Nach dem Spitex-Einsatz geht es zur Nachtarbeit

Welche Besonderheiten die Pflege von jüngeren, teilweise berufstätigen Personen mit sich bringt, zeigt ein Besuch bei der Spitex Region Landquart GR, die zum Beispiel einen 51-Jährigen mit Wundpflege versorgt.

KATHRIN MORF. «Früher kannte ich nur über 80-Jährige, denen die Spitex bei der Körperpflege und im Haushalt half. Darum war ich der Meinung, dass die Spitex nur für die Unterstützung von Menschen im hohen Alter zuständig ist», erzählt der 51-jährige Mario Gansner aus Landquart GR. Als er dann erfahren habe, dass er die Spitex selbst brauche, habe er sofort gedacht: «So alt bin ich doch noch lange nicht!» Doch der Reihe nach.

Mario Gansner wird von Esther Stöckl von der Spitex Region Landquart gepflegt.
Bilder: Michael Steck

«Im Alter von 20 und 30 Jahren wurde ein Tumor aus meinem Hirn operiert. Und vor sieben Jahren spielte mein ganzer Körper verrückt: Ich litt zum Beispiel unter einem Darmverschluss, akutem Eisenmangel und Bluthochdruck», beginnt der geschiedene Vater zweier erwachsener Kinder zu erzählen, während die Zierfische in seinen elf Aquarien gemächlich ihre Bahnen ziehen. Nach langer Krankschreibung ging es dem ehemaligen Papiertechniker und Getränkelieferanten aber wieder besser, und er begann als Hofmeister zu arbeiten – bis er vor eineinhalb Jahren schwer stürzte. «Ich war mir wegen heftiger Schmerzen im Steissbereich sicher, dass ich mir das Steissbein gebrochen hatte», erzählt er. Im Spital habe man ihm dann aber erklärt, dass er unter Eiterfisteln am Gesäss litt. «Ich hatte bereits vor dem Sturz Schmerzen, aber ich dachte, das hört von allein wieder auf», räumt Mario Gansner schulterzuckend ein. 

Früher war auch ich der Meinung, dass die Spitex nur für die Unterstützung von Menschen im hohen Alter zuständig ist.

Mario Gansner

Klient der Spitex Region Landquart

Ein halber Liter Eiter sei ihm aus den Fisteln entfernt worden; insgesamt wurde er sechsmal operiert. Seit seiner Entlassung aus dem Spital besucht ihn die Spitex Region Landquart zweimal täglich, um die Wunden zu spülen und neu zu verbinden. Zeitweise klafften sechs Löcher in seinem Gesäss, derzeit sind es noch zwei mit Wunddrainage. «Ich bin sehr froh, dass ich die Spitex habe», sagt er. Zu Beginn habe er zwar Mühe damit bekundet, den Spitex-Mitarbeiterinnen diese intime Körperstelle zu zeigen. «Aber die professionellen Pflegefachfrauen konnten mir die Hemmungen schnell nehmen», sagt er. Inzwischen plaudert Mario Gansner während der Wundpflege gern mit den Spitex-Mitarbeiterinnen – zum Beispiel mit Esther Stöckl.

Freude über jüngere Klientel
Esther Stöckl ist Pflegefachfrau HF und arbeitet seit September 2021 für die Spitex Region Landquart, die insgesamt 94 Mitarbeitende zählt. «Die Bevölkerung weiss leider nicht viel über die Arbeit der Spitex. Man denkt oft, dass wir nur Grundpflege bei betagten Menschen machen», bestätigt sie. Dabei schätzt Esther Stöckl, die früher in einem Alters- und Pflegeheim tätig war, gerade die Breite an Pflegeleistungen und Pflegebedürftigen bei der Spitex. Mit jüngeren Klientinnen und Klienten könne man sich zum Beispiel eher über gemeinsame Interessen und Lebensthemen unterhalten. Zudem umfasse deren Pflege häufig komplexere technische Verrichtungen, was Abwechslung in den Berufsalltag bringe. Und für ebendiese Abwechslung sorgten auch die Kinder, die im Haushalt von jüngeren Pflegebedürftigen manchmal wohnen. «Kinder können während meiner Einsätze für viel Action sorgen», sagt sie lächelnd. 

