Spitäler und Spitex spannen zusammen

Die Spitex und die Spitäler müssen zusammenarbeiten, um für die bestmögliche integrierte Versorgung zu sorgen. Dieser Überzeugung sind Regine Sauter, Präsidentin von H+, und Thomas Heiniger, Präsident von Spitex Schweiz. Im Folgenden diskutieren sie Themen wie EFAS, Spitalaustritte und «Hospital at Home».


Wie steht es um die Schweizer Spitäler?
«Ich wünsche mir zuerst einmal einen positiveren Blick auf unser Gesundheitswesen. Denn dieses ist hervorragend, gerade auch im internationalen Vergleich, und das gilt auch für unsere Spitäler», sagt Regine Sauter, seit 1. Januar 2023 Präsidentin des Dachverbands «H+ Die Spitäler der Schweiz» mit seinen 207 Mitgliedern. «Unsere Spitäler sehen sich aber auch mit grossen Herausforderungen konfrontiert», fügt sie an. Dazu gehörten die stark belasteten Notfallstationen, der Fachkräftemangel und insbesondere die Finanzierung. «Die aktuellen Tarife sind veraltet und nicht kostendeckend», stellt sie klar. Dieses Problem habe sich mit der Teuerung in den vergangenen Monaten weiter verschärft. «Viele Spitäler schliessen mit einem Defizit ab. Und weil dies an ihre Substanz geht, muss dieses strukturelle Problem dringend gelöst werden», fordert sie. «Zum Beispiel müsste die Teuerung prospektiv ausgeglichen werden.»

Regine Sauter kann jedoch auch verstehen, dass zeitweise Kritik an den Kosten der Spitäler laut wird. «Zu sagen, es gebe nicht auch ineffiziente Strukturen, wäre falsch», sagt sie. «Wir müssen analysieren, wie die heutige Spitalversorgung optimiert werden kann und was für die Grundversorgung effektiv nötig ist.» Damit könnten auch Personalressourcen besser eingesetzt werden, was in Zeiten des Fachkräftemangels bedeutsam sei.

Regine Sauter, Präsidentin von H+ Die Spitäler der Schweiz, und Thomas Heiniger,
Präsident von Spitex Schweiz. Bild: Patrick Gutenberg

Was sind grosse gemeinsame Herausforderungen von H+ und Spitex Schweiz?
«Die Spitäler und die Spitex haben eine gemeinsame Verantwortung, nämlich eine Gesundheitsversorgung, welche sich am Wohl der Patientinnen und Patienten orientiert und weder eine Überversorgung noch Versorgungslücken aufweist. Und aus dieser gemeinsamen Verantwortung entstehen gemeinsame Aufgaben und Anliegen», sagt Thomas Heiniger, Präsident von Spitex Schweiz. Darum spannen die Spitäler und die Spitex vielerorts auf übergeordneter Ebene zusammen, etwa auf kantonaler Ebene wie im Aargauer Verband Vaka (www.vaka.ch). Oder auf nationaler Ebene, wo H+ und Spitex Schweiz in verschiedenen Bereichen zusammenarbeiten. «Auf übergeordneter Ebene werden Prozesse definiert, damit diese an der Basis funktionieren können. Zudem sind unsere Verbände gemeinsam eine noch stärkere Stimme gegenüber Versicherern und Kantonen», erklärt Regine Sauter. 

