«Die Spitex hat uns als Familie entlastet»

Heinz Frei (65) aus Oberbipp BE, eine internationale Legende im Rollstuhlsport, spricht über seine Erfolge, Macken – und über die Erfahrungen seiner Familie mit der Spitex.

SPITEX MAGAZIN: Herr Frei, Sie haben regelrecht Medaillen im Rollstuhlsport angehäuft. An den Paralympics gewannen Sie zuletzt mit 63 Jahren Ihre 35. Medaille, eine Silbermedaille. Nun sind Sie 65 Jahre alt und «ein Spitzensportler im Ruhestand», wie es die «Solothurner Zeitung» kürzlich ausdrückte. Wird Ihnen nicht langweilig ohne Wettbewerbe, Siegerehrungen und Medienauftritte?
HEINZ FREI: Ich habe mir ein paar Aufgaben rund um die Schweizer Paraplegiker-Stiftung bewahren können, die für mich Pflicht und Ehre bedeuten. Die dort erfahrene Wertschätzung und das Vertrauen prägen mich stark; und ich kann mich dort einsetzen unter dem Motto: «Betroffene machen sich zu Beteiligten». Für mich als Rollstullfahrer ist dieser Einsatz ein tiefgehendes Anliegen und inzwischen gewissermassen ein Teil meiner DNA. Langeweile kenne ich also nicht – und wenn sie mich doch überkommt, dann sieht man mich immer noch im Handbike viele Kilometer absolvieren.

Heinz Frei Bild: zvg

Sie waren Spitzensportler und Vermessungs­zeichner, heute treten Sie als Referent und Motivator auf. Gab oder gibt es noch einen anderen
Beruf, von dem Sie einst träumten oder immer noch träumen? 

Als Bub und Jugendlicher war ich sehr stolz auf den elterlichen Betrieb, eine Autogarage samt Tankstelle. Dort hatte ich die Chance, zu einem guten Dienstleister erzogen zu werden und den Umgang mit Geld zu lernen. Meinen Beruf als Vermessungszeichner verliess ich, als ich im Jahr 1999 den Lockruf aus Nottwil vernahm, wo man mich für das Training des Nachwuchses im Rollstuhlsport gewinnen wollte. Nachträglich betrachtet war dieser Wechsel genau das Richtige für mich. Im Weiteren habe ich immer davon geträumt, die grosse weite Welt zu sehen, und auch dieses Geschenk hat mir der Sport gemacht.

Verraten Sie uns eine Macke und ein Talent, die trotz Ihrer häufigen Medienpräsenz bisher kaum Thema in der Öffentlichkeit waren?
Ich habe wohl das Talent, gut zuhören zu können – und nicht sogleich auf Situationen reagieren zu müssen, sondern einmal darüber zu schlafen und dann die richtigen Schlüsse zu ziehen. So erkenne ich relativ schnell, ob etwas nur eine berechnende «Show» oder gewinnbringend und ehrlich gemeint ist. Meine Schwäche ist, dass ich mich schwer damit tue, Nein zu sagen.

Zur Person
Heinz Frei wurde am 28. Januar 1958 geboren, wuchs mit seinen Eltern und Geschwistern im Kanton Solothurn auf und absolvierte eine Lehre zum Vermessungszeichner. Ein scheinbar leichter Sturz an einem Berglauf führte bei Heinz Frei 1978 zu einer Querschnittlähmung. Mit 20 Jahren habe er sich eingestehen müssen, dass er nie mehr auf seinen eigenen Beinen stehen wird, berichtet er auf seiner Website. Er habe damals aber auch gewusst, dass er jetzt sein Leben in seine eigenen Hände nehmen wollte. 1984 nahm er erstmals an den Para­lympics teil und gewann dort seither 11 Bronze­medaillen, 9 Silbermedaillen und 15 Gold­medaillen im Rennrollstuhl, Handbike und Langlaufschlitten. Auch an Europa- und Welt­meisterschaften gewann er zahlreiche Medaillen, zum Beispiel ist er 14-facher Weltmeister. Hinzu kommen 112 Marathonsiege; rund 30 Jahre hielt er den Weltrekord im Rennstuhl-Marathon. Zehnmal wurde er zudem zum «Schweizer Para-Sportler des Jahres» gewählt. Heinz Frei ist Vater von zwei erwachsenen Kindern und lebt mit seiner zweiten Frau Rita in Oberbipp BE, wo es seit 2021 einen Heinz-Frei-Platz gibt. Als Referent und Motivator teilt er heute seine Geschichten, Erfahrungen und seine positive Lebenseinstellung mit seinen Zuhörenden. Zudem ist er Präsident der Gönner-Vereinigung der Schweizer Paraplegiker-Stiftung. 
www.heinzfrei.ch

Auch ein Prominenter kann ein Fan sein: Welche bekannte Person würden Sie gern einmal treffen?
Ich war zu seiner Aktivzeit ein grosser Fan von Sebastian Coe, einem britischen 1500-Meter-Läufer. Später wurde er Präsident des Leitathletik-Weltverbands IAAF, heute «World Athletics». In dieser Funktion begegnete ich ihm bereits einige Male bei Weltklasse Zürich. Ich bin zudem ein grosser Fan von Roger Federer – und stand bei Live-Übertragungen seiner Matches oft vor dem Fernseher und war überzeugt, dass ich einen gewinnbringenden Schlag auf jeden Fall auf der Seite des Gegners «versorgt» hätte [lacht].

Und weil dies das Spitex Magazin ist: Was sind Ihre Erfahrungen mit der Spitex? Ihre Familie hat ja beruflich mit der Spitex zu tun.
Das stimmt. Meine Tochter arbeitet als Pflegefachfrau HF bei der Spitex Herzogenbuchsee und meine Frau arbeitet bei der Publicare AG und beliefert auch Klientinnen und Klienten der Spitex mit medizinischen Hilfsmitteln. Mir persönlich ist die ParaHelp AG als sehr hilfreich präsent, die eine starke Bindung zur Spitex unterhält. Und zu guter Letzt haben wir als Familie eine wunderbare Erfahrung mit der Spitex gemacht, als mein Vater mit 90 Jahren das letzte halbe Jahr seines Lebens die Unterstützung durch die Spitex in seinem geliebten Daheim erfahren durfte. Dadurch wurden wir als Familie entscheidend entlastet und konnten von ihm echt und intensiv Abschied nehmen.

INTERVIEW: KATHRIN MORF

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