6 min 13. Februar 2026

«Die Spitex ist der Kitt, das verbindende Element»

Das Spitalzentrum Biel (SZB) hat einen Drittel der Spitex Biel-Bienne Regio AG übernommen. Die Beteiligung ist das Ergebnis eines längeren Strategieprozesses und zielt auf eine engere Verzahnung von ambulanter und stationärer Versorgung. Im Interview erläutert Dr. Christoph Napierala, Geschäftsführer Spitex Biel-Bienne Regio AG, die Beweggründe, die Erwartungen an die Zusammenarbeit und die Bedeutung für Mitarbeitende, Patientinnen und Patienten sowie für die künftige Finanzierung der Versorgung.

TEXT: MARTIN RADTKE

Diesen Bericht hat das «Spitex Magazin» von der «Spitex Drehscheibe» übernommen; er ist zuerst hier erschienen: www.spitex-drehscheibe.ch

SPITEX DREHSCHEIBE: Was war der entscheidende Auslöser für die Partnerschaft? Und: Weshalb gerade jetzt?
DR. CHRISTOPH NAPIERALA: Wir diskutieren diese Partnerschaft seit rund eineinhalb Jahren. Es handelt sich nicht um einen spontanen Schritt. Ausgangspunkt ist unsere strategische Überzeugung, dass wir die aktuellen Herausforderungen im Gesundheitswesen nur mit Kooperationen bewältigen. Die Versorgung funktioniert heute längst integriert. Wir müssen diese Realität nun formalisieren und strukturieren.

Was hat in der bisherigen Zusammenarbeit konkret nicht optimal funktioniert?
Wir sehen ein grosses Potenzial bei den Zuweisungen. Der Prozess verläuft oft umständlich. Es gibt Rückfragen, Rückrufe und viel Abstimmungsaufwand. Beide Organisationen haben ihre eigenen Abläufe. Die Kommunikation auf Augenhöhe, die wir anstreben, kommt so nicht zustande. Ein weiterer Punkt betrifft den Arbeitsmarkt. Gegenseitige Personalabwerbung ergibt inhaltlich keinen Sinn.

Sie sprechen von Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Was bedeutet das im Alltag?
Wir beschäftigen rund 200 Mitarbeitende, das Spitalzentrum Biel rund 1000. Augenhöhe meint nicht Grösse oder Finanzkraft. Uns geht es darum, die fachlichen Stärken der Spitex konsequent einzubinden. Auf Organisationsebene begegnen wir uns gleichwertig. Keine Seite setzt ihre Ressourcen ein, um die andere zu dominieren.

Wie regeln Sie Entscheidungen konkret?
Aktuell stimmen wir uns auf Direktionsebene ab. Wir haben vier strategische Leitlinien vereinbart. Nun übersetzen wir diese in die operative Arbeit. In einem nächsten Schritt entstehen gemeinsame Teams. Zusätzlich richten wir ein Steuerungsgremium ein. Auch auf Governance-Ebene planen wir einen regelmässigen Austausch. Für eine solche Partnerschaft ist das eher ungewöhnlich, aber genau das ermöglicht Kommunikation auf Augenhöhe.

Warum hat sich das Spitalzentrum Biel für eine Beteiligung von 33 Prozent entschieden?
Das hat finanzielle und bilanzielle Gründe. Eine höhere Beteiligung wäre möglich gewesen. Das Spital plant jedoch einen Neubau und muss hier mit Umsicht agieren. Mit 30 Prozent erreichen wir eine enge Bindung ohne diese Nachteile.

Haben Sie auch andere strategische Optionen geprüft?
Ja. In der Versorgungsregion Biel-Seeland ist das Spitalzentrum Biel unser wichtigster Partner. Es ist zugleich der grösste Zuweiser. Wir verfolgen zudem horizontale Kooperationen. Zusammenarbeit gehört zu unserer DNA. Wir haben im letzten Sommer bereits die Provitas Spitex übernommen, eine private Spitex-Organisation. So festigen wir unser Einzugsgebiet. Für weitere Kooperationen bleiben wir offen. Wir verstehen uns als anschlussfähiges Puzzleteil

Was bedeutet die Beteiligung durch das SZB für die Mitarbeitenden?
Wir haben die Mitarbeitenden früh informiert. Die Rückmeldungen waren sehr positiv. Es gab Neugier, aber keine Ablehnung. Niemand muss den Arbeitgeber wechseln. Die 30-Prozent-Beteiligung schafft Klarheit. Ein grosser Mehrwert liegt in der Aus- und Weiterbildung. Das Spital verfügt über etablierte Plattformen, die wir stärker nutzen wollen. Auch bei den rund 20 Lernenden planen wir einen intensiveren Austausch.

