Aus der Armut in Myanmar zum Spitex-Pflegeexperten

Salai Thet Naing Oo ergänzt seit Februar das Leitungsteam der SPITEX Thurgau Nordwest als Pflegeexperte MScN. Der 36-Jährige sprach mit dem «Spitex Magazin» über eine Kindheit ohne Schuhe – und darüber, was ihn dazu bewegte, den beruflichen Erfolg in der Schweiz zu suchen.

Salai Thet Naing Oo, kurz «Salai», ist für die SPITEX Thurgau Nordwest auch mit dem Velo unterwegs. Bilder: Martina Kleinsorg

MARTINA KLEINSORG. In Myanmar kenne man keine Vor- und Nachnamen, sagt Salai Thet Naing Oo zu Beginn des Gespräches am Standort Diessenhofen der SPITEX Thurgau Nordwest. «Ich nenne mich Salai, das ist einfacher.» Einfach – das ist kein Adjektiv, mit dem sich der Lebensweg des 36-jährigen Pflegeexperten beschreiben lässt. 

Geboren wurde Salai als viertes von acht Geschwistern in Mon Nyin Yoe, einem 600-Seelen-Dorf in Myanmar. «Die Vorräte reichten selten bis zum nächsten Tag», beschreibt er die von Armut geprägte Situation der Familie. Bis heute gebe es im Dorf keinen Strom- oder Telefonanschluss, gekocht und geheizt werde mit Holz. Sein Vater verfügte über ein kleines Einkommen, da er Medikamente verabreichen, Blutdruck messen und Infusionen anlegen konnte. Das zweistöckige Bambushaus bot zwar Platz, doch tropfte es bei Regen durchs Dach. 

Auf ihrem Grundstück bauten seine Eltern Reis, Bohnen und Erdnüsse an und hielten einige Hühner. «Meine Mutter züchtete Schweine, damit ich in die Schule gehen konnte», erinnert sich Salai. Ab der fünften Klasse besuchte er ein Internat in der Stadt Thayet – und erhielt dafür sein erstes Paar Schuhe. «Es sind mehrere Stunden dorthin, obwohl es nicht weit ist, denn es gibt keinen ÖV. Man muss mit dem Traktor fahren und einen Fluss mit dem Boot überqueren – wenn nicht gerade Regenzeit und Hochwasser ist. Ich durfte nur ein- bis zweimal im Jahr nach Hause kommen, für mehr fehlte das Geld.» 

«Vier Jahre Schule sind genug», meinten seine Grosseltern
Sein Vater hatte die Schule bis zur achten Klasse, seine Mutter nur bis zur zweiten besucht, umso wichtiger war beiden die Ausbildung ihrer Kinder. Damit setzten sie sich gegen die Grosseltern durch. «Vier Jahre Schule im Dorf sind genug, um auf dem Bauernhof zu arbeiten», waren diese der Meinung. Die Geschwister dankten es den Eltern mit guten Noten. Die Aussicht, Wohlstand zu erlangen, Englisch zu sprechen und später vielleicht ins Ausland gehen zu können, sei ein Ansporn gewesen, sagt Salai. Als Vorbild diente ihm der älteste Bruder, der in Myanmar Physik studierte, später ein Stipendium für ein Managementstudium in Irland erhielt und von dort aus die Angehörigen unterstützte. Weitere Hilfe erhielt seine streng gläubige Familie von der katholischen Kirche – die Familie gehört in dritter Generation der christlichen Minderheit an, während sich rund 90 Prozent der Einwohnenden Myanmars zum Buddhismus bekennen. Der Priester des Dorfes vermittelte Salai einen Sponsor aus Italien, der das Internat zahlte – «ich erfuhr nie, wer er ist».

Nach der zehnten Klasse absolvierte Salai ein weiteres Jahr Englisch im Fernstudium. Er schloss sich den Jesuiten an und studierte während der dreijährigen Zeit katholische Geschichte, Spiritualität, Englisch in Myanmar und zusätzlich Englisch und Humanität ein Jahr lang zusammen mit anderen jungen Menschen aus 20 Nationen auf den Philippinen. In Indonesien lernte er die indonesische Sprache und studierte ein Semester Philosophie. «Dann merkte ich, der Priester-Beruf ist nichts für mich.» Zurück in der Heimat arbeitete er als Englischlehrer und versuchte vergebens, in Hongkong, Thailand oder Indien ein Stipendium für ein Bachelorstudium in Sozialer Arbeit zu erhalten. 

