Kleine Schritte für grosse Ergebnisse

Seit 2019 ist die Waadtländer Spitex AVASAD für das Frühförderungsprogramm «schritt:weise – spielend lernen von Anfang an» verantwortlich. Dieses richtet sich an Kinder im Vorschulalter aus sozial benachteiligten Familien – und hat sowohl für die Kleinen als auch für deren Eltern verschiedene positive Auswirkungen.

FLORA GUÉRY. In einem Gebäude in Clarens VD öffnet sich eine Tür und man hört ein Kind vor Freude stampfen. «Sissi, Sissi», ruft der vierjährige Ilyan und rennt sofort zu Sirilada «Sissi» Kufrin, Betreuerin des Programms «schritt:weise – spielend lernen von Anfang an». Seine Mutter Vjollca Qorraj beobachtet die Szene lächelnd. Die Familie Qorraj nimmt seit rund neun Monaten am Programm teil, das im gesamten Kanton Waadt von der Waadtländer Spitex AVASAD (Association Vaudoise d’Aide et de Soins à Domicile) durchgeführt wird. Jeden Montagnachmittag bringt Sirilada Kufrin dem kleinen Ilyan Bastelmaterial, Bücher und Spiele. «Beim ersten Besuch haben wir zum Beispiel einen Turm aus Bechern gebaut», berichtet die Betreuerin.

Das Programm «schritt:weise» ist Teil der Frühpräventionsangebote, die der Verein a:primo für Familien entwickelt hat, die in einem isolierten oder herausfordernden Umfeld leben (vgl. Infokasten). Es kombiniert während 18 Monaten Hausbesuche mit Gruppentreffen und richtet sich an Kinder im Alter von 1,5 bis 4 Jahren, die keine Kindertagesstätte besuchen und deren Eltern über ein eingeschränktes soziales Netz verfügen. «Die Idee ist, dass die Betreuerin zu Hause verschiedene Spiele vorstellt, um gemeinsam mit den Eltern Beschäftigungen zu entdecken, die der Entwicklung des Kindes förderlich sind», erklärt Sirilada Kufrin. Die Aktivitäten werden dem Alter des Kindes entsprechend ausgewählt – und sie entwickeln sich gemäss einem festen Zeitplan weiter.

Ein Projekt wird zum kantonalen Programm
Im Kanton Waadt wurde «schritt:weise» 2015 zunächst als Projekt vom Generalsekretariat des Gesundheits- und Sozialdepartements eingeführt. Nach dem Erfolg in der Pilotregion Lausanne wurden weitere Stützpunkte eingerichtet, und «schritt:weise» wurde AVASAD zur dauerhaften Umsetzung und Weiterentwicklung anvertraut. Es sei herausfordernd, für das Programm infrage kommende Familien zu finden, weil diese wenig Kontakt zur Aussenwelt haben, erklärt Valérie Moreno, Koordinatorin in der Region Waadt-Ost. Die Überweisung der Kinder an das Programm erfolgt in erster Linie über die pädiatrischen Pflegefachpersonen von AVASAD. Die Beratung wird jedoch auch durch die Zusammenarbeit mit Kinderärzten, Spitälern, freiberuflichen Hebammen oder Sozialarbeitern ermöglicht.

«Unser Ziel ist, dass die am Programm teilnehmenden Kinder mit den gleichen Chancen in die obligatorische Schule eintreten wie Kinder, deren Eltern die Gegebenheiten und Aktivitäten für Kleinkinder in ihrer Region kennen», erklärt Valérie Moreno. Die AVASAD-Betreuerinnen erkennen zudem, wenn ein Kind möglicherweise eine Entwicklungsstörung aufweist. Diese Früherkennung, die eine Weiterleitung an Kinderärzte und spezialisiertere Dienste zur Folge hat, betrifft laut Valérie Moreno etwa 5 Prozent der Kinder im Programm.