Eine der grössten gemeinsamen Herausforderungen von Spitex Schweiz und H+ ist derzeit der erwähnte Fachkräftemangel, weswegen beide Verbände die Ausbildungsoffensive begrüssen, welche durch die Pflegeinitiative angestossen wurde. Spitex Schweiz forderte kürzlich indes mehr finanzielle Mittel, damit die Spitex-Organisationen verschiedene Massnahmen zur Steigerung der Arbeitsattraktivität umsetzen können (vgl. Spitex Magazin 2/2023). Diese Forderung bekräftigt Regine Sauter: «Die Ausbildungsoffensive ist ein wichtiger Schritt im Kampf gegen den Fachkräftemangel. Aufseiten der Leistungserbringer sind aber auch Massnahmen für den Erhalt der Mitarbeitenden nötig, zum Beispiel flexiblere Arbeitszeitmodelle oder längere Pausen zwischen den Schichten. Und diese können nur umgesetzt werden, wenn die Kosten gedeckt sind.» Bevölkerung und Politik müssten einsehen, dass ein gut funktionierendes Gesundheitswesen auch etwas kostet, ergänzt Thomas Heiniger. «In der Gesamtgesellschaft ist die Mentalität vorherrschend, dass man das Beste sofort und jederzeit zur Verfügung haben will – aber günstig oder sogar gratis. Und diese Mentalität geht auch im Gesundheitswesen nicht auf.» Die grösste Schwierigkeit des Gesundheitswesens sei allerdings eine andere: dessen Komplexität. «Es gibt zu viele Akteure, Schnittstellen, Finanzierungssysteme und unklare Vorgaben. Wir müssen die Komplexität unseres Gesundheitswesens reduzieren. Und hierfür brauchen wir auch endlich ein klares und verständliches Gesundheitsgesetz», fordert er. 

Zu den Interviewten
Regine Sauter, 57, ist seit 1. Januar 2023 Präsidentin von H+ Die Spitäler der Schweiz. Sie hat ein Doktorat in Staatswissenschaften sowie ein MBA-Studium absolviert, ist seit 2015 Zürcher FDP-Nationalrätin und seit 2012 Direktorin der Zürcher Handelskammer. Zudem ist sie unter anderem Mitglied der nationalrätlichen Kommission für Soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK-N). Im Oktober 2023 tritt sie zu den Ständeratswahlen an. 
www.reginesauter.ch

Thomas Heiniger, 66, ist seit 2019 Präsident von Spitex Schweiz und unter anderem auch ­Verwaltungsratspräsident der Psychiatrie Basel­land (PBL). Der Zürcher hat ein Jurastudium mit Doktortitel absolviert und war Kantons- und Regierungsrat für die FDP. Als Vorsteher der Zürcher Gesundheitsdirektion setzte er die neue Zürcher Spitalplanung und -finanzierung um und setzte damit schweizweite Akzente. 
www.thomasheiniger.ch

Was bringt die einheitliche Finanzierung ambulanter und stationärer Leistungen (EFAS)?
Eine dringende Reduktion von Komplexität betrifft laut Thomas Heiniger und Regine Sauter die heute unterschiedliche Finanzierung von ambulanten und stationären Leistungen: Die stationären Leistungen der Spitäler werden seit 2012 über einheitliche Tarife vergütet, die diagnosebezogenen Fallpauschalen (Diagnosis Related Groups; DRG). Die Kantone bezahlen 55 Prozent der Kosten, die Krankenversicherer 45 Prozent. Ambulante Behandlungen werden hingegen zu 100 Prozent über die Prämien finanziert. Die unterschiedliche Finanzierung von ambulanten und stationären Leistungen führt laut Fachpersonen zu falschen Anreizen. Beispielsweise werden Patientinnen und Patienten stationären statt ambulanten Behandlungen zugewiesen, weil die Versicherer dadurch einen Vorteil haben. Darum arbeitet das Parlament seit Längerem an der einheitlichen Finanzierung ambulanter und stationärer Leistungen (EFAS). Kantone und Versicherer sollen künftig alle Leistungen nach einem einheitlichen Kostenteiler finanzieren. Wie EFAS genau umgesetzt werden soll, ist derzeit noch nicht vollständig klar 1, aber grundsätzlich befürworten Regine Sauter und Thomas Heiniger die Vorlage. «Solange falsche Anreize im Gesundheitswesen existieren, drohen Behandlungen nicht dort vorgenommen zu werden, wo sie für die Patientinnen und Patienten am sinnvollsten und gesamtwirtschaftlich am günstigsten sind», sagt Regine Sauter. «Die Finanzierer werden dank EFAS nach medizinischen statt nach kommerziellen Grundsätzen über eine Behandlung entscheiden», bestätigt Thomas Heiniger. Das «Silodenken» oder «Gärtchendenken» der Leistungserbringer falle durch EFAS aber nicht weg. «Auch, um diesem entgegenzuwirken, braucht es Kostentransparenz und kostendeckende Tarife», fordert Regine Sauter. Zum Beispiel könne eine stationäre Behandlung heute auch aus Sicht des Spitals interessanter sein, weil sich die Spitäler im ambulanten Bereich mit einer Unterfinanzierung von 30 Prozent konfrontiert sehen. «Auch Koordinationsleistungen als Kernstück der integrierten Versorgung müssen angemessen finanziert werden, damit diese funktionieren kann», fügt Thomas Heiniger an. Dazu gehöre zum Beispiel das interprofessionelle Austrittsmanagement. Diesbezüglich kämpfte die Spitex aber früher oft darum, dass ihre Leistungen im Spital finanziert wurden – insbesondere ausserhalb des Ein- und Austrittstages. Darum ist heute in allen Administrativverträgen zwischen der Spitex und den Versicherern Folgendes festgehalten: Die Spitex darf im Spital Bedarfsermittlungen und Koordinationsleistungen auch ausserhalb des Ein- und Austrittstags erbringen, «die im Sinne eines optimalen Behandlungsablaufs bereits während eines Spitalaufenthalts erfolgen müssen.»  

