9 min 27. März 2026

«Die Spitex sollte auf allen Ebenen in der Politik mitreden»

An der Fachtagung «Zukunft: Spitex» trat Patrick Imhof, Leiter Politik bei Spitex Schweiz, ans Rednerpult und zeigte auf, wie die Spitex auf allen Ebenen politisch aktiv werden kann. Farah Rumy und Patrick Hässig, Pflegefachpersonen und Mitglieder des Nationalrats, sprachen daraufhin über aktuelle politische Dossiers, welche die Spitex bewegen.

KATHRIN MORF. «Gestalten, verbinden, bewegen» lautet das Thema der sechsten Fachtagung «Zukunft: Spitex» vom 26. März 2026 im Hotel Arte in Olten. Zu Beginn wollten die drei Veranstalter Martin Radtke, Gilbert Bayard und Rolf Müller mithilfe einer digitalen Umfrage erfahren, welche Herausforderungen die 160 Teilnehmenden derzeit im Spitex-Alltag besonders bewegen. Zuoberst auf dem «Sorgen-Podest» landete der Fachkräftemangel, dicht gefolgt vom finanziellen Druck und der zunehmenden Komplexität der Erwartungen an die Spitex. Der erste Referent machte daraufhin klar: Die Spitex muss auch selbst aktiv werden, um diese Sorgen zu mindern. 

Patrick Imhof: Lobbying ist auf allen Ebenen nötig 
«Gestalten statt zuschauen: Politik als Teil unserer täglichen Arbeit», lautete der Titel des Referats von Patrick Imhof. Der Politologe ist Leiter Politik sowie Mitglied der Geschäftsleitung von Spitex Schweiz. Er versicherte den Anwesenden, dass die Spitex durchaus auf allen Ebenen und während des ganzen politischen Prozesses einen Einfluss auf die Politik nehmen kann – nicht nur mit Vorstössen im Parlament. «Der Begriff ‹Lobbying› wird oft als negativ konnotiert wahrgenommen, weswegen alternative Begriffe wie ‹Interessensvertretung› oder ‹Public Affairs› gebräuchlich sind – ich selbst bezeichne mich aber gern aber als ‹Lobbyist›, weil ich weiss, dass ich für die Spitex und damit für eine gute Sache kämpfe», sagte Patrick Imhof – und ging auf drei Fragestellungen genauer ein: 

  • Wie Spitex Schweiz lobbyiert: Spitex Schweiz nehme in allen Phasen der Gesetzgebung politisch Einfluss, erklärte er: In der vorparlamentarischen Phase tut der Dachverband dies zum Beispiel durch den Einsitz in Expertengruppen des Bundes sowie Vernehmlassungsantworten. In der parlamentarischen Phase sind unter anderem Inputs in den Kommissionen, Sessionsbriefe oder das Aktivieren von Allianzen mit anderen Verbänden wirksam. In der nachparlamentarischen Phase begleitet Spitex Schweiz die Umsetzung eines neuen Gesetzes und dessen Evaluierung. 
  • Wieso der Weg in der Politik nicht das Ziel ist: Patrick Imhof zeigte auf, dass der Weg zur Erreichung eines Ziels in der Politik oft einen langen Atem voraussetzt. Gründe hierfür seien komplexe und langwierige politische Prozesse wie das «Ping-Pong» zwischen Ständerat und Nationalrat. Als Beispiel erläuterte er, wie sechs Jahre lang über ein Präventionsgesetz diskutiert wurde, bis dieses in einer Einigungskonferenz an der Finanzierung scheiterte. «Die Umsetzung der Pflegeinitiative befindet sich erst in der ersten Beratung durch die Kommission des Nationalrats und damit in der allersten Phase. Es droht uns also auch hier ein langer Weg», gab er zu bedenken. 
  • Wie die Spitex auf kantonaler und regionaler Ebene politisch aktiv sein kann:  Vertreterinnen und Vertreter der Spitex können laut Patrick Imhof auch auf kantonaler und kommunaler Ebene versuchen, die Anliegen der Spitex einzubringen – allein oder als Teil von Allianzen. «Suchen Sie den formellen Austausch mit Behörden und Politik, zum Beispiel während Vernehmlassungen sowie an Jahresgesprächen und Generalversammlungen», riet er. Der informelle Austausch sei ebenfalls wichtig, etwa an Dorffesten – und es sei von grosser Wichtigkeit, dass die Spitex die Behörden, die Politik und die Öffentlichkeit regelmässig informiere. «Sie alle müssen von Ihren Projekten und Herausforderungen hören», betonte er. 
Patrick Imhof von Spitex Schweiz sprach über die Notwendigkeit des Lobbyings der Spitex. Fotos: Markus Zehnder/Makanart