Welche Veränderungen erwarten Sie bei den Laufbahnen?
Wir wollen mittelfristig die Karrierewege aufeinander abstimmen. Mitarbeitende sollen zwischen Organisationen wechseln können, ohne Änderungskündigungen. Das verhindert unnötige Brüche, Lohnanpassungen ohne Mehrwert und doppelte Einarbeitung. Dieses Modell reduziert Reibungsverluste für alle Beteiligten.

Wo sehen Sie die Organisationen in zehn Jahren?
Die Versorgung zu Hause gewinnt weiter an Bedeutung. Die Spitex wird dabei eine zentrale Rolle spielen. Das Spitalzentrum wird am neuen Standort über eine starke akut-somatische Versorgung verfügen. Rund um den Bahnhof entsteht ein Cluster für ambulante somatische Leistungen. Wir sehen uns als verbindendes Element in diesem System – als Kitt zwischen stationär und ambulant.

Warum messen Sie der Spitex eine so zentrale Rolle bei?
Am Ende der Versorgungskette steht fast immer die Spitex. Das gilt beim Spitaleintritt ebenso wie beim Austritt. Trotz hoher Investitionen in die stationäre Versorgung bleibt die ambulante Pflege entscheidend für den Behandlungserfolg. Das Austrittsmanagement ist in vielen Spitälern noch stark innenorientiert. Hier besteht Verbesserungspotenzial.

Teilt das Spitalzentrum Biel diese Sicht?
Ja. Wir beobachten einen Wandel. Projekte wie «Hospital at Home» zeigen das. Entscheidend ist die Umsetzung. Spitex-Mitarbeitende können im Übertrittsmanagement mitarbeiten und Fälle führen. Gerade bei Unfällen zu Hause braucht es Vertrauen und Erfahrung im ambulanten Umfeld. Diese Kompetenz verkürzt Genesungszeiten.

Wie ordnen Sie das im nationalen Vergleich ein?
Viele «Hospital at Home»-Projekte sind stark ärztlich geprägt. Oft fehlt die enge Einbindung einer Spitex-Organisation. Das erhöht den Aufwand. Wird das Spitalsetting eins zu eins in die häusliche Versorgung übertragen, steigen die Kosten. Die Spitex arbeitet ressourcenschonend. Diese Stärke müssen wir nutzen.

Viele Hospital-at-Home-Projekte sind stark ärztlich geprägt. Oft fehlt die enge Einbindung einer Spitex-Organisation. Das erhöht den Aufwand.

Dr. Christoph Napierala

Geschäftsführer Spitex Biel-Bienne Regio AG

Besteht nicht die Gefahr, dass sich die Qualität angleicht – nach unten?
Ich sehe eher eine Annäherung nach oben. Es geht nicht um ein Niveau, sondern um unterschiedliche fachliche Prägungen. Das Spital arbeitet technikorientiert, die Spitex salutogenetisch, also auf dem Konzept, Gesundheit zu erhalten und zu fördern. Die Kombination stärkt beide Seiten. Voraussetzung bleibt die Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

Welche Rolle spielt EFAS für diese neue Partnerschaft?
Wir prüfen derzeit, welche Indikationen sich für ein «Hospital at Home»-ähnliches Setting eignen. Das Spital kann dadurch Betten freisetzen. Teile der Fallpauschale fliessen in das Gesamtsystem. Das ermöglicht Lernprozesse im Hinblick auf EFAS. Langfristig braucht es einen übergreifenden Tarif. Drei getrennte Tarife in einem Modell funktionieren nicht. EFAS darf nicht nur pflege- oder arztzentriert werden. Es braucht einen indikationsabhängigen Gesamttarif. Das ist anspruchsvoll, aber notwendig.

Welche Lehren ziehen Sie für andere Spitex-Organisationen?
Offenheit und Ausdauer sind zentral. Der Fokus muss auf dem System liegen, nicht auf der einzelnen Organisation. Am Ende geht es um Patientinnen und Patienten oder Kundinnen und Kunden. Kleine, isolierte Strukturen stossen an Grenzen. Partnerschaften mit Spitälern oder Pflegeinstitutionen eröffnen Perspektiven – sowohl in der Behandlung als auch in der Prävention. Man tut gut daran, die Fühler nach Partnerschaften auszustrecken.

Haben kleine Spitex-Organisationen eine Zukunft?
Der Aufwand steigt deutlich. Ohne Kooperationen wird es schwierig, langfristig zu bestehen.

Dr. Christoph Napierala ist seit Juli 2025 Geschäftsführer der Spitex Biel-Bienne Regio AG. Davor war er verschiedenen in leitendenden und beratenden Positionen im Schweizer Gesundheitswesen tätig. Er lehrt seit 2022 an der Universität Luzern.

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