Sie eröffnet Pflegebedürftigen die Welt der Märchen

Am «Tag der Kranken» vom 5. März 2023 wird Gayatri Neumeier einige Klientinnen und Klienten von Spitex Zürich für einmal nicht als Pflegefachfrau besuchen – sondern als Märchenerzählerin.

KATHRIN MORF. «Das Töpfchen» ist ein orientalisches Märchen über einen wandelnden Topf, der einem armen Mädchen allerlei Gaben darreicht. Derzeit ist diese uralte Erzählung eines der Lieblingsmärchen von Gayatri Carin Neumeier, fallführende Pflegefachfrau FH bei Spi­tex Zürich. Und die 55-Jährige aus Bülach ZH ist gewissermassen selbst ein solches Töpfchen, schliesslich bringt sie pflegebedürftigen Menschen besondere Gaben nach Hause: Märchen.

Die Faszination begann in der Kindheit
Begonnen hat Gayatri Neumeiers Faszination für Märchen in ihrer Kindheit in München, als ihre Mutter ihr des Öfteren «König Drosselbart», «Frau Holle» oder «Rotkäppchen» vorlas. Als sie erwachsen wurde, verblasste diese Faszination für Märchen jedoch. Gayatri Neumeier liess sich zur Pflegefachfrau ausbilden und lebte erst in der Schweiz und dann in Italien, wo sie unter anderem ein Seminarhaus für Meditation, persönliche Weiterentwicklung und Energiearbeit führte. Zudem arbeitete sie in einer Rehabilitationsklinik im Tessin, wo ihr eine Arbeitskollegin eines Tages von der Mutabor Märchenstiftung vorschwärmte. Die Schwärmerei stimmte Gayatri Neumeier so neugierig, dass sie sich für einen Mutabor-Einführungskurs anmeldete – und damit ihre Faszination für Märchen neu erweckte. Daraufhin absolvierte sie mehrere Mutabor-Märchenausbildungen und bietet seither Lifecoaching und Biografiearbeit mithilfe von Märchen an. «Eines Tages merkte ich dann, dass die Märchen aus mir herauswollten: Sie wollten erzählt werden», berichtet sie.

«Seit 2012 trete ich nun vor Publikum auf und erzähle Märchen, und das ohne Buch oder Spickzettel, also ohne Netz und doppelten Boden», sagt die gebürtige Deutsche, die seit 2011 wieder in der Schweiz lebt und seit 2015 bei Spitex Zürich arbeitet. Dabei erzählt sie keineswegs nur die allseits bekannten Volksmärchen, welche die Brüder Grimm im 19. Jahrhundert zusammengetragen haben. Stattdessen nimmt sie ihr Publikum mit aufeine wahrlich «märchenhafte» Reise rund um die Welt, indem sie zum Beispiel auch orientalische, irische und tibetische Volksmärchen erzählt. Einmal trat sie beispielsweise als Hexe verkleidet in einem Kindergarten auf, wo sie von einem kleinen Jungen inständig gebeten wurde, ihm das Fliegen beizubringen. Gayatri Neumeier machte ihren damaligen Gipsfuss für ihre Flugunfähigkeit verantwortlich. «Der Bub war enttäuscht, verstand meine Begründung aber», erzählt sie schmunzelnd.

Vorwiegend tritt die Märchenerzählerin indes an Hochzeiten, Geburtstagsfeiern oder während Erzähl­anlässen vor Menschen auf, welche ihre Kindheit längst hinter sich gelassen haben. «Auch viele Erwachsene werden durch Märchen berührt», stellt sie klar. «Denn die uralten Geschichten berichten von Lebenssituationen, grossen Wünschen und Themen, die auch heute noch aktuell sind. Beispielsweise von Eifersucht, Armut, Überforderung, Kinderlosigkeit und der Suche nach dem Traumprinzen. Und Märchen zeigen Lösungswege auf – zum Beispiel, wie man dank Tugenden wie Grossherzigkeit, Mut oder Besonnenheit zu seinem Glück findet.»

Mein pflegerischer Hintergrund hilft mir, mich als Märchenerzählerin voll auf die Pflegebedürftigen einzulassen.

Gayatri Neumeier

Märchenerzählerin und Spitex-Mitarbeiterin

Märchen für Spitex-Klientinnen und -Klienten
Im Rahmen des Projekts «Sterntaler» der Mutabor Märchenstiftung (vgl. Infokasten) lässt Gayatri Neumeier auch viele kranke oder beeinträchtigte Menschen in die Welt der Märchen eintauchen. «Mein pflegerischer Hintergrund hilft mir, mich als Märchenerzählerin voll auf die Pflegebedürftigen einzulassen», sagt sie. Im Rahmen vom «Tag der Kranken» trat die Bülacherin bisher dreimal als «Sterntaler»-Märchenerzählerin in Alters- und Pflegeheimen auf, finanziert durch Spendengelder. Dann schlug ihr die Organisatorin der «Sterntaler»-Aktionen vor, auch den Klientinnen und Klienten der Spitex den Genuss von Märchen zu ermöglichen. Gayatri Neumeier sprach mit ihrem Teamcoach Roger Bayard über die Idee, und dieser war davon genauso angetan wie das gesamte Team. Daraufhin wurden geeignete Klientinnen und Klienten von Spitex Zürich angefragt. «Ich besuchte schliesslich vier alleinlebende Frauen sowie ein Ehepaar, und diese Auftritte haben mir alle äusserst gut gefallen – auch wenn sie mehr Zeit in Anspruch nahmen, als wir eingeplant hatten, weil ich überall noch zum Kaffee und zu spannenden Gesprächen eingeladen wurde», erzählt sie schmunzelnd.