«Visit – Spital Zollikerberg Zuhause» 
«Visit» heisst das im November 2021 lancierte Pilotprojekt des Spitals Zollikerberg ZH. Es bietet «eine spitaläquivalente Behandlung im privaten Umfeld» (vgl. Spitex Magazin 3/2022). Die Patientinnen und Patienten werden rund um die Uhr telemedizinisch überwacht, zudem erfolgen regelmässige Visiten durch die Ärzteschaft und die Pflegefachpersonen des Spitals. Für «Visit» geeignet sind max. 15 Minuten vom Spital entfernt wohnende Patientinnen und Patienten mit akuter Erkrankung, die eine Hospitalisation erfordert und
dennoch sicher im privaten Umfeld behandelt werden kann. Zudem müssen sie und ihre Angehörigen mit «Visit» einverstanden sein. Das Spital hat schriftlich auf Fragen geantwortet. So erklärt es, dass das einjährige Pilotprojekt verlängert wurde «mit dem Ziel, in einen Regelbetrieb überzugehen». Bisher wurden 102 Patientinnen und Patienten behandelt [Stand: 14.05.2023]. Deren Nachbetreuung werde «individuell geplant und kann auch eine Betreuung durch die Spitex beinhalten». Wie und ab wann die Spitex involviert wird, beruhe «grösstenteils auf denselben Kriterien, wie wenn die Patientin oder der Patient im Spital hospitalisiert wäre». Genauere Erfahrungen und Statistiken würden kommuniziert, wenn die nächste Projektphase erreicht wird. In einem Referat zu «Visit» (vgl. Spitex Magazin 3/2022) und auf der Spital-Website wird berichtet, dass das Team viel über die medizinische und pflegerische Versorgung zu Hause lernen musste. Hätte man sich einen Teil dieses «Lehrgelds» sparen können, wenn man die Spitex einbezogen hätte? «Die Hospitalisierung in den eigenen vier Wänden sowie die Spitex-Dienstleistungen unterscheiden sich stark in Bezug auf Indikation und Angebot. Unsere bisherigen Learnings beziehen sich hauptsächlich auf die technische Ausrüstung und darauf, welche Diagnosen sich für eine Visit-Einschliessung eignen», antwortet das Spital auf diese Frage. 

Auf der Spital-Website äusserst eine Ärztin zudem in einem Interview den Wunsch, «Visit» auszuweiten, zum Beispiel auf die Palliative Care zu Hause. Ist hier der Einbezug der Spitex geplant? «Eine Ausweitung des Angebots ist sicherlich denkbar. Da diese bisher aber nicht konzeptionell erarbeitet wurde, können wir keine Angaben dazu machen», schreibt das Spital. Die Vorteile von «Visit» seien vielfältig, erklären die Verantwortlichen weiter. So bewegten sich die Patientinnen und Patienten «bereits während der Hospitalisierung zu Hause selbstständiger. Dies begünstigt einen positiven Heilungsverlauf.» Auch könne das Risiko von Stürzen und spitalerworbenen Infektionen ­reduziert werden. Und wie steht es um die Finanzierung? Co-Projektleiter Christian Ernst erklärte 2022, dass «Visit» je zur Hälfte durch die Krankenkassen und das Spital finanziert werde. «Der Übergang des Projekts Visit in den Normalbetrieb ist von der langfristigen Finanzierung abhängig», erklärt das Spital. «Deshalb liegt unser Fokus zurzeit darauf, durch Aufklärarbeit und die wissenschaftliche Begleitung durch das Institut Neumünster die Vorteile eines ‹Hospital at Home›-Ansatzes aufzuzeigen und dadurch die Grundlagen für eine Regelfinanzierung zu schaffen.»
www.spitalzollikerberg.ch/visit