Der 4-jährige Ilyan mit seiner Betreuerin Sirilanda Kufrin beim Spielen und Entdecken. Foto: Héloïse Hess

Doch zurück zur Familie Qorraj. An diesem Tag lernt Ilyan unter Anleitung von Sirilada Kufrin verschiedene Puzzles, Holzbausteine, Würfelspiele und Fantasiespiele mit Figuren kennen. Damit kann er Fähigkeiten wie Beobachtung, Feinmotorik, Sprache, logisches Denken und Vorstellungskraft trainieren. «Es ist schön, Ilyan so konzentriert zu sehen, denn es ist nicht immer leicht, seine Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten. Dank Sissi hat er aber deutliche Fortschritte gemacht und kann sich zum Beispiel viel besser ausdrücken», sag Vjollca Qorraj. Die 37-Jährige mit kosovarischer Abstammung ist in der Schweiz aufgewachsen und hat zwei kleine Söhne; Ilyan ist der Jüngere. Sie ist alleinerziehend und arbeitet im Verkauf. «Ich versuche, mir für meine Söhne Zeit zu nehmen und am Wochenende etwas mit ihnen zu unternehmen. Aber das ist nicht immer einfach, da ich unregelmässige Arbeitszeiten habe», erzählt sie. Deshalb geniesst sie die Besuche von Sirilada Kufrin. «Sie ist toll, sehr geduldig und es ist praktisch, dass sie zu mir nach Hause kommt. Aber sie ist nur für eine Stunde da und die vergeht sehr schnell», sagt sie.

Familien aus verschiedenen Kulturen
Die Partnerschaft zwischen Eltern und Fachkräften ist für «schritt:weise» zentral und ein Garant für Qualität. Nur dank der aktiven Beteiligung der Eltern machen die Kinder gute Fortschritte. Nach 20 Besuchen hält Sirilada Kufrin die Fortschritte von Ilyan für enorm. «Zu Beginn des Programms war er etwas misstrauisch und manchmal unruhig. Jetzt freut er sich, mich zu sehen und an den Aktivitäten teilzunehmen. Er konzentriert sich, ist ausdauernd, entwickelt seine Sprache und kann besser mit seinen Emotionen umgehen», sagt sie. Die 41-Jährige Sirilada Kufrin arbeitet seit Februar 2022 für «schritt:weise» und betreut derzeit neun Familien aus verschiedenen Kulturen. «Ich mag es sehr, Eltern zu helfen, die sich vielleicht allein fühlen und nicht wissen, welche Angebote es für sie gibt», sagt sie. Die gebürtige Thailänderin kam vor beinahe 20 Jahren in die Schweiz, um in Montreux VD einen Master in Tourismus zu absolvieren – und lernte dort ihren heutigen Ehemann kennen. Nach einer Familienpause für ihre beiden Töchter beschloss sie, als Betreuerin wieder berufstätig zu werden. «Ich liebe den Kontakt mit Kindern und spiele gerne mit ihnen, während ich versuche, ihnen etwas beizubringen», sagt sie.

Derzeit arbeiten 19 Betreuerinnen und ein Betreuer sowie sechs regionale Koordinatorinnen und eine kantonale Koordinatorin von AVASAD für das Programm. «Unser Partner a:primo bietet Schulungen für all diese Mitarbeitenden an», sagt Valérie Moreno. Die Betreuenden profitieren zudem von einem wöchentlichen Coaching durch die regionalen Koordinatorinnen und von zwei Tagen Weiterbildung pro Jahr. «Wir haben auch regelmässige Treffen, bei denen wir uns einen Überblick darüber verschaffen, was in den Familien funktioniert und was schwieriger ist. Dort behandeln wir auch Themen wie Elternberatung oder pädagogische Methoden», fügt Valérie Moreno an. Für die Betreuenden ist diese Aufgabe oft eine Nebentätigkeit mit einem Pensum von etwa 30 Prozent. «Unsere Betreuerinnen und Betreuer sind Menschen, die schwierige Phasen in ihrem Leben selbstständig bewältigt haben – viele haben einen Migrationshintergrund oder sie haben wechselnde Familienkonstellationen oder berufliche Neuorientierungen erlebt. Sie haben auf ihrem Lebensweg grosse Anpassungsfähigkeit, Durchhaltevermögen und Mut gezeigt. Diese menschlichen Qualitäten äussern sich in einem Selbstverständnis, mit dem sich die Familien im Programm identifizieren können», führt Valérie Moreno weiter aus. «Deshalb sprechen wir von unserem Programm als Peer-to-Peer-Angebot.»