Besonders berührt habe sie der Besuch bei einer älteren Spitex-Klientin. In deren Zuhause begann die Märchenerzählerin einige Requisiten aufzustellen, eine Kamishibai-Bühne zum Beispiel. Mit dieser selbstgebauten Miniatur-Bühne präsentiert die Erzählerin wechselnde Schwarz-Weiss-Bilder zur Illustrierung mancher Märchen. «Das alles machen Sie nur für mich», habe die ältere Dame daraufhin gerührt gesagt. «Ja, in der kommenden Dreiviertelstunde bin ich nur für Sie da», antwortete Gayatri Neumeier.

Der «Tag der Kranken» und das Projekt «Sterntaler»
Der «Tag der Kranken», zu dessen Trägerorganisationen Spitex Schweiz gehört, setzt jährlich ein Zeichen für kranke und beeinträchtigte Menschen. Am 5. März 2023 lautet das Motto «Gemeinsam unterwegs». Hierzu stellt der Trägerverein «Tag der Kranken» verschiedene Unterlagen, Links und Informationen zur Verfügung, zudem organisiert er eine Postkartenaktion. Am 5. März selbst werden sich wieder Tausende mit Konzerten, Besuchs- und Geschenkaktionen am Aktionstag beteiligen. Alle Aktivitäten werden auf www.tagderkranken.ch aufgelistet, Spitex-Organisationen können dort auch eigene Aktivitäten melden.
Das Projekt «Sterntaler – Erzählen für Menschen in Pflege und Betreuung» der Mutabor Märchenstiftung aus Trachselwald BE soll die Wertschätzung von Märchenerzählenden steigern und dafür sorgen, dass Pflegebedürftige in den Genuss von Märchen kommen. Rund 50 Frauen und Männer aus Pflege- und ­Betreuungsberufen sind als «Sterntaler»-Märchenerzählende registriert. Sie können zu erschwinglichen Tarifen gebucht werden, um für kranke oder beeinträchtigte Erwachsene und Kinder aufzutreten (genau­ere Informationen: www.maerchenstiftung.ch/de/maerchenerzaehlerin/sterntaler). Die Erzählenden sind an einen Verhaltenskodex gebunden. «Beispielsweise unterliegen sie der Schweigepflicht», erklärt ­Pflegefachfrau und Märchenerzählerin Susanna Ackermann. Sie koordiniert die Einsätze der «Sterntaler»-­Märchenerzählenden am «Tag der Kranken». Und sie sammelt Spenden, um diese besonderen Auftritte fremdfinanzieren zu können. Am 5. März 2023 sind bereits 20 Märchenerzählende eingeplant. «Diese Zahl ist ausbaufähig», versichert Susanna Ackermann. Noch dürften sich Spenderinnen und Spender genauso bei ihr melden wie Interessierte an einer Märchenstunde: susanna.ackermann@bluewin.ch

Ein Einsatz für Seele und Herz
Bevor sie mit dem Erzählen ihrer kunterbunten Palette an Märchen beginnt, hält Gayatri Neumeier jeweils einen kurzen Moment inne und betrachtet, wie «die Augen meiner Zuhörenden wieder zu Kinderaugen werden und vor Spannung funkeln», wie sie sagt. Sie liebe das Märchenerzählen, weil sie damit viele Menschen berühren, ihnen Lösungswege für alltägliche Herausforderungen aufzeigen und ihre Fantasie anregen könne. «Und durch das Erzählen bildet sich eine Art Blase aus positiver Energie um alle Anwesenden, in der ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft entsteht. Gerade in einer Zeit, in der vieles auseinanderfällt, ist dieses Erlebnis wunderschön.»

Weil dieses positive Erlebnis für pflegebedürftige Menschen besonders wertvoll ist, wird Gayatri Neu­meier am «Tag der Kranken» vom 5. März 2023 wieder Klientinnen und Klienten von Spitex Zürich besuchen. «Die regulären Einsätze der Spitex könnten durchaus herzlich sein, aber sie reichen nicht aus, um die grosse Einsamkeit vieler Menschen zu mindern», sagt sie. Es brauche folglich mehr Angebote, welche diesen Menschen die kulturelle und soziale Teilhabe ermöglichen. «Als Märchenerzählerin habe ich viel Zeit dafür, mich um Bedürfnisse meiner Klientinnen und Klienten zu kümmern, die über ihren pflegerischen Bedarf hinausgehen. Denn Märchen sorgen für ein Wohlgefühl für Seele und Herz.»

Mehr Informationen zu Gayatri Neumeier und ihren Angeboten rund um Märchen sind zu finden unter www.mittenimleben.ch

Weitere Artikel

Neue Geschäftsführerin für Spitex Nidwalden

REDAKTION. Der Vorstand von Spitex Nidwalden hat Esther Christen per 1. Juli 202...

SPOTnat: Die Spitex leistet gute Arbeit

Die Studie «SPOTnat» zeigt, dass die Spitex eine gute Pflegequalität erbringt. V...

«Mein Beruf ist nach wie vor ein faszinierendes Abenteuer»

Heidi Maria Glössner, 79, wird oft als «Grande Dame» des Schweizer Theaters und ...