Eine FaGe-Lehre mit viel Abwechslung und Selbstständigkeit

Die Lehre zur Fachfrau oder zum Fachmann Gesundheit (FaGe) ist in der Schweiz mit rund 13 000 laufenden Lehrverhältnissen die zweitbeliebteste Lehre nach dem KV. 1 Die Spitex Glarus Süd berichtet von den Besonderheiten ihrer FaGe-Lehre – und drei Lernende erzählen, was ihnen an dieser Ausbildung gefällt.

Die Lehre zur Fachfrau oder zum Fachmann Gesundheit (FaGe) ist in der Schweiz mit rund 13 000 laufenden Lehrverhältnissen die zweitbeliebteste Lehre nach dem KV. 1 Die Spitex Glarus Süd berichtet von den Besonderheiten ihrer FaGe-Lehre – und drei Lernende erzählen, was ihnen an dieser Ausbildung gefällt.

Sybilla Maggio (von links) mit ihrer Ausbilderin Ruth Rhyner Cornelli und den beiden anderen FaGe-Auszubildenden der Spitex Glarus Süd, Gianluca Tescari und Leonie Rüegg. Bilder: Natalie Melina Fotografie

KATHRIN MORF. Die Gemeinde Glarus Süd umfasst bei­­nahe zwei Drittel der gesamten Fläche des Kantons, aber nur ein Viertel aller Glarnerinnen und Glarner wohnt in den idyllischen Dörfern und Weilern im Süden. Das Einzugsgebiet der Spitex Glarus Süd ist folglich sehr weitläufig, wodurch die 28 Mitarbeitenden oft lange zu ihren 180 Klientinnen und Klienten unterwegs sind. «Wollen Lernende allein auf Tour gehen, müssen sie darum zumindest im Winter mit dem Auto unterwegs sein können», sagt Ruth Rhyner Cornelli, Ausbilderin bei der Spitex Glarus Süd und Vorstandsmitglied des Spitex Kantonalverbandes Glarus. Darum betreut die Spitex Glarus Süd normalerweise nur Lernende zur Fachfrau oder zum Fachmann Gesundheit (FaGe) mit Führerschein und damit Lernende ab dem 2. Lehrjahr. 

Möglich ist dies wegen des zuständigen «Lehr- und Leitbetriebs», einer weiteren Besonderheit der Lehre bei der Spitex Glarus Süd: Angehende FaGe absolvieren ihre Lehre im gesamten Kanton beim Bildungszentrum Gesundheit & Soziales (BZGS) Kanton Glarus. Das BZSG teilt die Auszubildenden, die keine Berufsmaturität absolvieren, jedes Lehrjahr einem neuen Betrieb zu. Dies sorgt für eine integrierte Ausbildung – für die Spitex Glarus Süd bedeutet dies indes, dass sie all ihre Lernenden nach einem Jahr wieder ziehen lassen muss. 

Leonie Rüegg wollte am liebsten zur Spitex
«Ich konnte in Bezug auf meine Lehrbetriebe zwei Präferenzen angeben, und die Spitex war meine erste Wahl», berichtet Leonie Rüegg. Die 17-Jährige ist die Ausnahme von der Regel: Sie hat noch keinen Führerschein und befindet sich dennoch im 2. Lehrjahr bei der Spitex Glarus Süd. In der wärmeren Jahreszeit ist sie darum mit dem Elektrovelo auf Tour und im Winter fährt sie im Auto einer Mitarbeiterin mit. 

Leonie Rüegg durfte im Rahmen ihrer Lehre bereits einen Monat Spitalluft am Kantonsspital Freiburg schnuppern – dank eines Sprachaustausches des BZGS mit Movetia (vgl. Ausgabe 2/2024). «Bei der Spitex trifft man die unterschiedlichsten Menschen an und erhält Einblick in zahlreiche Lebensgeschichten», lobt sie ihre Lehre. «Auch muss man hier viel improvisieren, was herausfordernd, aber auch spannend ist. Und schliesslich ist die Betreuung super und ich mag den intensiven Austausch mit den anderen Lernenden, zum Beispiel während der Lernbegleitung.»

Bei der Lernbegleitung als Trio unterwegs
Diese Lernbegleitung sei ein weiterer ungewöhnlicher Aspekt der FaGe-Ausbildung bei der Spitex Glarus Süd, sagt Pflegefachfrau Ruth Rhyner Cornelli, die Mutter zweier Töchter ist und 40 Stellenprozent innehat. «Zwei Vormittage pro Woche bin ich mit zwei Lernenden gleichzeitig auf Tour. Eine Auszubildende begleitet mich zum Beispiel zu einem Klienten, während die andere sich im Auto einer konkreten Tagesaufgabe widmet.» Dabei setze sie auf «Cognitive Apprenticeship» 2 (CAS), also die «kognitive Lehre». Bei dieser Methode werden kognitive Prozesse für Lernende sichtbar gemacht, indem die praktische Lehre für die theoretische Ausbildung genutzt wird. «In unserer Praxis bedeutet dies, dass eine Auszubildende selbst bestimmt, welchem Tagesziel sie sich widmet, zum Beispiel der Handlungskompetenz der Mobilisation», führt Ruth Rhyner Cornelli aus. Die Auszubildende begleitet ihre Berufsbildnerin dann vor allem zu Klientinnen und Klienten, bei denen eine Mobilisation notwendig ist. «Während anderer Einsätze liest sie sich vertieft in Themen wie Kinästhetik ein und berichtet danach mir und der anderen Lernenden davon.» Zum Schluss werde gemeinsam analysiert, ob die Auszubildende eine Mobilisation nun allein meistern kann oder was sie hierfür weiter benötigt. «Durch das CAS geben wir unseren Lernenden das Rüstzeug für die Pflege und Betreuung zu Hause mit sowie die Kompetenzen, sich kritisch zu hinterfragen und fachlich fundiert zu argumentieren», sagt die Ausbilderin. Wichtig sei, dass die Lernenden dabei zwar gefördert, aber nicht überfordert werden. «Das vergrössert die Chance, dass sie sich nach der Ausbildung für eine Stelle bei uns entscheiden.»

