LIFT bringt Jugendliche in die Arbeitswelt
24 bis 36 Arbeitseinsätze an einem schulfreien Nachmittag in zwei bis drei Betrieben: Für manche Jugendliche ist das Jugendprojekt LIFT der erste Schritt in die Berufswelt. Die Spitex Kriens beteiligt sich seit 2023 am Projekt. Die bisherigen Erfahrungen zeigen: Der Aufwand ist überschaubar und der Gewinn gross – für die Jugendlichen genauso wie für den Betrieb.
KARIN MEIER. Es ist Mittwoch, kurz nach 13.30 Uhr. Vor dem Hauptsitz der Spitex Kriens (LU) setzt die 14-jährige Sekundarschülerin Nora Egli ihren Velohelm auf. Vor ihr radelt eine Fachfrau Gesundheit (FaGe) zur ersten Klientin der Nachmittagstour los, und Nora Egli folgt ihr durch die Strassen von Kriens. Für sie ist es einer von zwölf Nachmittagen, an denen sie Mitarbeitende der Spitex Kriens während drei Stunden begleitet und Einblick in deren Arbeitsalltag erhält. Dabei ist Flexibilität gefragt: Hinter jeder Haustür wartet eine andere Situation, eine neue Aufgabe – und immer wieder neue Begegnungen. Meist schaut Nora Egli nur zu, manchmal darf sie kleine pflegerische Handlungen ausführen: Etwa jemandem die Stützstrümpfe ausziehen oder den Rücken eincremen. «Am Anfang war ich sehr nervös», sagt sie. «Aber mit jedem Mal wurde es einfacher und mein Selbstvertrauen wuchs.»

Brücke zwischen Schule und Berufswelt
Nora Eglis Einsätze fanden von August 2025 bis Januar 2026 im Rahmen des Jugendprojekts LIFT Schweiz statt. Das Programm ermöglicht Jugendlichen ab der 7. Klasse erste Erfahrungen in der Arbeitswelt. Dafür absolvieren sie an schulfreien Nachmittagen sogenannte «Wochenarbeitsplätze» mit je zwölf Einsätzen à zwei bis drei Stunden in idealerweise drei verschiedenen Betrieben. Dabei übernehmen sie einfache Tätigkeiten, erhalten Einblicke in den Arbeitsalltag und bekommen eine Sackgeld von 5 bis 8 Franken. Von den Betrieben erhalten sie eine schriftliche Beurteilung, die sie ihren Bewerbungsunterlagen für eine Lehrstelle beilegen können. LIFT wird von schweizweit über 400 LIFT-Partnerschulen angeboten. Sie akquirieren Betriebe in der Region und bereiten die Jugendlichen auf ihre Einsätze vor. Das Projekt richtet sich insbesondere an junge Menschen, die beim Übergang von der Schule in die Berufswelt Mühe haben dürften. «Mit LIFT ermöglichen wir Jugendlichen mit schulischen Herausforderungen, geringer familiärer Unterstützung oder sprachlichen und kulturellen Hürden praktische Erfahrungen. Damit stärken wir ihr Selbstvertrauen und erhöhen ihre Chancen auf einen erfolgreichen Einstieg in die Lehre und Arbeitswelt», sagt Stephan Süess, Regionalleiter Zürich & Zentralschweiz bei LIFT. Wie LIFT vor Ort umgesetzt wird, hängt von den jeweiligen Partnerschulen ab. In Kriens steht das Angebot allen interessierten Jugendlichen offen. Davon hat auch Nora Egli profitiert, die mit ihren guten Noten und ihrer offenen Art keine typische LIFT-Jugendliche ist.
Erste Einblicke in Gesundheitsberufe
Nora Egli interessiert sich besonders für die Gesundheitsberufe. «Ich habe schon mehrere Einsätze der Rega beobachtet. Dabei merkte ich, wie spannend es für mich wäre, anderen Menschen helfen zu können», sagt sie. Vor ihrem Einsatz bei der Spitex Kriens absolvierte sie einen Wochenarbeitsplatz in einem Altersheim in Kriens, spielte mit Bewohnenden Lotto oder begleitete sie beim Einkaufen. In beiden Betrieben wurde sie gut aufgenommen. Während einer regulären Schnupperlehre in einer Hausarztpraxis merkte Nora Egli jedoch, dass ihr die Arbeit als Medizinische Praxisassistentin (MPA) besser zusagt als jene als FaGe oder Fachfrau Betreuung (FaBe). Sie hat sich deshalb für eine Lehrstelle als MPA beworben, möchte aber auch noch weitere Schnupperlehren als Polygrafin und Werbetechnikerin absolvieren. Zu ihren Wochenarbeitsplätzen zieht sie ein positives Fazit: «Ich wollte mich mit der Berufswelt vertraut machen und lernen, mit Erwachsenen zusammenzuarbeiten», sagt sie. «Dank LIFT konnte ich mir ein realistisches Bild von zwei Berufen machen. Dafür habe ich gerne einen Teil meiner Freizeit investiert.»
