5 min 1. September 2023

17 Jahre in die (Spitex-)Zukunft geblickt

Am Symposium des Vereins dialog@age wurde über die Altersversorgung im Jahr 2040 referiert und diskutiert – auch durch Marianne Pfister, Spitex Schweiz, und Markus Reck, Spitex Zürich.

KATHRIN MORF, MARTIN RADTKE. Den Blick nach vorn richten, genauer
17 Jahre in die Zukunft – dies war das Ziel der Vertreterinnen und Vertreter des Gesundheitswesens, welche sich am 1. September 2023 im Careum Auditorium in Zürich trafen. «Altersversorgung 2040 – Gesundheitspolitische Forderungen aus Sicht der Qualität, Finanzierung und Ressourcen» lautete der Titel des Symposiums des Vereins dialog@age. Ebendieser Verein setzt sich für den Dialog zwischen allen Stakeholdern in der Altersversorgung ein.

Marianne Pfister: Herausforderungen fördern Innovationen
Die Spitex wurde am Symposium durch zwei Personen vertreten, und eine davon gestaltete die Begrüssung mit: Marianne Pfister, Co-Geschäftsführerin von Spitex Schweiz, empfing die Gäste gemeinsam mit Hansjörg Lüthi, Präsident von dialog@age, und dem Journalisten Walter Dapp, welcher durch den gesamten Anlass führte.

Marianne Pfister, Co-Geschäftsführerin von Spitex Schweiz, begrüsste die Teilnehmenden des Symposiums von dialog@age. Bild: dialog@age

Marianne Pfister legte dar, dass auf die gesamte Gesundheitsversorgung und insbesondere auf die Altersversorgung bis ins Jahr 2040 riesige Herausforderungen warten – genau genommen seien diese Herausforderungen bereits heute aktuell. Mit den knappen personellen und finanziellen Ressourcen eine optimale Altersversorgung sicherzustellen, sei sehr anspruchsvoll. Aber anspruchsvolle Rahmenbedingungen seien auch eine Chance für Innovation, erklärte die Co-Geschäftsführerin weiter – und unterstrich diese Aussage mit zwei Beispielen:
Sie habe kürzlich Estland besucht, wo die Digitalisierung des Gesundheitswesens im Allgemeinen und das elektronische Patientendossier im Besonderen weit fortgeschritten seien. Grund hierfür sei eine Notlage: Als Estland 1991 von der im Zerfall begriffenen Sowjetunion unabhängig wurde und schnell auf eigenen Beinen stehen musste, setzte es auf das aufkommende Internet, um das Gesundheitswesen mit den wenigen vorhandenen Ressourcen schnell und autonom koordinieren zu können. Das «aus der Not geborene» Patientendossier von Estland sei heute für viele europäische Staaten ein Vorzeigemodell. Das zweite Beispiel: Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es hierzulande zu einem enormen Fachkräftemangel im Pflegebereich; unter anderem wegen tiefer Löhne, schlechter Arbeitsbedingungen und neuer Berufsmöglichkeiten für Frauen. Gegen die «Schwesternnot» wurde nach zähem Ringen eine Ausbildungsoffensive gestartet, von welcher das Gesundheitswesen noch heute profitiert: Die bisherige Diplomausbildung in der Pflege wurde um die Ausbildung der Spitalgehilfin und der Praktischen Krankenpflege (PKP) ergänzt.

Herausforderungen sind der Motor von Innovationen. Sie sind eine Chance, zusammenzurücken und das Gärtchendenken der einzelnen Leistungserbringer
zu überwinden.

Marianne Pfister

Co-Geschäftsführerin Spitex Schweiz

«Herausforderungen sind also der Motor von Innovationen. Sie sind eine Chance, zusammenzurücken und das Gärtchendenken der einzelnen Leistungserbringer zu überwinden – zugunsten einer integrierten Versorgung mit einem grossen Mehrwert für all die betroffenen Menschen», sagte Marianne Pfister. «Solche Innovationen wünsche ich mir auch für die Altersversorgung von morgen, und genau dafür steht dialoge@age: Die Plattform soll die verschiedensten Akteure der Altersversorgung zusammenbringen, um gemeinsam Lösungen für die vielen aktuellen Herausforderungen zu finden.»