Das Thema Selbstständigkeit werde in der Ausbildung bei der Spitex Glarus Süd im Allgemeinen grossgeschrieben, fügt Ruth Rhyner Cornelli an. So sind die Lernenden selbst gefragt, wenn sie über den Tellerrand der Spitex hinausschauen wollen: «Ich unterstütze Einblickstage in andere Settings sehr – wenn die Lernenden diese selbst organisieren.»

Gianluca Tescari schätzt die Vielseitigkeit der Lehre
Der Auszubildende Gianluca Tescari war zum Beispiel kürzlich einen Tag mit den Psychiatrischen Diensten Graubünden (PDGR) unterwegs, die auch im Kanton Glarus tätig sind. Der 20-Jährige absolviert derzeit das 3. FaGe-Lehrjahr bei der Spitex Glarus Süd und schätzt dabei die Vielseitigkeit. «Bei der Spitex kann ich ein äusserst diverse Klientel in Bezug auf Krankheitsbilder und Alter pflegen», sagt er. Eine Herausforderung des Settings sei die grosse Selbstständigkeit. «Wir Auszubildenden können zwar jederzeit jemanden anrufen – die Vorstellung, allein unterwegs zu sein, schreckt dennoch viele potenzielle Lernende ab», fügt der Liechtensteiner an, der nach seiner Lehre die HF-Ausbildung in Angriff nehmen möchte.

Besonders wichtig ist, dass uns bewusst ist, dass die Auszubildenden unsere Zukunft sind und wir ihnen Sorge tragen müssen.

Ruth Rhyner Cornelli

Ausbildnerin Spitex Glarus Süd

«Die grosse Selbstständigkeit kann für unsere Auszubildenden genauso eine Herausforderung sein wie die geteilten Dienste mit langen Pausen», räumt Ruth Rhyner Cornelli ein. «Besonders wichtig ist darum, dass uns bewusst ist, dass die Auszubildenden unsere Zukunft sind und wir ihnen Sorge tragen müssen. Zum Beispiel sage ich ihnen immer wieder, dass sie alles ansprechen dürfen, was ihnen auf der Seele liegt.» Zudem habe der Betrieb einen Rückzugsort für die Lernenden eingerichtet, wo sie sich während zweier Nachmittage pro Woche dem Selbststudium widmen können. «Meine derzeitigen Auszubildenden sind alle sehr unterschiedlich, funktio­nieren aber äusserst gut als Team», sagt sie über den «Nachwuchs», dem auch eine angehende Pflegefachfrau HF angehört. Der Kanton Glarus führt am 1. Juli 2024 eine Ausbildungsverpflichtung ein und hat berechnet, dass die Spitex Glarus Süd nicht so viele Ausbildungsplätze anbieten müsste. «Wir halten dennoch daran fest, weil ich überzeugt bin, dass sich die Investition in die Ausbildung auszahlt», betont die Ausbilderin. «Eine qualitativ hochwertige Ausbildungszeit ist nicht nur für Lernende der Schlüssel zum Erfolg, sondern auch für Spitex-Organisationen.»

Sybilla Maggio vereinbart Privates und Ausbildung 
Die dritte angehende FaGe im Bunde ist Sybilla Maggio aus Linthal GL. Die 42-Jährige befindet sich im ersten Jahr ihrer zweijährigen FaGe-Ausbildung auf dem zweiten Bildungsweg. Zwei Tage pro Woche arbeitet sie in dieser Ausbildung für Erwachsene («FaGe E») für die Spitex, zwei Tage weilt sie in der Schule – und dies, obwohl sie alleinerziehende Mutter von fünf Kindern ist und unter anderem zwei Pferde und 40 Vogelspinnen besitzt. «Als Pflegehelferin hatte ich lange zu grossen Respekt vor einer Ausbildung», erzählt sie. Aufgrund der aufmunternden Worte von Ruth Rhyner Cornelli habe sie die Herausforderung dann aber in Angriff genommen. 

Ich habe riesige Freude an den neuen Kompetenzen und der grösseren Verantwortung, die mir meine Ausbildung bringen.

Sybilla Maggio

Pflegehelferin in der FaGe-Ausbildung bei der Spitex Glarus Süd

«Zu Beginn war das Vereinbaren von Schule, Arbeit und Privatleben schwierig, denn das E-Profil erfordert viel Selbstständigkeit. Inzwischen habe ich meinen Rhythmus aber gefunden und es macht mir grossen Spass», berichtet sie. «Ich habe riesige Freude an den neuen Kompetenzen und der grösseren Verantwortung, die mir meine Ausbildung bringt. Nun kann ich definitiv sagen, dass ich meinen Beruf liebe – genauso wie die Spitex, der ich nach meinem Abschluss treu bleiben werde.»

→ www.spitex-glarus-sued.ch

  1. Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS): 13 128 war der Gesamtbestand der Lehrverträge für angehende Fachfrauen/Fachmänner Gesundheit EFZ im Jahr 2022, davon 11 168 Frauen und 1960 Männer. ↩︎
  2. Vgl. Collins, A., Brown, J. S. & Newman, S. E. (1988). Cognitive apprenticeship: Teaching the craft of reading, writing and mathematics. Thinking: The Journal of Philosophy for Children, 8(1) ↩︎

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