Die Spitex ist zunehmend «sanft» unterwegs

Die Spitex ist zunehmend «sanft» unterwegs «Sanfte Mobilität» umfasst alle Fortbewegungsarten, die keine oder nur geringe Schadstoffemissionen verursachen. Dazu gehören das Gehen und Rad­fahren, der öffentliche Verkehr oder auch E-Mobilität. Weil die Spitex auf ihre Umweltbilanz achtet, setzt sie zunehmend auf das sanfte Unterwegssein – dies zeigen vier Beispiele von der Romandie bis in die Ostschweiz.

KATHRIN MORF. Die Spitex will Treibhausgase reduzieren – und der grösste Hebel hierfür ist ihre Mobilität. Dies zeigt der Bericht «Bilan carbone» («CO₂-Bilanz»), den die HES-SO Valais-Wallis für das sozialmedizinische Zentrum (SMZ) Martigny und Region verfasst hat (vgl. auch Bericht «Unterwegs im Einklang mit der Natur»). Die Hochschule hat ermittelt, dass das Pendeln und das berufliche Unterwegssein insgesamt 94 Prozent der CO₂-Emissionen des SMZ im Jahr 2024 verursacht haben, was 286 Tonnen CO₂ entspricht. Bis ins Jahr 2040 könne diese Belastung auf 23 Tonnen reduziert werden. «Aufgrund der steigenden Nachfrage nach Spitex-Dienstleistungen sind diese Prognosen jedoch mit Vorsicht zu interpretieren», betont Florence Meister, die beim SMZ die Abteilung Qualität, Sicherheit und Umwelt leitet. Um die CO₂-Bilanz des Pendelns zu verbessern, das 2024 für rund 153 Tonnen CO₂-Ausstoss sorgte, ermöglicht das SMZ unter anderem das Arbeiten im Homeoffice für Mitarbeitende, deren Aufgaben dies zulassen. «Auch organi­sieren wir uns so, dass unsere Mitarbeitenden vor Arbeitsbeginn nicht zuerst zum Stützpunkt fahren müssen», ergänzt Florence Meister. Zudem reflektiert das SMZ derzeit, wie es seine Mitarbeitenden zum Kauf von umweltfreundlichen Privatfahrzeugen motivieren kann. «Wir bevorzugen dabei einen Ansatz, der auf Information und Sensibilisierung statt auf einer moralisierenden Haltung und Zwang basiert», betont sie.

Susanna Straumann fährt für die Spitex Bern mit dem E-Bike durch die Stadt. Bild: Michel Lüthi / www.bilderwerft.ch

Auch zu ihren Klientinnen und Klienten fahren die Mitarbeitenden meist mit Privatfahrzeugen und ver­ursachten damit 2024 rund 133 Tonnen CO₂. Um diese ­Bilanz zu verbessern, stehen am Standort Martigny bereits zehn E-Bikes und ein E-Auto zur Verfügung. Weiter prüft das SMZ den Einsatz von E-Fahrzeugen an den beiden anderen Standorten, auch wenn diese in bergigen Regionen liegen. Zudem hat es sich das SMZ Martigny und Region wie alle Walliser SMZ zum Ziel gesetzt, seine Tourenplanung zu optimieren, um die zurückgelegten Kilometer zu reduzieren. Dieser Ansatz wird von der Walliser Vereinigung der SMZ (WVSMZ) unterstützt – und alle Beteiligten können darauf zählen, dass der Kanton im Rahmen seiner Strategie «Nachhaltigkeit in subventionierten Institutionen 2026–2029» dasselbe Ziel verfolgt. Florence Meister blickt diesbezüglich optimistisch in die Zukunft: «Wir möchten unsere beruflichen Fahrten verkürzen und vereinfachen, den organisatorischen Aufwand reduzieren und unsere Effizienz steigern, während wir gleichzeitig die Zufriedenheit unserer Kundinnen und Kunden sowie Mitarbeitenden verbessern.» 