Farah Rumy & Patrick Hässig: aktuelle Dossiers, welche die Spitex betreffen 
Danach traten Farah Rumy (SP, Solothurn) und Patrick Hässig (GLP, Zürich) vors Publikum, die beide Mitglieder des Nationalrats und in der Pflege tätig sind. Sie sprachen über das Thema «Neues aus Bundesbern, was erwartet uns?» und erläuterten dabei folgende Dossiers und Thematiken: 

  • DigiSanté und elektronisches Gesundheitsdossier: Farah Rumy und Patrick Hässig sprachen über das Programm DigiSanté, das für ein digitales Gesundheitswesen sorgen soll. Patrick Hässig ging dabei auf das elektronische Gesundheitsdossier (E-GD) ein. «Es ist eine grosse Herausforderung und unsere Aufgabe, unseren Kundinnen und Kunden oder Patientinnen und Patienten die Hunderten Vorteile des elektronischen Gesundheitsdossiers zu erklären», sagte er zum Publikum. Farah Rumy verwies darauf, dass die EU im Rahmen des European Health Date Space (EHDS) ebenfalls daran arbeitet, Gesundheitsdaten zentral abrufbar zu machen. Es sei für Synergien äusserst wichtig, «dass die Schweiz mit ihren Projekten so weit ist, wenn Europa so weit ist.»
  • Umsetzung Pflegeinitiative: «Wir sind bereit für diesen Kampf», betonte Farah Rumy in Bezug auf die Umsetzung der Pflegeinitiative. «Der Fachkräftemangel ist ein grosses Problem und wir müssen unserem Gesundheitspersonal Sorge tragen.» Wer sich überzeugen wollte, wie intensiv die zuständige Kommission des Nationalrats über die Pflegeinitiative diskutiert, kann laut Patrick Hässig die Monsterdebatte mit über 50 Anträgen live verfolgen: am 28. und 29. April 2026 auf www.parlament.ch. 
Farah Rumy und Patrick Hässig (rechts) im Gespräch mit Rolf Müller, Moderator der Fragerunde mit den Mitgliedern des Nationalrats.
  • Knappe Finanzen: Farah Rumy erklärte, dass der Spardruck auf das Parlament hoch sei. Laut Patrick Hässig ist dies unter anderem mit den Sorgen der Schweizerinnen und Schweizer wegen der steigenden Krankenkassenprämien begründet. «Darum kann das Parlament nicht alle Wünsche des Gesundheitswesens erfüllen – aber meistens landet man in der Schweiz bei einem guten Kompromiss, und darauf können wir stolz sein», sagte er. 
  • Gewalt gegen Pflegefachpersonen: Farah Rumy verwies unter anderem auf ihr Postulat 25.3654, das die Eindämmung der Gewalt gegen Gesundheitspersonal zum Ziel hat. Diese Gewalt habe sie in ihren 17 Jahren in der Pflege selbst erlebt. 
  • APN: Patrick Hässig ging unter anderem auch darauf ein, dass das Parlament darüber diskutiert, ob Pflegeexpertinnen und Pflegeexperten APN im Gesundheitswesen nötig sind. Er sei überzeugt, dass diese Frage positiv beantwortet werde – und dass dann die politische Diskussion darüber starten könne, wie die APN in allen Settings finanziert werden können. 

Am Ende richteten sich Farah Rumy, Patrick Hässig und Patrick Imhof an alle Anwesenden und baten sie, auch ihre Stimme zu erheben, damit die Spitex von der Politik gehört wird. «Die Spitex ist ein zentraler Pfeiler der Grundversorgung», sagte Patrick Imhof. «Redet sie allerdings in der Politik nicht mit, wird über sie gesprochen und über sie entschieden.» 