«Am besten werden Kinder von Anfang an in die Pflege und Betreuung ihres Elternteils miteinbezogen», rät Michael Widrig, Geschäftsleiter der Spitex Region Landquart. Ein weiterer Unterschied zwischen jüngeren und älteren Klientinnen ist laut Michael Widrig, dass die Spitex betagten Menschen für vieles mehr Zeit geben müsse. «Und die jüngeren Klientinnen und Klienten stehen eher für sich und ihre Bedürfnisse ein, während die ältere Generation sich dies oft nicht traut und niemandem zur Last fallen will», fügt er an.

Der Wunsch, zu Hause zu bleiben, ist unabhängig vom Alter.

Michael Widrig

Geschäftsleiter Spitex Region Landquart

Auch die allfällige Erwerbstätigkeit unterscheide die jüngere von der älteren Klientel. «Bei Berufstätigen gilt es oft andere Themen und Familiensituationen zu berücksichtigen», sagt der Geschäftsleiter. Die Spitex Region Landquart sei hier «situationsgeschmeidig» – sie passe ihre Einsatzpläne nach Möglichkeit an die jeweilige Situation der Berufstätigen an. «Es ist schliesslich in unser aller Interesse, dass wir unseren Einsatz gut leisten und die Klientinnen und Klienten im Arbeitsalltag funktionieren können», erklärt er. Eine grosse Herausforderung seien die wenigen berufstätigen Klientinnen und Klienten für die Einsatzplanung aber nicht.

Bei der Spitex Region Landquart fallen rund 60 Prozent der Leistungen auf Klientinnen und Klienten ab 80 Jahren, 25 Prozent auf die 65- bis 79-Jährigen und 15 Prozent auf jüngere Personen. «Dass ein Grossteil unserer Klientinnen und Klienten älter ist, ist keineswegs etwas Schlechtes», betont Michael Widrig. Man dürfe deswegen aber nicht die Vielfältigkeit der Arbeit bei der Spitex unterschätzen. «Und zum Beispiel decken wir auch die Akutpflege für alle Altersgruppen ab. Und immer mehr jüngere Menschen sind durch komplexe Einschränkungen wie Para- und Tetraplegien auf unsere Unterstützung angewiesen», erklärt der Geschäftsleiter. Eines hätten indes alle Klientinnen und Klienten gemeinsam, sagt er abschliessend. «Der Wunsch, zu Hause zu bleiben, ist unabhängig vom Alter.»

Bald wieder ohne die Spitex auskommen
Mario Gansner schätzt die Tatsache, dass die Kundendienststelle der Spitex ihm unkompliziert weiterhilft, wenn ein privater Termin mit einem geplanten Spitex-Einsatz kollidiert. Keine Kollisionsgefahr besteht derweil in Bezug auf seinen Beruf: Der 51-Jährige arbeitet heute im Rahmen eines IV-Integrationsprogramms bei Saviva Foodlogistik in Landquart. Während dreier Nächte pro Woche lädt er vier Stunden lang zahlreiche Paletten voller Nahrungsmittel auf Lastwagen. Sobald man ihm dies erlaubt, will er mehr Nächte pro Woche arbeiten. «Im Sommer 2022 sagte mir mein Arzt, man könne die Wunddrainage im Oktober entfernen. Jetzt ist Januar 2023. Ich hätte den Arzt wohl fragen sollen, vom Oktober welchen Jahres er sprach», erzählt der Spitex-Klient mit einem Augenzwinkern. Trotz allem hofft Mario Gansner auf eine baldige vollständige Genesung. «Und ich hoffe, dass ich bald wieder arbeiten kann und die Spitex nicht mehr brauche», fügt er an. «Zumindest so lange nicht, bis ich einer der betagten Menschen bin, die ich früher für die einzigen Klientinnen und Klienten der Spitex gehalten habe.»

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