Die IMAD stellt sich der Komplexität

Die Genfer Spitex IMAD hat sich viel Fachwissen im Umgang mit Komplexität angeeignet. Und sie hat Instrumente entwickelt, damit ihre Mitarbeitenden komplexe Situationen besser erfassen können – zum Beispiel den «COMID».

FLORA GUÉRY. Ist eine Situation nicht komplex, droht sie sich zu einer komplexen Situation zu entwickeln oder ist sie dies bereits? Komplexität bei der Spitex zu bewerten, ist keine leichte Aufgabe. «Vor einigen Jahren wurden wir auf die Tatsache aufmerksam, dass unsere Mitarbeitenden immer komplexere Situationen ansprachen, aber dabei das Gefühl hatten, dass die Bewertung der Komplexität schwierig war», erklärt Catherine Busnel, Leiterin der Abteilung Forschung und Entwicklung bei der Genfer Spitex IMAD (Institution genevoise de maintien à domicile). «Dies war einer der Gründe, warum wir seit 2016 sehr aktiv am Thema Komplexität arbeiten: Wir wollen unseren Mitarbeitenden Antworten geben und sie damit besser ausbilden und ihnen bessere Instrumente an die Hand geben können», ergänzt die gelernte Pflegefachfrau.

Die Gesundheitsbehörde von Frankreich (Haute Autorité de Santé, HAS) definiert eine komplexe Situation als «eine Situation, in der das gleichzeitige Vor­handensein einer Vielzahl von medizinischen, psy-
chosozialen, kulturellen, durch das Umfeld bedingten und/oder wirtschaftlichen Faktoren die Versorgung eines Patienten behindern oder gefährden oder seinen Gesundheitszustand verschlechtern kann» 1. Die HAS führt zahlreiche Faktoren auf, die zu einer komplexen Situation beitragen können: soziale Isolation, psychia­trische Erkrankungen, Multimorbidität, Abwesenheit oder Erschöpfung der pflegenden Angehörigen, eine Vielzahl an Beteiligten, Widerstand gegen die Pflege oder deren Ablehnung – oder auch Versicherungsprobleme. Auf der Grundlage dieser Definition hat die IMAD ein Instrument für die Erkennung und Bewertung von Komplexität geschaffen: den «COMID» 2. Er wurde auf Basis der Bedürfnisse der Praxis entwickelt und ergänzt andere Instrumente der Bedarfsermittlung wie interRAI-HCSchweiz.

Wie funktioniert der COMID?
Der COMID ist ein Fragebogen mit 30 Items in sechs ­Bereichen: medizinische Gesundheit, sozioökonomisches Umfeld, psychische Gesundheit, Verhaltensfaktoren, ­Instabilität und Pflegesystem. «Die Einbeziehung der ­Instabilität als eigener Bereich war für mich sehr wichtig, da sie ein Element der Komplexität ist, welches die Gesamtheit der Faktoren aus dem Gleichgewicht bringen kann», erklärt die Abteilungsleiterin. Die von der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) durchgeführte «Komplexitätsstudie» (vgl. Bericht Einleitung Komplexität), an der IMAD mitwirkte, hat die Instabilität als zentralen Treiber von Komplexität bestätigt.

Konkret ermöglicht der COMID, Faktoren von Komplexität mithilfe von Ja/Nein-Fragen (nein = 0 und ja = 1) auf schnelle Weise zu erkennen. «Das Formular kann in weniger als zwei Minuten ausgefüllt werden», versichert Catherine Busnel. Daraus ergibt sich eine Punktzahl zwischen 0 und 30. Diese entspricht nicht automatisch dem Grad der Komplexität – sie kann aber dazu verwendet werden, eine potenziell komplexe Situation zu erkennen und eine gründliche Analyse einzuleiten. Der COMID ermöglicht es indes, Komplexitätsfaktoren einer Situation zusammenzufassen und den Stabilitäts-/Instabilitätsgrad der Situation zu analysieren. Zudem kann er als Grundlage für den Austausch zwischen Pflegenden dienen und stellt eine Hilfe bei der Umsetzung personalisierter, gezielter und multidisziplinärer Massnahmen dar. Derzeit nutzen 670 IMAD-Pflegefachpersonen das Instrument in ihrem Arbeitsalltag. «Seit einem Jahr ­werden alle IMAD-Mitarbeitenden auf Bachelor-Niveau, insbesondere Fachpersonen der Ergotherapie, Ernährungsberatung und Sozialarbeit, in Komplexität und interprofessioneller Koordination geschult, wobei auch der COMID eingesetzt wird», sagt Catherine Busnel.