Die Finanzierer werden dank
EFAS nach medizinischen
statt nach kommerziellen Grundsätzen über eine Behandlung
entscheiden.

Thomas Heiniger

Präsident Spitex Schweiz

Was spricht für den Einbezug der Pflege in EFAS?
Seit Längerem wird diskutiert, ob die Pflege in EFAS einbezogen werden soll. Spitex Schweiz und die Kantone fordern klar «EFAS mit Pflege». «Die Bedeutung der Pflege ist zwar aus Sicht der Gesamtkosten viel kleiner als diejenige der medizinischen Versorgung. Aber für das Gesamtwohl der Bevölkerung und die integrierte Versorgung ist die Pflege umso bedeutender», erklärt Thomas Heiniger. «Dies zeigt sich zum Beispiel an den über 440 000 Personen, die in der Schweiz Spitex-Leistungen benötigen. Und angesichts ihrer massiven Bedeutung steht es ausser Frage, dass die Pflege in ein Finanzierungssystem einbezogen werden muss, das die Förderung der integrierten Versorgung bezweckt.» 

Regine Sauter bekräftigt, dass sie EFAS mit Pflege als Parlamentarierin ebenfalls für ein wichtiges Projekt hält. «Ich habe aber auch gelernt, dass riesige Projekte im Gesundheitswesen eher Gefahr laufen, zu scheitern», sagt sie. Darum begrüsse sie den Vorschlag des Parlaments, das Projekt zu etappieren. Der derzeitige Vorschlag lautet, EFAS mit einer Übergangsfrist von drei Jahren einzuführen und die Pflege nach insgesamt sieben Jahren zusätzlich zu integrieren. Dieser Meinung schliesst sich Thomas Heiniger an – und ist überzeugt, dass die Spitex bis zur Ein-führung von EFAS Pflege die Datengrundlage und damit die Kostentransparenz vorweisen kann, welche im Rahmen der EFAS-Diskussion gefordert werden. 2

H+-Präsidentin Regine Sauter und Spitex-Schweiz-Präsident Thomas Heiniger im Gespräch. Bild: Patrick Gutenberg

Wieso kommt die Akut- und Übergangspflege (AÜP) nicht ins Rollen?
2011 wurde im Rahmen der Neuordnung der Pflegefinanzierung die Akut- und Übergangspflege (AÜP) eingeführt, um einen maximal 14-tägigen Nachsorgebedarf nach ­einem Spitalaufenthalt abzudecken. AÜP wird analog der Spitalfinanzierung durch Kanton und öffentliche Hand finanziert, muss durch die Ärzteschaft im Spital verordnet werden und kann durch ambulante oder stationäre Leistungserbringer ausgeführt werden. Laut Berichten des Bundesamts für Statistik (BFS) geschieht dies aber kaum. «AÜP ist zu künstlich und macht das Gesundheitswesen noch komplizierter. Meiner Meinung nach könnte sie mit der Einführung von EFAS gestrichen werden», sagt Thomas Heiniger. Das BAG beschäftigt sich derzeit indes mit der Überarbeitung der AÜP, die aktuell auch von der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrates (SGK-N) diskutiert wird. Regine Sauter hofft, dass dabei die Begrenzung der AÜP auf zwei Wochen gestrichen wird. «Denn dies ist zu kurz für eine sinnvolle Akut- und Übergangspflege», sagt sie. Spitex Schweiz hat gegenüber dem BAG ebenfalls erklärt, dass eine Weiterführung der AÜP nur mit einer Verlängerung der Maximaldauer sinnvoll ist. 3