Mit einem Sprachvisum kam er nach Deutschland
Ein guter Freund, den er auf den Philippinen kennengelernt hatte, schlug ihm vor, nach Deutschland zu kommen – dort sei das Studium kostenlos, und wer eine Lehre mache, könne von der Ausbildungsvergütung leben. Mit einem Sprach- und Studienvisum reiste Salai im Januar 2013 in den Schwarzwald und wohnte während des 18-monatigen Deutschkurses bei seinem Freund. «Das ist meine Chance, ohne Erfolg gehe ich nicht zurück», sagte er sich. Im September 2014 begann er die dreijährige Ausbildung als Gesundheits- und Krankenpfleger im Klinikum Schwarzwald-Baar – der Mangel an Fachkräften machte eine Ausbildung für Nicht-EU-Bürger ab jenem Jahr möglich. 

Vom Lehrlingslohn konnte Salai einen Platz im Wohnheim finanzieren und vom ersten Monat an seine Familie in der Heimat unterstützen. «Um in Deutschland bleiben zu können, musste ich allerdings jede einzelne Prüfung bestehen», verdeutlicht er den Druck. Seine Berufswahl sei eher praktischen Überlegungen geschuldet gewesen: «In der Pflege musst du in Zukunft keine Angst haben, arbeitslos zu werden, doch bedeutet der Beruf auch viel Stress», habe seine Schwester, die ebenfalls Krankenschwester lernte und in Thailand ein Bachelorstudium absolvierte, ihn vorgewarnt. Während der Ausbildung habe er bis zu zwölf Tage am Stück arbeiten und manche Pause ausfallen lassen müssen. «Wenn ich damals gesagt hätte, der Beruf mache mir Spass, wäre das gelogen gewesen», gibt Salai zu. «Aber ich spürte, dass ich gut mit Patientinnen und Patienten umgehen kann, bekam viel Lob und gutes Feedback auch vom Team.» 

Alle zwei Monate wechselten Theorie und Praxis, während zahlreicher Praktika lernte er die unterschiedlichsten Stationen kennen: Intensiv, Notfall, Psychiatrie und Spitex gefielen ihm besonders. Nach seiner Ausbildung arbeitete Salai ein halbes Jahr auf der gemischten Station, bevor er in die Zentrale Notaufnahme des Universitätsklinikums München wechselte. «Das kam mir gelegen, ich bin der Notfall-Typ, zackzack», sagt er. Auch habe man ihn dort mit erweiterten Aufgaben betraut, die er auf einer normalen Station wohl nicht hätte ausüben dürfen – dazu gehörte unter anderem Blut abnehmen, ein EKG schreiben oder einen Blasenkatheter legen. Parallel dazu begann er den zweijährigen
Online-Studiengang Bachelor of Science in Nursing an der University of Derby (UK). 

Bei der Spitex konnte ich zum ersten Mal wieder spüren: Pflege ist doch mein Ding.

Salai Thet Naing Oo

Pflegeexperte SPITEX Thurgau Nordwest

Er möchte in seinem Beruf bleiben – aber mit Perspektive
Doch lockte ihn die Schweiz: Immer wieder hatte er gehört, die Arbeitsbedingungen seien dort besser, ebenso der Lohn. «Davon wollte ich mich selbst überzeugen», sagt er, hatten seine Recherchen doch zudem ergeben, dass die eidgenössische Hochschulausbildung für ihn eher zugänglich sei als in Deutschland. Denn eines war für Salai klar: «Ich möchte im Pflegeberuf bleiben, aber mit Perspektive.» Gerne hätte er am Universitätsspital Zürich (USZ) ebenfalls in der Notfallabteilung gearbeitet, stattdessen landete er in der Kardiologie, welche sich mit einem instabilen Team und einer hohen Fluktuationsrate als sehr schwierig erwiesen habe. Nach acht Monaten kündigte er mit dem Ziel, nach drei Jahren Akutspital-Erfahrung zur Spitex zu wechseln. 

Er bekam eine Zusage bei Spitex Zürich, wo er im Juni 2020 begann und wo man ihm sogleich die Fallführung übertrug. «Da konnte ich zum ersten Mal wieder spüren: Pflege ist doch mein Ding», erinnert sich Salai. «Seit der Ausbildung hatte ich mehrmals überlegt, aufzugeben.» Das Arbeitsmodell der Spitex habe ihm entsprochen, von der OPAN-Online-Patientenanmeldung über die selbstständige Rekrutierung von Mitarbeitenden bis zur Übernahme der Tagesverantwortung. Vormittags meist Einsätze, nachmittags im Büro – das habe ihm sehr gut gepasst. Sein Pensum reduzierte Salai auf 60 Prozent, als er nach einem Jahr mit dem Masterstudium begann, das ihn ein bis zwei Tage pro Woche nach Winterthur führte. 

