. Damit «Care@Home 2040» gelingt, braucht es starke Netzwerke, koordinierte Versorgung und den Mut, neue Wege zu gehen. Spitex Schweiz hat 2025 mit seiner Arbeit an «Care@Home 2040» die Zukunft gestaltet – und zugleich einen stolzen Blick zurückgeworfen: auf 30 Jahre Spitex Schweiz. Auch politisch war das Jahr 2025 prägend: Die Pflege rückte auf nationaler Ebene ins Zentrum, wichtige Weichen für EFAS wurden gestellt und zentrale Grundlagen für die Qualität der ambulanten Pflege geschaffen. Was Spitex Schweiz bewegt hat, was der Verband erreicht hat und wohin seine Reise geht – all dies lesen Sie nun im digitalen Jahresbericht 2025:
https://www.jb2025.spitex.ch

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