Was steht der Kooperation von Spitex und Spitälern an der Basis im Weg?
Laut Regine Sauter muss der Übergang zwischen Spital und Spitex «ein Prozess ohne Reibungsverluste und schwierige Schnittstellen sein, bei dem alle Beteiligten Hand in Hand arbeiten.» Auch wenn die Spitex und die Spitäler vielerorts gut auf Augenhöhe zusammenarbeiten (vgl. hierzu Berichte Kompetenzen und Techniken wie im Spital – aber durch die Spitex und Vielfältige Kooperationen von Spitälern und Spitex), scheint eine solche Kooperation nicht überall zu funktionieren. «Dies dürfte auch historische Gründe haben: Das erwähnte Silodenken oder Gärtchendenken der einzelnen Leistungserbringer wurde in unserem Gesundheitswesen lange kultiviert. Hier braucht es einen Kulturwandel», sagt Thomas Heiniger. Das Gesundheitswesen müsse den gesamten Behandlungspfad im Auge haben und ein gemeinsames Leistungsdenken statt ein Leistungserbringerdenken entwickeln. Damit dieser Wandel gelingen könne, brauche es ein grösseres gegenseitiges Verständnis der einzelnen Leistungserbringer.

Dem stimmt Regine Sauter zu. «Wir benötigen ein ­integriertes, umfassend denkendes System», sagt sie. Vielfach stünde der Kooperation auch die fehlende Interoperabilität der jeweiligen Systeme im Weg. «Voraussetzung für integrierte Systeme sind auch gemeinsame Informationsplattformen. Heute sind die jeweiligen Systeme oft nicht kongruent, was zu sehr ineffizienten Abläufen führt», kritisiert sie. 

Wie kann der Spitalaustritt optimiert werden?
«Der Abbau von Spitalbetten, der Leitsatz ‹ambulant vor stationär› und die DRG fördern heute systematisch möglichst frühe Spitalentlassungen», sagt Thomas Heiniger. «Zu früh sind die Entlassungen aber nicht. Die Spitäler nehmen ihre Verantwortung gegenüber ihren Patientinnen und Patienten wahr», stellt Regine Sauter klar. Dennoch kritisieren verschiedene Spitex-Organisationen die Prozesse der Spitalaustritte – insbesondere auch, weil diese oft sehr kurzfristig erfolgten. Dies stellt die Spitex vor eine grosse Herausforderung, welche sich durch die knappe Personaldecke noch verstärkt. «Darum brauchen wir überall ein gutes Austrittsmanagement, das bereits vor oder spätestens beim Eintritt ins Spital beginnt. Und bei dem die Spitex vorausschauend über Austritte informiert wird», betont Thomas Heiniger. Die Spitex müsse im Gegenzug offen kommunizieren, wenn sie keine Aufnahmekapazität hat. «Aufnahmestopps müssen trotz Versorgungspflicht erlaubt sein, für die Spitäler und die Spitex», sagt er. Laut Regine Sauter braucht es aber nicht nur eine vorausschauende Zusammenarbeit rund um Spitalaustritte, sondern auch die technischen Voraussetzungen dafür. «Nötig wäre endlich die breite Einführung des elektronischen Patientendossiers. Dort könnte von allen Leistungserbringern vermerkt werden, was eine Patientin oder ein Patient benötigt», erklärt sie. Regine Sauter und Thomas Heiniger begrüssen schliesslich auch neue Berufsbilder, welche den Übergang zwischen Spital und Spitex organisieren und damit optimieren – etwa Pflegeexpertinnen und Pflegeexperten APN oder «Infirmières de Liaison» (vgl. Wie Pflegeexpertinnen und Pflegeexperten für mehr Qualität sorgen; Kompetenzen und Techniken wie im Spital – aber durch die Spitex).