Dennoch kündigte er, um das letzte Semester zurück in Deutschland online zu absolvieren – und sich um seine zweitjüngste Schwester zu kümmern, die ebenfalls mit einem Sprachvisum in den Schwarzwald gekommen war. Dabei konnte Salai erneut auf die Unterstützung seines Freundes zählen: «Ich zahlte ihm Miete, er half uns mit der Bürokratie.» Bald kann seine Schwester eine Ausbildung als Hotelfachfrau beginnen, Salai beendete im Januar erfolgreich das Masterstudium. Zwei, drei Monate zuvor begann er, sich nach einer Stelle umzusehen – in der Schweiz auf drei Jahren Spitex-Erfahrung aufzubauen, lag nah. 

Ich sehe es als Bereicherung an, dass Salai eine andere Kultur mitbringt.

Esther Bucher

Betriebsleiterin SPITEX Thurgau Nordwest

Erfolg im ersten Anlauf
An die SPITEX Thurgau Nordwest ging seine erste Bewerbung, und seit Februar 2024 gehört Salai als Pflegeexperte dem Leitungsteam an. «Er hat nicht nur studiert, sondern kommt von der Basis und kennt die Praxis», weiss Betriebsleiterin Esther Bucher seine fachliche Kompetenz zu schätzen, ebenso seine höfliche, zuvorkommende Mentalität. «Ich sehe es als Bereicherung an, dass er eine andere Kultur mitbringt. Auch tut ein weiterer Mann gut in der Pflege.» Derzeit noch in der Probezeit, ist Salai mit einem 80-Prozentpensum in der Funktion Qualität und Entwicklung für die fachliche Unterstützung der insgesamt 40 Mitarbeitenden an den beiden Standorten Diessenhofen und Steckborn zuständig, er trägt die Fachverantwortung für Demenz und Palliativ und wird sich die kommenden Monate vertieft der Pflegeexpertise widmen. «Die weiteren Aufgaben und Verantwortungen werden fortlaufend definiert und umgesetzt», freut sich Salai über die guten Entwicklungsmöglichkeiten.

Er wohnt in einer kleinen möblierten Neubauwohnung im beschaulichen Schlatt (TG). Ohne Führerschein ist Salai mit dem E-Bike und den ÖV mobil, nur sechs Minuten braucht die S-Bahn nach Schaffhausen. «Ich bin mit dem Flixbus umgezogen, wie schon von München nach Zürich, mit zwei Kartons. »Das bescheidene Leben gefalle ihm: «So einfach wie möglich, ohne Stress.» Nur selten gehe er auswärts essen, er koche gern für sich. «Es reicht mir aus, wenn ich in den Ferien ins Ausland fliegen darf. Zuhause zu bleiben, ist keine Erholung für mich, da ich nicht abschalten kann.» So habe er fast ganz Europa, Amerika, Neuseeland und Australien bereist. «Ich bin immer noch sehr neugierig, ein neues Land zu sehen.»

Weiter in Sorge um die Familie
Seine Familie habe er zunächst alle zwei Jahre besucht, zuletzt ein Jahr vor der Corona-Pandemie. Nach dem Militärputsch gegen die demokratisch gewählte Regierung im Jahr 2021 herrsche in Myanmar das Chaos. Seit Februar dieses Jahres werden nach Erlass des Wehrpflichtgesetzes junge Männer und Frauen ab 18 Jahren zwangsrekrutiert. Darum habe er auch seine Schwester nach Deutschland geholt, der jüngste Bruder habe gerade ein Visum für sich beantragt. Sein Vater sei als ehemaliger Bürgermeister von der Verhaftung bedroht, die Familie wohne nun zu viert auf 40 Quadratmetern im Schutz der Grossstadt Yangon. 

Sieben Geschwister besitzen inzwischen einen Bachelor- oder Masterabschluss, vier haben im Ausland studiert oder arbeiten dort. «Darauf sind meine Eltern sehr stolz», sagt Salai. Mit 65 Jahren seien beide noch gesund, aber man müsse sehen, was die Zukunft bringe. Altersheime hätten in Myanmar keinen guten Ruf, dorthin schicke man alte Menschen, wenn man es sich nicht leisten könne, sie selbst zu Hause zu pflegen. Für Salai ist darum klar: «Ich möchte irgendwann noch für eine Weile zurück in mein Heimatland und Zeit mit meinen Eltern verbringen.»

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