Markus Reck: Heute handeln für die Lösungen von morgen
Daraufhin sprachen verschiedene Referentinnen und Referenten über die Altersversorgung der Zukunft – und dies aus verschiedenen Perspektiven: Mag. Beate Hartinger-Klein, österreichische Bundesministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz a.D., betrachtete die Altersversorgung beispielsweise als gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Kathrin Huber, Stv. Generalsekretärin der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK), sprach über die Perspektiven und Herausforderungen der Alterspflege aus Sicht der öffentlichen Hand. Nationalrat Martin Landolt, Verwaltungspräsident von santésuisse, vertrat die Krankenversicherer, und Prof. Dr. Franziska Zuniga von der Universität Basel referierte als Vertreterin der Pflegewissenschaft über das pflegegeleitete Modell «INTERCARE» in Schweizer Pflegeinstitutionen[1].

Markus Reck, CEO von Spitex Zürich, am Rednerpult des Symposiums. Bild: dialog@age

Die Sicht der Spitex nahm unter den Referentinnen und Referenten Markus Reck, CEO von Spitex Zürich, mit seinem Vortrag zum Thema «Spitex – Weichen heute stellen, denn 2040 ist morgen» ein. Markus Reck ging für seinen Blick in die Zukunft auf ein Referenzszenario zur Bevölkerungsentwicklung des Bundesamtes für Statistik (BFS) ein: Er zeigte auf, dass im Jahr 2040 rund ein Drittel der Bevölkerung in der Schweiz im Rentenalter sein wird – und beinahe 10 Prozent davon, insgesamt 851’000 Personen, werden hochbetagt sein, also über 80 Jahre alt.

«Diese zehn Prozent werden uns stark beschäftigen», so Markus Reck. «Denn wir müssen Lösungen für zahlreiche Spannungsfelder finden.» Beispielsweise zeige die Demographie, dass immer mehr Menschen auf Hilfe angewiesen sind. Gleichzeitig sei es schwierig, ausreichend Fachkräfte zu finden. Ein weiteres Spannungsfeld: Menschen wünschten sich Betreuung rund um die Uhr, die Mitarbeitenden hingegen wollten Familien- und Freizeit. Im Weiteren behindere die zunehmende Regulierung im Gesundheitswesen oft Innovationen, das zunehmende Streben nach Individualität in der Gesellschaft stünde einem erhöhten Bedarf nach freiwilligen Helfenden und «Caring Communities» gegenüber und das Silodenken der einzelnen Leistungserbringer stünde der integrierten Versorgung im Weg.

Technik kann nicht alle Personalprobleme lösen. Menschlichkeit wird immer einen wichtigen Stellenwert in der Spitex behalten.

Markus Reck

CEO Spitex Zürich

Angesichts dieser und vieler weiterer Herausforderungen formulierte Markus Recks Forderungen an verschiedene Stakeholder: Beispielsweise müssten die Stellen im Gesundheitswesen attraktiver gemacht werden und Betriebsmodelle müssten auf Unterstützung statt Hierarchie setzen [2]. Prozesse in den Spitex-Betrieben und in deren Netzwerk müssten weiter digitalisiert werden. Doch: «Technik kann nicht alle Personalprobleme lösen. Menschlichkeit wird immer einen wichtigen Stellenwert in der Spitex behalten.»

Markus Reck forderte, dass jetzt für eine stabile sowie kosten- und effizienzorientierte Finanzierung der Spitex und anderer Leistungserbringer gesorgt werden muss: «Es ist sinnvoll, wenn die öffentliche Hand mehr Anreize für die Lenkung von Leistungen und Angeboten schafft.» Denn sollten bis 2040 Lösungen für alle aktuellen Herausforderungen gefunden sein und funktionieren, dann müssten all diese Handlungsfelder heute angegangen werden, betonte der CEO. «Als Spitex sind wir Teil des Gesundheitswesens. Doch als Spitex-Organisation haben wir auch eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Und die wird in Zukunft immer bedeutender», ist Markus Reck überzeugt.

Ein Rückblick auf das gesamte Symposium sowie mehr Fotos sind auf der Website von dialog@age zu finden:
www.dialog-age.ch/symposium-23

[1] https://nursing.unibas.ch/de/forschung/forschungsprojekte/laufende-projekte/intercare/
[2] Über das neue Betriebsmodell von Spitex Zürich, welches die Wünsche der Teams in Bezug auf Autonomie und Unterstützung berücksichtigt, wird im Spitex Magazin 5/2023 berichtet, das Mitte Oktober erscheint.

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