Eine weitere häufige Herausforderung für die Spitex sind mangelhafte Informationen bei der Spitalentlassung, insbesondere rund um Medikation (vgl. Für mehr Sicherheit bei der Medikation interprofessionell zusammenarbeiten). Um den Informationsaustausch an der Schnittstelle zu verbessern, wurden bereits verschiedene Kommunikationsmittel entwickelt, etwa das elektronische Patientendossier (EPD; www.patientendossier.ch), der eMediplan (www.emediplan.ch) und OPAN Spitex (www.opanspitex.ch). «Dass der Austausch von Informationen künftig über ein Instrument wie das EPD funktioniert, ist gerade in Bezug auf die Medikationssicherheit von zentraler Bedeutung», betont Regine Sauter. «Der Austausch funktioniert aber nur, wenn alle Leistungserbringer mit dem Instrument arbeiten. Ich bin überzeugt, dass es hierfür eine Verpflichtung braucht, zum Nutzen aller Beteiligten», fügt sie an. «Auch ich plädiere hier für gesetzliche Grundlagen, die ein einheitliches Instrument und die zugehörigen Prozesse klar und verbindlich festlegen», ergänzt Thomas Heiniger.

Die Verlagerung vom Spital zur Spitex geschieht seit Langem
Dass die Verlagerung von Spitalbehandlungen in das Zuhause der Patientinnen und Patienten seit Langem voranschreitet, weiss Esther Bättig aus jahrzehntelanger Erfahrung. 1996 begann sie als diplomierte Pflegefachfrau für die Spitex Stadt Luzern zu arbeiten und seit 2013 ist sie für Spitex Schweiz im Ressort Grundlagen und Entwicklung mit Fokus auf Pflegequalität und Prozesse tätig. «Bereits während meiner Zeit in der Praxis wurden Patientinnen und Patienten immer früher aus dem Spital entlassen. Und auch heute schreitet dieser Prozess weiter und schnell voran», sagt sie. Dadurch würden die Klientinnen und Klienten der Spitex immer ­jünger, und die Spitex leiste nebst Langzeitpfle­ge zunehmend auch Akutpflege. «Die Fälle der Spitex werden damit auch medizinaltechnisch immer komplexer», berichtet Esther Bättig. «Die diplomierten Pflegefachpersonen der Spitex führen heute zum Beispiel Anti­biotikatherapien und andere intravenöse Therapien durch, sorgen für Bluttransfusionen, saugen Sekrete ab und sind äusserst spezialisiert in der Palliative Care und der Wundpflege», zählt sie auf. Die Krankenkassen bezahlten diese komplexen Pflegehandlungen aber längst nicht mehr angemessen – und nicht alle Restfinanzierer seien bereit, hier einzuspringen. 
In Bezug auf die Entwicklungen «vom Spital zur Spitex» hat Esther Bättig drei Wünsche: «Erstens wünsche ich mir, dass sich endlich überall die Erkenntnis durchsetzt, dass die Spitex ­äusserst komplexe Fälle in der Akut- und Lang­zeitpflege versorgen kann und auch versorgt», sagt sie. Zweitens muss die Spitex für all diese komplexen Leistungen angemessen finanziert werden. Und drittens sollte die Spitex mit ihrer grossen Expertise und Erfahrung in der um­fassenden Bedarfsabklärung und der Pflege zu Hause von Beginn weg in Projekte einbezogen werden, welche die weitere Verlagerung von Spitalbehandlungen in das Zuhause der Betroffenen anstreben.»

Was umfasst «Hospital at Home»?
Die Begrifflichkeit «Hospital at Home» (auch «Hospital@Home») stammt aus den USA und bezeichnet das Vorgehen, dass das Spitalpersonal manche Patientinnen und Patienten zu Hause versorgt. Auch in der Schweiz hört und liest man seit wenigen Jahren von «Hospital at Home». So wurden in Genf und im Waadtland Projekte zum Thema «Hospitalisation à Domicile» mit der Spitex entwickelt (vgl. Kompetenzen und Techniken wie im Spital – aber durch die Spitex). Das Spital Zollikerberg ZH hat «Visit – Spital Zollikerberg zu Hause» lanciert (vgl. Infokasten oben). Die Klinik Arlesheim BS erklärte im April 2023, Patientinnen und Patienten im Rahmen eines Pilotversuchs auch zu Hause zu behandeln (www.klinik-arlesheim.ch). Und die «Hospital at Home AG» (https://www.hospitalathome.ch/) wurde 2022 gegründet und baut eine Plattform zum Thema für den Grossraum Zürich auf. Bei dieser Entwicklung gehe es um neue Formen der Leistungserbringung, erklärt Regine Sauter: «Die Spitäler berücksichtigen die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten, die lieber in ihrem Zuhause statt im Spital sein wollen.» 

