Modell zeigt Handlungsmöglichkeiten in der Altersarbeit auf

Dr. Antonia, langjährige Geschäftsführerin der Age-Stiftung, reflektiert mit Gemeinden oder auch Spitex-Organisationen anhand des «Modells Startklar Alter», wie sie umfassend für einen gelingenden Alltag der älteren Menschen sorgen können.

Das «Modell Startklar Alter» definiert 17 Unterdimensionen der Altersarbeit. Akteure können sich in allen mit einer Zahl zwischen 0 und 5 selbst bewerten (ein Prinzip wie beim «SmartSpider» der politischen Ausrichtung). Illustration: Startklar Alter

KATHRIN MORF. Über 20 Jahre lang war Gerontologin Dr. Antonia Jann die Geschäftsführerin der Age-Stiftung. Als sie sich selbst dem Pensionierungsalter näherte, wollte die heute 62-jährige nicht etwa die die Füsse hochlegen. «Stattdessen wollte ich mein Fachwissen und meine Erfahrung im Bereich der Altersarbeit nützlich auf eine neue Weise einsetzen: Ich möchte dazu beitragen, dass verschiedenste Akteure reflektieren, wie sie zu einem gelingenden Alltag für die zunehmende Zahl an Seniorinnen und Senioren beitragen können. Und wie sie dabei die älteren Menschen nicht nur als Kundinnen und Kunden der Altersarbeit betrachten, sondern als zentrale Akteure.»
2022 machte sie sich als Beraterin ihres eigenen Unternehmens selbstständig. Gemeinsam mit Ökonomin Christiana Brenk und Architekt Ivo Moeschlin stellt sie verschiedenen Akteuren ihr breites Fachwissen zur Altersarbeit und Alterspolitik zur Verfügung. «Wir sagen ihnen in unseren Workshops und Seminaren nicht, was sie tun sollen. Wir liefern ihnen stattdessen die Grundlagen, damit sie inspiriert werden und eine gute Basis für eigene Entscheidungen haben», erklärt sie. Davon könnten zum Beispiel Sozial- und Gesundheitsvorstehende und Verantwortliche für Raumplanung profitieren – oder auch Mitglieder von strategischen Gremien von Spitex-Organisationen. In welchen Bereichen der Altersarbeit sich die Akteure verbessern können, wird vom Trio mithilfe des «Modells Startklar Alter» dargestellt.

Das «Modell Startklar Alter»
Das Modell verbessert die Orientierung in vier Dimensionen der Altersarbeit, indem es die Ist-Situation darstellen und eine Soll-Situation formulieren hilft. Diese Dimensionen – und Beispiele dafür, wie eine Spitex-Organisation sich hier allenfalls einbringen könnte – sind die folgenden:

  • Ressourcen der älteren Menschen: Die eigenen Möglichkeiten beziehungsweise Ressourcen für das Gestalten eines gelingenden Alltags seien im Alter sehr ungleich verteilt, schreibt Startklar Alter zu dieser Dimension (startklar-alter.ch). Darum gilt es laut Antonia Jann dafür zu sorgen, dass fehlende Fähigkeiten bestmöglich ausgeglichen und vorhandene Stärken bestmöglich genutzt werden können. Unterdimensionen sind Freiwilligenarbeit und Engagement, Freizeit und Alltagsgestaltung, Partizipation und Mitwirkung sowie Vorsorge und Gesundheitskompetenz. «Eine Spitex-Organisation kann in dieser Dimension reflektieren, ob ihre älteren Klientinnen und Klienten alle Angebote erhalten können, welche sie für ihre bestmögliche Ressourcennutzung benötigen. Die Organisation muss fehlende Leistungen – wie Betreuungsleistungen im Falle einsamer Personen – aber keineswegs selbst übernehmen. Es gibt so viele Angebote für ältere Menschen – aber die älteren Menschen müssen teilweise befähigt werden, die Angebote auch in Anspruch zu nehmen», sagt Antonia Jann. «Manche brauchen also einen Anstoss, ihr Leben selbst zu optimieren. Und die Spitex kann diese Rolle dank ihres Vertrauensverhältnisses zu vielen vulnerablen Menschen besonders gut übernehmen.»
  • Infrastruktur, Angebote und Dienstleistungen: Hindernisfreie Wohnangebote, eine gute Umgebung und passende Dienstleistungen sind laut Antonia Jann oft Voraussetzung, damit ältere Menschen lange selbstbestimmt leben können. Unterdimensionen sind hier Technologie und Digitalisierung, Alltagsunterstützung, Information und Beratung, Mobilität und öffentlicher Raum sowie Wohnen und Bauen. «In dieser Dimension könnte die Spitex zum Beispiel aufzeigen, was im Bereich der Technologie und Digitalisierung für die Unterstützung von fragilen, zu Hause lebenden Menschen möglich ist», sagt sie (vgl. hierzu Bericht über «Strong Age» im Spitex Magazin 6/2022). Und in Bezug auf «Wohnen und Bauen» könne die Spitex ihre Klientinnen und Klienten hinsichtlich einer altersgerechten Wohnung beraten oder ihnen Kontakte zu diesbezüglichen Fachpersonen vermitteln.
  • Gesundheit und Versorgung: «Neben der medizinischen Versorgung und der Langzeitpflege sind in dieser Dimension auch Gesundheitsförderung und Prävention sowie Palliative Care wichtig», erklärt Antonia Jann. Unterdimensionen sind passend hierzu Gesundheitsförderung und Prävention, Sterben und Palliative Care, Pflege und Betreuung sowie medizinische Versorgung. «Spitex-Organisationen sind sicherlich stark in Bezug auf die Langzeitpflege. Ob dies auch für Gesundheitsförderung und Prävention gilt, ist aber oft fraglich», fügt die Gerontologin an. «Eine Spitex-Organisation kann in dieser Dimension zum Beispiel überlegen, ob sie mit der Gemeinde oder dem Kanton besprechen möchte, ob der Leistungsauftrag in Bezug auf Prävention und Gesundheitsförderung ergänzt werden kann.»
  • Steuerung der Alterspolitik: Das Modell geht davon aus, dass eine lokale oder regionale Alterspolitik aufgebaut werden sollte, in der die Akteure ein gemeinsames Ziel verfolgen. Unterdimensionen sind hier Planung, Koordination und Zusammenarbeit, gesetzlicher Rahmen und finanzielle Sicherheit. «Je besser die Spitex die Planungsmechanismen in der regionalen Alterspolitik kennt, desto besser kann sie darauf Einfluss nehmen», sagt Antonia Jann. Die Spitex sollte sich in die regionale Alterspolitik einbringen – auch, um zu erreichen, dass die Rahmenbedingungen für ihre umfassende Altersarbeit verbessert werden. «Die Spitex muss aber nicht auf die Politik warten, um die regionale Altersarbeit zu verbessern. Sie kann beispielsweise auch proaktiv mit anderen Leistungserbringern wie den Pflege- und Altersheimen zusammensitzen und an der Optimierung der Schnittstellen arbeiten.»

Für jede Unterdimension bewertet ein Akteur sich selbst mit einem Wert von 0 bis 5. «So ergibt sich ein Bild mit 17 Ausprägungen, das zeigt, wie man die eigene Altersarbeit einschätzt und wo man für ihre Optimierung ansetzen könnte», erklärt Antonia Jann. «Das Modell ist also gewissermassen eine Landkarte der eigenen Altersarbeit.»

Das Modell ist gewissermassen eine Landkarte der eigenen Altersarbeit.

Dr. Antonia Jann

Startklar Alter

Gemeinden erkennen im Modell das Potenzial der Spitex
Antonia Jann ist sich bewusst, dass die Aufgaben einer Spitex-Organisation mit Leistungsauftrag genau definiert sind. «Dennoch kann das strategische Gremium einer Spitex-Organisation seinen Blickwinkel erweitern und reflektieren, wo die Organisation die regionale Altersarbeit innovativ optimieren könnte – und möchte», sagt sie. Denn davon würden ältere Menschen stark profitieren. Kümmere sich die Spitex umfassend um das gelingende Leben von älteren Menschen, wirke dies zudem präventiv und habe damit einen positiven Einfluss auf die Gesundheitskosten.
Dies erklärt Antonia Jann auch Gemeinden, welche ihrer Altersarbeit optimieren wollen. «Betrachtet eine Gemeinde das Modell, wird ihr klar, in wie vielen Bereichen die Spitex eine wichtige Partnerin sein könnte», betont sie. «Beispielsweise muss sich eine Gemeinde nicht neue Wege überlegen, wie sie zu Hause lebende, hochvulnerable Menschen erreichen und unterstützen kann – die Spitex kennt die Antworten auf diese Frage bereits.»

→ www.startklar-alter.ch

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