«Für die Spitex zu arbeiten, hätte mir gefallen»

Rosette Poletti, Spezialistin für Palliativpflege und Trauer aus Yverdon VD, hat mehrere Bestseller geschrieben. Im Interview spricht sie über ihre Freude am Teilen und ihre Bewunderung für die Pflege zu Hause.

SPITEX MAGAZIN: Rosette Poletti, Sie sind 84 und teilen immer noch mit vielen Menschen Ihr Wissen über Trauer und das Begleiten von Menschen am Lebens­ende. Kürzlich berichteten Sie dem Magazin «Générations», dass sie sogar noch «ein oder zwei Bücher zu schreiben haben». Was ist Ihr Antrieb?
ROSETTE POLETTI: Mein Antrieb ist die Freude am Weitergeben. Ich schreibe seit 35 Jahren eine Kolumne in «Le Matin Dimanche» und beantworte dabei jede Woche die Frage einer Leserin oder eines Lesers. Um auf dem Laufenden zu bleiben, lese ich sehr viel, und mein Wissen mit anderen zu teilen, erfüllt mich – ebenso wie Begegnungen. Unser Leben hängt davon ab, wie wir die Welt sehen. Ich habe vor, darüber zu schreiben, und ich stimme mit dem Dalai Lama überein, dass man in jeder Situation den Schlamm auf dem Grund des Teichs oder die Lotusblüte auf der Wasseroberfläche betrachten kann. Ich habe in der Therapie und in Trauercafés viele Menschen mit einem schwierigen Leben kennengelernt. Was sie unterscheidet, ist, wohin sie ihre Aufmerksamkeit richten. Das andere Buch, das ich gerne schreiben würde, würde sich mit dem Thema Trost befassen.

In einem anderen Leben wäre ich Anwältin geworden, um mich für Themen wie das Recht auf Asyl einzusetzen.

Rosette Poletti

Expertin für Trauer und Palliativpflege

Sie haben als Pflegefachfrau, Lehrerin, Leiterin einer Pflegeschule und Psychologin gearbeitet. Heute entwickeln Sie Schulungen und schreiben. Gibt es noch einen weiteren Beruf, von dem Sie träumten oder träumen?
Als Kind fühlte ich mich von der Arbeit als Missionskrankenschwester und von der Seelsorge angezogen. Ich habe Theologie studiert, was mir die Möglichkeit gegeben hätte, Pfarrassistentin zu werden. Aber ich hatte nicht die Seele einer Assistentin – und Pfarrerin zu sein, war zu dieser Zeit unmöglich. Ich bin schliesslich nicht als Missionarin in andere Länder gereist, aber als Pflegefachfrau konnte ich auch viele Dinge erreichen. Was das Unterrichten angeht: Dieses lernte ich im Pfarramt kennen und verbrachte daraufhin mein Leben damit, anderen etwas zu erklären. Im Grunde habe ich meine Kindheitsträume also verwirklicht. In einem anderen Leben wäre ich Anwältin geworden, um mich für Themen wie das Recht auf Asyl einzusetzen – oder ich würde für Amnesty International arbeiten.

Verraten Sie uns eine Macke und ein Talent, welche in der Öffentlichkeit bisher kein Thema waren?
Meine Familie und meine Freunde werfen mir manchmal vor, dass ich alles erklären will. Und ich habe eine gewisse Ungeduld mit Perfektionisten, denn man kann nicht alles voraussehen und berechnen, man muss sich auf vieles einfach einlassen können. Ich habe in diversen Vereinsvorständen mitgearbeitet und ein Talent, das mir zugeschrieben wird, ist meine Fähigkeit, gemeinsam mit anderen etwas zu schaffen.

Gibt es eine bekannte Person, die Sie gerne treffen würden?
Ich würde gerne Alexej Nawalny, Gegner von Wladimir Putin, treffen. Als Anwalt und politischer Aktivist hat er gegen Korruption und für die Menschenrechte in Russland gekämpft. Er hätte aus dem Land fliehen können, blieb jedoch. Derzeit ist er mit gesundheitlichen Problemen inhaftiert. Ich bin fasziniert von ihm und würde gerne wissen, woher er seine Kraft nimmt.

Und zum Schluss: Was halten Sie von der Spitex?
Die grosse Mehrheit der Pflegebedürftigen hat eine chronische Krankheit, die zu Hause behandelt werden kann, oder ist zunehmenden Beeinträchtigungen durch das Altern ausgesetzt. Die Pflege zu Hause ermöglicht es diesen Menschen, so lange wie möglich zu Hause zu bleiben, umgeben von ihren Angehörigen, und das ist etwas Fantastisches. Hätte ich mich nicht für das Unterrichten entschieden, hätte es mir gefallen, für die Spitex zu arbeiten. Für mich ist sie der wichtigste Teil dessen, was die Welt des Gesundheitswesens zu bieten hat.

INTERVIEW: FLORA GUÉRY

Zur Person
Rosette Poletti wurde am 21. Oktober 1938 in Payerne (VD) geboren. Sie hat zwei Master in Pflege, einen Abschluss in Theologie und einen Doktortitel in Erziehungswissenschaften der Columbia University in New York. Gearbeitet hat sie als Pflegefachfrau, Lehrerin für Pflege, Leiterin einer Pflegeschule, Ausbilderin für Lehrpersonen und Psychotherapeutin. Sie ist eine der Pionierinnen der Palliativpflege und war an deren Entwicklung in der Schweiz und den USA beteiligt. Zudem ist sie Gründerin und Ehrenpräsidentin des Vereins «Vivre son deuil en Suisse» («Seine Trauer in der Schweiz leben») und Autorin von rund 20 Büchern zu Themen wie Resilienz und pflegende Angehörige. Seit 1987 schreibt sie die Kolumne «Sagesse» («Weisheit») in «Le Matin Dimanche». Rosette Poletti war auch Mitglied des Komitees der eidgenössischen Volksinitiative «Für eine starke Pflege» (Pflegeinitiative). Da sie in Yverdon seit fast zehn Jahren mit einer tibetischen Flüchtlingsfamilie zusammenlebt, passt sie in ihrer Freizeit gern auf ihre «Wahl-Enkelkinder», eine Fünfjährige und ein Baby, auf. Neben dem Schreiben neuer ­Bücher plant sie, zur Schaffung einer Ausbildung für Sterbe-Doulas, also für Begleitpersonen am Lebensende, beizutragen. Mehr Informationen: www.centrerosettepoletti.ch (in Französisch)

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