Die Begrifflichkeit «Hospital at Home» sei eigentlich ein Widerspruch, fügt Thomas Heiniger an. «Leistungen im Zuhause von Patientinnen und Patienten finden nun einmal nicht im Spital statt. Ein Begriff wie ‹Patient at Home› wäre darum passender.» Die aktuelle Entwicklung bedeute nichts anderes, als dass die seit Jahrzehnten erfolgende Ambulantisierung weiter voranschreite. «Genauer können Patientinnen und Patienten noch ­früher aus dem stationären Setting entlassen werden – dank technischer, ärztlicher und pflegerischer Unterstützung zu Hause», sagt er. Dies entspricht der Definition im Deloitte-Bericht «Hospital at Home, ein Modell mit Zukunft» von 2022 4. Demgemäss stellt «Hospital at Home» «eine Erweiterung der gängigen Home Care dar: Patientinnen und Patienten mit einer Erkrankung, die üblicherweise eine Hospitalisation erfordert, werden im häuslichen Umfeld therapiert.» Wichtige Elemente des Angebots seien unter anderem eine 24/7-Beaufsichtigung der Patientinnen und Patienten durch Sensoren und Wearables, die (telemedizinische) Betreuung durch Ärztinnen und Ärzte sowie Visiten durch spezialisiertes Pflegepersonal. Unklar ist laut dem Bericht allerdings, wie «Hospital at Home» finanziert werden kann. «Wird EFAS realisiert, wird die Beantwortung dieser Frage einfacher. Heute ist sie das nicht, weil eine ambulante Leistung von einem stationären Dienstleister erbracht wird», sagt Thomas Heiniger. Um die Finanzierung von «Hospital at Home»-Projekten nachhaltig zu klären, brauche es die Zusammenarbeit aller Kostenträger, erklärte Manuela Schär von der Einkaufsgemeinschaft HSK (Helsana, Sanitas und KPT) während eines Referats 2022 (vgl. Spitex Magazin 3/2022).

Die Gesundheitsversorgung muss sich von unabhängig voneinander funktionierenden Institutionen hin zu integrierten Angeboten entwickeln.

Regine Sauter

Präsidentin H + Die Spitäler der Schweiz

Wie soll die Spitex in «Hospital at Home» einbezogen werden? 
Regine Sauter betrachtet «Hospital at Home» als Chance, den Übergang zwischen Spital und Spitex fliessender zu gestalten, als es bisher oft der Fall ist. «Die Übergabe der Patientinnen und Patienten vom Spitalpersonal an die Spitex sollte dabei dann erfolgen, wenn die Patientin oder der Patient keine entsprechende Spitalbehandlung mehr benötigt – aber zum Beispiel eine Langzeitpflege oder weiterführende Wundpflege», sagt sie und ver­sichert: «Kein Spital hat ein Interesse daran, die Versorgung zu Hause lange zu übernehmen. Denn diese ist für die Spitäler aufwendiger als die Behandlung im Spital.» 

«Wir brauchen mobile, interprofessionelle Teams für die spitaläquivalente Behandlung zu Hause. Dabei sollte man genau hinschauen, wer in diesem Team für welche Leistung am besten geeignet ist», sagt derweil Thomas Heiniger. «Zum Beispiel kann es Sinn machen, dass sich spezialisierte Ärztinnen und Ärzte eines Spitals in der akutsomatischen Phase um Patientinnen und Patienten zu Hause kümmern. Es macht aber wenig Sinn, dass das Pflegepersonal des Spitals für die Pflege zu Hause ausgebildet und eingesetzt wird, wenn man hierfür das Spitex-Pflegepersonal einbeziehen kann.» Die Spitex habe eine grosse Erfahrung und Expertise in der Pflege zu Hause und könne längst äusserst komplexe Fälle versorgen (vgl. Infokasten oben). Zudem beherrsche die Spitex die Eigenheiten der Pflege zu Hause – zum Beispiel das Aufrechterhalten von Hygiene in den unterschiedlichsten Situationen, den Einbezug des gesamten Umfelds, das Arbeiten ohne Spital-Team im Rücken oder auch das Fördern der Selbstbestimmung aller Klientinnen und Klienten. «Eine Zusammenarbeit von Spitex und Spital ist bei sogenannten ‹Hospital at Home›-Projekten also unabdingbar, auch im Sinne der integrierten Versorgung und des effizienten Einsatzes von personellen Ressourcen», betont er. 