Die am Programm teilnehmenden Familien erklären sich bereit, über einen Zeitraum von 18 Monaten etwa 40 Besuche von AVASAD zu empfangen.

Valérie Moreno

Koordinatorin bei AVASAD

Wunsch nach noch mehr Familien
Im Kanton Waadt nehmen derzeit etwa 180 Familien an «schritt:weise» teil. Das Programm ist freiwillig, erfordert aber eine nicht unerhebliche Investition von Zeit. «Die Familien erklären sich bereit, über einen Zeitraum von 18 Monaten etwa 40 Besuche zu empfangen», erklärt Valérie Moreno. Neben den Hausbesuchen bietet das Programm etwa alle sechs Wochen Gruppentreffen für die teilnehmenden Familien an, um sie zum Austausch und zum Aufbau von Beziehungen ausserhalb der Familie zu ermutigen. Die Familien haben auch die Möglichkeit, gemeinsame Aktivitäten wie Spaziergänge, Basteln oder Kochworkshops zu unternehmen. «Ein Elternteil, der sich unserem Angebot anschliessen möchte, sollte sowohl Zeit als auch Lust haben, andere Familien mit Kindern im gleichen Alter kennenzulernen», betont die Koordinatorin.

Im Kanton Waadt finanziert das Gesundheits- und Sozialdepartement das Programm. Dennoch wird von den Familien ein symbolischer Beitrag von 10 Franken pro Monat verlangt. Valérie Moreno ist mit der bisherigen Arbeit sehr zufrieden. «Wir hoffen, dass wir die Zahl der Familien, die dieses nützliche Programm zur Frühförderung durch Spiel und Sozialisierung in Anspruch nehmen dürfen, weiter erhöhen können», sagt sie.

Das Programm «schritt:weise»
Das Programm «schritt:weise» ist ein standardisiertes Angebot zur Frühprävention, das für sozial benachteiligte Familien mit Kindern im Vorschulalter konzipiert wurde. Es orientiert sich an den «Stap»-Programmen, die vor über 30 Jahren vom Niederländischen Jugendinstitut entwickelt wurden. Um das Programm in der Schweiz zu fördern, wurde 2006 in Winterthur der unabhängige, nicht gewinnorientierte ­Verein a:primo gegründet. Das Programm wurde unter dem Namen «schritt:weise» ab 2007 in der Deutschschweiz umgesetzt, in der Romandie ab 2014. Aktuell wird es an 28 Standorten in 9 Kantonen sowie in Liechtenstein angeboten. Der Verein a:primo fördert unter anderem auch das Programm «ping:pong», das Familien beim Eintritt ihrer Kinder in die obligatorische Schule begleitet.
Die positiven Auswirkungen von «schritt:weise» sind durch Studien belegt. Die Kinder zeigen unter anderem Fortschritte in den ­Bereichen Motorik, soziale Interaktion mit Gleichaltrigen, emotionale Entwicklung und Sprachkenntnisse – was sich auch auf die Geschwister positiv auswirkt. Fachkräfte in Kindertageseinrich­tungen berichten, dass Eltern dank dem Programm kooperativer sind, eine höhere Moti­vation zum Erlernen der Landessprache haben und sich besser integrieren. Die Eltern selbst geben an, dass sich ihre erzieherischen und ­sozialen Kompetenzen ver­bessert haben. Mehr Informationen: www.a-primo.ch

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