4 min 1. Juni 2026

Palliative Care: Früher erkennen, gezielter handeln

Der neue EPS-Test trägt mit klaren Kriterien zur koordinierten Zusammenarbeit zwischen der allgemeinen und spezialisierten Palliative Care in Spitex-Organisationen bei. Wie, zeigt dieser Gastbeitrag.

MICHAEL BRUHIN, DANIELA FOOS.[1] Spitex-Organisationen begleiten Menschen mit komplexen und teils instabilen Krankheitsverläufen zu Hause – in enger Zusammenarbeit mit Hausärztinnen und Hausärzten, Angehörigen sowie internen oder externen spezialisierten Palliative Care Teams. Die allgemeine ambulante Palliative Care (vgl. auch Infokasten) bildet dabei das Fundament. Doch in komplexen Situationen stellt sich immer wieder die entscheidende Frage: Wann reicht die allgemeine Versorgung – und wann braucht es den Einbezug eines spezialisierten Palliative Care Team?

Genau hier setzt der EPS-Test an (EPS steht für «Erkennen palliativer Situationen»). Er unterstützt Spitex-Organisationen dabei, palliative Situationen strukturiert zu erkennen, die eigene Versorgungskompetenz sichtbar zu machen und den Einbezug spezialisierter Palliative Care Teams transparent und nachvollziehbar zu koordinieren.
Entwickelt wurde der EPS-Test vom Netzwerk Mobile Palliative Care Dienste (MPD) von palliative.ch. Im Projekt «Indikationskriterien für spezialisierte Palliative Care» wurde der Test unter der Co-Projektleitung von Daniela Foos und Michael Bruhin während eines Jahres in der Praxis erprobt. Ziel war ein einheitliches, praxistaugliches Instrument zur Bedarfserkennung – insbesondere für die ambulante Versorgung.

Strukturierte und quantitative Entscheidungsgrundlage
Bisher beruhte die Indikationsstellung – also die Entscheidung für oder gegen den Einbezug von spezialisierter Palliative Care – primär auf Erfahrung, was wertvoll, aber wenig vergleichbar ist. Der EPS-Test bietet mit 17 Indikatoren, unterteilt in allgemeine und spezifische Kriterien, eine strukturierte und quantitative Entscheidungsgrundlage.
Von September 2024 bis August 2025 wurde der EPS-Test in neun Deutschschweizer MPDs bei sämtlichen Neuanmeldungen eingesetzt. Insgesamt wurden 1’549 Einschätzungen erfasst. Zusätzlich wurde dokumentiert, ob Fachpersonen intuitiv einen Bedarf an spezialisierter Palliative Care sahen. So konnte die strukturierte Einschätzung mit klinischer Erfahrung verglichen werden.

Ergänzend wurden Interrater-Testungen in 15 Institutionen der Langzeitpflege und vier Spitex-Organisationen durchgeführt. Zwei Fachpersonen unterschiedlicher Ausbildungsstufen beurteilten dieselbe Klientin oder denselben Klienten unabhängig voneinander. Insgesamt konnten 2252 valide Einschätzungen ausgewertet werden.
Die Ergebnisse sind klar: In der Interrater-Testung bestand bei über 89 % der Klientinnen und Klienten kein Bedarf an spezialisierter Palliative Care, bei rund 11 % wurde sie empfohlen – im Einklang mit den BAG-Empfehlungen. Die Übereinstimmung zwischen den Fachpersonen lag bei 89 %. Die Fachpersonen der Sekundarstufe II konnten den EPS-Test zuverlässig anwenden; jedoch empfehlen wir zur Präzisierung der Anwendung die Einschätzungen im Tandem von Tertiär- und Sekundarstufe.

In den MPDs zeigte sich: Der EPS-Test identifizierte in 71 % der Klientinnen und Klienten einen Bedarf an spezialisierter und in 25 % an allgemeiner Palliative Care. Intuitiv wurde hingegen in 89 % der Fälle eine spezialisierte Versorgung angenommen. Der EPS-Test fällt somit differenzierter aus und unterstützt eine gezielte Ressourcensteuerung.

Der EPS-Test bietet eine strukturierte und quantitative Entscheidungsgrundlage in der Palliative Care. Themenfoto: zvg

Mehrwert für Spitex-Organisationen
Die Evaluation bestätigt die Praxistauglichkeit des Tests: Die Anwendung dauert durchschnittlich zwei bis vier Minuten, rund drei Viertel der Mitarbeitenden bewerteten das Instrument als hilfreich und würden es weiter nutzen.
Der EPS-Test stärkt die Rolle der allgemeinen ambulanten Palliative Care. Entscheidungen werden transparenter, interprofessionell abgestützt und weniger vom individuellen Bauchgefühl abhängig. Klare Schwellenwerte (5–10 Punkte = allgemein, >10 = spezialisiert) schaffen Sicherheit in der Indikationsstellung. Gleichzeitig entstehen vergleichbare Daten für Planung und Gesundheitspolitik.

Für eine erfolgreiche Umsetzung des Tests sind Schulungen und klare Zuständigkeiten zentral; eine kompakte Online-Schulung steht auf palliative.ch zur Verfügung: Was wir tun: Indikationskriterien für Spezialisierte Palliative Care – palliative.ch
Herausforderungen bleiben allerdings: Der EPS-Test ist nur eine Momentaufnahme. Und bei Early Palliative Care[2] sowie bei Klientinnen und Klienten mit schwerer Demenz zeigt sich Optimierungsbedarf.

Besser begleiten und gezielter handeln
Die ambulante Versorgung steht unter wachsendem Druck. Der EPS-Test ersetzt keine klinische Erfahrung – er strukturiert sie. Für Spitex-Organisationen bedeuteten das mehr Sicherheit, mehr Transparenz und eine fundierte Zusammenarbeit mit spezialisierten Palliative Care-Teams. Denn in der Palliative Care gilt der Grundsatz: Früher erkennen heisst besser begleiten – und gezielter handeln.

Spezialisierte und allgemeine Palliative Care in der Spitex

Spezialisierte Palliative Care in der Spitex: Mobile Palliative Care Dienste (MPDs) sind spezialisierte, interprofessionelle Teams, die komplexe und instabile palliative Situationen im ambulanten Bereich betreuen, indem sie die Grundversorgung beraten, koordinieren und ergänzen, mit dem Ziel, Lebensqualität und Versorgungskontinuität im gewohnten Umfeld sicherzustellen. Sie können dabei entweder als eigenständige Organisationen oder als spezialisierte Teams innerhalb einer Spitex-Organisation strukturiert sein.
Allgemeine Palliative Care in der Spitex: Die Spitex übernimmt in der palliativen Grundversorgung die Aufgaben der allgemeinen Palliative Care, indem sie Klientinnen und Klienten zu Hause betreut und pflegt. Zu ihren Kernaufgaben gehören die Grund- und Behandlungspflege, Symptombeobachtung und -linderung sowie die Begleitung der Klienten und Angehörigen, ergänzt durch die Koordination mit Ärztinnen – und spezialisierten Diensten wie MPDs.


[1] Michael Bruhin und Daniela Foos sind Co-Leitende des Projekts «Indikationskriterien für spezialisierte Palliative Care»

[2] «Early Palliative Care» bezeichnet die frühzeitige, lange vor dem Endstadion einer schweren Krankheit erfolgende Integration von Massnahmen der Palliative Care in die Pflege von Klientinnen und Klienten.

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