«Die Zeit der Ruhe ist vorbei»

Die Zahl der über 80-Jährigen im Kanton Schwyz steigt stark – und damit auch der Druck auf die Pflege. Mit dem Projekt «Wege in die Zukunft» bündeln SKSZ und Spitex-Organisationen ihre Kräfte, um die Versorgung zu sichern, die Mitarbeitenden zu stärken und die Pflege zukunftsfähig zu gestalten.

KARIN MEIER. «Im Kanton Schwyz wird die Zahl der über 80-Jährigen zwischen 2020 und 2045 voraussichtlich um rund 190 Prozent steigen – mehr als in jedem anderen Kanton der Schweiz», sagt Stefan Knobel, Präsident des Spitex Kantonalverbands Schwyz SKSZ. «Für die Spitex-Basisorganisationen stellt diese Entwicklung eine enorme Herausforderung dar: Der Bedarf an Pflegeleistungen wird derart stark zunehmen, dass wir vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels auf eine Versorgungslücke zusteuern.»

Um sich auf diese demografische Entwicklung vorzubereiten und das drohende Szenario abzuwenden, führte der SKSZ 2020 in Zusammenarbeit mit externen Fachpersonen zunächst eine Vorstudie durch, welche das Ausmass der bevorstehenden Herausforderungen aufzeigte. Darauf aufbauend entstand das Projekt «Spitex SZ – Wege in die Zukunft». Es stützt sich auf vier strategische Säulen:

  • Projektbereich Leistungen: Entwicklung eines möglichst kantonsweiten Leistungsangebots
  • Projektbereich Personal: Schaffung zukunftsfähiger Arbeitsbedingungen und die Gewinnung und Bindung von Fachpersonal
  • Projektbereich Klient-Umfeld-Kultur: Einbindung von Betroffenen, Angehörigen und Gemeinden zur Reduktion des Pflegebedarfs
  • Projektbereich Organisation und Wirtschaftlichkeit: Aufbau und Weiterentwicklung von tragfähigen Organisationen mit gesicherter Wirtschaftlichkeit.

Finanzierung im zweiten Anlauf
Für die Umsetzung des strategischen Mehrjahresprojekts suchte der SKSZ den Dialog mit den Gemeinden, die im Kanton Schwyz für die Restfinanzierung sowie die Organisation der ambulanten und stationären Langzeitpflege zuständig sind. In der zweiten Verhandlungsrunde gelang der Durchbruch: Die Gemeinden von neun der insgesamt zehn Basisorganisationen mit einem Bevölkerungsanteil von über 70 Prozent bewilligten für 2023 bis 2025 einen jährlichen Projektbeitrag von 215’000 Franken. Von den Basisorganisationen – von denen zwei mittlerweile fusioniert haben – beteiligten sich bis auf eine alle am Projekt «Spitex SZ – Wege in die Zukunft». Sie stellten Fachpersonen und Expertinnen und Experten für die Mitarbeit in den verschiedenen Gremien und Arbeitsgruppen.

23 Teilprojekte für eine zukunftsfähige Spitex
Insgesamt entwickelten der SKSZ und die Basisorganisationen im Rahmen der vier strategischen Säulen 23 Teilprojekte. 11 davon waren bis Ende 2025 umgesetzt. Im Projektbereich Leistungen zählten dazu unter anderem Palliative Care, Pflegeexpertise, Case Management und Nachtpikett. Diese Leistungen können dank Kooperationsverbünden und der Schaffung von Fachstellen neu gebietsweit – und damit auch von den kleinen Basisorganisationen – angeboten werden. Um Drittpersonen stärker einzubeziehen, entstanden im Projektbereich Klient-Umfeld-Kultur etwa ein Schulungsprogramm für die Sturzprophylaxe und eine Lernwerkstatt für betreuende Angehörige. Im Projektbereich Personal verabschiedeten die Basisorganisationen unter anderem ein gemeinsames Ausbildungskonzept. Auch hier bildeten sie einen Kooperationsverbund und schufen eine Fachstelle.