Mehr Informationen: www.zukunft-spitex.ch

Weitere Referate von «Zukunft: Spitex» in Kürze

• Fehlzeiten: Simon Michel, Teamleiter bei der IV-Stelle des Kantons Bern und ehemaliger Bereichsleiter Bildung der Spitex Wettingen-Neuenhof (AG), sprach darüber, wie er im Rahmen seiner Masterarbeit die überdurchschnittlich hohen Fehlzeiten bei der Spitex untersucht hatte. Dies unter anderem durch die Befragung von 40 Pflegefachkräften. Daraus leitete er Handlungsempfehlungen für das Management ab: etwa die Förderung eines gutes Gesundheitsverhaltens der Mitarbeitenden, das Pflegen einer guten Unternehmenskultur sowie ein Führungsverhalten wie «Health-oriented-Leadership» (HoL), das die Gesundheit von Management und Mitarbeitenden als zentrale Führungsaufgabe versteht.
• Neuroleadership: Sabrina Bürgi, Leitung Kerndienste bei der Spitex Regio Limmattal (ZH), sprach über ihre Masterarbeit, in der sie aufzeigt, wie Neuroleadership (eine «gehirngerechte» Führung) die Zufriedenheit und die Unternehmenskultur stärkt. Sie betonte, dass Führungspersonen darauf achten müssen, welche Signale ihre Aussagen (z.B. «wir haben keine Ressourcen») an die Hirne ihrer Mitarbeitenden senden. Erfolgreich sei Neuroleadership, wenn Sicherheit, Klarheit und Transparenz sowie Empathie und Wertschätzung in einer Organisation gelebt werden.
• Infoscreens: Andrea Marijanovic, Social Media Managerin bei Spitex Zürich, hat im Rahmen ihrer Masterarbeit die Wirkung von Infoscreens in Spitex-Stützpunkten untersucht. Es zeigte sich, dass die Screens die Sichtbarkeit von Informationen erhöhen. Beliebt sind klare und kurze Beiträge, die für den Arbeitsalltag der Mitarbeitenden relevant sind. Spitex Zürich stattet nun alle 20 Standorte mit Infoscreens aus – und arbeitet daran, dass künstliche Intelligenz die Inhalte für die Screens aufbereitet.
• Versorgungsnetzwerke: Sanjay Singh, Mitglied der Konzernleitung von CSS Versicherungen, stellte das von der CSS lancierte Gesundheitsnetzwerk EHC Morges vor. Dieses setzt unter anderem auf eine Koordinatorin, welche die verschiedenen Leistungen des Netzwerks für ausgewählte Patientinnen und Patienten organisiert und orchestriert. Sanjay Singh sieht solche «Bottom-up» entstandenen, vertikal vernetzten Gesundheitsnetzwerke mit neuen Rollen, einer gemeinsamen Datenbasis und vielen präventiven Leistungen als die Zukunft des Gesundheitswesens.
• Integrierte Versorgung: Dr. iur. Michaela Tschuor, Regierungspräsidentin des Kantons Luzern, sprach über die gelungene integrierte Versorgung in einer Gesundheitsregion. Als Beispiel verwies sie unter anderem auf die Kinderspitex Zentralschweiz. Auch stellte sie die «Strategie integrierte Gesundheitsversorgung Kanton Luzern» (IGeL) 2035 ff vor. Deren Ziele seien zum Beispiel weniger Brüche und Doppelspurigkeiten, ein gezielter Einsatz von personellen und finanziellen Ressourcen sowie eine bessere Versorgungsqualität. Und: Die Gemeinden müssten dafür sensibilisiert werden, wie wichtig die Spitex für die integrierte Versorgung ist und dass jetzt in die Spitex investiert werden müsse.
Digitalisierung I: Lena Saira Dick, Geschäftsleitung der Spitex Grenchen (SO), ging darauf ein, wie ihre Organisation mittels Digitalisierung für mehr Effizienz, bessere Qualität und tiefere Kosten sorgt. Sie umriss Projekte wie die Digitalisierung der Bewirtschaftung des Pflegematerials, die den Aufwand von 80 auf 10 Stunden pro Monat reduziert hat. Und sie gab Tipps: So sollten die grössten Kritikerinnen und Kritiker in die Arbeitsgruppen von Digitalisierungsprojekten geholt werden. «Digitalisierung ist kein Projekt – sie ist eine Haltung», betonte sie.
Digitalisierung II: Digitale Kompetenzen sollten als Aufgabe jeder Spitex-Führung betrachtet werden, betonte Corinne Spirig. Sie ist COO des digital health center (dhc) Bülach (ZH). Dieses sei das grösste interdisziplinäre Netzwerk für Digitalisierung im Schweizer Gesundheitswesen und könne die Spitex vielfältig unterstützten, sagte sie. Ein aktuelles Projekt sei die Klärung der Frage, wie Exoskelette die Gesundheit von Pflegefachpersonen stärken können. Zudem baue das dhc eine Erfa-Gruppe Spitex auf, damit Spitex-Organisationen Erfahrungen, Tools und Learnings austauschen können.

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