Der COMID ist auf Französisch, Deutsch, Italienisch und Englisch erhältlich, in gedruckter und elektronischer Form. Er wird bereits in mehreren Gesundheitseinrichtungen in der Westschweiz und im Tessin eingesetzt, ebenso wie in Frankreich, Italien, Belgien und Kanada. «Da ich selbst aus der Praxis komme, war es für mich wichtig, dass der COMID ein einfaches, relevantes, brauchbares Instrument ist, das breit eingesetzt wird», betont die Fachfrau, die seit 20 Jahren bei der Spitex tätig ist. Eine 2018 durchgeführte Studie hat dem COMID eine sehr gute Akzeptanz unter knapp 100 befragten Pflegefachpersonen beschieden – mit einer Weiterempfehlungsrate von 100 Prozent.

Da ich selbst aus der Praxis komme, war es für mich wichtig, dass der COMID ein einfaches,
relevantes, brauchbares
Instrument ist, das breit eingesetzt wird.

CATHERINE BUSNEL

Leiterin der IMAD-Abteilung für Forschung und Entwicklung

Instrument und Leitfaden als COMID-Ergänzung
In Ergänzung zum COMID hat die IMAD im Rahmen der  «fraXity»-Studie ein weiteres Instrument zur Beurteilung von Komplexität entwickelt, das sich an die Klientinnen und Klienten richtet. Es handelt sich um den COMID-P («P» für «Patient/in»). Dieser ist nur in Französisch sowie als Papier-Formular erhältlich, das ebenfalls kurz und einfach auszufüllen ist. Die Idee dahinter ist es, die Perspektive der Klientinnen und Klienten auf die eigene
Situation zu ermitteln, sind diese doch wichtige Partner in der eigenen Gesundheitsversorgung. «Der COMID-P wird noch wenig genutzt, aber wir arbeiten intern an seiner Förderung», berichtet Catherine Busnel. 

Catherine Busnel ist auch die Autorin eines Leitfadens zu COMID und COMID-P: das Buch «Complexité des prises en soins à domicile. Guide pour les profession nels de l’aide et des soins à domicile» 3 wurde 2021 veröffentlicht und ist in gedruckter und elektronischer Form in Französisch und Italienisch erhältlich. Es soll Fachpersonen der Pflege und Betreuung zu Hause bei der Bewältigung komplexer Situationen helfen. Catherine Busnel, die mehrere wissenschaftliche Artikel 4 insbesondere über COMID und COMID-P verfasst hat, betont, dass man keine Angst vor Komplexität in der Pflege haben sollte: «Komplexität darf weder verteufelt noch heruntergespielt werden. Man muss dem Begriff die richtige Bedeutung zuweisen, indem man sich gemeinsam auf eine Definition, ein Instrument und eine Art und Weise einigt, wie man Komplexität erkennt und daraus ein durchdachtes Vorgehen mehrerer Fachpersonen ableitet. Auf diese Weise ist es durchaus möglich, Lösungen für das Bewältigen von komplexen Situationen zu finden.» 

Symposium zu Komplexität 
Die IMAD hat am 18. Januar 2024 ein Symposium mit dem Titel «Welchen Platz hat die Komp­lexität in der Pflege zu Hause » organisiert. Die Präsentationen halfen den über 80 Teilnehmenden, Komplexität im Kontext der Pflege besser zu verstehen oder auch die verfügbaren Instrumente zur Identifizierung und Bewertung von Komplexität (insbesondere den COMID) kennenzulernen. In partizipativen Workshops wurden daraufhin Themen wie die Handhabung von Komplexität im Spitex-Team diskutiert. Ein Bericht über das Symposium ist am 19. Januar 2024 auf dem Webmagazin veröffentlicht worden: www.spitexmagazin.ch/komplexitaet-
im-mittelpunkt-eines-symposiums

Für Spitex-Organisationen und interessierte Fachpersonen steht der COMID, auch in Deutsch, als Formular unter comid.imad-ge.ch zur Verfügung. Eine E-Mail-Adresse ist erforderlich, um den Fragebogen auszufüllen und das Ergebnis der Auswertung zu erfahren. 

  1. HAS. (2014). «Coordination des parcours. Comment organiser
    l’appui aux professionnels de soins primaires?». Mehr Informationen (auf Französisch) unter www.has-sante.fr/
    ↩︎
  2. Der Name stammt von «COmplexité Multidimensionnelle des prises en soins Infirmières à Domicile», also multidimensionale Komplexität in der Pflege zu Hause. Das Instrument ist
    auf Deutsch, Französisch, Englisch und Italienisch unter
    comid.imad-ge.ch verfügbar.
    ↩︎
  3. Catherine Busnel, Anne Bridier-Boloré, Laurent Marjollet, Olivier Perrier-Gros-Claude (2021). «Complexité des prises en soins à domicile. Guide pour les professionnels de l’aide et des soins à domicile.» Ed. IMAD, Genève. Mehr unter: www.imad-ge.ch/guide-complexite. ↩︎
  4. Alle Verweise auf die Artikel von Catherine Busnel (in Französisch) sind zu finden unter comid.imad-ge.ch/Home/References. ↩︎

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