Unsere Mitarbeitenden schätzen es, junge Leute im Betrieb zu haben und zu sehen, wie sie sich weiterentwickeln.
Nina Bösch
Ausbildungsverantwortliche Spitex Kriens
Überschaubarer Aufwand für die Betriebe
Die Spitex Kriens beteiligt sich seit 2023 an LIFT und hat bereits sechs Jugendlichen einen Wochenarbeitsplatz angeboten. Fünf von ihnen hätten rasch Fortschritte in ihrer Selbstständigkeit und Zuverlässigkeit erzielt, sagt die Ausbildungsverantwortliche Nina Bösch. Bei einer Person musste der Einsatz abgebrochen werden, da sie noch zu wenig reif für die Aufgabe gewesen sei. Insgesamt bezeichnet Nina Bösch die Erfahrungen mit den LIFT-Jugendlichen als sehr positiv: «Unsere Mitarbeitenden schätzen es, junge Leute im Betrieb zu haben und zu sehen, wie sie sich weiterentwickeln.» Zudem wolle die Spitex angesichts des Fachkräftemangels jede Gelegenheit nutzen, um Gesundheitsberufe bekannter zu machen. «Die Jugendlichen tragen ihre Eindrücke zurück in ihre Klassen. Das ist Werbung für unsere Organisation.» Die Werbemöglichkeit gab dann auch den Ausschlag fürs Mitmachen. Als die Spitex Kriens angefragt wurde, ob sie sich bei LIFT beteiligen wolle, reagierte Nina Bösch erst zurückhaltend. Vor allem beschäftigte sie, wie sich die Einsätze in den dichten Arbeitsalltag integrieren lassen. So dürfen Jugendliche unter 16 Jahren nicht mit den E-Bikes der Spitex fahren. Deshalb kommen für die Spitex Kriens nur Jugendliche infrage, die ein eigenes Fahrrad besitzen. Zudem mussten die Einsätze auf den Unterrichtsschluss abgestimmt und die Touren so geplant werden, dass sie für die Jugendlichen geeignet waren. «Nachdem die wichtigsten organisatorischen Fragen geklärt werden konnten, ist der zusätzliche Aufwand im Alltag gut handhabbar», versichert Nina Bösch.
Schweizweit fanden zwei Drittel aller LIFT-Jugendlichen direkt nach der obligatorischen Schulzeit eine Lehrstelle.
Stephan Süess
Regionalleiter Zürich & Zentralschweiz bei LIFT
LIFT zeigt Wirkung
Zwar hat die Spitex Kriens bisher keine ehemaligen LIFT-Jugendlichen als Lernende gewonnen. Eine Jugendliche, die über einen Wochenarbeitsplatz in einem Altersheim erste Erfahrungen in der Pflege gesammelt hatte, interessiert sich jedoch für eine FaGe-Lehrstelle bei der Spitex Kriens. Generell sei die Teilnahme an LIFT ein Vorteil im Bewerbungsprozess, sagt Nina Bösch: «Die Jugendlichen haben bereits erlebt, was es heisst, regelmässig zu arbeiten, pünktlich zu sein und Verantwortung zu übernehmen. Zudem haben sie einen vertieften Eindruck vom Pflegeberuf erhalten und können sicher sein, dass er zu ihnen passt.» Dass sich LIFT für die Jugendlichen auszahlt, bestätigt Stephan Süess: «Schweizweit fanden zwei Drittel aller LIFT-Jugendlichen direkt nach der obligatorischen Schulzeit eine Lehrstelle», sagt er. Für ihn greift diese Zahl jedoch zu kurz: «Der eigentliche Erfolg von LIFT liegt darin, dass alle Beteiligten profitieren – die Jugendlichen, die praktische Erfahrungen sammeln, die Schulen, die ihre Abgängerinnen und Abgänger auf gutem Weg wissen, und die Betriebe, die ihren Bekanntheitsgrad bei jungen Menschen erhöhen können.»
20 Jahre LIFT
Im August 2006 startete LIFT mit einem Pilotprojekt an vier Schulen in den Kantonen Bern und Zürich, an dem sich rund 40 Jugendliche beteiligten. Seither ist das Projekt stetig gewachsen. Ab Juni 2010 war LIFT dank einer Partnerschule in Ollon im Kanton Waadt erstmals in der Romandie vertreten. 2013 kam mit einer Schule in Riva San Vitale die italienischsprachige Schweiz dazu. 2014 erhielt LIFT für «Unternehmergeist in der Berufsbildung» die Auszeichnung Enterprize. 2016 wurde LIFT in einen Verein überführt. Mittlerweile beteiligen sich über 5000 Betriebe. Im Mai 2026 feierte LIFT sein 20-Jahr-Jubiläum. Spitex-Organisationen, die eigene Wochenarbeitsplätze anbieten wollen, können sich an die Geschäftsstelle wenden: 031 318 55 70 oder info@jugendprojekt-lift.ch.
www.jugendprojekt-lift.ch