Der Deloitte-Bericht schlägt vor, dass mehrere «Hospital at Home»-Projekte in enger Zusammenarbeit mit vielen Leistungserbringern lanciert werden, um offene Fragen zu klären. «Wir müssen alle Projekte offen und sachlich evaluieren. Nur so können wir eruieren, ob sie für alle Beteiligten wirklich einen Mehrwert bringen und wie das Modell optimiert werden kann», bestätigt Regine Sauter. Die Spitex beteilige sich gern an solchen Pilotprojekten, versichert Thomas Heiniger. «Wichtig ist dabei aber, dass die Spitex für komplexe Leistungen zu Hause endlich angemessen bezahlt wird. Denn derzeit deckt die Pflegefinanzierung die Komplexität der Spitex-Leistungen und die Arbeit unseres hoch spezialisierten Pflegepersonals nicht mehr ab», kritisiert er. Zum Beispiel vergüteten viele Krankenkassen die Kosten für die Organisation und den Unterhalt von medizinischen Geräten durch die Spitex nicht, und auch mehrfache Spitex-Einsätze pro Tag oder Nacht könnten oft nicht verrechnet werden. «All diese Leistungen sind aber zentral für die fortschreitende Ambulantisierung im Gesundheitswesen. Darum muss die Politik dafür sorgen, dass die Spitex dafür endlich angemessen entschädigt wird», sagt er. «Im Gesundheitswesen müssten die Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit von Leistungen über die Frage entscheiden, ob eine Leistung ­finanziert wird – und nicht, wer sie ausführt.»

Was wird die Kooperation von Spitex und Spitälern künftig prägen?
Dass künftig Themen wie Telemedizin, Robotik und künstliche Intelligenz die Medizin und Pflege prägen werden – darin sind sich Zukunftsforscher genauso einig wie Regine Sauter und Thomas Heiniger. Doch wie wird sich die Kooperation von Spitälern und Spitex verändern? Die Präsidentin von H+ ist der Überzeugung, «dass sich die Gesundheitsversorgung weg von unabhängig voneinander funktionierenden Institutionen hin zu integrierten Angeboten entwickeln muss». Die Spitex und die Spitäler werden künftig also zwei Teile von integrierten, ressourcenschonenden und patientenzentrierten Netzwerken sein, als deren Zentrum ein Spital fungieren könne. «Für solche Netzwerke plädiere ich ebenfalls, wünsche mir in ihrem Zentrum aber kein Krankenhaus, sondern ein Gesundheitshaus», ergänzt Thomas Heiniger. «Heute fokussiert unser Gesundheitswesen auf das Kurieren von Krankheiten. Künftig sollte es stärker darauf ausgerichtet sein, unser kostbarstes Gut zu erhalten und zu fördern: die Gesundheit.»

Text: Kathrin Morf

1 Derzeit berät die Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrates (SGK-N) über die Vorlage. Über die laufenden Beratungen wird unter www.parlament.ch informiert.

2 Über das Fokusthema «Spitex und Daten» wird im «Spitex
Magazin» 5/2023 berichtet werden.

3 Vgl. auch den Schlussbericht «Akut- und Übergangspflege»
im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit (BAG; 2022).
Unter www.parlament.ch wird über die weitere Debatte rund
um EFAS und AÜP berichtet, ebenso wie im «Spitex Magazin».

4 www.deloitte.com/content/dam/Deloitte/ch/Documents/
public-sector/deloitte-ch-de-hospital-at-home-1.pdf

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