Eine Mitarbeiterin der Spitex See/Lac, unterwegs mit dem E-Bike. Bild: zvg

Die rund 110 Mitarbeitenden der Freiburger Spitex See/Lac legen jährlich rund 340 000 Kilometer mit Firmen- und Privatfahrzeugen zurück. «Um unseren ökologischen Fussabdruck zu reduzieren und die Arbeitsbedingungen unserer Mitarbeitenden zu verbessern, setzen wir künftig verstärkt auf nachhaltige Mobilität», erklärt Caroline Carrillo, Leitung Kommunikation und Administration des Gesundheitsnetzes See, dem die Spitex See/Lac angehört. Das 2023 in Kraft getretene kantonale Mobilitätsgesetz (MobG) verpflichte Unternehmen mit mehr als 50 Vollzeitäquivalenten auch dazu, einen Mobilitätsplan zu erstellen. «Ziel unseres Mobilitätsplans ist, die CO₂-Emissionen unserer Mobilität zu senken.» Ganz so einfach ist dies aber nicht: Die weiten Distanzen zwischen den Einsatzorten, die abgelegene Lage zweier Spitex-Standorte und die eingeschränkte Abdeckung mit ÖV erschweren das Unterwegssein zu Fuss, mit herkömmlichen Velos oder Bus und Zug. Im November 2025 genehmigte die Delegiertenversammlung indes die Entnahme aus zwei Legaten für die Anschaffung von zwei Hybrid-Fahrzeugen, wodurch sich die Zahl dieser firmeneigenen Fahrzeuge auf acht erhöht. Ein Hindernis für reine E-Fahrzeuge (vgl. Infokasten) sind die fehlenden Ladestationen an allen vier Stützpunkten. Darum prüfen die Verantwortlichen die Installation solcher Ladestationen. Bestandteil des Mobilitätsplanes ist zudem unter anderem der Einsatz von Photovoltaik-Solaranlagen. «Die privaten Autos unserer Mitarbeitenden sind bereits mehrheitlich elektrisch betrieben und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Mobilität», versichert Caroline Carrillo. 

Weiter kommen an zwei Standorten E-Bikes zum Einsatz, da die Distanzen zwischen den Einsatzorten dies zulassen. «E-Bikes bringen jedoch auch Herausforderungen mit sich, etwa in Bezug auf die Sicherheit im Strassenverkehr und die Witterung», gibt sie zu bedenken. Eine mögliche Massnahme sei, überdachte Velo-Parkplätze zu schaffen – auch mit Hinblick auf das Ziel, alle Mitarbeitenden zu motivieren, den Weg zum Stützpunkt nach Möglichkeit ebenfalls im Einklang mit der Natur zurückzulegen – zum Beispiel auf zwei statt vier Rädern.

Auch wenn die ÖV-Dichte in der Stadt Bern sicherlich besser ist als im Seebezirk, reicht sie nicht aus, um den Mitarbeitenden der Spitex Bern die Fahrt zu Klientinnen und Klienten mit Bus oder Tram zu ermöglichen. Um dennoch umweltfreundlich unterwegs zu sein, stellt die Concara Gruppe, der die Spitex Bern angehört, ihren Mitarbeitenden rund 130 E-Bikes zur Verfügung. «Diese sind zu jeder Jahreszeit beliebt, denn damit ist die Spitex im dichten Stadtverkehr oft schneller als mit dem Auto», sagt Judith Liechti, Geschäftsführerin der Spitex Bern. Zudem verfügt Concara über sechs E-Autos sowie 34 Hybride. «Wir wären gern mit mehr reinen ­E-Fahrzeugen oder Plug-In-Hybriden unterwegs, aber dafür müssten unsere Vermieter mehr Ladestationen zur Verfügung stellen. Derzeit sind wir auf freie Ladestationen in der Nähe angewiesen», erklärt sie. Weiter ­achte Concara auf nachhaltig mobile Partner; beispielsweise würden Velokuriere oder umweltfreundliche Autokuriere engagiert. Wo möglich, dürfen die Mitarbeitenden auch im Homeoffice arbeiten – und sie können vergünstigte Abonnemente für «Publi-Bike» beziehen und damit an über 200 Stationen ein (E-)Bike ausleihen, um ihren gesamten Arbeitsweg oder die «letzte Meile» von der ÖV-Haltestelle zum Stützpunkt umweltfreundlich zu bewältigen. 

Telepflege, also die Pflege aus der Ferne, gilt als weitere Möglichkeit für das Reduzieren von Emissionen.  Konsultiert die Spitex ihre Klientinnen und Klienten beispielsweise mittels Videotelefonie oder überwacht deren Gesundheitszustand mittels Sensoren vom Standort aus, kann sie sich schliesslich so manche Autofahrt sparen. «Telepflege bietet Potenzial zur Um­weltentlastung und zur Lösung des Fachkräftemangels», bestätigt Judith Liechti. «Es gilt sie aber mit Pilotprojekten schrittweise in die Spitex zu implementieren und sie darf nur dort eingesetzt werden, wo eine persönliche Pflege und eine direkte Intervention nicht nötig sind. Zudem muss ihr Einsatz regelmässig eva­luiert werden.»