Kompetenzentwicklung findet nicht in Seminaren statt, sondern bei der Lösung konkreter Herausforderungen im Berufsalltag.

Stefan Knobel

Präsident Spitex Kantonalverband Schwyz (SKSZ)

Zudem wurde das Kompetenzzentrum «Bildung und Entwicklung» geschaffen und dem SKSZ angegliedert. Es ermittelt den Weiterbildungsbedarf in den Basisorganisationen, führt eine Kompetenzlandkarte und stellt Lerninhalte über eine Online-Plattform bereit. Dem Kompetenzzentrum sind Fachstellen angegliedert, welche die spezialisierte Pflegeexpertise gewährleisten. Dies tun sie unter anderem mit Ansprechpersonen, sogenannten Peers, welche die Mitarbeitenden vor Ort begleiten. «Kompetenzentwicklung findet nicht in Seminaren statt, sondern bei der Lösung konkreter Herausforderungen im Berufsalltag», betont Stefan Knobel. Im Jahr 2025 organisierten die Basisorganisationen 47 Angebote, darunter Lerninhalte, Coachings, Referate und Netzwerktreffen. Für 2026 ist eine kontinuierliche Ausweitung der Themen vorgesehen.

Das Kompetenzzentrum «Bildung und Entwicklung» ermöglicht das Lernen an den Herausforderungen in der täglichen Pflegepraxis und verknüpft Praxis und Theorie – auch unter Einsatz einer Lernplattform. Grafik: SKSZ

Von den übrigen 12 Teilprojekten wurden einige zurückgestellt, um nationale und kantonale Entwicklungen wie die Umsetzung der Pflegeinitiative oder die Anpassung des Gesetzes über soziale Einrichtungen (SEG) abzuwarten. Die anderen reichen über den offiziellen Abschluss des Projekts «Spitex SZ – Wege in die Zukunft» per Ende 2025 hinaus. Sie sind im eigens geschaffenen Bereich «Weiterentwicklung» des SKSZ zusammengeschlossen und werden durch Dritte finanziert. Bei den gebietsweiten Leistungen bilden die ambulante psychiatrische Pflege, die Betreuung von Menschen mit Demenz und Wundexpertise die laufenden Teilprojekte. Im Personalbereich werden ein gemeinsames Employer Branding angestrebt und die Einführung eines Skill-Grade-Mix geprüft. Weitere Teilprojekte umfassen die Stärkung der Kooperation mit Partnerorganisationen wie Curaviva, Pro Senectute und dem Roten Kreuz und die Weiterentwicklung der Freiwilligenarbeit. «Unser Ziel ist es, das kompetente Altern der Bevölkerung zu fördern. Die Spitex kann dazu beitragen, dass die Selbstständigkeit von älteren Menschen möglichst lange erhalten bleibt und ihre Lebensqualität hoch ist. Nur so lässt sich der Pflegebedarf im Verhältnis zur Einwohnerzahl senken», erklärt Stefan Knobel.

Blick nach vorn
Das Projekt hat innerhalb der Basisorganisationen und des SKSZ sowie darüber hinaus eine grosse Dynamik entfacht: «Die Zusammenarbeit mit kantonalen und kommunalen Behörden sowie mit den Partnerorganisationen wurde intensiviert», sagt Stefan Knobel. Diesen Schwung will er mitnehmen. Neben den laufenden Teilprojekten arbeiten die Basisorganisationen und der SKSZ auch an der Strategie 2030, welche ihre organisatorische Aufstellung und Zuständigkeiten neu regelt. Für Stefan Knobel ist klar: «Wir müssen auch in Zukunft agil bleiben – die Zeit der Ruhe ist vorbei.»

Hier finden Sie die Dokumente des Projektes «Spitex SZ – Wege in die Zukunft»: www.spitexsz.ch/Downloads/Spitex-SZ-Wege-in-die-Zukunft/PDKLv/

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