Die Spitex Stadt Winterthur unterzieht 2026 unter anderem dieses E-Leichtfahrzeug, «Fortuna E», einem Langzeittest. Bild: zvg

Winterthur sei in Bezug auf die sanfte Mobilität ihrer Spitex «sehr gut unterwegs», betont Sandra Müllhaupt, Leiterin des Projekts «Mobilität Spitex» der zweitgrössten Zürcher Stadt. Zum Beispiel fahren viele Spitex-Mitarbeitende mit ihrem eigenen Velo oder mit einem der 65 E-Bikes sowie 16 E-Autos ihrer Arbeitgeberin von Einsatz zu Einsatz. «Glücklicherweise bekunden wir keine Probleme mit den Ladestationen bei unseren Stützpunkten», freut sie sich. Im März 2025 hat die Stadt Winterthur «Mobilität Spitex» lanciert, um das Unterwegssein der Spitex noch u mweltfreundlicher zu gestalten. «Bis im Herbst 2026 wollen wir geeignete Empfehlungen ans Führungsgremium von Alter und Pflege Stadt Winterthur erarbeiten», berichtet Sandra Müllhaupt. Damit arbeite die Stadt nicht nur auf ihre «Netto-Null-Ziele 2040» hin – sie sorge auch für mehr Sicherheit und Effizienz im Verkehr, was insbesondere für diejenigen Mitarbeitenden wichtig sei, die sich auf einem Zweirad im zunehmenden städtischen Verkehr sowie bei Glätte nicht sicher fühlten.

Es ist wichtig, die Mitarbeitenden eng in ein Projekt für eine umweltfreundlichere Mobilität einzubeziehen und systematisch vorzugehen.

Sandra Müllhaupt

Stadt Winterthur

Sandra Müllhaupt betont die Wichtigkeit, die Mitarbeitenden eng in das Projekt einzubeziehen und dieses systematisch anzugehen. «Wir führen verschiedene ­Pilotprojekte durch und werten deren Erfolg mittels Fragebögen und Interviews aus», erklärt sie genauer. Bereits gestoppt wurden zwei Tests: E-Scooter erwiesen sich im Strassenverkehr als zu unsicher. Und die Nutzung eines Carsharing-Angebots scheiterte unter anderem an der ungenügenden Zahl an verfügbaren E-Fahrzeugen. Aktuell sind darum noch folgende Teilprojekte:

  • Zwölf Mitarbeitende testeten erfolgreich ein dreirädriges E-Leichtfahrzeug, das wie ein Velo genutzt werden darf. «Solche Fahrzeuge bieten mehr Sicherheit und Schutz als Velos und ihre Reichweite war im Test ebenfalls genügend», lobt Sandra Müllhaupt. 2026 werden dieses Fahrzeug sowie ein vergleichbares, aber überdecktes Modell (vgl. Bild) einem Langzeittest unterzogen. 
  • Sicherheitsmassnahmen wie bessere Kleidung und Fahrkurse sollen das Unterwegssein mit Velo und E-Bike fördern.
  • Das Projektteam prüft, ob im Stadtzentrum Spitex-Routen zu Fuss möglich sind. 
  • Auch in Winterthur wird nach Möglichkeiten für die Optimierung der Tourenplanung gesucht.
  • Weiter wird geprüft, ob E-Fahrzeuge der Spitex an Bahnhöfen abgestellt werden können, damit Mitarbeitende direkt auf ihre Tour aufbrechen können.

Auch Sandra Müllhaupt schliesst nicht aus, dass die Spitex Stadt Winterthur künftig vermehrt auf Telepflege setzt – zumindest dort, wo dies möglich und angebracht ist. «Im Fokus sollte aber nicht die Pflege aus Distanz stehen, sondern die umweltfreundliche Mobilität», sagt sie. «Denn für eine gute Pflege und Unterstützung ist es äusserst wichtig, dass wir unsere Klientinnen und Klienten und deren Umfeld regelmässig persönlich sehen.»

Die Umweltfreundlichkeit unterschiedlicher E-Fahrzeuge
Mit 5.4 Gramm CO₂ pro Kilometer – Herstellung und Ladung der Akkus eingerechnet – seien E-Bikes unter allen motorisierten Verkehrsmitteln mit Abstand am klimafreundlichsten, schreibt der WWF Schweiz auf seiner Website. Auch der öffentliche Verkehr schneide im Vergleich gut ab. Etwas komplexer sei die Umweltbilanz bei E-Autos: Generell sei der Energieträger Strom deutlich «grüner» als Benzin oder Diesel – insbesondere dann, wenn der Strom aus erneuerbaren Energien getankt wird. Rein batterie­betriebene Fahrzeuge seien zudem umweltfreund-
­licher als Hybrid-Fahrzeuge – also Fahrzeuge mit einer Kombination von Verbrennungsmotor und Elektroantrieb, die teilweise ebenfalls an der Steckdose aufgeladen werden können («Plug-In-Hybride»). Aber: «Elektrische Antriebe, insbesondere die Batterien, führen in der Herstellung zu einer höheren Umweltbelastung als die Herstellung von konventionell betrie­benen Fahrzeugen», betont der WWF. Über eine Lebensdauer von 200 000 Kilometer betrachtet, seien die E-Autos aber dennoch deutlich besser für die Umwelt: Dann verursache ein vollelek­trisches Auto nur halb so viele CO₂-Emissionen wie ein vergleichbarer «Benziner».

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